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Ausgabe:

1912 Nr. 14

Spalte:

427-428

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stoddart, Anna M.

Titel/Untertitel:

The Life of Paracelsus Theophrastus von Hohenheim, 1493-1541 1912

Rezensent:

Strunz, Franz

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 14.

428

der Schrift zu identifizieren. Ich glaube, eine noch genauere
Exegefe zeigt, daß eine fo ftraffe Identifikation
doch voreilig ift. Das Endergebnis wird dann einheitlicher
: die Wahrheitsregel ift eine pofitive, an fich nicht
antihäretifch gewendete Größe; ,das echte, apofto-
lifche Chriftentum', etwa wie jetzt: ,das Wort Gottes'.
Für Irenaeus ift das normative in erfter Linie keine
Formel, kein Buch, keine Inftitution, fondern das Chriftentum
felbft. Diefes findet fich dann aber zunächft in
der Schrift, und kann ganz unbefangen mit der Schrift
identifiziert werden; fodann findet fich ganz daffelbe
in der Tradition. Für Irenaeus ift alles harmonifch:
Objektives und Subjektives, Natur und Offenbarung, Schrift
und Tradition. Er ift fowohl ,evangelifch' (natürlich nicht
,proteftantifch') als katholifch.

Die Deutung der Wahrheitsregel von einer materialen
mehr als einer formalen Inftanz entfpricht genau dem
Sprachgebrauch der lateinifchen Überfetzung, wo die
regula (oder regulae) der Gnoftiker ihre Hauptlehre,
Grundprinzipien bedeutet (vgl. Becker S. 211 f), und der
Tatfache, daß Worte wie vaöd-Eöic, argumentatio, argumentum
vielfach als Synonyme von regula erfcheinen
(Becker 215 ff; zu diefen Synonymen wäre noch hinzuzufügen
via Adv. haer. II. 19. 6. Harvey I 321 und Epid.
c. I und 98.)

Ob eine ähnliche Deutung bei anderen, mit Irenaeus
verwandten Autoren durchzuführen ift? Obwohl Irenaeus
,der Klaffiker in Betreff der Wahrheitsregel ift' (Cafpari),
wären übrigens an fich fpätere, teilweife individuelle
Modifikationen eines fo elaftifchen Begriffes keineswegs
überrafchend. Über Hippolyt und Tertullian erlaube ich
mir noch kein abfchließendes Urteil; nur das fcheint ficher,
daß man felbft bei Tertullian nicht mit der einfachen
Gleichfetzung von regula fidei und Tauffymbol durchkommt
. Bei Dionyfios von Korinth (Eufeb. hift. eccl.
IV. 23. 4., wo der Ausdruck 6 rrjg aXrjd-siag xavcov doch
nicht ficher von Dionyfios felbft herrührt) und bei Poly-
krates von Ephefus (Eufeb. V. 24. 6) paßt ungefähr
diefelbe Deutung wie bei Irenaeus. Ebenfo bei Novatian,
nur daß es fowohl aus den Texten felbft als durch unfer
fonftiges Wiffen (die Exiftenz des altröm. Symbols und
Cyprian Ep. 69. c. 7) ficherer als bei Irenaeus hervorgeht,
nicht, daß er die Wahrheitsregel mit dem Symbol identifiziere
, fondern daß er den Glaubensinhalt in Anfchluß an
das Symbol darfteilt.

Was ich hier nur kurz andeuten kann, habe ich in
der dänifchen Theologifk Tidsskrift ausführlich begründet;
dafelbft auch etwas über die intereffante, von Becker aber
wenig behandelte Gefchichte der Irenaeusauslegung.
Sonderabdrücke ftelle ich Fachgenoffen gern zu Verfügung.

Kopenhagen. Valdemar Ammundsen.

Stoddart, Anna M.: The Life of Paraceisus Theophrastus von
Hohenheim, 1493—1541. (XV, 309 S.) 8°. London,
J. Murray 1911. s. 10.6

