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Ausgabe:

1912 Nr. 14

Spalte:

429-432

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Paulus, Nikolaus

Titel/Untertitel:

Protestantismus und Toleranz im 16. Jahrhundert 1912

Rezensent:

Völker, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 14.

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für und wider ihn, von denen zwei ungedruckte mitgeteilt
»nd. S. 402 u. 442. In dem Spottgedicht S. 403 ift Z. 16
>Zu dem Züffe machen ift nit me fünd' offenbar verdorben.
Der Dichter leitet alle möglichen Lafter von Zwingli her.
Z. 14 nennt er den Ehebruch, der aber noch überboten
wird durch das Z. 16 gerügte Lafter, das nicht mehr
Sünde fei. Man wird alfo lefen müffen: Zodom(ifch)
Wife machen ift nit me fünd. Auch Luther braucht das
Z ftatt S in Sodom ufw., z. B. W. A. 6, 347, 7. Z. 27 flehen
den Laien die geweihten Priefter gegenüber und ift ftatt
dir die zu lefen. Der Dichter ift Pfarrer auf einer inkorporierten
Pfarrei, der hauptfachlich auf Opfer angewiesen
war (S. 404, Z. 23). Überaus merkwürdig ift,
wie jetzt Zeitgefchichten in großer Zahl, wie fie kaum
eine andere Stadt aufzuweiten hat, entstehen. Die Refor-
mationsgefchichte Johann Stumpfs, eine felbftändige Arbeit
des Schweizer Gefchichtsfchreibers, wird nunmehr herausgegeben
. Eine bedeutende Bereicherung wird die neuaufgefundene
Zeitgefchichte des Züricher Säckelmeifters
Hans Edlibach bilden, der ein Züricher Patriot, aber
Zwingli und den Prädikanten abgeneigt war und als ein
erfahrener, in viele Dinge eingeweihter Staatsmann die
Ereigniffe fchildert. Überaus intereffant ift S. 412 Zwingiis
Auftreten vor dem Rat im Juni 1529, wie er die Kriegserklärung
gegen die fünf Orte erzwingt. Bezeichnend ift
die romantifch - phantaftifche Darftellung des zweiten
Kappeler Kriegs und des Todes Zwingiis in dem Brief
des Kardinals Accolti an Sadolet am 12. Dez. 1531, der
wider Willen für Zwingiis Größe zeugt, die fich wieder-
fpiegelt in der großen Anzahl gedruckter und ungedruckter
Trauergedichte auf Zwingli, welche G. Finsler zufammen-
geftellt hat. Beachtenswert ift die Dienftverpflichtung
Bünzlis S. 445 und die exceptio fori, welche Bullingers
Vater, der Dekan in Bremgarten, für fich beanfprucht.
S. 399- .Urlaubnehmen' zwifchen Beichte und Sakramentsempfang
ift doch wohl .Abfolution einholen' S. 440 Z. 1.
S. 450 ift auf einen ungedruckten Brief Melanchthons an
Okolampad von 23. Septbr. 1523 mit hartem Urteil über
Hutten hingewiefen.

Stuttgart. G. Boffert.

Paulus, Nikolaus: Proteftantismus und Toleranz im 16. Jahrhundert
. (VII, 374 S.) gr. 8°. Freiburg i. B., Herder
1911. M. 5.40; geb. M. 6.40

Seit einer Reihe von Jahren veröffentlicht N.Paulus
kulturgefchichtliche Arbeiten über den Proteftantismus
im 16. Jahrhundert. Bei aller maßvollen Zurückhaltung,
die von der Darftellungsweife eines Denifle-Weiß merklich
abfticht, läßt er fich hierbei von der unausgefprochenen
Tendenz leiten, die übliche Anfchauung, der Proteftantismus
fei ein Fortfchrittsfaktor, zu erfchüttern. An der
Stellungnahme der Reformatoren zu der Hexen- und
Toleranzfrage follte erwiefen werden, der Reformation
dürfe nicht das Verdienft zugefchrieben werden, die moderne
Zeit, zu deren Kennzeichen die völlig verfchiedene
Denkungsart in jenen beiden Fragen gehört, mit vorbereitet
zu haben (vgl. Th. Litztg 1912 S. 145 ff.) Im vorliegenden
Buche über die Toleranzfrage verarbeitet er
feinen Stoff nicht unter höheren Gesichtspunkten — etwa
.Katholizismus und Proteftantismus' und .Protestantismus
und Sektenwefen', — die eine tiefere Erfaffung des Problems
ermöglicht hätten, fondern läßt einfach die einzelnen
Reformatoren in der Reihenfolge: Luther, Melanchthon,
Juftus Jonas, Juftus Menius, Joh. Spangenberg, Erasmus
Sarcerius, Urbanus Rhegius, Joh. Brenz, Wolfgang Capito,
Butzer, Lambert, Zwingli, Ükolampad, Bullinger, Calvin,
Beza, Vermigli und Zanchi unter Aufzählung ihrer intole-

