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Ausgabe:

1912 Nr. 11

Spalte:

346

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sydow, E.

Titel/Untertitel:

Kirchenzucht. Mit besonderer Berücksichtigung der in der ev. Landeskirche Preußens geltenden Bestimmungen 1912

Rezensent:

Eger, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. II.

346

Nach diefen zwei Arbeiten, die ex professo den Begriff
der Perfönlichkeit behandeln, habe ich Naumanns
,Geift und Glaube' gelefen, weil unter den hier gefam-
melten Auffätzen verfchiedene eben diefem Thema gewidmet
find. Es find das die Auffätze der zweiten
Reihe: ,die Selbfterhaltung des Ich' (S. 97—113), ,Kultur'
(S. 113—H6), ,die Erziehung zur Perfönlichkeit im Zeitalter
des Großbetriebs' (S. 116—137), ,Eine Traurede'
(S. I37—J43), ,die Moral der Maffe' (S. 143—158). Mit
ungeteilter dankbarer Bewunderung habe ich diefe 5 Auffätze
gelefen; fie lind nicht alle gleichwertig, find aber
alle wertvoll, bringen eine Fülle feiner und großer Gedanken
in der anfchaulichen, bildvollen, wuchtigen Sprache
diefes Künftlers deutfcher Rede. Z.B. die Moral der Maffe!
Hier unterfucht Naumann, wie die Maffe dazu kommen
kann, Perfönlichkeitswert zu erleben. Ihr fehlt die Moral
der Erbfchaft, d. h. das fichere Wertgefühl und
Pflichtgefühl, wie es aus einem ererbten Grundbesitz
oder Gewerbe oder Gefchäft erwächft; ihr fehlt auch die
Moral der freien künftlerifchen Ausbildung (die
Moral unferer gebildeten Oberfchicht). Helfen könnte
ihr die Moral des religiöfen Glaubens, fie hilft ihr
auch zu Perfönlichkeitswerten; freilich in England und
Amerika viel beffer als bei uns. Die Moral unferer
Kirchen ift noch zu weit hinter den wahren Bedürfniffen
unferer Zeit zurückgeblieben, wenn fie wefentlich Geduld,
Ergebung und die kleinen Nützlichkeiten eines patri-
archalifchen Syftems predigt. Auch die Moral des alten
Liberalismus mit feinem: ,Hilf dir felbft' hat verfagt;
fo hat fich die Maffe der .neuen Moral' der Sozialiften
in die Arme geworfen. Und doch ift der Optimismus
des Glaubens an den ethifchen Wert der Uniformierung
der Menfchen unberechtigt. — Geht durch diefen Auffatz
ein refignierter Zug — ein dunkles Problem wird aufgeworfen
, nicht gelöft — fo erfreut die Unterfuchung
über die Erziehung zur Perfönlichkeit im Zeitalter
des Großbetriebs durch ftarke Betonung des
frohen Glaubens, daß auch diefer Großbetrieb Menfchen
von intellektueller und ethifcher Qualität, nicht bloße
Mafchinen, dringend braucht. Andererfeits wieder wie
liebevoll werden in der Traurede die Stufen der Menfch-
werdung von der Kindheit bis zur Ehe gefchildert (nebenbei
mit welcher Kunft ift hier der 126. Pfalm individua-
liftifch verwertet!).

Auch die beiden anderen Reihen bringen hier und
da noch manchen Beitrag zu dem großen Thema der
Perfönlichkeit, wenn fie auch anderen Gegenftänden gewidmet
find. Die erfte Reihe ift überfchrieben: Glaube
und Fortfehritt

Ihre Themata find: i. Liberalismus und Proteftantismus (der poli-
tifche L. braucht den religiöfen L., um über den bloßen Nützlichkeits-
ftandpunkt hinauszukommen). 2. Kirche, Bibel und Freiheitsgeift.
3. Chriftentum und Verkehrsleben. 4. Das Produkt der Verhältnifie.
5. Der Fortfehritt in der Menfchheit (ein fchöner Proteft gegen äußere
Maffenkultur und egoiftischen Individualismus). 6. Das Volk der Denker.
7. Die Schönheit des alten Glaubens (die Überfchrift kann leicht irre
führen: denn nicht die innere Schönheit des alten Glaubens wird gefchildert
, fondern die äußere Formenfchönheit des alten Kirchenwefens
und feine Scheu vor der Wahrheit). 8. Die Verurteilung Jathos (die
Aufnahme diefes Stückes mit dem Vorwurf der .Gottlofigkeit' und ,Bos-
heit' gegen Jathos Richter werden hoffentlich viele Lefer bedauern).

Die 3. Reihe trägt die Überfchrift: Glaube und
Staatsmacht.

Ihre Themata find: 1. Erzwungener Religionsunterricht. 2. Der
Streit der Konfeffionen um die Schule. 3. Glaube und Herrfchaft.
4- Staat und Kirche im Lauf der Gefchichte.

