Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1912 Nr. 13

Spalte:

411-412

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Henne am Rhyn, Otto

Titel/Untertitel:

Illustrierte Religions- u. Sittengeschichte aller Zeiten u. Völker 1912

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

4ii Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 13. 412

Referate.

Henne am Rhyn, Otto: llluftrierte Religions- u. Sittengefchichte
aller Zeiten u. Völker. (VIII, 263 S. m. 3 Abbildgn. u. 10 Taf.) 8".
Stuttgart, Strecker & Schröder (1911). M. 3—; geb. M. 4 —
Der Zweck diefer Rezenfion kann nur der fein, eine Warnungstafel
vor diefem Buch aufzurichten. Der Verf. hat fich
ohne irgendwelche genügende Vorkenntniffe an feine große
Aufgabe herangemacht, und fo wimmelt denn das Buch von einfach
fehlerhaften tatfächlichen Angaben oft gröbfter und haar-
fträubendfter Art; ich greife nur Einiges heraus und beginne mit
der indifchen Religion. Ich will darüber kaum mit dem Verf.

fchichtliche Wahrheit Anfpruch erheben. Wie kann alfo diefes
Leben erzählt werden ? Man hat es vielfach verfucht durch Weg-
laffung der Wunder, aber ift dies nicht eine Willkürlichkeit? Das
Ganze ift eine Überlieferung, die zufammengehört und die gewalt-
fam in zwei Teile, einen unwahrfcheinlichen und einen wahr-
fcheinlichen, zu trennen durchaus unkritifch erfcheint'. Auf der
folgenden S. heißt es doch fchon: .Entkleidet man das Leben
Jefu alles Unglaublichen, fo bleiben allerdings wundervolle Lehren
... die darin liegenden Gedanken muffen einen Charakter
zum Urheber haben, der feines Gleichen nicht hatte, aber leider
fo im Dunkel geblieben ift, daß die gelehrten Juden Jofephus und
Philon nichts von ihm hörten.' Und S. 197 lefen wir: ,der ältefte

rechten, daß er die altvedifche Religion nach veralteter Weife als j Bericht über das Leben Jefu, der den Namen Markus trägt, war

Henotheismus bezeichnet, denn von Henotheismus macht er fich
überhaupt keinen allzudeutlichen Begriff (S. 3). Aber wie will z. B.
Verf. belegen, daß der Sonnengott Suria in der vedifchen Religion
mehr verehrt wurde, als Mithra und Varuna (S. 49); ganz
unficher ift auch feine Behauptung, daß diejenigen Ürbewohner,
die fich den Ariern anfchloffen, Sudra genannt wurden, während,
die fich nicht Unterordnenden Paria hießen (vgl. De la Saussaye II,
47). Die von H. (S. 55) erwähnten indifchen Helden-Gedichte gehören
nicht eigentlich in die Blütezeit des Brahmanentums, fondern

noch einfach beinah ohne Wunder'.

Doch ich breche ab und füge nur noch hinzu, daß bereits
das 6. Taufend diefes Buches erfchienen ift. Das wird vor allem
auf das reiche und oft recht gefchickte, oft auch abfonderlich
ausgewählte llluftrationsmaterial zurückzuführen fein. Mögen die
Herausgeber unterer großen Religionsgefchichten fich daraus eine
Lehre nehmen und ihre nächften Ausgaben mit dem fo unentbehrlichen
bildlichen Material verfehen.
Göttingen. Bouffet.

bereits in das hinduiftifche Zeitalter. Uber das, was eigentlich David, Prof. Alexandra: Le Modernisme bouddhiste et le Bouddhisme
Hinduismus ift, wird man nach der verworrenen Schilderung des j hu ßouddha. (280 S.) 8°. Paris, F. Alcan 1911. fr. 5-

