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Ausgabe:

1912 Nr. 13

Spalte:

402-403

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Horten, Max

Titel/Untertitel:

Die Gottesbeweise bei Schirázi († 1640). Ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Theologie im Islam 1912

Rezensent:

Goldziher, Ignác

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 13.

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fchichte d. Theologie u. d. Kirche. 10. Stück.) (XVI, I tum der Juden, an dem feine germanifchen Inftinkte An-
110 S.) gr. 8°. Berlin, Trowitzfch & Sohn 1911. M. 44°

Ein unverkennbarer Vorzug der vorliegenden Arbeit
befteht in der gründlichen Literaturkenntnis des Verfaffers.
Es find nicht nur die Äußerungen Luthers über die
Juden von ihm methodifch und gründlich behandelt, fondern
auch die vielfach entlegenen und bislang wenig
herangezogenen Arbeiten jüdifcher Gelehrter über die
Schickfale ihrer Stammesgenoffen in der Reformationszeit
fruchtbar gemacht worden. Nach diefer Richtung hin
dürfte Lewins Arbeit nur in Einzelheiten zu ergänzen
fein. So ift über den getauften Juden Bernhard, der
vorher den Namen Rabbi Jakob Gipher führte, außer
der Literatur, die S. 32 angeführt ift, noch zu vergleichen
Seidemann Zeitfchr. f. hift. Theol. 1874, S. 547L,fowie
G. Kawerau in Beitr. z. bayr. Kirchengefch. III, S. 250.

In Luthers Stellung zu den Juden tritt etwa im Jahre
IS2I ein deutlich wahrnehmbarer Umfchwung ein. Bis
zu diefer Zeit bewegen fich feine Äußerungen über den
Gegenftand in herkömmlichen Vorftellungen. Die Juden
erfchienen ihm als das von Gott verworfene Volk, deffen
unftätes Umherziehen die Strafe für feine Verftocktheit
darfteilt. Im übrigen verurteilt er harte, unchriftliche
Maßnahmen gegen die Juden, und ftellt fich damit im
Dunkelmännerftreit unzweideutig auf Reuchlins Seite.
Etwa feit den Tagen des Wormfer Reichstags gewinnt
der Reformator für die Judenfrage ein lebendiges, per-

ftoß nahmen.

Leipzig. Hermann Barge.

Horten, Priv.-Doz. Dr. M.: Die Gottesbeweife bei Schiräzi

(1640 f). Ein Beitrag zur Gefchichte der Philofophie u.
Theologie im Islam. Aus dem Arab. überf. u. erläutert.
(102 S.) gr. 8°. Bonn, F. Cohen 1912. M. 2.80

Die Löfung der Aufgabe die er fich geftellt hat, eine
umfaffende, bis in ihre neueften Phafen vordringende
Gefchichte der islamifchen Philofophie zu fchaffen, bereitet
H. durch die monographifche Bearbeitung der Syfteme
einzelner islamifcher Denker vor. Wir pflegen die Gefchichte
der islamifchen Philofophie mit dem 13. Jahrh.
abzufchließen und laffen fie in der Regel nach Averroes
in den Werken des Fachr al-din al-Räzi (ft. 1209) und
Nasir al-din al-Tusi (ft. 1273) ausklingen. H. ift beftrebt,
in feinen Arbeiten den Beweis dafür anzutreten, daß der
fchöpferifche Trieb auf diefem Gebiet auch nach jener
Periode wirkfam ift und fich in Werken bekundet, die
die Aufmerkfamkeit der Philofophiehiftoriker beanfpruchen.
Diefem Beftreben verdanken wir nach des Verf.s trefflicher
Bearbeitung der Werke einiger der großen Philo-
fophen der älteren Periode (Alfaräbi, Avicenna, der alten
Mutakallimün) die Bekanntmachung der Schriften jener
Denker, die, ob man fie nun als Epigonen oder mit H.
fenliches InterelTe" er hofft auf die baldige Bekehrung j als Zeugen lebendiger Entwicklung bewertet, zweifellos
der Judenheit und leot darum in der Schrift ,Daß Jefus | für eine Abrundung der Gefchichte der Philofophie im
Chriftus ein geborener Jude fei' (1523) den Chriften eine I Islam in diefelbe einzuordnen find. Wir müffen dem Verf.

