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Ausgabe:

1912

Spalte:

18-19

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krüger, Gustav

Titel/Untertitel:

Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler, Bischof von Mainz (1811 - 1877). Ein Lebensbild 1912

Rezensent:

Vigener, Fritz

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 1.

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Sorgfältigen Unterfuchungen über Parentis Perfon, Lebens-
verhältniffe und Schriften nicht maßgebend gewefen.

Königsberg. Benrath.

Analecta Corviniana. Quellen zur Gefchichte des nieder-
fächs. Reformators Antonius Corvinus (f 1553). Ge-
fammelt m. e. Einleitg. verfehen u. hrsg. v. Prof. D.
Dr. Paul Tfchackert. (Quellen u. Darftellungen a. d.
Gefch. d. Reformationsjahrhunderts. 16. Bd.) (XXIV,
105 S.) 8°. Leipzig, M. Heinfius Nachf. 1910. M. 4 —

Bis an fein Ende hat der Verfaffer der vorliegenden
.Analecta', der vor wenigen Wochen von uns gegangen
ift, den Studien, die er erft in Göttingen aufgenommen,
der Erforfchung der Vergangenheit der Landeskirche, in
die er mit feiner Übersiedelung an die Georgia Augufta
eingetreten war, die Treue gehalten. Zum Gegenstand
feiner größeren Publikationen auf diefem Gebiet hat er
vor allem den Ant. Corvinus erkoren, und ihm gilt auch
die vorliegende, fo viel mir bekannt, feine letzte Publikation
. Sie bringt manche wichtige Beiträge zu Corvins
äußeren Lebensumständen, vor allem zu feiner letzten
Gefangenfchaft, feinem Tod und Begräbnis (Nr. XLI, XLV,
LI—LIV), zu feiner inneren Entwicklung (vor allem den
wichtigen Bericht über feine Entwicklung vom Ordensmann
zum evangelifchen Geiftlichen: Nr. IV), zu feiner
Schriftftellerei (erfte Schrift nicht 1519, fondern 1529:
Nr. I; Kirchenordnung: Nr. XIV u. XX; vgl. auch Nr. II,
VIII, IX, X, XLV—Schrift gegen das Interim), zu feiner
öffentlichen Tätigkeit fchon als Paftor in Witzenhaufen
(Nr. XI u. XII) und feiner Amtstätigkeit als Superintendent
von Calenberg (Nr. XXVI, XXXVII, XXXIX, auch
XLIV u. L). Aber auch zur allgemeinen Reformations-
gefchichte (Reichstag zu Regensburg 1541: Nr. XVI;
Tridentinum: Nr. XXXV; Schmalkald. Krieg: Nr. XL. u.
XLIII) und befonders zur Reformationsgefchichte Nieder-
fachfens erhalten wir Beiträge. Vielfach wird zum Leben
und zur Beurteilung anderer Perfönlichkeiten, die in der
niederfächfifchen Reformationsgefchichte eine Rolle ge-
fpielt, Stoff beigetragen (Anton Sander: Nr. XIII; Rudolf
Möller: Nr. XVII, XXXI, XLI, XLII, XLVI, XLIX; Mör-
lin: XXVII; Timann in Bremen: XXIX u. a.); und auch
manche Städte und Ortfchaften finden in den veröffentlichten
Urkunden Ergänzungen oder Berichtigungen ihrer
Gefchichte (z. B. Hannover: XXVIII, XXX; Hildesheim:
XVIII; die fogen. vier .großen' Städte: XXII; Münder a.
Deifter: XXV; Uflar: XLVII u. XLVIII). Die Bearbeitung
ift durchaus forgfältig und verrät das Intereffe, das
der Entfchlafene an diefen Materien hegte. Dennoch
merkt man hier und da fchon die Ermattung des Kranken
, der nicht mehr die Frifche befitzt, allen Spuren
nachzugehn. Ein Beifpiel: Zur Klärung der Streitfrage
des Magiftrats von Daffel gegen den Magistrat von Einbeck
, in der fich erfterer an Elifabeth wendet, und in der
letztere zunächft zuGunftenDaffels dieEinbeckerbefcheidet
(Nr. XXXII—XXXIV), hätte beitragen können ein altes
Kirchenregifter von Daffel, über das in der Zeitfchrift des
Harzvereins XXVIII (1895) S. 752 ff eingehend berichtet
wird. Schon in den abgedruckten Partien findet fich
Material zur Gefchichte des Stipendiums, um das es fich
handelt, das Corvinus aus einer Memorie geftaltet hat,
und die handfchriftlichen Nachrichten des Regifters, über
die a. a. O. kurz berichtet wird, hätten noch mehr geboten
. Mindestens hätte aber wohl auf Kayfers Kirchen-
vifitationen in den welfifchen Landen, S. 346 verwiefen werden
können, wo ebenfalls wichtige Ergänzungen fich finden.

Die .Analecta' find eine wertvolle Ergänzung zu
Tfchackerts .Corvinus' Leben und Schriften' und ,Brief-
wechfel des Corvinus' (Quellen und Forfchungen zur
Gefch. Niederfachfens, Bd. III u. IV) und werden vielen
als letzte Gabe des Entfchlafenen doppelt wertvoll fein.
Ilfeld i. H. Ferdinand Cohrs.

