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Ausgabe:

1912 Nr. 10

Spalte:

304

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Papadopoulos, Chrysostomos A.

Titel/Untertitel:

Historia tes ekklesias Hierosolymon 1912

Rezensent:

Meyer, Philipp

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 10.

304

Vf. führt die Aufgabe, die er fich geftellt hat, fo I Kirche zu behandeln, verftehe ich nicht (S. 99). Die

durch, daß er zunächft jeden der drei Reformatoren
in feiner Perfönlichkeit, natürlich nur foweit diefe für das
Thema felbft bedeutfam werden kann, darftellt. Dabei
hat er für Luther 8 Seiten, für Zwingli 27 und für Calvin 20:
d. h. für Luther begnügt er fich mit ein paar fkizzenhaften
Bemerkungen, während er den Boden, der für das Auftreten
der beiden anderen in Zürich bzw. Genf gegeben
war, kurz, aber für den verfolgten Zweck ausreichend
fchildert. Dann folgen, in verfchiedener Reihenfolge unter
den drei Reformatoren (bald Luther, Zwingli, Calvin, bald
Zwingli, Luther, Calvin, bald Calvin, Luther, Zwingli — der
Wechfel ift für das Verftändnis nicht immer vorteilhaft),
die Ausfagen der drei über den Staat (weitere Kapitel:
Staatsformen; Der Untertan; Die Stellung der Reformatoren

Dai-ftellung wäre bei Einhaltung der andern Reihenfolge
jedenfalls viel zielftrebiger und damit klarer geworden.

Friedberg i. H. K. Eger.

Tlanaö ojtovXoq, Xgvo. A., lIaroQia rijg exxXr](T(aq
AsQoaoXviiuyv. (Xfi, 812 S.) 8°. Ev 'legoGoXv/wig xai
AXst-avdgela kx rov IlaxQtaQXtxov xvxoyQacpslov AXsS,-
avögslaq 1910.

Der Verfaffer diefes Buchs, der Archimandrit Chry-
foftomos A. Papadopulos ift den Lefern der Theol. Literaturzeitung
fchon bekannt. Im Jahre 1901 hat er eine
Schrift über die Liturgie des Jakobus herausgegeben, 1907
erfchienen die Arbeiten über den Patriarchen Dontheos
im Staat) und über die Kirche (weitere Kapitel: Der Geift- v. Jerufalem, über den Patriarchen Kyrillos Lukaris und

liehe; Die Schule; Die Fürforge für Arme und Kranke; I die über die Stellung der Jerufalemer Patriarchen des 17.
Das Kirchengut), dann noch über Sittenzucht, Ehe, Bücher- j Jahrhunderts zur ruffifchen Kirche. Alle diefe Schriften, auf

zenfur, Toleranz. Zuletzt wird das Verhältnis der beiden
Größen Staat und Kirche zueinander bei den drei Reformatoren
zufammenfaffend beftimmt.

Die Sympathien des Vf. gehören ganz offenfichtlich
Zwingli, der es verftanden habe, als wirklicher Politiker
Staat und Kirche harmonifch zur Verwirklichung der göttlichen
Zwecke zufammenarbeiten zu laffen, allerdings nur

die der Referent feiner Zeit an diefem Orte hingewiefen hat,
zeigen den Verfaffer als einen wohl orientierten Gelehrten,
der auf die Quellen zurückgeht und die Literatur, fowohl
die abendländifche wie die morgenländifche, mit Urteil
heranzieht und felbftändig verwertet. Seinen Standpunkt
hat er in der ftrengen Orthodoxie. Soweit fie in Frage
kommt, wird die hiftorifche Kritik fuspendiert. Das ift

durch den kraftvollen Einfluß feiner eignen Perfönlichkeit. 1 die Befangenheit, die jedem Hiftoriker eignet, der mit
Demgegenüber kommt Luther recht fchlecht weg: er ift konfeffioneller Gebundenheit an feine Arbeit geht. Diefen

von rein individuell-religiöfenlntereffen getragen und fleht
den ftaatlichen Ordnungen und Maßregeln teils .unbeholfen',
teils lediglich unter dem Gefichtspunkt der .Opportunität',
dann wieder rein paffiv gegenüber; fein Werk ift ihm
über den Kopf gewachfen. Noch weniger günftig ift freilich
das Urteil über den ganz und gar auf die Knebelung
der ftaatlichen Obrigkeit im Dienft der Kirche als der
Vertreterin der Herrfchaft Gottes ausgehenden Calvin.

Trotz der Schärfe im Urteil über Calvin ift übrigens
die Darfteilung der Beftrebungen Calvins und der Art,
wie er fie zu verwirklichen wußte, ebenfo wie die Schilderung
der Ziele und der Arbeit Zwingiis intereffant und lehrreich.
Dagegen würde das Werk gewonnen haben, wenn Vf.
Luther nicht mit in den Kreis der Darfteilung gezogen
hätte. Gegenüber der Fülle der Perfönlichkeit und dem

Standpunkt nimmt der Verfaffer auch in dem vorliegenden
Buche ein.

