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Ausgabe:

1912 Nr. 12

Spalte:

359-360

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Erbt, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Das Markusevangelium 1912

Rezensent:

Dibelius, Martin

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359

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 12.

360

Erbt, Wilhelm: Das Markusevangelium. Eine Unterfuchg.
über die Form der Petruserinnergn. u. die Gefchichte
der TJrgemeinde. (Mitteilungen der Vorderafiat. Gefell-
fchaft. 16. Jahrg. 1911. 1. Heft.) (VIII, 64 S.) gr. 8°.
Leipzig, J. C. Hinrichs 1911. M. 2 —

Den Ausgangspunkt der Unterfuchung bildet die
Vermutung: Markus ,muß' feiner Erzählung ein Schema
zugrunde gelegt haben (S. 4). Wenn der .Presbyter' bei
Eufebius K.G. III, 39,15, wenn ferner Lukas, deffen Prolog
offenbar auch im Blick auf Markus gefchrieben ift,
Reihenfolge und Ordnung bei Markus vermiffen, fo beweift
das nur, daß man ,in den helleniftifchen Kreifen
das Schema, das Markus feiner Erzählung zugrunde gelegt
haben muß, nicht mehr herausgefühlt hat'. Markus
ift ein Morgenländer; das Morgenland muß auch fein
Schema geliefert haben. Er brauchte nicht eine Datierung
der einzelnen Gefchichten zu geben; dem Orientalen
bot fich ein andrer Weg dar, die Ereigniffe kalendarifch
aufzureihen: er brauchte nur die Gefchichte mit aftralen
Motiven auszuftatten.

Nach einer einleitenden Betrachtung diefes Inhalts
macht Erbt fich auf die Suche nach den Kalendermotiven
im Markus. Und findet fie. Ich verfuche den erften
Teil feiner Refultate zu fkizzieren, möchte aber zuvor
betonen, daß ich wohl die Ergebniffe nennen, nicht aber
die — in Erbts Sinn beweifenden — Motive vollftändig
regiftrieren kann.

1. Monat Tebet: Johannes der Täufer entfpricht dem
Winterfonnenwendepunkt (Kleidung, Honig; Geift und
Waffertaufe=Sommer- und Winterfonnenwende). 2. Sabat:
Der Frühjahrsgott kommt durchs Waffer (Jefus bei der
Taufe) und kämpft mit dem Winter (Verfuchung). 3. Adar
(Sternbild des Fifches, Purimfeft-Tag der Ämterverteilung
) : Fifcher werden zu Jüngern Jefu berufen. 4. Nifan:
An des Frühlingsgottes Kampf mit Tiämat wird mit
der Dämonenaustreibung erinnert. 5. Ijjar: Der Sohn
des Menfchen-Marduk, Sohn des Ea, der (nach Winckler)
,Gott Menfch' ift. Die Erzählung vom Gelähmten entfpricht
dem Sternbild des großen Bären. 6. Monat
Siwan, der Sin geweiht ift: In der Erzählung vom
Fallen der Johannesjünger finden fich Mondmotive, eben-
fo im Bildwort vom neuen Lappen auf dem alten Kleid:
,Der Lichtmond läßt fich vom Schwarzmond nicht halten'.

7. Tammuz: Das Erreichen des Nordpunktes, von dem
aus ein Herabfteigen erfolgt, wird angedeutet in den
Gefchichten von der Sabbathverletzung (Sabbath bezeichnet
nach Winckler das Erreichen des Nordpunktes) und
von dem Todesbefchluß der Pharifäer und Herodianer.

8. Monat Ab: Tierkreiszeichen Löwe, Hauptftern des
Löwen der regulus, der Königsftern. Jefus wählt die
12 Apoftel; ,das ift feine Königstat'. 9. Monat Elul, der
Istar vgeweiht: fiehe die Mutter Jefu Mk 3,20ff. 10. Tisri;
Gott Samas, der Schiffer des Himmels: Jefus im Schiff.
Die Fahrt zu den Gerafenern ift eine Höllenfahrt.
11. Marheswan, Gott Marduk: jacir ,er wird erwecken'
= Jairus. Die zum Marduk gehörenden .Erweckungs-
und Hochzeitsmotive' find wenigftens angedeutet; denn
auf die Erweckung der Tochter des Jairus folgt: ,er
fagte, man folle ihr zu effen geben" ,An die Erweckung
fchließt fich urfprünglich das Hochzeitsmahl.' 12. Kislew:
Gott Nergal, dem in den Mythen der Balkenmann entfpricht
: die Leute von Nazareth wollen in Jefus nur den
Zimmermann fehen.

Diefe Beifpiele mögen genügen. An diefes erfte
Jahr reiht fich nun nach Erbt das zweite (von der Aus-
fendung bis zur Todesweisfagung); dann folgen die erften
Monate des dritten; die letzte Gefchichtengruppe fällt
in den Nifan.

