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Ausgabe:

1912 Nr. 13

Spalte:

403-404

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smith, Hanna W.

Titel/Untertitel:

Die Selbstlosigkeit Gottes und wie ich sie entdeckte 1912

Rezensent:

Wernle, Paul

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Seite 1

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403

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 13.

404

queme Bürde diefes mit Unrecht vernachläffigten Gebietes
der Gefchichte der philofophifchen und theologifchen
Spekulation auf üch genommen hat. Seine unverdroffene
Beftrebung ift aller Förderung würdig. Möchte ihm zu-
nächft auch die Fortfetzung feiner wichtigen deutfchen
Bearbeitung der Werke des Avicenna (I. Bd. Halle 1907,
X, 799 S.) ermöglicht werden.

Budapeft. I. Goldziher.

Appel, Lic H.: Kurzgefaßte Kirchengeschichte f. Studierende.

Befonders zum Gebrauch bei Repetitionen. III. Tl.:
Die neuere Kirchengefchichte. 2. Hälfte. Die neuefte
Kirchengefchichte. Mit verfchiedenen Tabellen u.
(färb.) Karten. (VIII, 220 S.) gr. 8°. Leipzig, A. Deichert,
Nachf. 1911. M. 3—; geb. M. 3.60

Mit diefer Abteilung, reichend von 1649 bis zur Gegenwart
, fchließt das Appelfche Kompendium ab. Uber
Anlage, Charakter und Wert des Ganzen habe ich mich
in der Anzeige der früheren Teile (vgl. diefe Zeitung
Nr. 3, Sp. 82) hinlänglich ausgefprochen, die Schlußabteilung
fällt natürlich aus dem Rahmen des Bisherigen
nicht heraus; aus Gründen der Raumerfparnis find nur
im vorliegenden Teile die kurzen Rückblicke ,faft ganz'
fortgeblieben, das hatte ich fchon von Anfang an als
wünfchenswert bezeichnet. Vor den einzelnen Paragraphen
find die betr. Abfchnitte aus den Werken von Kurtz,
Deutfch und Stephan (Krügers Handbuch Teil 4) angegeben
. Das Kompendium wird feinen Weg machen, es
ift auch brauchbar, durchaus, wenn ich auch perfönlich
dem Buche von Heußi den Vorzug geben würde, da es
einen wiffenfchaftlicheren Charakter trägt und präzifer und
klarer formuliert, auch mehr bietet. Sehr dankenswert
bei A. ift die eingehende Berückfichtigung der Philofophie,
auch die Dogmengefchichte ift, wohl ein wenig zu reichlich
(z. B. bei Schleiermacher), ftark herangezogen. Die
Dispofition der Kirchengefchichte der Neuzeit ift nicht
originell, dem letzten Abfchnitt feit 1870 hat A. die
Überfchrift gegeben: die Zeit des Sozialismus, damit wird
aber fchwerlich Alles gedeckt, z. B. Modernismus? Die
Kartenbeigaben find unzureichend, es find im wefent-
lichen die kirchengefchichtlich bedeutfamen Ortfchaften
eingetragen, keine Diözefangrenzen und dgl. Dafür follte
ein für alle mal Heußi-Mulert gebraucht werden, fo gut
wie für die fynchroniftifchen Tabellen Weingarten-Arnold
(Appel bietet einen Bogen Tabelle!). Ein Perfonen-, Sach-
und Ortsregifter ift beigegeben.

Einzelne Defideria: S. 3 Z. 19 lies Book ftatt Cook; S. 7 Z. 19
1653, ftatt 1553; S. 79 heißt es in der Überfchrift irrig: 76; S. 88 Z. 9
lies verwirklichten; S. 153 Z. 23 Bethmann Hollweg (ohne Bindeftrich!)
S. 172 Z. 21 Tübingen ftatt Gießen. Von fachlichen Differenzen nenne
ich nur diefe, fo gewiß ich manches anders formulieren würde: das
S. 112 Anm. 1 über den Rock Chrifti Gefagte ift Legende und wird nicht
vom Trierer Rock behauptet.

Zürich. Walther Köhler.

Smith, Hanna W.: Die Selbftlofigkeit Gottes und wie ich

fie entdeckte. Aus dem Leben der Quäkerin S. Nach
dem Engl. v. M. K.-G. Mit Vorwort von Prof. D.
C. v. Orelli. (228 S.) 8». Bafel, Kober 1910.

