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Ausgabe:

1912 Nr. 11

Spalte:

335-339

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wotschke, Theodor

Titel/Untertitel:

Geschichte der Reformation in Polen 1912

Rezensent:

Völker, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 11.

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der Kirche und als den Förderer der abendländifchen
Bildung.

Wenn man das fo komponierte Buch durchgelefen
hat, fo hat man ungefähr den Eindruck, den das Denkmal
des Königs Friedrich Auguft auf dem Königsplatz
in Leipzig macht: ein Riefenfockel und darauf eine im
Maaße zu klein genommene Figur. Doch will ich darüber
nicht mit Kampers rechten. Er hat nur den Beweis geliefert
, daß eine Weltgefchichte in Charakterbildern undurchführbar
ift. Wer den Lauf einer Idee durch die
Gefchichte anfchaulich machen will, muß die Bande
fprengen, in die der Zeichner eines Charakterbildes eingeengt
ift.

Bedenklicher bin ich gegen die Darftellung, die Karl
bei Kampers findet, von einem anderen Gefichtspunkte
aus. Kampers bemerkt in der Vorrede, fein Buch biete
nichts wefentlich Neues. Das ift richtig. Wer feine
Schrift über die deutfche Kaiferidee kennt, wird durch
die in dem jüngeren Werke ausgefprochenen Gedanken
nicht überrafcht: es ift das gleiche Metall in verfchiedener
Prägung. Aber vergleicht man die beiden Bücher, fo
vermag ich fie einander nicht gleich zu ftellen: dort eine
klar gefaßte Aufgabe, die Gefchichte einer Idee; hier die
Gefchichte der realen Welt in Verbindung gefetzt mit
der Entwickelung einer Vorltellung. Durch diefe Aneinanderreihung
ift das Mißverftändnis nahe gelegt, das
Kaifertum Karls fei die reife Frucht der Entwickelung
des Kaifergedankens gewefen. Aber ift es wahr, daß
Leo III. als ,der Hüter der imperialen Idee' Karl, wie
Kampers fagt: ,den großen barbarifchen Volkskönig' zum
Kaifer krönte? Ich fürchte: hier find die Perfonen und
der Vorgang in ein völlig falfches Licht gerückt.

Noch in anderer Hinficht fcheint mir das jüngere
Werk kein Fortfehritt dem älteren gegenüber: Kampers
vermag eindrucksvoll zu reden. Aber indem er ,für die
weiteren Kreife der Gebildeten' zu fprechen unternahm,
hat er das Maß für die Wahl der Töne verloren: er
fteigert fie fo, daß fein Stil der Ruhe entbehrt; er wirkt
befonders durch die Häufung der Superlative bunt: einem
Lefer, der es liebt fich das vorzuftellen, was er lieft,
heißt es doch zu viel zugemutet, wenn er fich beim Lefen
einer einzigen Seite dreimal die Unendlichkeit vorftellen
foll, die man fich überhaupt nicht vorftellen kann. Tadel
verdient die Auswahl der Abbildungen: was hat S. Co-
ftanza und S. Clemente, der Kamm und das Fächerfutteral
der Königin Theodelinde, oder auch eine Landfchaft von
Jan van Goyen mit Karl d. Gr. zu tun? Es wird nachgerade
Zeit, daß die Schriftiteller fich dagegen wehren,
daß die Verleger ihre ernfthaften Werke zu willkürlich
zufammengefetzten Bilderbüchern machen.

Leipzig. Hauck.

Wotfchke, Pfr.Lic.Dr. Theodor: Gefchichte der Reformation

in Polen. (Studien zur Kultur u. Gefch. der Reformation,
hrsg. vom Verein f. Reformationsgefchichte. 1. Bd.)
(XII, 316 S.) gr. 8°. Leipzig, R. Plaupt 1911.

M. 4.80; geb. M. 6 —

Mit feiner Gefchichte der Reformation in Polen tritt
W. in eine merklich empfundene Lücke der Kirchen-
gefchichtsforfchung. Spezialunterfuchungen über den
polnifchen Proteftantismus häufen fich gerade in den
letzten Jahren, die zufammenhängenden Darftellungen
laffen fich hingegen an den Fingern einer Hand abzählen.
Eine Gefamtgefchichte des Proteftantismus in Polen auf
der Höhe der Forfchung befitzen wir überhaupt nicht
In diefer Beziehung ift der nunmehr bald 80jährige hi-
storical sketch of the rise, progress and decline ol the
reformation in Poland von W. Krafinski (1838/40) — v.
Paul Lindau 1841 ins Deutfche übertragen — noch immer
nicht überholt. Die vor fieben Jahren erfolgte Überfetzung
desfelben ins Polnifche beweift dies. Um die eigentliche