Diefes mit innerer Anteilnahme gefchriebene Para-
celfusbuch ift zu begrüßen, denn es verfucht mit Erfolg,
uns den Geift feines Helden fühlbar zu machen, feine
feltfame und doch gelehrte Art, Dinge zu fehen und zu
fagen, feine metaphyfifchen Bedürfniffe, das ftille Leuchten
einer gottergebenen Güte und Menfchlichkeit, den tragi-
fchen Widerftreit von Genie und Unmöglichkeit und die
eiskalte Vereinfamung eines Forfchers, der zu früh auf
die Welt kam. Es ift gewiß vieles vom echten Para-
celfus in diefen Blättern, wie ihn die moderne Forfchung
fieht und wie ihn die neueften Deutungen lebendig zu
machen fich bemühen. Gewiß — und ich will das nicht
verfchweigen — bleibt uns aber diefer feltfame Menfch
in vielen feinen Zügen noch Mythos, trotz aller Textkritik
und biographifchen Synthefe. Der englifchen Ver-
fafferin ift es wohl gelungen, an mancher dunkeln Stelle
leife zu rühren, daß es wie eine verfchüttete Stimme daraus
klingt: diefe tiefe freudige Gotteshilfe, die Paracelfus
fo wunderlich in die Masken und Spiegelungen des Alltags
kleidet, jenes Sehnen nach der innerften ,Effenz' der Dinge,
darin leife das Wiffen um den Tod leuchtet, oder das
neue Lebensgefühl, das nach der finnlichen und phyfio-
logifchen Seite des Menfchen drängt, der chriftliche Humanismus
der Renaiffance, der auf außerkirchlichen Wegen
eine Verbrüderung aller Menfchen zu einer Gefinnungs-
gemeinfchaft anftrebt, das neue Reich Gottes — .Papfttum'
mit dem neuen Idealismus des Gewiffens und der Hilf-
bereitfchaft, die franziskanifche Naturliebe, der vollftändige
Bruch mit den morfchen Formen veralteter Wertfehätzungen
— dies alles ift Paracelfus mit feiner neuen
Menfchenkunde, aber freilich noch immer nicht der Ganze.
Ja, werden wir feine Totalität überhaupt je umgrenzen?
Zu einer wirklichen Biographie runden, die uns mit ihm
tatfächlich vereint und Brücken fchlägt über die trennende
Unerreichbarkeit des Lebens? Etwas Randlofes ift in
dem, was er tat und fann.

Im Menfchen wird Gott felbft verherrlicht, und
Des Menfchen Ruhm weihte ich Leib und Seele.
Ein Wort, das Robert Browning ihm in den Mund
legt, das Wort eines fympathifchen und möglichen Paracelfus
, kein Mythos oder Okkultismus, aber ein Gott-
fucher und Menfch der Sehnfucht, der leife ergriffen davon
redet, wie er einft in einem dunkel furchtbaren Meer
von Wolken verfchwinden wird — nur auf kurze Zeit.
Er preßt die ,Lampe Gottes' an die Bruft, und ihr Glanz
wird früher oder fpäter doch die Finfternis durchdringen.
Vielleicht ift er fo geftorben, denn was uns Chroniften
davon gefagt haben, ift voll traurigem Lächeln und weicher
Wehmut. Wie er fich immer in den großen Zufammen-
hängen der Natur eingefügt glaubte, fo war ihm auch
der Tod nur eine neue Brücke zu einem glücklichen Land
mit ftrahlenden Ebenen und blauen Fernen. Schon hier
bei uns ruhe manchmal ein Abglanz davon auf Dingen
und Menfchen. Das find die Stufen, der Weg, die
Himmelsleiter zum letzten Rand von allem was es gibt:
zu Gott.

Die biographifchen Details find meift recht genau
und beweifen, daß die Verfafferin die neuen Arbeiten
über Paracelfus kennt. Auf einige Verfehen und Unficher-
heiten kann ich hier nicht näher eingehen. In dem
Buch fteckt Vertiefung und Wille zur Vorurteilslofigkeit,
und an allem Menfchlichen haftet der Duft liebevollen
Gedenkens.

Wien. Franz Strunz.

Zwingliana. Mitteilungen zur Gefchichte Zwingiis u. der
Reformation. Hrsg. vom Zwingliverein in Zürich. Red.:
G.Meyerv.Knonau. Jahrg. 1911. 2Nrn. [II. Bd. Nr. 13
u. 14.] (S. 387—450 m. 2 Taf.) gr. 8°. Zürich, Zürcher u.
Furrer. M. 1.50

Der neue Jahrgang bringt wieder eine Fülle neuer
Kenntniffe für die Biographie Zwingiis und feiner Freunde
und die Gefchichte der Zürcher Reformation. Egli fchil-
dert den Lehrer des zehnjährigen Zwingli in Bafel und
feinen fpäteren Freund Gregor Bünzli, dem Hier. Emfer
einen Spottvers auf die Schweizer in fein Buch fchrieb,
was fo tiefe Erregung hervorrief, daß Emfer in Haft
kam und 1502 Bafel verlaffen mußte. Es ift jetzt feft-
geftellt, daß Emfer nicht der Sohn des Söldners Wilhelm
Emfer ift, fondern des nachmaligen Kanzlers des
Abts zu S. Ulrich in Augsburg Johann E., der wohl
Pfarrer oder Kaplan in Weidenftetten OA Ulm war, als
Emfer geboren wurde. Der in Heft 13 abgebildete Meßkelch
Zwingiis von 1516 gleicht ftark dem Oberfpeltacher
jetzt in der Stuttgarter Altertumsfammlung befindlichen,
der aus den Jahren 1299—1318 flammt. (Befchr. des
Oberamts Crailsheim S. 388). Die große Bewegung,
welche Zwingiis Auftreten hervorrief, beweifen die Lieder