M. 1.60; geb. M. 2.40

Diefes Buch mit dem wunderlichen Titel verdient
die Beachtung des Kirchenhiftorikers fo gut als des
Erbauung fuchenden Laien als ein ungewöhnlich reiches
Dokument aus dem Leben der anglikanifchen Frömmigkeit
. Verfafferin ift die Frau des bekannten Pearfall
Smith, mit ihrem Mädchennamen Hanna Whitall, im Mai
des vorigen Jahres geftorben, geboren in Philadelphia 1832
als Quäkerin. Sie gibt in diefem Buch eine rein religiöfe
Autobiographie, die mit Übergehung aller äußern und
weltlichen Zufälligkeiten die Entwicklung ihres Innenlebens
durch eine ganze Reihe von Wandlungen klar und ficher |

fkizziert. Voran fleht eine von echter Pietät und dennoch
köftlichem Humor durchglänzte Schilderung des Quäkermilieus
in Pennfylvanien in der erften Hälfte des letzten
Jahrhunderts, von dem die Autorin die entfcheidenden
und gerade im Alter aufs Neue hervortretenden religiöfen
Eindrücke empfing: ein ganz undogmatifches Chriftentum
tätigen Gottesdienftes und großer Schlichtheit und Sonnigkeit
. Mit dem 16. Lebensjahr beginnt aber die Krifis,
und die einzige Autorität der Quäker für alle Fragen,
das innere Licht, das fromme Gefühl, verfagt. Nach 10
Jahren unruhigen und fchmerzlichen Suchens gewinnt
Frau Smith im Jahre 1858 aus Anregungen der Plymouth
Brethren, deren Verfammlungen fie befucht, den feften
Troft im Evangelium des Römerbriefs von der Rechtfertigung
allein aus Glauben, von der objektiven Verhöhnung,
garantiert durch das objektive Schriftwort, und fleht feitdem
unerfchütterlich in der Glaubensgewißheit. Das war ihre
erfte Entdeckung. Aber fie blieb dabei nicht flehen;
die Härte des orthodoxen Gottesgedankens, zufammen
mit dem fich fteigernden Gefühl der Größe des Verderbens
im Bereich der Menfchheit treibt fie zu neuem Fragen
und Suchen, bis fie im Jahre 1865 von der Wiederbringungslehre
ergriffen wird und die Entdeckung der Selbftlofigkeit
Gottes macht; felbftifch wäre der Gott, der um feiner
beleidigten Ehre willen einen großen Teil der Menfchheit
in die ewige Hölle flößt, felbftlos dagegen ift der Gott —
natürlich der der Bibel, wie fie glaubt — der alle Menfchen
ohne Ausnahme mit feiner Liebe umfaßt und durch feine
Liebe zu fich zurückführt, wenn auch erft nach dem Tode;
es ift bedeutfam, daß ihre mütterlichen Gefühle gegen
ihre Kinder bei diefer Entdeckung mitfprachen. Aber
auch jetzt hat fie noch nicht den Endpunkt ihrer religiöfen
Entwicklung gefunden, fie fleht noch in einem einfeitigen
Rechtfertigungsglauben und findet fich zwar verföhnt, aber
nicht von einer Sünde faktifch erlöft, im Gegenteil muß
fie fich vieler fündigen Regungen und Launen zeihen.
Da ift es der Eindruck methodiftifcher Prediger, der im
Jahre 1867 ihre älteften Quäkererinnerungen und fpätere
Einwirkungen der Myftik der Frau von Guyon und Fenelons
neu belebt und den Heiligungsglauben in ihr zum Durchbruch
bringt. Das Paulinifche ,Nicht Ich, fondern Chriftus'
macht fie mit Siegeskräften, die von Chriftus ausgehen,
bekannt und fie ift es dann, die ihren Mann zu derfelben
Gewißheit eines Sieges über die Sünde in diefem Leben
durch die Chriftuskraft hinüberführt. Zuletzt findet fie,
daß fie damit eigentlich nur zur alten Quäkerlehre zurückgekehrt
ift, und kann ihre Autobiographie fchließen mit
einem Rückblick und Ausblick reiner, wunderbarer Befriedigung
. Ich flehe nicht an, diefes Büchlein einPrachtftück
religiöfer Biographie zu nennen gerade wegen feiner ganz
befonderen Schlichtheit und Geradheit. Uns intellektuellen
Deutfchen ift es ganz gefund, wenn wir daraus wieder
einmal erkennen, daß es noch andere und tiefere Wege
des religiöfen Fortfehritts von Stufe zu Stufe gibt, als die
wiffenfehaftliche Forfchung, deren religiöfen Wert wir im
Ganzen viel zu hoch taxieren.

Bafel. P. Wer nie.

Boutroux, Emile: Rudolf Euckens Kampf um e. neuen Idealismus
. Überf. v. J. Benrubi. (32 S. m. Bildnis.) gr. 8°.
Leipzig, Veit & Co. 1911. M. —40

Vergeblich frage ich mich, was diefe kümmerliche
Brofchüre auf dem deutfchen philofophifchen Büchermarkt
will. Es ift ja fehr hübfeh, daß Boutroux die franzöfifche
Überfetzung von Euckens ,Geiftigen Strömungen der
Gegenwart' mit einem Geleitwort verfehen hat, das mit
Recht viel weniger von Eucken als von der allgemeinen
philofophifchen Entwicklung und Gegenwartslage redet.
Nun muß aber Benrubi diefe Einleitung ins Deutfche
überfetzen und recht weit gedruckt 24 Seiten erfüllen
laffen, wodurch die Dürftigkeit und Vagheit des Inhalts
befonders zu Tage kommt. Als Sonderauffatz ift doch