Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1912 Nr. 12

Spalte:

367-369

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dor, Franz

Titel/Untertitel:

Franz Joseph Ritter von Buß in seinem Leben und Wirken geschildert 1912

Rezensent:

Vigener, Fritz

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

367

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 12.

368

wir Stückchen der Liturgie. ,Und fie umgingen den Holzftoß mit Holzfackeln
dreimal, wobei fie fagten: Ejjöhä, Ejjöhä. Diefes Ejjöhafagen
ift an zwei Tagen geziemend, einmal bei der Inthronifation eines Königs
und zum andern am Fefte des verehrungswürdigen Kreuzes'. Danach
kann jetzt das Wort Ejjöhä, das Guidi als Ijöha col. 489 nur mit Referve
aus d'Abbadie übernommen hat, als geficherter Beftandteil des amharifchen
Lexikons gelten. Vielleicht ift nur die Orthographie zu ändern.

Durch die vorftehenden Auszüge wird, hoffe ich, der
Eindruck entftehen, daß aus diefen abeffinifchen Literatur-
erzeugniffen doch etwas zu holen ift.

Daffenfen, Kreis Einbeck. Duenfing.

Dor, Franz: Franz Jofeph Ritter von Büß in feinem Leben
u. Wirken gefchildert. Mit e. Geleitswort v. Landger.-
Präs. J. A. Zehnter. (XIX, 212 S. m. 2 Bildn. u. 1 Au-
togr.) Freiburg i. B., Herder 1911. M. 2.60; geb. M. 3.20

Für den künftigen Gefchichtfchreiber des deutfchen
Katholizismus im 19. Jahrh. wird es eine wichtige Aufgabe
fein, das religiöfe und kirchenpolitifche Zufammen-
wirken von Priefterfchaft und Laientum darzuftellen. Da
die vorvatikanifche Kirche mehr Mannigfaltigkeit in der
Einheit kannte als die heutige, werden die Anfänge diefer
Arbeitsgemeinfchaft mit ihrem bunten Nebeneinander
von Gedanken und Unternehmungen dem Forfcher be-
fonderesIntereffeabgewinnen. LandfchaftlicheUnterfchiede
dürften in der Gefchichte diefer Bundesbewegung auch da
lebhaft hervortreten, wo fie fich in korrekt kirchlichen
Bahnen hält. Mindeftens nicht überall und nicht immer
ift der Klerus auf dem Wege zu diefer Allianz und in
ihr felbft der Führer gewefen; an mehr als einer Stelle
können Glieder der hörenden Kirche das Verdienft der
Initiative beanfpruchen. Dort zumal, wo der Klerus ftark
mit kirchlich-liberalifierenden Elementen durchfetzt war
oder wo die Maffe der Priefter durch Rückfichten auf
fich und andere von einer fchroffen Herauskehrung kirchlicher
Anfprüche, von fozialer und politifcher Propaganda
abgehalten wurden, da haben fich auch Laien für berechtigt
gehalten, mit Ausnutzung der Gaben des Jahres
1848 die Pflichten aktiver und aggreffiver Kirchlichkeit
zu verkünden und zagende Geiftliche zu diefen Pflichten
zu bekehren.

Die befonderen badifchen Verhältniffe boten folch
einem weltlichen Prediger kirchlicher Machtgedanken eine
dankbare Rolle. Der Freiburger Kirchenrechtslehrer Büß
hatte guten Grund, fich zu diefer Rolle berufen zu fühlen.
Er wurde (geb. 1803) in jungen Mannesjahren aus einem
radikalen Liberalen ein radikaler Ultramontaner. Ein unbequemer
Mahner für die politifch lauen Priefter, hat er
doch nicht nur die politifche fondern felbft die kirchliche
Erziehung des Klerus zu beeinfluffen geflieht. Er veröffentlichte
1852 ein umfängliches Buch über ,Die notwendige
Reform des Unterrichts und der Erziehung der
katholifchen Weltgeiftlichkeit Deutfchlands'. Das Werk,
das ich in den Arbeiten über Büß nirgend verwertet
finde (v. Schulte, Gefch. der Quellen und Lit. des canon.
Rechts 3 I, 393 nennt es nicht einmal), verdient als Pro-
grammfchrift und vielleicht mehr noch wegen feiner Zu-
ftandfchilderungen Beachtung. Das Buch gewährt lehrreiche
Einblicke in das geiftliche Bildungswefen, das Büß
,nach der Norm der Kirche und nach den Bedürfniffen
der Gefellfchaft' umgeftaltet wiffen möchte. Es ift dabei
bezeichnend, daß er zwar die allgemeine Einführung kirchlich
geleiteter Knabenfeminare für unbedingt notwendig
hält, nicht aber die der theologifchen Seminare. Er fieht
vielmehr in der Univerfität die überlegene theologifche
Bildungsanftalt, freilich in der katholifchen Univerfität
der Zukunft; die Gründung einer .freien katholifchen Univerfität
teutfcher Nation' erfcheint ihm als die dringendste
Aufgabe der deutfchen Katholiken und ihres Episkopats,
da der Staat fich nicht geneigt zeigt, die .ftiftungsgemäß
katholifchen' Univerfitäten (Büß denkt zunächst an Freiburg
i. Br.l) der Kirche zurückzugeben. Die Ausnutzung

I des .wieder erwachten kirchlichen Selbftbewußtfeins und
Machtgefühls', die kirchliche Selbsthilfe gegenüber dem
.verfinnlichten Staat', das ift der Schluß- und Grundgedanke
feines Buches, ja geradezu feiner literarifchen Tätig-

I keit überhaupt.