Er kennt drei Perioden in der Gefchichte der Kirche
Jerufalems, die ältefte von 33 bis 638, alfo bis zur Eroberung
der heiligen Stadt durch die Araber. Die Grenze
der zweiten Periode ift wieder eine Eroberung, nämlich
die Eroberung Palältinas durch die Türken 1517. Die
dritte läuft bis 1910. Er führt alfo die Gefchichte bis zur
Gegenwart fort. Der letzten Periode widmet er faft die
Hälfte des Buchs, in die zweite ftärkere Hälfte teilen fich
die beiden erften Perioden faft zu gleichen Teilen.

Der Verfaffer hat wohl darin Recht, daß die Idee der
Gefchichte der Kirche Jerufalems die Gefchichte der
heiligen Stätten in Jerufalem ift, ihre Schickfale, die Arbeit
und der Dienft an ihnen und der Kampf um fie. Das

Reichtum des Werkes Luthers muß das über ihn Gebotene j trifft für die dritte Periode auch äußerlich zu. Für diefe
im engen Rahmen, den Vf. einhält, notwendig aphoriftifch J Zeit ift denn auch der rote Faden der gefchichtlichen

und infolgedeffen unzureichend ausfallen. Wir haben fchon
angeführt, daß für die Schilderung von Luthers Perfönlichkeit
etwa ein Drittel des Raums in Anfpruch genommen
wird, der je für Zwingli und Calvin gebraucht ift. Der
Werdegang, den Luther durchgemacht hat, und der bei
Beobachtung und Würdigung feiner Anfchauungen das
Allerintereffantefte ift, wird nur ganz vereinzelt berück-
fichtigt, meiftens werden Äußerungen aus den verfchiedenen
Perioden feines Wirkens und Kämpfens durcheinander
gebracht. Es geht z. B. nicht an, daß die Beftimmungen
der Auguftana über das rite vocatus bezüglich des Kirchen-
dienftes mit der zugehörigen Erläuterung des Vf. vor
Äußerungen der Schrift de instituendis ministris (1523!)
über die Pfarrwahl geftellt werden, noch dazu mit der
Bemerkung, daß fich Luther hier ,fchon ficherer' fühle.
— Die Behauptung (S. 61): Die Obrigkeiten in Deutfch-
land zu Anfang des 16. Jahrhunderts feien längft auf allen
Gebieten zur Defenfive gegenüber Kirche, Adligen, Sektierern
und Bauern übergegangen — diefe Behauptung
gibt ungefähr das Gegenteil des wirklichen Sachverhalts.

Über Luthers Stellung zu Staat und Kirche orientiert
man fich alfo beffer anderwärts als an dem, was Vf. über
ihn bringt. Dagegen ift die Darfteilung des Zwingli'fchen
und des Calvin'fchen Standpunktes wertvoll. Wenn auch
nicht gerade Neues geboten wird, fo ift doch gut gruppiert
, und auf manches einzelne fällt ein neues Licht.

Darfteilung der Kampf um die jtQoOxvvrjfiaxa. Auch für
die beiden erften gilt es mehr oder weniger. Das Mittelalter
ift die Zeit der fisyctXai dXhpeiq, zu denen die Kreuzfahrer
nicht weniger beigetragen haben, als die Mameluken
und Araber. Die Glanzzeit der Kirche von Jerufalem
liegt in der erften Periode, wo der Patriarchat entftand
und berühmte Männer ihn innehatten und als das Mönch-
tum des heiligen Landes das erfte war im Orient.

Näher auf den Inhalt einzugehen, verbietet der Raum.
Aber es fei noch hingewiefen auf die guten Literaturangaben
in der Einleitung, namentlich auch auf die über
die orthodoxe Literatur, die uns ,Avxix.oi' immer fremder
bleibt.

Hannover. Ph. Meyer.

Vo 11 rat h, Wilhelm: Die Auseinanderletzung Herders mit Spinoza.

Eine Studie zum Verftändnis feiner Perfönlichkeit.
(VI, 103 S.) 8°. Darmftadt, C. F. Winter 1911. M. 2.50

Auch in diefer zweiten — feinem Lehrer Eck gewidmeten
— Herderftudie (über die erfte f. Jahrgang 1909,
Nr. 26) leiftet V. dankenswerte Arbeit. Er greift aus der
Fülle der Herderprobleme einen wichtigen und bisher lediglich
nach allgemeinen Eindrücken behandelten Punkt heraus
, erforfcht ihn wiffenfehaftlich genau und verwendet das
Ergebnis zu tieferem Eindringen in das Gefamtverftändnis
Welche ,praktifchen Gründe' den Vf. genötigt haben, von I Herders.

der einzig fachgemäßen Anordnung abweichend zuerft die ; Haym hatte behauptet, daß eine genauere Bekannt-
Stellung der Reformatoren zum Staat, dann erft die zur 1 fchaft Herders mit Spinoza erft 1775 einfetze. V. zeigt