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Ausgabe:

1912 Nr. 10

Spalte:

297-298

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfättisch, Ioannes Maria

Titel/Untertitel:

Die Dauer der Lehrtätigkeit Jesu. Nach dem Evangelium des Hl. Johannes 1912

Rezensent:

Hennecke, Edgar

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Seite 1

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297 Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 10. 298

H. zu, Rätfeiaufgaben habe Jefus den Jüngern in jenen
weihevollen Augenblicken nicht ftellen können. Ich
möchte daher lieber Jefu Handlung und Worte einfach
nur als Symbol bezw. Gleichnis nehmen. Wie es, einesteils
wenigftens, auch die Kirche im Grunde immer getan
hat, wenn fie Handlung und Worte Jefu dahin ver-
ftand, daß er fich damit als Stärkung und Erquickung,
Speife und Trank der Seinigen im geiftlichen Sinne bezeichnet
habe. Den Gedanken von der fakramentalen
Gemeinfchaft mit und in Jefus beim A. möchte ich dagegen
der Urgemeinde und Paulus zuweifen, wo die
Erinnerung an die altfemitifche Opfermahlgemeinfchaft
eher denkbar ift als bei Jefus, der in Nachfolge der Propheten
(Mt. 12, 7; 9, 13) für Opfergedanken wenig übrig
hatte Mk. 7, 10ff.; Mt. 5, 23f. (Mk. 12, 33f.). Auch H.
findet betreffs des Herrnmahles bei Paulus, daß fich dabei
zunächft alles um die Vorftellungen dreht von der
Gemeinfchaft der Gläubigen mit Chriftus, von der Gemeinfchaft
der Gläubigen untereinander, und dann um die
Gedächtnisfeier des Todes Chrifti. Es entgeht ihm aber,
foviel ich fehe, der innere Zufammenhang der Vorftellungen
in 1. Kor. 10, 16ff. und 11, 23 ff. Er glaubt, an der erften
Stelle handle es fich bloß um die Gemeinfchaft mit und
in Chriftus, an der zweiten um die Gedächtnisfeier. Mir
fcheint, Paulus geht beidemal aus von einer allegorifchen
Urndeutung des urfprünglichen Gleichniffes Jefu, von dem
geiftlichen Verftändnis von ocöua, griechifch Körper und
Körperfchaft, als der pneumätifchen Gemeinfchaft des
getöteten und auferftandenen Leibes Chrifti, der alle Gläubigen
als Glieder trägt, und von dem geiftlichen Verftändnis
des Blutes als pneumatifcher Gemeinfchaft oder
neuem Bund mit Gott in Jefu Tod. Nicht recht Ernft
macht H. damit, daß Paulus das Herrnmahl als Opfermahl
faßt, als geweihten Kelch und geweihtes Brot, nicht
Symbole. Obgleich er mit Recht die Wurzel der pauli-
nifchen Auffaffung in dem Vergleich mit den Opfermahlen

I. Kor. 10, i8ff. bloßgelegt fieht. Sodann ift mir nicht
verftändlich, warum H. nur hinter der fakramentalen An-
fchauung des Herrnmahles bei Paulus helleniftifchen Synkretismus
wittert und nicht fchon vorher bei Jefus. Real-
myftifch oder fakramental und nicht bloß fymbolifch läßt
er ja auch Jefus felber fich ,in Wirklichkeit den Seinen
als das Bindemittel der Gemeinfchaft' bieten (S. 61). Daß

H. zum Vergleich mit der paulinifchen Gedächtnisfeier
die heidnifchen Gedächtnismahle für Verftorbene heranzieht
, möchte ich nicht mißbilligen. Aber erwähnen
dürfte er, daß folche Mahle auch bei den Juden durchaus
nicht fehlten nach Jofephus De bello jud. II, 1, a. Übrigens
obenauf ift, wie H. fagt, aber nicht nachweift, bei Paulus
ftets die geiftig-ethifche Auffaffung der xoivmvia im
Herrnmahl. Es fteht bei ihm eigentlich der gleiche Gedanke
im Vordergrund, wie ihn Jofephus Contra Apionem
II, 23 ausfpricht: xal szl &votaiq xi'V xqwtov vxtQ Tfjg
xoivtjz wji&tBtu ccozTjQiag. tl&vjtic- lavroav exl /«p xoivmvia
yzyovausv. xal vavvrp) 0 xqotiucqv tov xah-'avröv
löiov uäXioza üVoö xexaniafitvoq. So feiert auch nach
Paulus nur der wirklich das Herrnmahl und hat Teil an
der geiftigen Körperfchaft des Chriftus und der geiftigen
Gemeinfchaft mit Gott in Jefu Blut, der nicht das Seine
fucht, fondern was des andern ift 1. Kor. 10, 24, und
wartet auf die andern und nicht das eigene vorwegnimmt

I. Kor. 11, 33, 21.

Bafel. K. G. Goetz.
Pfättitch, Ioannes Maria, O. S. B.: Die Dauer der Lehrtätigkeit
Jefu. Nach dem Evangelium des Hl. Johannes.
(Biblifche Studien. Hrsg. v. O. Bardenhewer. XVI. Bd.,
3. u. 4. Heft) (VII, 184 S.) gr. 8°. Freiburg i. B.,
Herder 1911. M. 5_

