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Ausgabe:

1912 Nr. 1

Spalte:

20-22

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oertzen, Dietrich von

Titel/Untertitel:

Adolf Stoecker. Lebensbild und Zeitgeschichte 1912

Rezensent:

Scholz, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 1.

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giös-kirchlichen Zentrum heraus aufzufaffen gefucht und
nicht ohne Bewunderung, faft mit Liebe gefchildert; die
Beurteilung von Kettelers Art möchte ich fogar als allzu
günftig bezeichnen.

Die Entwerfung des Charakterbildes ift dem Verf.
die wichtigfte, doch nicht die einzige Aufgabe. Er läßt
das Charakterbild zu einer kleinen Biographie werden
und bemüht fich auch, die gefchichtliche Stellung des
Bifchofs deutlich zu machen. Er fieht richtig das Hauptziel
Kettelers in der Wiederbelebung des .Katholizismus
in feiner fchroffen Geftalt und ohne Abzug an feinen
gegenreformatorifchen Tendenzen' (S. 5), die Hinwendung
desjuriften zum geiftlichen Stande ftellt er (S. 7 f.) beffer
dar als feine Vorgänger, Kettelers gefchickt konfluiertes
Toleranzfyftem wird klar ans Licht geftellt (S. 19 ff.) u.
a. m.; auch wird man durch manche treffende Formulierung
erfreut (S. 21: ,Er ftand lebenslang auf der Menfur'). Aber
auf der anderen Seite vermiffe ich doch einiges und finde
manches Wichtige nicht richtig behandelt. Die Behauptung
, daß Ketteier im Frankfurter Parlament nicht
gefprochen habe, kehrt leider auch bei Kr. (S. 11) wieder;
dabei braucht Kettelers Rede zur Schulfrage nicht erft
aus Wigards Stenogr. Berichten ausgegraben zu werden,
denn fie ift z. B. fchon in Becks Gießener Differtation
über Geißel (1905) S. 50 und bei Schnabel, Der Zufammen-
fchluß des polit. Katholizismus (1910) S. 87 befprochen
worden. Die Erhebung Kettelers zum Bifchof von Mainz
ift (S. 12) ungenau dargeftellt. Andere, größere Mängel
erklären fich daraus, daß Kr. mit den Schriften und Reden
des Bifchofs nicht genügend vertraut ift. Seine fehr berechtigte
und hoffentlich nicht vergebliche Forderung einer
Gefamtausgabe der ,teilweife vergriffenen oder fchwer erhältlichen
' Schriften und Zeitungsauffätze (S. 6, Anm. i)1
deutet wohl darauf hin, daß ihm manches nicht zugänglich
war. Die Briefe, die man in einem Bande bequem durch-
muftern kann, kennt er offenbar beffer als die Schriften;
die Konzilsreden aber hat er gar nicht beachtet. Da
Kr. beim bloßen Stoffe nicht ftehen geblieben wäre, ift
die unzureichende ftoffiiche Grundlegung feiner Schrift
befonders bedauerlich. Sie hat, um minder Wichtiges zu
übergehen, dahin geführt, daß der Verf. ein für die Erkenntnis
von Kettelers gefchichtlicher Stellung höchft
wichtiges Problem nicht gelöft, nicht einmal richtig angefaßt
hat. Wo er von Kettelers Verhältnis zum Vaticanum
fpricht, beruft er fich (S. 24) bezeichnender Weife auf Hoens-
broechs Urteil, dem er auch fonft gern Gehör fchenkt
(mit Recht S. 22 f. und S. 25). Hoenbroechs Blätter über
den Bifchof find eindrucksvoll, aber fie find zum Teil mehr
ein Lebensdokument des Grafen als ein Zeugnis für den
Bifchof. Der perfönliche Eindruck diefes auf jenen (dafür
hätte auch auf Hoensbroechs Lebenserinnerungen ver-
wiefen werden können) ift für den Hiftoriker gewiß von
Wert; aber man muß fich hüten, das Bild unbefehen zu
übernehmen, das Hoensbroech in feiner Jünglingszeit
von Kettelers Haltung in den Fragen der Kirchenver-
faffung und Dogmenpolitik gewonnen hat. Wir find ja
hierin glücklicherweife überhaupt nicht auf die Meinungen
Dritter angewiefen. Aus dem genauen Studium der
Äußerungen des Bifchofs (verfteht fich, der Äußerungen,
die vor dem Juli 1870 liegen!) läßt fich Kettelers grund-
fätzlicher Standpunkt gegenüber der Doktrin von dem
Univerfalepiskopat und der Unfehlbarkeit des Papftes in
allem Wefentlichen klar und ficher erkennen. Was ich
darüber in dem kleinen Artikel des Handwörterbuchs
,Die Religion in Gefchichte und Gegenwart' nur kurz andeuten
konnte, hoffe ich in nächfter Zeit genauer dartun
zu können.

Freiburg i. Br. F. Vigener.

