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Ausgabe:

1912 Nr. 12

Spalte:

371-373

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wernicke, Alex.

Titel/Untertitel:

Kants kritischer Werdegang als Einführung in die Kritik der reinen Vernunft 1912

Rezensent:

Jordan, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 12.

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uns (S. 92—137) ein echt ultramontanes Stimmungsbild
des .kirchlichen Lebens im Jahre 1910', das mit dem Motto
eingeleitet wird: Foris pugnae, intus timores. Am be-
merkenswerteften fcheint mir darin die Angft vor der
rafch und im allgemeinen gut orientierten liberalen Preffe,
,die fich fo frühzeitig wie möglich aller kirchlichen Kundgebungen
bemächtigt' und die öffentliche Meinung weitgehend
beeinflußt, und die ihm den Stoßfeufzer nach
.einer internationalen katholifchen Telegraphenagentur'
auspreßt, durch die .unberechenbarer Schaden verhütet
und der Sache der Kirche ein großer Dienft erwiefen
werden' könnte (S. 121). In der vierten Abteilung .Die
Organifation der katholifchen Kirche in Deutfchland'
(S. 192) gibt uns Weber wiederum die gewohnte Überficht
über die einzelnen kirchlichen Verwaltungsbezirke
im deutfchenReich und feinen überfeeifchenSchutzgebieten.
Im 5. Abfchnitt (Kirchliche Statiftik von Deutfchland von
Krofe, S. 193—297) vermiffe ich noch immer die Behandlung
der Frage nach der Stellung der Katholiken im
Wirtfchaftsleben Deutfchlands; doch freue ich mich darüber
, daß uns diefelbe nun wenigftens für den nächften
Band in Ausficht gefleht wird (S. 219). Im 6. Abfchnitt
.Konfeffion und Unterrichtswefen' (S. 298—324) erhärtet
Dr. Brüning wieder aufs Neue die Tatfache, daß die
deutfche katholifche Jugend fleh wohl in erfreulichem
Maße an den Gymnaflalftudien beteiligt, aber in den
technifchen und kommerziellen Wiffenfchaften ftark hinter
den anderen Konfeffionen zurückfteht. In der fiebenten
Abteilung ,Die caritativ-foziale Tätigkeit der Katholiken
Deutfchlands' (S. 325—403) gefteht Weydmann mit anerkennenswerter
Offenheit die auffallende Rückftändigkeit
der Katholiken auf vielen Gebieten der öffentlichen Caritas
ein und fordert zu energifcher Mitarbeit in den inter-
konfeffionellen Wohltätigkeitsvereinen auf, damit diefelben
mehr Rückficht nehmen müffen auf den katholifchen Volksteil
. Recht inftruktiv ift die am Schluffe von ihm beigefügte
Tabelle über die bereits beftehenden katholifchen
religiös caritativen und fozialen Vereine (S. 388—403).
Im letzten Abfchnitt endlich behandelt Huonder ,die katholifche
Heidenmifflon' auf den Philippinen, in Nieder-
ländifch-Oftindien, Hinterindien, Ozeanien und Auftralien
(S.404—441), die in den fämtlichen Ländern nach fchweren
Knien nun endlich einer hoffnungsvolleren Zukunft ent-
gegenfähe. Natürlich fehlt es in diefem Abfchnitt wiederum
nicht an zahlreichen Ausfällen gegen die proteftan-
tifchen Völker und ihre Miffionen, ohne die fich nun aber
einmal eine jefuitifche Berichterftattung nicht denken läßt.

Aber trotz diefer Ausftellungen im Einzelnen handelt
es fich im Ganzen doch auch hier wieder um eine recht
erfreuliche Leiftung von hohem praktifchem Wert, der
wir aus diefem Grunde auch große Verbreitung und eine
gedeihliche Weiterentwicklung wünfehen.
Esperanza, de Santa Fe. Alb. Bruckner.

Wer nicke, Ob.-Realfch.-Dir. Schuir. Prof. Dr. Alex.:
Kants kritifcher Werdegang als Einführung in die Kritik
der reinen Vernunft. (VIII, 144 S.) gr. 8°. Braun-
fchweig, J. H. Meyer 1911. M. 3.20

Diefe jüngfte Schrift des bekannten Verfaffers will
nicht fo fehr die Entwicklung des werdenden Kant er-
forfchen helfen, als vielmehr die Entftehung der Kritik
der reinen Vernunft aus beftimmten Vorausfetzungen begreiflich
machen.

Der Grundgedanke der Darlegungen ift, daß die
Kritik der reinen Vernunft (1781) aus der, indem Glaubensgrunde
der .Träume ufw.' (1766) wurzelnden .Differtation'
faft von felbft herauswächft, falls man in diefer die Gottesidee
als Erkenntnisprinzip befeitigt, wie es Kants Briet
an Herz vom 21. Februar 1772 ankündigt.

