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Ausgabe:

1912 Nr. 10

Spalte:

294-295

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Strack, Hermann L.

Titel/Untertitel:

Pesahim. Der Misnatraktat Passafest 1912

Rezensent:

Bacher, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 10.

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at.liche Ausdruck nephesch met Berückfichtigung verdient
. Nach ihrer Trennung vom Körper., eilt die Seele
in die Unterwelt (S. 46): damit ift der Übergang zum
Kapitel: Die Scheol als Aufenthaltsort der Seele gegeben.
In der hiftorifchen Zeit find die in Scheol eingefchloffenen
Seelen nervenlofe Schattenbilder (S. 57); aber im Volks-
bewußtfein bleibt ein Reft der älteren Vorftellungsfchicht
zurück, wonach fie als elohim betrachtet wurden. Im
übrigen kommen die lebensvolleren Vorftellungen vom
Schickfal der Toten im nächften Kapitel, das den ganzen
Gräber- und Totenkult behandelt, zur Sprache. Die
Trauergebräuche, die im Anfchluß daran befprochen
werden, läßt Torge aus ,dem überfchäumenden Affekt
und dem Glauben an die Anwefenheit der Totenfeele'
erwachfen (S. 191), und zwar zielen fie nach ihm daraufhin
, daß die Hinterbliebenen dem Toten möglichft gleich
werden (S. 194), wobei der Glaube zu Grunde liege, daß
die Seele des Verftorbenen das fehe und über die hierdurch
bewiefene Anhänglichkeit Freude empfinde (S. 192).
Ich kann nicht finden, daß diefe Deutung der Trauergebräuche
ihrer Erklärung als Palliativmittel vorzuziehen
fei. Freilich darf man diefe letztere nicht auf alle Trauergebräuche
anwenden und fie nicht fo einfehränken, als
hätte man fich dem Totengeift gegenüber nur unkenntlich
machen wollen. Zum Teil mag urfprünglich die
Furcht vor der Gefahr der Tabuierung, d. h. Anfteckung
der vom Toten ausgehenden fchädlichen Kräfte das Aus-
fchlaggebende gewefen fein, und einer folchen waren z. B.
Haare und Kleiderfalten ganz befonders ausgefetzt, fo
daß fich von hier aus fowohl das Scheren der Haare als
das Ausziehen der Kleider erklären könnte, während
beides der von Torge vorgefchlagenen Deutung entfehie-
den widerftrebt. Wie ftark im übrigen der Gedanke der
Tabuierung auch in die ifraelitifchen Vorftellungen hinein-
fpielte, zeigt z. B. die Tatfache, daß den Trauernden
Nahrungsmittel zugefandt zu werden pflegten (Jer. 16,7):
offenbar waren die in der Umgebung des Toten befindlichen
tabu und daher für feine Hinterbliebenen ungenießbar
geworden. Ich glaube alfo, daß hier Torges Ausführungen
einer nicht unwefentlichen Korrektur bedürfen.
— In einem weiteren Kapitel: Jahwe und die Toten-
geifter' geht der Verfaffer den Beziehungen von Scheol- j
glaube und Jahwismus nach und weift entfprechend dem
Doppelcharakter der Scheolvorftellungen, der alten volkstümlichen
einerfeits und der fpäteren vom Jahwismus
geduldeten andererfeits, ihre Verfchiedenheit nach. Wie
dem individuellen Unfterblichkeitsglauben erft die vollkommene
Vernichtung jeder nationalen Hoffnung und die
Vergeltungslehre zum Dafein verhelfen, wird in einem
letzten Kapitel ausgeführt.

Befonders zu begrüßen find in Torges Buch die reichen
ethnologifchen Parallelen, die um fo wirkfamer find, als
fie fich zum größeren Teile innerhalb der Grenzen des
Semitismus halten. Des Weitern zeichnet fich die Darfteilung
durch den fchönen Fluß ihres Stiles aus. Da
das eigentlich gelehrte Material, Stellennachweife u. dergl.
in die Anmerkungen unter den Strich verwiefen find,
lieft fie fich fo leicht, daß ihre Lektüre auch Laien beftens
empfohlen werden kann. Dagegen läßt die Difpofition
m. E. hin und wieder zu wünfehen übrig.