1) Eine Gefamtausgabe der 41 Brofchüren ift 1879 in 5 Banden
unter dem Titel .Sämtliche Schriften des hochfeligeu Wilhelm Emmanuel,
Freiherru von Ketteier, Bifchofs von Mainz' bei Kirchheim in Mainz er-
fchienen. _

Oertzen, Dietrich von: Adolf Stoecker. Lebensbild u. Zeit-
gefchichte. Zwei Bände. (VII, 431 u. III, 389 S. m,
Bildniffen). gr. 8°. Berlin, Vaterländifche Verlagsund
Kunftanftalt 1910. M. 10—; geb. M. 12 —

Mit erheblicher, um der Augenblickswirkung willen
bedauerlicher Verfpätung erfcheint diefe Anzeige. Doch
kommt fie in gewiffer Weife noch immer zu früh, wie
das Buch, auf das fie Bezug nimmt. Der Grund dafür
liegt in Folgendem. Lieft man Carl Mirbts lehrreichen
Abriß der Gefchichte des Pietismus in Haucks Real.-Enzy-
klopädie, fo fällt auf, daß die Darfteilung mit dem Beginn
des 19. Jahrh. abbricht. Darin tritt zu Tage,
daß der Pietismus des 19. Jahrh. noch nicht hiftorifch
geworden ift. Er kann von diefer und jener Seite aus
betrachtet werden, charitativ, volkspädagogifch oder
kirchenpolitifch, eine allfeitige Behandlung oder endgültige
Beurteilung aber läßt fich noch nicht erreichen. Dasfelbe
gilt aus den gleichen Gründen und in dem gleichen Zu-
fammenhang von Stoecker. Die Mehrheit der Faktoren,
aus denen fich fein Lebenswerk zufammenfetzt, find dem
Pietismus eng verwandt, fo daß das Urteil über diefen
auf jene übergreift. In den kurzen felbftbiographifchen
Aufzeichnungen, mit denen das vorliegende Werk einfetzt
, erzählt Stoecker felbft von den pietiftifchen Beziehungen
, unter denen feine Jugend im Schatten des
Halberftädter Domes geftanden hat. Im Haufe feines
fpäteren Schwiegervaters, des Geh. Juftizrats Krüger, begegnet
er einem Kreis von Chriften, die fich zu frommer
Gefälligkeit und gegenfeitiger Erbauung zufammengefun-
den haben und fagt darüber: ,Wer fich in Halberftadt
gründlich bekehrte, der wurde zu diefem Kreife hinzugezogen
, ganz ohne Rückficht auf Stand und Alter . . .
So tief bin ich damals in die Lebensmacht des Chriften-
tums eingeführt, daß ich von da ab niemals wieder in
Zweifel oder Anfechtung des Glaubens gefallen bin'.
Beide Sätze zufammengenommen, die Rede von der gründlichen
Bekehrung als einer auch für andere leicht feft-
ftellbaren Sache auf der einen, das Unangefochtenfein von
Zweifeln und Anfechtungen auf der andern Seite bilden
den geiftigen Untergrund diefes Lebenslaufes, der zwar
mitten im modernen Leben geftanden hat, aber doch in
wefentlichen Punkten ihm fremd geblieben ift.

Ich darf vielleicht hier etwas perfönlicher werden,
als fonft dem Kritiker zukommt, indem ich meinen
eignen Anfchauungs- und Erfahrungskreis über Stoecker
zu Hilfe nehme. Die jüngere Generation, namentlich unter
den fog. modernen Theologen, fteht zu Stoecker vielfach
anders als die ältere. In den Kreifen des Ev. foz. Kon-
greffes zumal ift ihm reichliche Verehrung und Bewunderung
zuteil geworden. Naumann und fein Anhang haben
immer zu ihm emporgefehen. Er war ihnen der Bahnbrecher
des fozialen Gedankens: ein Mann der Tat und
freilich zugleich ein Mann der hinreißenden, alles überwältigenden
, programmatifchen und propagandiftifchen
Rede: ein Volksmann von urfprünglicher Frifche und
Schwungkraft, begeiftert für feine Sache, und fähig, andre
dafür zu begeiftern, nicht nur die große Menge, aber doch
diefe ganz befonders: ein Mann, der ohne je Hofmann
zu werden, bis in die Spitzen des Staates hinauf einen
gewaltigen Einfluß übte und auch den Gebietenden nahelegte
, Gerechtigkeit gegen den vierten Stand als Chriften-
pflicht anzufehen: ein Mann, der als Prediger vorbildlich
zu zeigen vermochte, was die Kirche ihrem Zeitalter
fchulde, und daß und wie fie bei redlichem Willen diefe
Schuldigkeit leiften könne, nicht mit Verleugnung ihres
Berufes am Evangelium, fondern in rechter Nutzanwendung
der ev. Grundgedanken: ein Mann, zu deffen Gunften
vor allem fprach, daß er, um feine fozialen Ideen durch-
zufetzen, den Kampf mit den Mächtigften der Erde nicht
fürchtete und weder vor dem Zorn des großen Kanzlers
noch vor den fanfteren Mahnungen des preußifchen
Kirchenregiments jemals zurückgefchreckt ift, ja noch in