Seine Schriftftellerei zielt auf die Wirkung in der
Gegenwart ab. Aber er felbft hat diefe Wirkung er-
fchwert oder auch völlig unterbunden, da er fogar aktuelle
Dinge statt inBrofchüren lieber in unförmigen Büchern
behandelte, die, mit Schrecken erregender Fruchtbarkeit
produziert, von Gelehrfamkeit überfließen, ohne der Wiffen-
fchaft zu dienen. Seine Bedeutung liegt nicht in feiner
literarifchen, fondern in feiner praktifchen Betriebfamkeit,
die etwas Seelforgerlich.es und auch etwas Theatralifches
hat, die aber mit ihrer kirchlichen und politifchen Bemühung
um die katholifche Sache, mit der tätigen Purforge für
das der Kirche folgfame Volk eine fehr reale Kraft dar-
ftellt. Den katholifchen Maffen in Baden hat er die katho-
lifch-kirchlichen und die politifch-demokratifchen Ideale
in lockender Einheit hingehalten, er hat die Gläubigen
zur Aktion aufgerufen und organisiert; die rafche Ausbreitung
der Piusvereine faft über das ganze Land ift
wefentlich fein Werk. Er hat gewirkt mit einer mehr
fchlauen als feinen Diplomatie hinter den Kuliffen und
zugleich vor aller Welt mit einer volkstümlich-maffiven,
man darf fchon fagen demagogifchen Beredfamkeit, die
weniger in der Kammer als bei den Bauern im Schwarzwald
und im Hauenfteinifchen ihre Triumphe feierte —
der ganze Mann ein Condottiere der ecclesia militans,
der fchon manches vom Landsknecht an fich hat.

Die Biographie diefes Mannes wäre noch zu fchreiben.

S Beachtenswerte Beiträge bieten (1910) F. Schnabel (Der
Zufammenfchluß des politifchen Katholizismus in Deutfch-
land imj. 1848) und Bergfträßer (Studien zur Vorgefchichte
des Zentrums). Dor kennt diefe Schriften nicht, wie er
überhaupt durch Vertrautheit mit wiffenfchaftlicher Literatur
in feiner Bewegungsfreiheit wahrlich nicht gehemmt
worden ift. Aber wir wollen garnicht erft anfangen, das
Büchlein, das der 58. Katholikenverfammlung in Mainz ,in
Ehrfurcht' gewidmet ift, kritifch zu beurteilen. Wiffenfchaft-
liche Aufgaben will es nicht erfüllen; was es für die Zwecke
bedeutet, die der Verf. mit Recht ebenfo klar hervortreten
läßt, wie der Zentrumspolitiker, der es empfiehlt, mögen
andere beurteilen. Durch einige tatfächliche Mitteilungen
und durch manches von dem, was nicht Dor, fondern Büß
felbft gefchrieben hat, erhält die Schrift doch einen be-
fcheidenen wiffenfchaftlichen Wert. Etliche Briefe, die
die halb naive Eitelkeit und kindliche Selbftüberfchätzung
des Mannes bisweilen in grotesker Weife offenbaren, geben
doch mehr als bloße Selbftcharakterifierung. Ich ver-
weife auf den Brief über feine politifche Reife zum Kaifer
Franz Jofeph Ende 1848 (S. 76 ff.) und auf den freilich
etwas ärmlichen Brief von der Würzburger Bifchofsver-
fammlung (S. 105 f.). Über die Beziehungen zwifchen
Büß und Vicari erfahren wir S. 151 ff. ein paar Einzelheiten
; den erzb. Hirtenbrief vom 18. April 1854 hat bemerkenswerter
Weife der Laie Büß verfaßt, bei der Her-
ftellung eines Hirtenbriefes aus der Zeit des Schulftreites
von 1864 hat er mindeftens mitgewirkt. Daß Büß mit
Louis Veuillot und mit dem Schwiegerfohne Montalem-
berts ,feit Jahren in Briefwechfel ftand und innig befreundet
war', wird S. 153 (zum J. 1854) erwähnt. Mehr
erfahren wir über diefen Briefwechfel nicht. Sollten die
Briefe noch vorhanden fein, fo dürfte fich ihre Veröffentlichung
wohl lohnen.

Der durch das Buch felbft gerechtfertigte Verzicht
auf Einzelkritik darf mich von einer Feftftellung nicht
abhalten. Es ift gewiß erfreulich, inmitten von mattem,
bisweilen fchlechtem Zeitungsdeutfeh einmal einige Zeilen
zu finden, die durch Inhalt und Tonfülle in eine andere
literarifche Sphäre weifen. Aber felbft auf die Gefahr
hin, die literarifche Bildung des Leferkreifes der Dächen
Schrift zu unterfchätzen, möchte ich bemerken, daß der