Verf. kaum zur Klarheit kommen. Noch fchlimmer und handgreiflicher
find die Fehler in der Darftellung der babylonifch-
affyrifchen Religion; ich zitiere folgende Sätze (alle auf S. 113):
Nachdem Babylon, das eine der jüngften Städte des Landes war,
. .. angeblich (!) durch König Sargon (um 2800 vor Chriftus)
Reichs-Hauptftadt geworden war . ..'. .Urfprünglich hatte jede
chaldäifche Stadt ihren eigenen Gott ... es war alfo Henotheismus
!' .Auch hier nahm wie überall und fehr begreiflich die Sonne
den erften Platz ein' (folgt Hinweis auf die fpätere Auffaffung
Marduks, Ninibs und Nergals als Sonnengötter). S. 115 zitiere ich
den Satz: .Hammurabi war es, der diefes verhaßte Verhältnis
(Elamitifche Oberhoheit) abwarf und fich zum Alleinherrfcher
von Babylonien machte und der femitifch-babylonifchen Sprache
ihre Rechte neben der fummerifchen (!) verfchaffte'. Die Vermutungen
, daß die Babylonier ihre Weltperioden nach dem fchein-
baren Rückgang der Sonne durch die Bilder des Tierkreifes be

Angefichts der Tatfache, daß bei Alcan (Paris) Oldenbergs
bekanntes Werk ,Buddha' in der franzöfifchen Überfetzung von
Foucher bereits in zweiter Auflage erfchienen ift, fragt man fich
vergeblich, was wohl den Verlag zu der Veröffentlichung des vorliegenden
Buches veranlaßt haben mag. Neues über ,den Buddhismus
des Buddha' zu fagen, ift die Verfafferin fchon deshalb nicht
imftande, weil fie offenbar der Sprache der Quellen nicht mächtig
ift, wie aus der falfchen Schreibung zahlreicher indifcher Namen
hervorgeht. Aber auch was aus Schriften neobuddhiftifcher Richtung
beigebracht wird und zu der Faffung des Titels ,le modernisme
bouddhiste' geführt hat, fcheint mir eine Bereicherung der
Wiffenfchaft nicht zu bedeuten. Vielleicht ift jedoch der Zweck
der Arbeit weniger ein wiffenfchaftlicher als vielmehr ein propa-
gandiftifcher. Daß die Griechen neben den indifchen Denkern
blaß genannt werden, daß der Peffimismus des alten Buddhismus
wegzuinterpretieren gefucht wird, legt eine folche Vermutung

rechneten, und daß fie ein Jahr von 72 Wochen ä 5 Tagen hatten , nane. immerhin ift der Verfafferin Gefchick in der Darftellung
werden ohne weiteres als bare Münze angenommen. Über baby-
lonifche Buß-Pfalmen finden wir den einen fchönen Satz; ,Es
find ferner Klage- und Bußpfalme erhalten, fogar denjenigen des
alten Teftaments ähnliche'; S. 123 ift der Satz: .Eine entftellte
Verfchmelzung der beiden Namen (welcher Namen? in Betracht
kommen Melkart, Baal und Milk) ift Moloch', einfacher Unfinn.
Von Zarathuftra hören wir: ,Wie alle Religionsftifter, den nüchternen
Khung-tsze ausgenommen, verkehrte auch der iranifche
Prophet mit Gott felbft'. Vom Avefta weiß der Verf. folgendes
zu berichten: ,Der erhaltene Teil heißt Vendidad. Der Inhalt
ift dunkel und unbedeutend, da er meift aus Reinheits-Vorfchriften
und Formeln befteht. Nicht darin inbegriffen find fpätere Bücher,
die Gebete, Gelänge, Streitfchriften und fagenhafte Gefchichten
enthalten'; S. 128 heißt es: Ahura Mazda wurde ,als bärtiger Mann
im geflügelten Sonnenkreife abgebildet, war alfo urfprünglich ein
Sonnengott'. Von der ägyptifchen Religion weiß der Verf. unter
anderem: ,die Religion der Priefter war annähernder Monotheismus
, und diefer war der Inhalt ihrer Myfterien, in die natürlich
der Farao (sie!) eingeweiht war'. Von den Mithras-Grotten findet
fich S. 186 folgende Befchreibung: ,Man fleht darin ein in Stein
gehauenes Bild, auf dem ein Mann in phrygifcher Tracht einen
Stier opfernden allerlei andere Tiere umgeben, wobei auch Sonne und
Mond zu fehen find'. Wer nun nicht weiß, was es mit dem Mithras-
Heiligtum für eine Bewandtnis hat, dem ift freilich nicht zu
helfen. H. weiß auch, daß die Eingeweihten des Mithras .angeblich
9 (!) Grade zu durchlaufen' hatten. Sehr irreführend wenigftens
ift der Satz S. 189 ,die fog. 5 Bücher Mofis find in ihrem bekannten
Umfang das Werk Esras'. — Und nun die Darfteilung des Chriften-
tums! Intereffant ift fchon die Angabe der Literatur, deren der
Verf. fich bedient hat. Hier figurieren außer dem neuen Teftament
und der Kirchengefchichte v. Hafe's nebft einigen anderen Werken
und aufgegriffenen Brofchüren famtliche Auflätze aus der Kultur
der Gegenwart, die ftolz als einzelne Schriften aufmarfchieren,
und dann folgt Drews' Chriftus-Mythe undKalthoffs: Chriftus-Pro-
blem und Entftehung des Chriftentums. Die letzteren Schriftfteller
haben eine intereffante Verwirrung im Urteil des Verf. herbeigeführt
. Wir finden (S 195) den Satz über das Leben Jefu: .Eine
Lebensgefchichte, die folche Berichte enthält, kann auf keine ge-