Radecker. Als ein Beifpiel kalvinifcher Ketzerhinrichtung
behandelt er eingehend den Prozeß des wegen antitrini-
tarifcher Irrlehren am 23. Dezember 1572 in Heidelberg
enthaupteten Predigers Sylvanus, wie er andererfeits im
Anschluß an Wapplers Unterfuchungen fich ausführlich
über die lutherifchen Ketzerhinrichtungen in Sachfen ausläßt
. Zuletzt erörtert er die religiöfe Intoleranz in England
, um alsdann im Schlußkapitel die Thefe zu verfechten
, ,die Toleranz fei keine Frucht des Proteftantismus
', wobei er feine Ausführungen in die Worte pöllingers
ausklingen läßt: .Hiftorifch ift nichts unrichtiger
als die Behauptung, die Reformation fei eine Bewegung
für Gewiffensfreiheit gewefen. Gerade das Gegenteil ift wahr'.

Kein ernft zu nehmender Hiftoriker wird behaupten
wollen, die Reformatoren hätten der Duldung der Verächter
ihrer Lehre das Wort geredet. Sie ftimmten darin
überein, daß in einem chriftlichen Territorium neben dem
reinen Evangelium keine Irrlehre geduldet werden dürfe.
Man wird ihnen aber doch nicht gerecht und verfchiebt
den Gefamteindruck der Bewegung, wenn man, wie es
P. tut, einfach ihre Intoleranz feftftellt, ohne die tiefften
Wurzeln derfelben aufzudecken. Wohl berührt der V.
die religiöfen und sonftigen Erwägungen, von denen fich
die einzelnen Reformatoren bei ihrer Abwehr des Katholizismus
und Sektenwefens beftimmen ließen. Die Beurteilung
der Stellungnahme der Reformation zum Toleranzproblem
wird man aber nur dann ohne einen verunglimpfenden
Beigefchmack erfaffen, wenn man fie von
den allgemeinen Vorausfetzungen aus zu verliehen fucht.
Die Reformatoren waren in das mittelalterliche Verhältnis
von Staat und Kirche, das die Duldung konfeffioneller
Minderheiten ausfchloß, hineingeftellt. Ihre Anfchauungen
über die Pflichten der chriftlichen Obrigkeit und das Bewußtfein
, die Wahrheit des Evangeliums zu befitzen,
drängten von vornherein den Gedanken des zwiefpaltigen
Kultus zurück. Es läßt fich auch fchlechterdings nicht
ausdenken, wie die Reformation fich durchgefetzt hätte,
wenn fie nicht an der Einheitlichkeit des Gottesdienftes
in einem beftimmten Gebiet feftgehalten hätte. Die Betrachtung
des Toleranzproblems im Proteftantismus follte
demnach ihren Ausgang von der reformatorifchen Lehre
von der chriftlichen Obrigkeit unter Berückfichtigung der
mittelalterlichen Tradition nehmen und die Unduldfamkeit
aus dem Wahrheitsbewußtfein der Reformatoren ableiten.
Die feinen Unterfchiede zwifchen religiöfer und ftaatlicher
Intoleranz ergeben fich alsdann von felbft. Ohne diefe
höhere Orientierung hängen aber alle unduldfamen Aus-
fprüche und Handlungen der Reformatoren, die P. verzeichnet
, fozufagen in der Luft. Hierbei hätte der V. noch
die verfchiedenen Vifitationsprotokolle, die Pallas, N. Müller,
Berbig, V. Schultze u. a. veröffentlicht haben, zur Kennzeichnung
der vielfach milden Praxis einer geharnifchten
Theorie gegen den Katholizismus heranziehen Sollen.

Unter obiger Vorausfetzung wäre auch das Schlußkapitel
,Die Toleranz keine Frucht des Proteftantismus'
anders ausgefallen. Nicht der Proteftantismus, fondern die
Macht der Umftände, wirtfehaftliche Intereffen, die im 17.
Jahrhundert fich ausbreitende Naturrechtslehre, die Erneuerung
der humaniftifchen Staatslehre und der Rationalismus
haben nach P. die moderne Duldung heraufgeführt.
Es läßt fich nicht beftreiten, daß alle diefe Faktoren bei
der Entftehung des Toleranzftaates mitgewirkt haben.
Bei allen ift aber der Proteftantismus irgendwie mitbeteiligt
. Indem er Fürften und Völker von der römifchen
Einheit losgeriffen, hat er die .Umftände' gefchaffen, die
fchließlich zur Toleranz führten. Bei der Gewährung der
Duldung aus wirtfehaftlichen Intereffen find fowohl die
wirtfehaftliche Brauchbarkeit der proteftantifchen Minori-

einem befonderen Kapitel verzeichnet er die beifälligen . teftantifchen Staates, der eben als proteftantifcher in

Urteile der Lutheraner über Servets Hinrichtung, ferner
beleuchtet er das proteftantifche Bücherverbot an der Hand
einer diesbezüglichen Schrift des luther. Pfarrers Kaspar

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aieler Präge fich ungebundener entscheiden konnte als
der katholifche, zu beachten. Die Naturrechtslehre und
die Aufklärung in Deutschland und England, welche der