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Ausgabe:

1912 Nr. 12

Spalte:

362-363

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seuse, Heinrich

Titel/Untertitel:

Seuse‘s deutsche Schriften. 2 Bde 1912

Rezensent:

Clemen, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 12.

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vorliegender Deutungen zu einer vorläufigen, mehr negativen
Begriffsbeftimmung empor, die dann unter 2. die Grundzüge
des johanneifchen Wahrheitsgedankens
genauer präzifiert wird (d/L. = Wirklichkeit, = Wahrheit,
der Gegenfatz zur Wahrheit, der religiöfe Charakter der
Wahrheit). Der Vollinhalt kommt unter 3. Jefus die
Wahrheit zum Austrag, wo mehr als die Stelle 14,0
behandelt wird, in zweiter Linie auch unter 4. der Geift
der Wahrheit, um dann unter 5. die Erkenntnis der
Wahrheit nach feiten der fubjektiven Ausgeftaltung voll-
ftändiger als unter 1. befchrieben zu werden (Begriff der
Erkenntnis, Wirkung der Wahrheitserkenntnis, Wahrheit
und Gemeinfchaft), was durch 6. infofern noch ergänzt
wird, als für das Sein aus der Wahrheit das Vorhandenfein
einer dualiftifch-determiniftifchen Anfchauung
auffallenderweife beftritten, aber ,der tathafte Charakter des
Seins aus der Wahrheit' (wie fchon beijefus felbft) betont wird.
Die Ausführung fteht alfo unter der Devife und lenkt
durchweg in die Spuren des oben herausgeftellten Wefens-
begriffs, der auch an folchen Stellen gefunden wird, die
über den näheren Inhalt tatfächlich nichts befagen, wie 4,23 f. I
(mit fälfchlicher Hinzufetzung des Artikels S. 46. 48).
Der Wahrheit eigne wie anderen, perfönlichen Bezeichnungen
,ontologifche Realität' (S. 53; vgl. über Spekulation
beiJohannesS.20gegenS.i4,auch79). SoftehenWahrheits-
befitz, wirklich erfahrene Wahrheit, und auf der anderen
Seite' Gotteserkenntnis als hauptfächlicher, wenn auch
nicht einziger, Inhalt des Wahrheitsbewußtfeins obenan.
Aber Verfi&kann nicht leugnen, daß die vorkommenden
Kriterien der Wahrheit das johanneifche Wahrheitsbewußt-
fein auch von einer rein formalen Seite zeigen (S. 56 f.).
Das kommt in der Anlage des Ganzen nicht zum genügenden
Ausdruck, weil von einer Vorführung der Begriffs-
phänomenologie auf breiterer, einfach logifcher Grundlage
(mag auch Joh. wenig genug davon verraten S. 57) aD-
gefehen wird. Diefe mußte an dem Anfange ftehen und
hätte eine ftrenger ftufenmäßige Gliederung der Begriffsanwendungen
als unter 2. von felbft ergeben, auch dazu
geführt, die Bedeutung und Anwendung des Hauptbegriffs
im Verhältnis zu den anderen g>ä>c und t,mr} ftärker zu
klären (der Schlußfatz auf S. 143 befagt nichts;. Manches
zwifchen der Behauptung des bloß Tatfächlichen und dem
Hauptbegriff Liegende (objektive Wahrheit mit dem
Akzent der fittlichen Behauptung und fittliche Wahrheit,
Wahrhaftigkeit, auch Treue) wäre dann mehr zu feinem
Rechte gekommen. Daneben foll nicht geleugnet werden,
hätte vielmehr ausdrücklich hervorgehoben werden können,
daß auch an folchen Stellen gelegentlich der höhere Sinn
mitklingt. Über das unmittelbare Wahrheitsbewußtfein
des Menfchen, das Jefus vorausfetzen muß (S. 59. 61. 133),
und die dadurch eröffnete religionsgefchichtliche Perfpek-
tive hätte man gern von dem Verf. noch Näheres erfahren,
der über die Verbindung des Gefchichtlichen und Über-
gefchichtlichen in Jefus beim vierten Evangeliften zutreffende
und überzeugende Ausführungen gegeben hat.

Betheln (Hann.). E. Hennecke.

Schroeter, Dr. Johannes: Plutarchs Stellung zur Skepsis.

(Abhandlungen zur Gefchichte des Skeptizismus. Hrsg.
v. A. Goedeckemeyer. Hefti.) (III, 64S.) gr.8°. Leipzig,
Dieterich 1911. M. 2 —

Teil I behandelt Plutarchs Verhältnis zur Skepfis,
befonders in der Erkenntnislehre, die Beziehungen zur
gyrrhonifchen (ihm fchwerlich aus erfter Quelle) bekannten
Skepfis und zu ihrem Erneuerer Ainefidemos, zu den
Akademikern Arkefilaos und Karneades. Plutarchs Anschluß
an Karneades in feinem Kampfe gegen den
Dogmatismus wird S. 38fr. nur geftreift, f. v. Arnim,
Stoic. Fragm. I, S. X ff, Chrift. Schmid II, 5 376 In der
Aufftellung der owr/dna als Kriterium (S. 28) hat Plu-
tarch auch fkeptifche Vorläufer gehabt, f. Wilkes Ausgabe
des Polyftratos S. XVII. Die Abhängigkeit von
Cicero, die der Verf. für wahrfcheinlich hält, fcheint mir
ausgefchloffen.