fchonende Behandlung der Juden ans Herz. Diefen Umfchwung
führt Lewin ganz aufchließlich auf das perfön-
liche Zufammentreffen Luthers mit zwei Juden zurück, die
ihn während feines Wormfer Aufenthaltes auffuchten und
mit ihm disputierten. Diefer Befuch ftelle die unbedingt
notwendige Vorausfetzung für die ganze folgende Ent-
wickelung dar, die fonft ein unerklärliches Rätfei bieten
würde. Aus der Begier der beiden, ihn kennen zu lernen,
und aus der Zugänglichkeit des einen der beiden habe
Luther von den Juden ein günftigeres Urteil erlangt. Uns
fcheint in diefer Annahme eine Überfchätzung des Wormfer
Vorganges zu liegen. Findet des Verfaffers Anficht fchon
in Luthers Schriften und Äußerungen keine unmittelbare
Beftäti<nin°-, fo war auch der Hergang des Befuchs der
beiden Juden an fich nicht von der Art, daß er auf den
Reformator nachhaltigen Eindruck hätte machen können:
beide Juden gerieten über eine Schriftexegefe Luthers in
Zank und wurden fchließlich aus dem Zimmer von den
Dienern der anwefenden Fürften unter fchallendem Gelächter
der Zufchauer hinausgefchoben (S. 16). Wenn
Luther fich im Beginn der zwanziger Jahre zu der Frage
der Bekehrung der Juden hoffnungsfreudiger als früher
ftellt, fo ift darin nur ein Sonderfymptom des unbegrenzten
Vertrauens zu fehen, das er während jener Zeit ganz
allgemein in die Keimkraft feines Evangeliums fetzte:
deffen Herrlichkeit follte gerade in der Bekehrung der
Juden, des allerverftockteften Volkes, offenbar werden.
Ganz in gleicher Weife erhofft er damals auch noch eine
Bekehrung der Schwarmgeifter, wenn ihnen nur eindringlich
Gottes Wort vorgehalten werde.

Die Enttäufchung blieb im einen wie im andern Falle
Mcht aus. Durchaus parallel mit Luthers zunehmender
Verhärtung gegen die Juden geht feine wachfende Schroffheit
gegen Täufer und Schwärmer: ein Vergleich an der
Wand von Wapplers Schriften wäre lehrreich gewefen.
Was freilich Luther in feinen Schriften /Von den Juden
und ihren Lügen' und ,Vom Schern Hamphoras' (beide
J543) gegen die Juden ausführt, überbietet an maßlofer
Deftigkeit noch bei weitem alles, was er je gegen Sektierer
pfchrieben hat: zu der religiöfen Gegnerfchaft gefeilen
uch bei ihm die — in Lewins Darftellung zu fehr zurücktretenden
— Antipathien gegen das ftammfremde Volksdankbar
dafür fein, daß er, als der kompetentefte Vertreter
diefes wichtigen Gebietes der morgenländifchen Wiffen-
fchaft, damit auch einige Lücken unferer Literaturkenntnis
in mühevoller und gewiffenhafter Weife ausfüllt. Die vorliegende
Schrift behandelt das Werk eines islamifchen
Philofophen des XVII. Jahrhundertes, deffen Gedankenarbeit
bisher höchftens nur bibliographifch regiftriert war,
deren Inhalt und Stellung innerhalb der fpekulativen
Syfteme uns zu allererft durch den Verf. nahegebracht
wird. Sadr al-din al-SchiräzI (ft. 1640) fchrieb eine (in
einer lithographifchen Ausgabe, Teheran 1865 zugängliche)
philofophifche Enzyklopädie, deren einzelne Summen er
wohl in Nachahmung der mawäkif des Idschi, als Stationen
(marhala) feiner vierteiligen philofophifchen Reifen (al-
asfär al-arbaca, dies ift der Gefamttitel) bezeichnet. Einen
Teil diefes Quadripartitums bietet H. in vorliegender
Arbeit dar. Schiräzi unterzieht die von Ariftotelikern
und Mutakallimün aufgeftellten Beweife für das Dafein
Gottes einer eingehenden Kritik; zumeift lefenswert ift
feine Behandlung der gegen den regressus in infinitum
vorgebrachten Beweife (S. 54fr.). Er felbft entwickelt den
ontologifchen Beweis, indem er fich um die Lehre von
den Entwicklungsphafen des Seins, als dem Grundthema
feines Syftems, bewegt. Er knüpft an die Anfchauungen
Suhrawardis (Lichttheorie), deffen Werker kommentierte,
m eigentümlicher Weife an (f. darüber befonders S. 23
Anm.) und fucht deffen Theorien mit denen der Peripa-
tetiker auszugleichen. Das Werk des Schiräzi wird, wie
auch der Druckort Teheran zeigt, befonders in Perfien
ftudiert, wo unter allen moslemifchen Gebieten noch heute
das meifte Intereffe für die Feinheiten der fcholaftifchen
Metaphyfik lebendig ift. Es wurde ungefähr um 1800
von einem anderen Perfer Bazwäri durch Gloffen erläutert
, aus denen H. in feinen Anmerkungen geeignete
Auszüge bietet. Ein großer Vorzug der hierher gehörigen
Arbeiten H.'s befteht in der Präzifion, mit der er die
höchft fubtile arabifche philofophifche Terminologie in die
Entfprechungen der europäifchen Scholaftik umfetzt, wodurch
feine Arbeiten auch den an der mittelalterlichen
Philofophie intereffierten Nichtorientaliften vom hiftorifchen
Gefichtspunkt aus nutzbar werden können. Wir müffen
ihm erkenntlich dafür fein, daß er die fürwahr nicht be-