Die Refultate der verwickelten Unterfuchungen liefern
wertvolle Beiträge zum Verftändnis der Kritik der reinen
Vernunft; aber gegen die Interpretation, insbefondere der

vorkritifchen Schriften habe ich gewichtige Bedenken.

Ohne Frage hat der Verfaffer durchaus recht, mit
Energie auf fie und auf die außerkritifchen Schriften (die
von Pölitz edierten Vorlefungen über Metaphyfik, die
Handfchrift, die Reflexionen) hinzuweifen. Gewiß ift Kants
Weltanfchauung in den Werken der kritifchen Epoche nicht
voll zur Darfteilung gelangt. Allein man darf nun doch
auch nicht andererfeits alle diefe an fich zweifelsohne
intereffanten Dokumente mit den kritifchen Werken auf
eine Stufe ftellen und fie ebenfo wie die vorkritifchen
Schriften planlos zur Ableitung einer einheitlichen Weltanfchauung
benutzen. Man verftößt gegen das Gefetz der
Entwickelung und das der Entfaltung, wenn man die
vorkritifchen Schriften und die außerkritifchen Dokumente
als felbftändige Glieder des kritifchen Syftems
betrachtet.

Wiederum ift es durchaus berechtigt, in Kants Entwickelung
die Einflüffe des Pietismus energifch zu betonen
. Allein zu behaupten, ,der Glauben, der fich bei
Kant mit dem Wiffen zum Ganzen einer Weltanfchauung
verbindet, ift der von allen phantaftifchen Auswüchfen gereinigte
Glauben der deutfchen Myftik', vertaufcht doch
ohne Frage ein Extrem mit dem andern. Der Verfaffer
felber redet von der feinen Ironie der Träume; wie kann
er dann die Zweiweltentheorie in ihr für ernft nehmen.
Die Gegenüberftellung von moralifchem Glauben und
philofophifcher Erkenntnis mag zum Teil in der Natur
Kants, feiner Erziehung und feiner Entwicklung begründet
fein, im allgemeinen wird man diefen Dualismus doch
wohl richtiger auf die eigene Denkarbeit Kants zurückführen
und jene äußeren Symptome nur mehr als Rückwirkungen
der inneren Gedankenbewegung betrachten.
Die Abfage an die zeitgenöffifche Metaphyfik ift nicht
durch den Pietismus bedingt, fondern die Wirkung der
eigentümlichen philofophifchen Entwickelung. Das beweift
fchon die unbedingte Anerkennung des metaphy-
fifchen Bedürfniffes. Der Verfaffer freilich fetzt ohne
weiteres den Pietismus des 18. Jahrhunderts der allgemeinen
Myftik gleich und fleht in diefer die Befriedigung
der metaphyfifchen Bedürfniffe des Menfchen in deffen
Innern. Nun ift aber die Myftik doch hiftorifch etwas
anderes gewefen, als ein .glücklicher' Stellvertreter und
Erfatz der .unglücklichen' Metaphyfik. Kants Pietismus
fodann ift hauptfächlich ethifch orientiert gewefen und
kryftallifierte fich um den Begriff der Erbfünde ,des
radikalen Böfen ufw.' Ich kann aber beide Teile der Behauptung
des Verfaffers nicht zugeben, wenn ich auch
gern anerkenne, daß er die Aufmerksamkeit aufs neue
auf fehr wichtige aber wenig beachtete Probleme der
hiftorifchen Forichung gelenkt hat.

Jedenfalls wird man fich ftets gegenwärtig halten
müffen, daß auf Kants Gedankenbewegung Hume und
Leibniz (auch Rouffeau und die Engländer) fehr viel
ftärker eingewirkt haben, daß der Pietismus aber für Kants
Entwickelung nur die Bedeutung einer Nachwirkung hat.
Ich kann natürlich auf Einzelheiten hier nicht tiefer eingehen
i.

Der Verfaffer legt dann in einem zweiten Kapitel
die Zweiweltentheorie der Differtation dar. Schon den
Titel, vor allem aber den Inhalt deutet Wernicke eigentlich
mehr metaphyfifch denn erkenntnistheoretifch, ob-
fchon die herangezogenen Reflexionen ganz deutlich zeigen,
daß es fich nur um erkenntnistheoretifche Behauptungen
handeln kann. Im folgenden Abfchnitt fucht der Verfaffer
nachzuweifen, daß die Haupttat Kants in dem Fortfehritte
von 1770 zu 1781 die Befeitigung der Gottesidee als Erkenntnisprinzips
fei. In der Tat hat Kant befonders gegen-

1) In meiner Schrift, Kants Stellung zur Metaphyfik bis zum Ende
der 6oger Jahre (Falckenbergs Abhandlungen, Heft 7) habe ich meine
Stellung ausführlich dargelegt und begründet. Natürlich handelt es fich
in diefen Zufammenhängen nur um die Metaphyfik und nicht auch um
die Erkenntnistheorie. Meine Auffaflung von der Gefamtentwickelung
Kants wird u. a. geteilt von Bauch in feinem Kant.