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Ausgabe:

1912 Nr. 10

Spalte:

305-310

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Campbell, R. J.

Titel/Untertitel:

Die neue Theologie 1912

Rezensent:

Wernle, Paul

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305 Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 10. 306

nun, daß tatfächlich fchon 1769 eine folche Bekanntfchaft | Theologie und ihren Bannerträger Campbell in England
vorliegt. Vielleicht hätte er noch weiter zurückgehen | aufs lebhaftefte geftritten worden ift, zieht üe mit diefer
können, geftützt nicht nur auf Stellen wie Suphan 32,32, I Überfetzung und ihrer Bevorwortung durch Traub auch
fondern auch auf das eigentümliche, zunächft antipathiiche, j bei uns in Deutfchland ein und hat, wie ich höre, bei
aber damit doch nicht erledigte Verhältnis Hamanns zu | vielen Ueutfchen, zumal in der Laienwelt, Anklang gefun-
Spinoza (Unger nennt in feinem neuen Werk über Ha- den. Sie ift, das muß fofort vorangefchickt werden, für

mann II 625 diefen mit Recht einen der früheften Kenner
Spinozas in Deutfchland). Aber es kam nur darauf an,
überhaupt ein früheres und beftimmtes Anfangsdatum für
den bis zu den ,Ideen' und dem Gefpräch über Gott ftets
wachfenden Einfluß Spinozas auf Herder zu gewinnen.
Diefer Einfluß fleht dann durchaus im Mittelpunkte der
Schrift. Sie kommt zu dem für die innere Entwicklung
Herders überaus wichtigen Ergebnis: Die Bekanntfchaft
und Auseinanderfetzung mit Spinoza hat allmählich ,in
fein eigenes religiös-philofophifches und wiffenfchaftliches
Bewußtfein Klarheit und Beftimmtheit gebracht, einen
feilen Überzeugungsbefitz mit feiner Freude' (S. 27).

Bis zu einem gewiffen Grade macht V. das anfchaulich

uns Deutfche allerdings durchaus nicht neu, fie flammt
von uns, hat vor einem Jahrhundert unfere Gebildeten
beherrfcht und kehrt jetzt auf dem Umweg über England
wieder zu uns zurück, weil wir ihren Wert oder Unwert
zu fchnell vergehen haben.

Neue Theologie, nicht neue Religion! Eine neue
Religion tut nicht not nach Campbell, wohl aber eine
neue Theologie, die den Beruf hat, die durch eine falfche
Theologie vom Chriftentum abgeftoßenen Volksmaffen,
Gebildete wie Arbeiter, wieder zu Jefus und zu Gott zurückzuführen
. Das Falfche war die Theologie des Dualismus
und der Transfzendenz, die Wahrheit bringt dagegen
die Theologie der Immanenz oder des moniftifchen Idealisund
überzeugend. Nur fetzt er genau wie in der früheren ; mus. Sie hat den doppelten Vorzug, daß he auf der

Schrift zu viel auf eine — an fleh gute — Karte. Der
allmähliche Ausgleich zwifchen dem Sinn Herders für
das Konkrete, Individuelle einerfeits und dem Streben zur
Einheit andererfeits, auf den es dabei vor allem ankommt
, wird gewiß durch Spinoza gefördert (in mancher
Beziehung freilich, wovon V. nicht redet, auch gefchädigt,
lofern nämlich die fpinoziftifche Metaphyfik ihm eine Harmonie
vortäufchte, die er noch nicht hatte). Aber nicht
nur durch ihn. Es gilt in diefem komplizierten Prozeß
religiöfe, äfthetifche und wiffenfehaftlich-philofophifche
Motive zu fondern, die fleh verfchieden und in mannigfacher
Wechfelwirkung entwickeln. In ihrem Gewebe
wäre dann der fpinoziftifche Einfchlag zu beftimmen.
Ja das Thema führt unwillkürlich über fleh felbft hinaus:
Herder darf in der Frage des Spinozismus fo wenig wie
in andern Hauptfragen für fleh betrachtet werden. Männer
wie Goethe, Schiller oder Schleiermacher, die bereits auf
dem Gipfel der idealiftifchen Entwicklung ftehen und daher
wirklich ein in fleh gefchloffenes Ganzes bilden können,
laflen fleh verhältnismäßig leicht ifolieren. Wer jedoch
wie Herder gerade das raftlofe Aufwärtsfteigen einer
ebenfo wirren wie reichen Zeit verkörpert, ohne den
Gipfel zu erreichen, der findet mit feiner eigenartigen,
vielfach unharmonifchen Form der Perfönlichkeit wie mit

feinem Schaffen volles Verftändnis nur im Zufammenhang ] Theologie cier Immanenz. Sie ruht auf durchaus fpeku-
der ganzen Zeitentwicklung. Gelegentlich erhebt fleh V. j lativem Fundament, auf einem moniftifchen Idealismus. Die
gegenüber einem Kühnemann zu ähnlichen Einfichten, 1 Grundwirklichkeit des Weltalls ift Bewußtfein, die fog

Wiffenfchaft ruht, auf folider Philofophie und folider
Kenntnis der Gefchichte, und daß fie als Theologie vom
Reich Gottes die Theologie der fiegreich vordringenden
fozialen Bewegung ift.