Teil II behandelt Plutarchs Offenbarungsphilofophie,
die fich auf die fkeptifchen Vorausfetzungen gründet.
Die Überficht des Materials ift auch hier nützlich und
auch für den Theologen von Intereffe. Aber der ge-
fchichtliche Zufammenhang ift fchwerlich richtig erfaßt,
wenn die theologifchen Spekulationen Plutarchs wefent-
lich vom Juden Philon und aus Piatonlektüre abgeleitet
werden. Die Gründe für die Benutzung Philos find ganz
fadenfcheinig. Der Verf. felbft (teilt den Grundfatz auf, daß
Gedanken, die fich auch an dritter Stelle finden, außer
acht zu laffen feien. Aber er kennt nicht die neueren
Arbeiten (Heinze, Schmertofch), die den Zufammenhang
der Plutarchifchen Theologie mit Xenokrates und Pofei-
donios erweifen. Und er vergleicht Philos myftifche
Stimmungen, feine Ausfagen über Ekftafe und Einigung
mit der Gottheit, ohne den Beweis feiner Abhängigkeit
von Pofeidonios zu kennen (f. meine Kultur 2 S. 207).
Er behauptet vielmehr S. 53, von einer gemeinfamen
Quelle fei nicht das Geringfte bekannt. Nur in einem
Zitat Windelbands S. 42 kommt der Zufammenhang
mit der mächtig anfchwellenden religiöfen, feit Pofeidonios
diePhilofophie durchdringendenStimmungzum Ausdruck
, wie ich ihn Kultur 2 S. 134fr. 159fr. gefchildert habe.

Göttingen. Paul Wendland.

Seitz, Prof. DD. Anton: Cyprian u. der römifche Primat

oder Urchriftliche Primatsentwicklg. u. Hugo Kochs
moderniftifches Kirchenrecht. Eine dogmengefchichtl.
Apologie nach krit. Methode. (VIII, I52S.)8°. Regensburg
, Verlagsanftalt vorm. G. J. Manz 1911. M. 3—
Koch, Hugo: Die ,kritifche Methode' des Münchner Apologeten
Anton Seitz. Eine Probe kathol. Univerfitäts-
theologie nach dem Modernifteneid. (64 S.) gr. 8°.
Frankfurt a. M., Neuer Frankfurter Verlag 1911. M. 1.20

Kochs Studie über Cyprian und den römifchen Primat
, über die wir in diefer Zeitung 1910, Sp. 486—4S9,
ausführlich referierten, hat Anlaß zu fachkundiger Nachprüfung
und zu gereizter Polemik gegeben. Jene ift noch
nicht abgefchloffen, diefe ift in der oben genannten
Schrift von Seitz zu häßlichem Ausdruck gekommen.
Man wird es uns nicht verübeln, daß wir diefer Schrift
als bloßem Pamphlet keine Aufmerkfamkeit fchenken.
Koch hat feinen Gegner derb, gelegentlich faft zu derb
abgefertigt. Nach allem, was vorangegangen war, läßt
fich das verftehen. Eine Förderung der Debatte erwarten
wir doch erft von Kochs noch ausftehender Antwort auf
die Einwände von Chapman, Ernft u. a. gegen feine
Studie. Erft wenn fie vorliegt, gedenken auch wir auf
die Frage zurückzukommen.

Gießen.___ Guftav Krüger.

Seule's, Heinrich, deutfehe Schriften. Übertragen u. eingeleitet
v. Walter Lehmann. 2 Bde. (LH, 172 u. 217
S. m. 19 Abbildgn.) 8°. Jena, E. Diederichs 1911.

M. 10 — ; geb. M. 13 —

In jedem der letzten vier Jahre ift eine Seufe-Ausgabe
erfchienen: 1908 die populäre Auswahl von W. v. Scholz,
1909 die grundlegende textkritifche Gefamtausgabe von
L. Bjhlmeyer, 1909 wieder eine populäre Auswahl von
W. Ohl, endlich 1911 die vorliegende Ausgabe von W.
Lehmann, enthaltend das Exemplar Seufes, d. h. feine
Autobiographie, das Büchlein der Wahrheit, das Büchlein
der Ewigen Weisheit und das kleine Briefbüchlein, ferner
von den vier Predigten, die von S. überliefert find, die
beiden zweifellos von ihm (lammenden, endlich anhangs-
weife das Minnebüchlein, mit deffen Aufnahme der Her-

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