Reformationsgefchichte ift es nicht beffer beftellt. Die
archivalifch gründliche bis 1577 reichende Arbeit des Ruffen
Liubowicz und das zweibändige ultramontane Zerrbild
des Polen Bukowski, beide vor nahezu einem Vierteljahrhundert
abgefaßt, find die letzten quellenmäßigen, der
heutigen Forfchung längft nicht mehr genügenden Darftellungen
der evangelifchen Bewegung in Polen. Die
fpäteren Verfuche von Fifcher, Koniecki und Kraufe
bringen die Forfchung nicht weiter. Von hier aus bemißt
fich die Bedeutung des Wotfchkefchen Buches. In
der deutfehen Kirchengefchichtsforfchung die erfte wiffen-
fchaftlich brauchbare zufammenhängende Gefchichte der
polnifchen Reformation, in der allgemeinen nach einem
längeren Stillftand wieder einmal ein bedeutfamer Schritt
nach vorwärts. Die über ein Dezennium fich erftreckenden
gründlichen Vorarbeiten W.'s erhöhen den Wert des
Werkes. Bemerkenswerte Geftalten und wichtige Epifo-
den aus Polens, befonders Pofens proteftantifcher Vergangenheit
hat W. unter Erfchließung eines reichen
Quellenmaterials — es fei nur an feinen Briefwechfel
der Schweizer mit den Polen erinnert — in feinen bisherigen
Unterfuchungen klargeftellt. Nun verbindet er die
Einzellinien zu einem Gefamtgemälde der evangelifchen
Bewegung in Polen von den Anfängen bis zur Sendomirer
Union i57°- Die vielen Originalzüge in diefem Gemälde
verdeutlichen den Fortfehritt, den die polnifche Refor-
mationsgefchichtsforfchung Wotfchke verdankt.

Seinen Stoff gliedert W. in drei Bücher: 1) Die Reformation
unter Sigismund I bis 1548, 2) unter Sigismund
Auguft bis zum Petrikauer Reichstag 1555, der den öffentlichen
evangelifchen Gottesdienft und die Priefterehe freigab
, und 3) bis zur Sendomirer Union 1570. Anders
ausgedrückt: 1) die Zeit der erfchwerten Propaganda,
2) des Kampfes um die Duldung, 3) der Duldung.

Die Reformationsgefchichte unter Sigismund I wird
gekennzeichnet einerfeits durch die rafche Verbreitung
evangelifcher Gedanken, zunächft unter den deutfehen
Städtern, hernach unter dem polnifchen Adel, und anderer-
feits durch die Gegenmaßregeln von Staat und Kirche.
Studenten und Kaufleute verpflanzen die reformatorifche
Erregung nach Polen, die evangelifch Gefinnten vermeiden
noch den offenen Bruch mit der alten Kirche; im
Stillen bereiten aber die Prädikanten den Abfall weiter
Kreife vor. Herzog Albrecht von Preußen, der prote-
ftantifche Lehensmann der polnifchen Krone, verflicht
durch die zu diefem Zwecke gefchaffene polnifch-luthe-
rifche Erbauungsliteratur auf die breite Maffe des Volkes
evangelifatorifch einzuwirken. Gerade um diefe Periode
der polnifchen Reformationsgefchichte hat fich W. befonders
verdient gemacht. Das deutfche Element, welchem
der V. fchon mit Rückficht auf die aktuelle Oftmarken-
frage von allem Anfang feiner Forfchung befondere
Beachtung zuwendet, fteht in diefer Zeit im Vordergrund.
Die Bedeutung der deutfehen Kolonisation für die Ausbreitung
der Reformation in Polen, die Tragweite der
Beziehungen des polnifchen Adels zu den deutfehen
Hochfchulen für die Vertiefung der evangelifcheffBewegung,
den Einfluß des preußifchen Hofes auf den Gang der
Kirchenreform in der Republik, die Miffionsarbeit deutfeher
Prediger und Lehrer hat W. durch das neu erfchloffene
Tatfachenmaterial dem Verftändniffe näher gebracht

Der V. betont hierbei nur zu ftark das Martyrium der Bekenner der
neuen Lehre. Die vielen Maßregeln des Königs gegen die Ketzerei
blieben zum allergrößten Teil auf dem Papiere, und wo fie zur Durchführung
gelangten, laffen fie fich doch nicht im entfernteften mit den Quälereien
in andern katholifchen Ländern vergleichen. Die Zentralregierung
war zu fchwach und die hilflofe geiflliche Gerichtsbarkeit zu fehr verachtet
, der nach immer größerer Freiheit ftrebende Adel und die faft
autonomen ftädtifchen Behörden hingegen zu ftark, als daß die kirchlichen
Neuerer, die fich übrigens klug zu decken verftanden, empfindlicheren
Beläftigungen dauernd ausgefetzt gewefen wären. Vereinzelte Fälle eines
rigoroferen Vorgehens, zumal gegen Leute, die fich alles gefallen ließen,
fchwächen den Gefamteindruck nicht ab. Die mit fo viel Anlauf in-
fzenierten Ketzerprozeffe verfanden alle. Der zum Luthertum übergetretene
Mönch Samuel wird Ende 1541 vom Posner bifchöfliehen Gericht zum