Drei Gedankenreihen treten in dem Buch hervor.
Einmal die Polemik gegen die falfche Theologie des
Dualismus, die orthodoxe Dogmatik, deren Sätze in einer
möglichft fteifen, verknöcherten Form uns vorgeführt
werden, wobei die Reformation erft noch das Zeugnis
erhält, daß ihreErlöfungslehre weniger vernünftig gewefen
fei als die katholifche. Der Hauptfehler der alten Lehre
liegt in ihrer Verkennung der Grundeinheit von Gottheit
und Menfchheit und in der Vereinzelung und Hiftorifierung
des Sündenfalls wie der Erlöfung durch Chriftus. Diefer
intellektuelle Fehler hat dann die Folge, daß die orthodoxe
Lehre auch unethifch wird. Wiederholt erhebt der Autor
gegen fleh den Einwand, ob er nicht die orthodoxe Lehre
karikiere; er antwortet darauf, daß fie jetzt freilich in der
Regel abgefchwächt und gemildert vorgetragen werde,
jedoch nur zur Steigerung der Unklarheit. Eine Auseinanderfetzung
mit der Reformation und den religiöfen
Motiven ihrer Theologie fehlt ganz, Campbell fcheint die
Reformatoren überhaupt nicht näher zu kennen.

Dem gegenüber entwirft er uns die Grundzüge feiner

macht aber in der Behandlung feines Sonderthemas wenig
Gebrauch davon. Das ift bei einem fo guten Kenner
doppelt bedauerlich. Wir müffen endlich die allgemeinere
Frage ins Auge faffen lernen: Wie kommt es, daß die
geiftige Entwicklung Deutfchlands feit etwa 1740 (vgl.
Aufklärer wie Edelmann und Lor. Schmidt"), ftärker feit
den 60 er Jahren (Lefflng und Herder), dann vollends feit
den So er Jahren in Spinozas Philofophie Stärkung fucht?
Wir enden alfo bei der Frage nach der Entwicklung des
idealiftifchen, religiös-äfthetifchen Pantheismus im 1 S.Jahrhundert
. Natürlich konnte V. fie nicht bei diefer Gelegenheit
beantworten. Es ift genug, daß er dafür an einer
wichtigen Stelle eine zweifellos verdienftliche Vorarbeit
getan hat. Aber er mußte deutlicher zeigen, wo die
*jf<*en der Unterfuchung abreißen, und wie wichtig es
nt, fie nach allen Richtungen weiter zu verfolgen. Wird
das Problem einmal in feinem ganzen Umfang einigermaßen
durchgearbeitet fein, dann dürfte von da aus auch
auf Herders Spinozismus neues Licht fallen.
Marburg a. d. L. Horft Stephan.

Campbell, R. J.: Die neue Theologie. Autorif. Überfetzg.
v. A. Fergufon. Mit Einführg. v. Gottfr. Traub. (XXXI,

materielle Welt ift unfer Bewußtfein von der Wirklichkeit.
Unfer Selbftbewußtfein, das fog. Oberbewußtfein, ift aber
nur ein Teil unferes wahren Seins; im Unterbewußtfein
offenbart fich unfer höheres Selbft, ein umfaffendes Bewußtfein
, Gott felber. Was von uns gilt, gilt vom ganzen
Univerfum, esiftSelbftverwirklichungund Selbftoffenbarung
Gottes, ein Sich felbft Denken Gottes, das wir als fortgefetzte
Selbftbegrenzung und Selbftentfchränkung Gottes denken
müffen. Daß der ganze kosmifche Prozeß eine ununterbrochene
Selbftbegrenzung des Unbegrenzten darftellt,
nennt Campbell einmal die Grundpfeiler jeder wahren
Theologie, Philofophie und Wiffenfchaft. Es ift für ihn
eine Denknotwendigkeit fchlechthin, das zu glauben. Jedes
Denken fängt mit einer Vorausfetzung an, wir müffen
Gott, das Weltall und Gottes Wirken im Weltall einfach
vorausfetzen. Unglaube an Gott ift ein Ding der Unmöglichkeit
. Aber wenn auch der ganze kosmifche Prozeß
eine lange Inkarnation, ein Auferftehen des Göttlichen ift,
das wieder in fich felbft zurückkehrt, fo ift doch für
Campbell die Menfchheitsgefchichte im engern Sinn die
Menl'chwerdung Gottes, denn die Grundwahrheit der Neuen
Theologie ift die Grundeinheit von Gott und dem Men-
fchen, daß Menfchheit und Gottheit nicht zwei verfchie-
dene Kategorien find. Mein Gott ift mein tieferes Selbft.
-Obb.)ö . Jena,E.Diedenchsi9l0. M.4-.geb.M. 5 - ; Gott ift, was er auch fonft noch fein mag, im Wefen
Nachdem feit einer Reihe von Jahren um die Neue | Menfch, d. h. Quelle der Menfchheit. Er ift es zunächft