Noch einmal von einem katholifchen Geiftlichen das
von kathohlchen Verfaffern mit Vorliebe behandelte Problem
, diesmal mit leicht verändertem Titel! Vgl. Schürers

und v. Dobfchütz' Befprechungen ThLZ. 1908 Nr. 22,
1907 Nr. 2 und 12. Das Ergebnis des Verfaffers ift eine
zweijährige Wirkfamkeit Jefu, und zwar in den Jahren
28—30 n. Chr. (fachlich alfo übereinftimmend mit Zellinger).
Hauptfächlich ift ihm daran gelegen, die Notiz vom
Paffafeft Joh. 64 als zu Recht beftehend nachzuweifen (im
I. Teil feiner Abhandlung; kürzer bei Zahn, Evang. des
Joh. S. 708 ff), während Joh. 54 ein Purimfeft (des Jahres 29)
gemeint fei (fo im II. Teil, deffen Überfchrift fich mit
dem Titel der Abhandlung deckt). Mit 74 follen wir
,am Beginne des Wandeins in Galiläa' ftehen (S. 153),
trotz 62, wo doch die Zeichen an den Kranken am un-
befangenften auf eine Wirkfamkeit eben in Galiläa bezogen
werden (anders S. 144). Zudem finden die eigentlich
fchwierigen Nachrichten zwifchen 72 und 14 keine Be-
rückfichtigung. Der kompilatorifche Charakter des vierten
Evangeliums, wie er aus den allgemeinen Zeitangaben
zu Anfang diefes Kap. erhellt, wird nicht in Rechnung
gezogen, dafür aber durch Preffung der übrigen Angaben
das gewünfchte Refultat erreicht. Auch die Notiz Luk. 6,
muß zur beftimmten chronologifchen Einreihung des
Ereigniffes dienen. Bezüglich des Datums des Todestages
Jefu wird die Differenz zwifchen Joh. und Synoptikern
geleugnet und zugunften der Letzteren entfchieden (von
Intereffe ift die Tabelle S. 166, wonach in Übereinftimmung
verfchiedener Forfcher der 15. Nifan im Jahre 30 auf
einen Freitag, im Jahre 33 auf einen Samstag gefallen
fein müßte). Die Einführung in die Probleme der Chronologie
des Lebens Jefu hätte Verf. fich und feinen Lefern
erleichtert, wenn er unter den Erzeugniffen proteftan-
tifcher Wiffenfchaft, die in der Hauptfache ignoriert wird,
wenigftens auf die guten Zufammenftellungen bei W. Bauer,
Das Leben Jefu im Zeitalter der neuteft. Apokryphen,
verwiefen hätte. Die hermetifche Abfchließung, die er
in diefer Beziehung übt, bringt höchftens den Vorteil mit
fich, daß man die Aufftellungen katholifcher Forfcher in
um fo größerer Breite kennen lernt. Aber dafür haben
ja auch fchon feine Vorgänger geforgt.

Betheln (Hann.). E. Hennecke.

Völter, Prof. Dr. Daniel: Die Offenbarung Johannis neu

unterfucht und erläutert. 2., völlig umgearb. Aufl.
(VII, 173 S.) gr. 8". Straßburg, J. H. E. Heitz 1911.

M. 3.50

Bei der Befprechung der erften Auflage von V.s Schrift
fchrieb ich in meinem Kommentar der Apokalypfe: ,Da
V. fich in feinem Vorwort der Hoffnung hingibt, das
apokalyptifche Problem nunmehr (d. h. nach feinen Ar-

I beiten vom Jahre 1882, 1885, 1886, 1893) feiner endgültigen
Löfung entgegen zu führen, darf man vielleicht
erwarten, daß er uns künftig nicht mehr mit einer aller-

l letzten Löfung überrafcht.' Diefe Hoffnung hat fich leider
nicht erfüllt, denn in der Einleitung zu der zweiten ,völlig
umgearbeiteten Ausgabe' feines Buches, hören wir wieder
von einer ftarken Ümänderung der Anfchauungen des
Verf. Es heißt dort: ,Die vorliegende Arbeit ift im Grunde
ein neues Buch, das meine apokalyptifchen Studien zum
Abfchluß und wie ich hoffen möchte auch die Löfung
des apokalyptifchen Rätfels bringt'.

Es wird uns alfo nicht erfpart bleiben, die Änderungen
in den Anfchauungen des Verf. von der erften zur zweiten
Auflage zu regiftrieren. Die ftärkfte Veränderung hat
der Verf. felbft in feinem Vorwort angegeben. Während
er es in der erften Auflage feines Buches einmal der
größeren Einfachheit wegen mit der Quellenhypothefe
vernichte und annahm, daß ein Redaktor aus Trajans
Zeit zwei felbftändige Quellen, das Werk des Urapoka-
lyptikers aus dem Jahre 65 und" die Apokalypfe des
Kerinth, zufammengearbeitet habe, kehrt er jetzt zu feiner
früheren Annahme einer allmählichen Überarbeitung der
Apokalypfe durch Einfchiebungen und Anhänge zurück.
Das Schema feiner Quellenfcheidung geftaltet fich alfo

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