. Naumann kämpft hier mit einem Eifer, deffen Ehrlichkeit
und Optimismus den Lefer ergreifen, der aber nach
meiner Auffaffung nicht genügend nüchtern-praktifch und
nicht immer ganz gerecht ift, gegen die Verquickung
von Staatlichem und Kirchlichem, insbefondere für fakultativen
Religionsunterricht in den öffentlichen
Schulen und für die Simultanfchule. Seine Gründe
und alle fehr ernfthaft und gewichtig, aber die Gegengründe
Rheinen mir nicht genug gewertet.

Die in diefem Buch gefammelten Auffätze find alle
fchon, an verfchiedenen Orten, gedruckt gewefen; aber
wir find erfreut und dankbar, daß fie uns hier in fchöner
Überficht von neuem vorgelegt find. Auch wer nicht
allem zuftimmt, follte, mit einer leifen Veränderung des
Sinnes der Buchüberfchrift, fagen: es ift ein Buch voll
Geift und Glauben.

Hannover. Schuft er.

Sydow, Paft. E.: Kirchenzucht. Mit befonderer Berück-
fichtigung der in der evang. Landeskirche Preußens
geltendenBeftimmungen. (88S.) 8°. Gütersloh, C.Bertelsmann
1910. M. 1.50

Nach einem knappen Uberblick über die gefchichtliche
Entwicklung der Kirchenzucht fkizziert P. den gegenwärtigen
Rechtszuftand in Preußen, der kirchengefetz-
liche Zuchtmaßnahmen nur bei Verfäumnis beftimmter
kirchlicher Pflichten (Taufe, Trauung etc.) kennt, im übrigen
nur noch die etwa in den Gemeinden vorhandene Obfer-
vanz anerkennt. Das Recht und die Pflicht der evan-
gelifchen Kirche zur Zuchtübung wird unter Berufung
auf das Neue Teftament mit Entfchiedenheit behauptet;
ihr Zweck muß die Befferung des Frevlers und die Wahrung
der Heiligkeit der Kirche fein. Eine kirchengefetzliche
Ausdehnung der Zuchtübung über die Verletzung kirchlicher
Pflichten hinaus wird erftrebt, jedenfalls aber Aufrechterhaltung
der in einer Gemeinde beftehenden Obfer-
vanz verlangt. Übrigens will S. keine allgemeinen, überall
gleichmäßig anzuwendenden Zuchtbeftimmungen vorge-
fchrieben haben; das Gemeindegewiffen reagiert auf die
gleichen Delikte fehr verfchieden, auch wirken die Zuchtmittel
bei den einzelnen Individuen fehr verfchiedenartig.
Auch ift nicht eine Verfchärfung der Zuchtmittel zu
erftreben, fondern eine Wiederbelebung und Vertiefung
auf biblifcher Grundlage und im biblifchen Geift. Um
die Bekehrung des Sünders zu erreichen, darf die Zuchtübung
ftets nur die letzte Konfequenz der Seelforge fein.
Als Zuchtorgan ift der Gemeindekirchenrat am geeignetften;
nur fo ift die nötige Differenzierung möglich, anderfeits
der Mißftand einer Zuchtübung des einzelnen, des Pfarrers,
vermieden.

Manches von dem, was der Vf. wünfeht, ift in ge-
fchloffenen ländlichen Gemeinden mit ungebrochener
kirchlicher Sitte ganz zweckentsprechend und auch prak-
tifch durchführbar. Was aber in unkirchlichen Gemeinden,
in ftädtifchen Gemeinden überhaupt, kirchenzuchtlich ge-
fchehen kann, darüber gibt die Schrift keinerlei Auskunft.
Statt den Oberfatz aufzustellen: Kirchenzucht muß um
des Neuen Testaments willen fein, und dann eine Abstufung
diefer Zucht nach der Verfchiedenheit der Gemeinden
und Individuen, damit die Zucht wirklich ihren
Zweck erreicht, zu statuieren, wäre Vf. für Beantwortung
des praktifchen Problems fruchtbarer von der Frage
ausgegangen, inwiefern unfere gegenwärtigen landes-
kirchhchen Gemeinden Subjekt und ihre fehlenden Glieder
Objekt einer heilfam wirkenden Kirchenzucht zu werden
geeignet find. Die Antwort wäre dann jedenfalls gewefen,
daß für die Ausdehnung der eigentlichen Kirchenzucht
über das in manchen Gemeinden noch von früher her
obfervanzmäßig festgehaltene Maß hinaus z. Z. die Vor-
ausfetzungen völlig fehlen; dafür ift die Mehrzahl unfrer
Gemeinden zu fehr der Kirchenzucht entwöhnt, außerdem
viel zu fehr desorganifiert. Ohne feste Basis im Ge-
meindebewußtfein können heilfame Zuchtmaßregeln weder
vorgefchrieben noch geübt werden. — Daß Vf. die Be-
fchränkung der kirchengefetzlichen Zuchtvorfchriften auf
Fälle der Verletzung kirchlicher Pflichten bedauert, ift
wohl zu begreifen; man hätte die Reaktion gegen folche
Übertretungen der äußeren Kirchenordnung lieber nicht
,Kirchenzucht'nennen follen. In Heffenhatman den Ausdruck
bei Regelung der gleichen Materie gefliffentlich vermieden.
Friedberg i. H. K. Eger.