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Ausgabe:

1912 Nr. 14

Spalte:

422-423

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smitt, P. A. E. Sillevis

Titel/Untertitel:

De Organisatie van de Christelijke Kerk in den apostolischen Tijd 1912

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 14.

422

B'acke, Buchanan, B. D.: The Book of Job and the Problem
of Suffering (XVI, 336 S.) 8». London, Hodder &
Stoughton 1911. s. 6 —

Der Haupteil ift dem Buche Hiob gewidmet, das in
dichterifcher Überfetzung gegeben wird. Das urfprüng-
hche Buch (gefchrieben um 400) beftand nach der Anficht
von B. aus dem Prolog, der Auseinanderfetzung
Hiobs mit den Freunden und dem Epilog; fpäter zuge

Smitt, Dr. P.A. E. Sillevis: De Organisatie van de Chri-
stelijke Kerk in den apostolischen Tijd. (III, 201 S.)
gr. 8°. Rotterdam, T. de Vries Dzn. 1910.

S. knickt feiner Studie eine Einleitung voraus, in
der er die Grundfätze der Verfaffung in den verfchiede-
nen Kirchen erörtert, einen Überblick über die moderne
Frageftellung bezüglich der urchriftlichen Verfaffung gibt,
den Standpunkt, den er felber einnimmt, präzifiert, endfügt
wurde die Jahwerede', zuletzt die Elihu-Kapitel. j lieh eine reichhaltige Literaturüberficht anfchließt. Dann
Verfchiedene Auffaffungen vom Leiden find in dem Ge- j handelt er feinen Stoff in 9 Kapiteln ab: 1. Der gött-
famtbuch niedero-elegtT das Leiden als Prüfftein der j liehe Urfprung der Organifation, 2. der Apoftolat, 3. die
Frömmigkeit (Prologk als Strafe für Sünde (Freunde), j Gemeinde von Jerufalem, 4. die judenchriftlichen Gemeinais
Erziehung des Menfchen (Elihu); die Jahwerede er- den, 5. die heidenchriftlichen Gemeinden, 6. Charisma
mahnt zur fchweigenden Unterwerfung, die fich jeglichen und Amt, 7. Apoftel, Propheten, Evangeliften, Lehrer,

Fragens entfehlägt. Die Elihureden, obwohl nach der
Jahwerede verfaßt, wurden doch diefer vom letzten Herausgeber
vorangeftellt, weil er fagen wollte, daß auch
Elihus Anficht nicht richtig fei. Kern des Buches ift das
Mittelftück, Hiob und die Freunde; den Verfaffer tragt
beim Schreiben diefes herrlichen Gedichtes nicht fo fehr
die Abficht, eine Lösung des Problems vom Leiden dar-

Diakonen, 9. Presbyter (Epifkopen). Ein Schlußab-
fchnitt faßt die Refultate zufammen.

Nach diefer Inhaltsüberficht genügt es, fich von dem
in der Schrift herrfchenden Geift einen Begriff zu machen,
um fie ausreichend kennen zu lernen. Verf. ift an die
Arbeit gegangen — und er meint, fo fetze man fich allgemein
zu wiffenfehaftlicher Betätigung nieder — im Bezubieten
"ais~ der Wunfeh, die Tatfachen offen auszu- fitz einer feften Anficht von dem Zuftand der zu unter-

' fuchenden Dinge und dem Glauben, daß eindringendes
Studium feine Auffaffung beftätigen müffe. Als rechtgläubiger
Reformierter ift er der Meinung, daß die pres-
byteriale Form der Kirchenverfaffung, nach dem Zeugnis
der Schrift, die von Chriftus für feine Gemeinde be-
ftimmte fei. Wohl liegt fie in der Bibel nicht im Detail
ausgebaut vor, um fo ficherer und deutlicher ihre grundlegenden
Prinzipien. Und zwar gehen diefe bis auf
Chriftus zurück. Der hat nach Matth. 16 und 18 eine
Kirche geftiftet; eine folche ift aber ohne Verfaffung undenkbar
. Auch kann man die Bedeutung der 40 Tage,
Akt 1,3, für die Fundamentierung der Kirche durch
Jefus nicht hoch genug werten. Sein Werk fetzen die
Apoftel fort. Sie richten von Anfang an ihr Augenmerk
auf Unterfcheidung zweier amtlicher Funktionen, des
Diakonates und des Presbyter(=Epifkopen)amtes. Die
Amtsträger letzterer Art zerfallen alsbald wieder in folche,
die zum Lehren und solche, die zum Regieren berufen
find. Charisma und Amt find wohl auseinanderzuhalten.
Gewiß fand fich beides oft in einer Perfon vereint und

fprechen. Er ift nicht felbft ,Hiob', weiß fich aber lebhaft
in die geschilderte Lage hineinzufühlen; er denkt
freilich bei feinen Worten nicht an ein beftimmtes Individuum
, fondern an den leidenden Menfchen überhaupt,
ja im befonderen zugleich an das leidende Gottesvolk,
dem er im Epilog eine tröftliche Verheißung fchreibt.
Das Buch gehört feinem Kern nach zur prophetifchen
Literatur, erft durch die Zufätze ift der Anfchein ent-
ftanden, als gehörte es zu der Weisheitsliteratur. — Vf.
verfolgt seinen Gegenftand über das Buch Hiob hinaus
und fchildert den Fortfehritt, den die griechifche Tragödie
, die jüdifche Prophetie (Jef. 53 u. a.) und dann
Chriftus gebracht haben, vor allem darin, daß das Leiden
nun als Opfer für andere erkannt wurde.