Wer in die Myfterien der altorientalifchen Weltan-
fchauung eingeweiht ift, wird wahrfcheinlich den Gedanken
von vornherein für fehr plaufibel halten, daß dem
Markusevangelium eine Art Kalender zugrunde liegt.

Wer wie ich diefer Auffaffung von Gefchichte und Ge-
fchichtsfchreibung als ein unverbefferlicher Idicorrjq gegen-
überfteht, wird zu Erbts Konftruktion den Kopf fchütteln,
und wird fich höchftens hier und da einmal fragen, ob
die von Erbt beigebrachten Motive zur Aufhellung mythi-
fcher Züge in den evangelifchen Erzählungen dienen
könnten. Von der Anfchauung, der Erbts Voraus-
fetzungen entflammen, ift in diefer Zeitfchrift fchon fo
ausführlich die Rede gewefen, daß ich mir eine prinzipielle
Erörterung wohl fparen kann. Von den Kon-
fequenzen, die Erbt aus feiner Unterfuchung u. a. auch
für die Gefchichte der Urgemeinde (Ablöfung des Petrus
von der Leitung der Urgemeinde S. 51 ff.) zieht, möchte
ich nur die eine hervorheben, die den literarifchen Charakter
des Markus betrifft: ,Da wird nicht etwa eine
Blinden-, Taubftummen-, Lahmenheilung oder Dämonenaustreibung
, eine ftürmifche Seefahrt, eine Speifung in
der Wüfte ufw. als ein bemerkenswerter Vorfall aus Jefu
Leben erzählt; fondern das find befondere Stationen der
Laufbahn, die dem Lefer Ähnliches fagen follen, als wenn
man ihm etwa von der Sonne berichtete, fie ftände auf
ihrer Bahn in diefem oder in jenem Tierkreisbilde' (S. 55).

Es ift nicht meine Abficht, diefe Anfchauung vom
Markusevangelium hier im Sinne der wiffenfchaftlichen
Polemik zu /widerlegen'. Denn wo die Kluft fo groß ift,
erfcheint jeder Verfuch eine Brücke zu fchlagen — auch
wenn fie nur der kriegerifchen Begegnung dienen follte
— vergeblich.

Berlin. Martin Dibelius.

Büchlei, Lic. F.: Der Begriff der Wahrheit in dem Evangelium
u. den Briefen des Johannes. (Beiträge zur Förderung
chriftl. Theologie. XV. Jahrg., 1911, 3. Heft.) (144 S.)
8°. Gütersloh, C. Bertelsmann 1911. M. 2.80

Die einzigartige und bedeutfame Stellung der .Wahrheit
' im vierten Evangelium rechtfertigt, auch bei der
verhältnismäßig nicht großen Zahl der einfchlägigen Stellen,
das Erfcheinen einer befonderen Monographie, über deren
Tüchtigkeit innerhalb der Serie man fich im allgemeinen
freuen darf. Verf. befchränkt freilich feine Unterfuchung
auf die johanneifchen Ausfagen felbft, ohne Hinzunahme
der .Vorgefchichte', m. E. nicht zum Vorteil feiner Arbeit.
Es würde fich fonft z. B. ergeben haben, daß die von ihm
in der Hauptfache ,als etwas Lebendiges, Wirkfames,
Wefenhaftes' (S. 50) beftimmte Wahrheit des Johannes in
diefer fubftanziierten Prägung, d. h. ohne nähere, wenn
auch gegenfätzliche, Beftimmung, weniger oder kaum bei
Paulus, mehr aber in den fogen. Paftoralbriefen und bei
Späteren fich findet, und er würde auch nicht die fubjektive
Richtung der unleugbar altteftamentlich gegründeten Aus-
fage 1, 14. 17 beftritten haben. Vielleicht bringt die von
ihm angekündigte fpätere Unterfuchung (S. 8) in diefer
und anderen Beziehungen Ergänzungen und Richtig-
ftellungen. Zum Vorteil gereicht es diefer Arbeit, daß
fie auf die Stellung Rückficht nimmt, die der Wahrheitsgedanke
im Ganzen der johanneifchen Theologie einnimmt
(S. 9), und demzufolge auch das angrenzende, verwandte
Begriffsmaterial mitzubeftimmen unternimmt (vgl. am
Schluß über den Begriff des Lichts). Auch die Charakte-
rifierungen der eigentümlichen Art der johanneifchen Darfteilung
(S. 9. nfi 63. 79. 91. 114h) zeugen von eindringendem
Verftändnis. Es ift gut, wenn neben den literarifchen
Unterfuchungen über die Zufammenfetzung des vierten
Evangeliums, die den Blick für das vorhandene Gemein-
fame in den etwa noch erkennbaren Schichten fall er-
fchweren, durch derartige Arbeiten, dieaufdenQuerfchnitt
angelegt find, die Einheitspunkte nach Möglichkeit heraus-
geftellt werden.

Mehr Bedenken hätte ich gegen die Anlage zu erheben
. Unter I. wird der Stand der exegetifchen
Arbeit behandelt. Hier klimmt Verf. auf den Staffeln