Forfchner, päpftl. Hauspräl. Pfr. Karl: Wilhelm Emanuel
Freiherr von Ketteier, Bifchof v. Mainz. Sein Leben u.
Wirken, zu feinem 100 jähr. Geburtstage dem kathol.
Volke erzählt. 1.—5. Taufend. (VII, 133 S. m. 1 Bilde.)
8°. Mainz, Kirchheim &. Co. 1911. M. 1.20

Krüger, Prof. Dr. Guftav: Wilhelm Emmanuel Freiherr von
Ketteier, Bifchof v. Mainz (1811—1877). Ein Charakterbild
. (32 S.) 8°. Halle, Verlag d. Ev. Bundes 1911.

M. — 50

Der Verfaffer hat einige befcheidene perfönliche Erinnerungen
an Ketteier in die Darfteilung eingeftreut, z. B.
S. 5, 65 f., 68 ff, 119. Im ganzen aber ift die Schrift
in bedenklich einfeitiger Weife von Pfülfs dreibändigem
Werke abhängig; öfters ift die gewiß nicht immer vorbildliche
Gedankenverknüpfung diefes fchätzbaren bio-
graphifchen Repertoriums beibehalten, einmal (S. 31) hat
der Verf. fogar einen gröblichen Irrtum Pfülfs, obwohl
diefer ihn fpäter felbft erkannt hat, zu eigenen Flüchtigkeitsfehlern
(S. 35, 38) hinzugenommen. Das Büchlein
foll offenbar die Lefer mehr kirchlich unterweifen als ge-
fchichtlich unterrichten. Wir haben es hier mit einer Art
moderner Heiligengefchichte zu tun, die friedlich-unbewußt
an allen biographischen Problemen vorübergeht. Für die
gefchichtliche Stellung K.s innerhalb der fich umbildenden
katholifchen Welt der Zeit Pius IX. fehlt dem Verf. das
Verftändnis. Ihm ift insbefondere auch die Haltung K.s
gegenüber der Doktrin vom Univerfalepiskopat und von
der Unfehlbarkeit des Papftes in tiefes Dunkel gehüllt,
obwohl K.s Anschauungen deutlich genug zu Tage liegen
und nicht nur biographifch von größtem Intereffe find.
Eine Polemik gegen die abfolut falfche Darftellung S. iiof.
erübrigt fich; der Verf. braucht nur die Gefchichte des
Vatikanifchen Konzils von Th. Granderath S. J. aufzuschlagen
, wo er im dritten Bande (1906) genügenden
Auffchluß finden kann.

Der fozialen Wirksamkeit Kettelers ift Forfchner mit
der warmen persönlichen Teilnahme nachgegangen, die
bei einem Präfes katholifcher Arbeitervereine zu erwarten
ift. Die Soziale Praxis K.s hat er im wefentlichen richtig
dargeftellt, die Bedeutung K.s für die Gefchichte der
Sozialpolitischen Ideen und Theorien aber noch mehr
überfchätzt, als fonft fchon üblich ift.

Von einigen gefchmacklofen politischen Bemerkungen
abgefehen tritt die Tendenz in diefem Büchlein mit einer
gewiffen Gutmütigkeit auf. Von dem Boden des Mainzer
Ultramontanismus, an deffen Ausbau Ketteier mehr als
irgendjemand gearbeitet hat, hätte man auch eine weniger
fanfte Tonart gern hingenommen, wenn fie nur mit Geift
und gefchichtlichem Sinne verbunden wäre. Vielleicht
folgt noch eine etwas minder anfpruchslofe Jubiläums-
Schrift über Ketteier. Von franzöfifchen Gefinnungsgenoffen
könnten deutfche Darfteller mancherlei lernen. Der
Hiftoriker jedenfalls wird katholifche Konfeffionsgefchichte
im Stile Goyaus einer, gar noch verwäfferten, Brückfchen
Manier unbedenklich vorziehen.

Wer gerade von der Lektüre der Forfchnerfchen
Schrift kommt, wird das Heftchen, das uns Krüger geschenkt
hat, mit befonderer Dankbarkeit genießen; diefe
wenigen Blätter, die ein einheitliches Bild der Persönlichkeit
und in etwa auch der gefchichtlichen Stellung Kettelers
zu geben Suchen, find Sehr lefenswert. Die Berechtigung
des Evangelifchen Bundes, bei der hundertsten Wiederkehr
von Kettelers Geburtsjahr auch ein Wort zu Sagen,
Sieht Krüger in den viel erörterten proteftantenfeindlichen
Sätzen des Bonifatiusbriefes von 1855 gegeben. Der unbefangene
Lefer diefer Schrift wird die Frage nach ihrer
Berechtigung überhaupt nicht erft aufwerfen. Die vollkommene
Unabhängigkeit feines Urteils und fein Verftändnis
für katholisches Wefen (man wird an K. Hafe
erinnert) hat Krüger hier von neuem glänzend bewiefen.
Kettelers Perfönlichkeit hat er einsichtsvoll aus ihrem reli-