In wichtigen Punkten freue ich mich der Überein-
ftimmung mit dem Verf., vor allem in der Anficht, daß
der Wert des Mittelftücks nicht in dem Verfuch einer
Löfung, fondern im Ausfprechen der Tatfache beftehe.
Das feine Verftändnis, mit dem der Vf. das Mittelftück
erfchließt, führt ihn auch ganz richtig zu der Lostren-

J»hr- natürlich. A «lebn.s (fondern dichterifchc ttttTSSSZÜStf^**""***
F.kt.on) fa, ahonichtd« Entfche.dung brmgendc j Bd diefer Auffaffung verfaVn natürlich alle „oder-

Gotteswort gewertet werden könne, fondern nur als ,ge
fprochen im Namen Jahwes', mit ebenfoviel und ebensowenig
Recht ,im Namen Jahwes gefprochen' wie die ,vom
Geift eingegebenen' Worte Elihus.

Zur Weisheitsliteratur gehört der Kern des Buches
nicht; aber doch wohl auch nicht zur prophetifchen Literatur
. Mehr als der Vf. erblicke ich in dem Gedicht
cp. 3—31 lyrifchen Charakter und Autobiographifches.
Die Ausdehnung des ,Hiob' auf das Volk bzw. aufjeru

nen Theorien über unferen Gegenftand der Verdammnis.
Sohms bekannte Thefe findet ebenfowenig Gnade, wie
die Meinung, daß griechifches Vereinswefen einen Beitrag
zur Entftehung und früheften Entwicklung der Kirchenverfaffung
geliefert haben könnte. Ganz zuwider ift dem
Verf. die Vorftellung von ,der fog. Verfaffungslofigkeit
im N. T'. Und A. Harnacks Anficht über das Verhältnis
von Epifkopen und Presbytern zueinander wird ab-
gelehnt, wobei es S. eine faft kindliche Genugtuung ge-
falem kalt* ich nicht für angezeigt. Trotz feiner richti- 1 währt, daß Harnack feinen Standpunkt mehrfach modi-
-en Gmndanfchauuntr bleibt der Vf. doch noch in der | fixiert hat. Auf den Berliner Kirchenhiftoriker ift er überhaupt
nicht gut zu fprechen und klagt ihn mehrfach der
Leichtfertigkeit an, weil er den Quellen nicht alles abnimmt
. An diefem Punkt verfteht unfer Verf. keinen
Spaß. Und mit Recht. Denn nur deshalb, weil er den
Inhalt des N. T.s reftlos als durch die Autorität der
Schrift gedeckt anfleht, kann er für feine Auffaffung
etwas wie einen Beweis führen, Jefus zum Kirchengründer
machen, in den paulinifchen Gemeinden Presbyter finden
(Paftoralbriefe). Über die Art, wie S. mit feinen theo-
logifchen Gegnern umzufpringen beliebt, wäre noch allerlei
zu fagen. Ich befchränke mich hier auf einen Pro-
teft gegen das Urteil über Wernle, der durch feine
,anftößig zynifche' Art, über die Offenbarung zu reden,
felbft unter den Modernen eine Rekordftellung einnehmen
foll. Statt in diefer Richtung allzuviel Energie zu ver-

B«i vjruiiuamciiauung
«ilten Auffaffung vom Hiobbuch als einem Problembuch
hängen. Es handelt fich im Hiob (cp. 3 ff.) nicht um
°as .Problem des Leidens', fondern um einen kranken
Menfchen. Deswegen ift auch der Vergleich mit Jef. 53 un-
hcher, der mit Jefus verfehlt. Selbft wir heutigen Menfchen,
die wir unter dem Einfluß Jefu ftehen, werden uns hüten,
von einem unheilbar Kranken zu verlangen, daß er feine
Krankheit ohne weiteres als ein .Leiden für andere' ver-
ftehe. Der Vf., der einen feinen Blick für das im ,Hiob'
"wogende feelifche Leben hat, wird gerne zugeben, daß
unter dem Worte .Leiden' (suffering) die verfchieden-
artigften Lebensvorgänge zufammengefaßt find, und daß
wir üe bei der Beurteilung grundfätzlich auseinanderhalten
müffen.

Tübingen. Volz