und Eindringlichkeit des Tons nicht abzufprechen, aber dem Lefer-
kreis der Theologifchen Literaturzeitung kann das Buch nicht
empfohlen werden.

Kiel. Otto Strauß.

Schoenaich, Prof. Dr. Guftav: Die Libelli und ihre Bedeutung für die
Chriftenverfolgung des Kai fers Decius. (38 S.) gr. 8°. Glogau,
Hellmann 1910. M. 1 —

Der Verf. betont mit Recht, daß man fich bei der Beftimmung
der Bedeutung der libelli vor dem Generalifieren hüten und vielmehr
den in den einzelnen Provinzen üblichen Brauch zu beftimmen
fuchen müffe. Da die Andeutungen in dem Briefwechfel Cyprians
nicht ohne weiteres klar, auch nicht ganz eindeutig find, fo hätte
es fich empfohlen, von dem in den Papyrusfunden vorliegenden
amtlichen Material auszugehen. Der Verf. war allerdings noch
nicht in der Lage, das inzwifchen in Hamburg gefundene und von
Paul M. Meyer vortrefflich bearbeitete Material zu verwerten.
Aber aus den bis dahin bekannten und von ihm anhangsweife
abgedruckten Papyri ließen fich fchon fichere Schlüffe ziehen,
und es wäre methodifch richtig gewefen, hiervon auszugehen.
Damit hätten fich dann auch fofort Fragen erledigt, die dem Vf.
Kopfzerbrechen machen, wie die, ob die libelli überhaupt eine
gefetzliche Einrichtung gewefen feien (S. 14 ff)- Das Auffallende
der Maßregel, das vom Verf. betont wird, erklärt fich aus dem
Zweck der Veranftaltung. Wenn es Decius darauf ankam, daß
alle Bürger des Reichs opferten, fo mußte über den Opfervollzug
Protokoll geführt werden und ein Eintrag in das Amtstagebuch
erfolgen (acta facere). Daß die libelli Gefluche um Befcheinigung
nebft der zugefügten behördlichen Beftätigung waren, beweifen die
Papyri.

Hirfchhorn a. N. E. Preufchen.

Mitteilungen.

12. Aus den Verhandlungen des XVI. Internationalen
Orientaliftenkongre f f e s der in der Ofterwoche zu Athen tagte,
mögen folgende, in Gefamtfitzungen oder Sektionen gehaltenen
Vorträge Intereffe für die Lefer diefer Zeitfchrift haben. Die fpäter
erfcheinende ,Comptes Rendus' des Kongreffes werden außerdem
noch wichtiges bringen. — Auguft Helfenberg (München)