Z. B. follte das Inkubationsorakel (S. 145 f.) nicht in einem anderen
Kapitel flehen als die Nekromantie (S. 62ff.); ferner gehört, daß die
Vorflellung vom energielofen Schattenleben der Abgefchiedenen in der
Scheol eine tiefe Wirkung auf die Geftaltung des Rechts im bürgerlichen
Leben gehabt habe (S. 1681, nicht in das Kapitel über das Grab, fondern
in das über Scheol ufw. Auch wären bei ftrafferer Anordnung gewiffe
Wiederholungen zu vermeiden gewefen (vgl. z. B. S. 128f. und 162;
100 f. und 122 f.). Schade, daß dem Autor das vorzügliche Werk von
Lods (vgl. ThLZ. 1907, Sp. 349—352) zu fpät in die Hand kam, als
daß er es gebührend hätte berückßchtigen können.

Zum Schluß merke ich noch ein paar Einzelheiten an. Zur Vor-
ftellung der Totenfeelen als Vögel (S 71) verweife ich noch auf die
griechifche Baruchapokalypfe i0. _ s.'Sl wird mit Recht das Verlangen,
in der Erinnerung auf. Erden fortzuleben betont. Ich füge nur hinzu, daß
dem entfprechend nicht genannt zu werden als Strafe gilt, und es ift
mir wahrfcheinhch, daß von diefem Gefichtspunkt aus z. T. die Aus-

fcheidung der Gefchichte Iffaels beim Chroniften zu beurteilen fei. —
Unverftändlich ift mir, warum die Erzählung vom Überhandnehmen der
Löwen II Kön. 17,24fr. nur .bildliche Einkleidung der Strafen Jahwes'
fein foll (S. 90). Die Sache ift doch durchaus einwandfrei. Nicht um-
fonft erklärte man fich die Tatfache, daß die Kanaaniter nicht vollftändig
vor Ifrael vertrieben worden feien, z. T. dadurch, daß die wilden Tiere
nicht zu feinem Schaden überhand nehmen follten (Ex. 23,29). — Zu
Lev 19,9h (Stehenlaffen der Pe'ä) hat Beer neuerdings (ZAT 1911, S. 152)
eine Erklärung gegeben, die vor dem, was Torge (S. 137 vgl. 206) zur
Stelle ausführt, den Vorzug verdient. — Verkehrt ift der Schluß, der
S. 166A. 2 aus Rh 11,1 f. gezogen wird, als wären Baftarde in Alt-
ifrael vom Erbrecht ausgefchloffen gewefen; umgekehrt lieft man gerade
aus der genannten Stelle zwifchen den Zeilen wieder, was nach Gen. 21,10
ganz deutlich ift, daß der Unterfchied von legitim und illegitim im Sinne
des griechifch-römifchen Rechts bei den Kindern der ifraelitifchen Familie
nicht exiftierte (vgl. Benzinger, Archäologie2 S. 114).

Bafel. A. Bertholet.

Strack, Prof. D. Dr. Hermann L.: Pesahim. Der Misna-
traktat Paffafeft. Mit Berückficht, des Neuen Teftaments
u. der jetz. Paffafeier der Juden. Nach Handfchriften
u. alten Drucken hrsg., überf. u. erläutert. (Schriften
des Inft. Judaicum in Berlin Nr. 40.) (40* u. 48 S.) 8°.
Leipzig, J. C. Hinrichs 1911. M. 1.80

Dem Mifchnatraktate Pefachim hat hier Strack die-
felbe Mühewaltung angedeihen laffen, wie früher dem
Traktate Aboda zara (1909) und dem Doppeltraktate
Sanhedrin-Makkoth. Er gibt den Text mit hinzugefügter
Vokalifation und Interpunktion, fowie fortlaufenden Noten,
in denen die abweichenden Lefearten aus Handfchriften
und den alten Drucken zufammengeftellt find. Dem Texte
ift ein gedrängtes Vokabular beigegeben und die Einleitung
vorangeftellt. Diefe bietet — dem Inhalt des Mifchna-
traktates entfprechend — eine Gefchichte der Paffafeier
und eine Beleuchtung der das letzte Mahl Jefu betreffenden
Angaben des Neuen Teftaments. Befonders hervorzuheben
ift die Ausführung über den /Becher des Tifch-
fegens' (S. 10*). Der andere, befonders paginierte Teil
des Heftes enthält die Überfetzung mit Uberfchriften und
einer von der Kapiteleinteilung des Originals unabhängigen,
fachgemäßen Einteilung. Die Anmerkungen zur Überfetzung
bieten in knapper Form ein reiches Material zum
Verftändniffe des Inhaltes. Die Vorzüge der Strack'fchen
Editionsarbeiten zur Mifchna find zu bekannt, als daß fie
hier noch befonders gekennzeichnet werden müßten. Der
Druck des Textes ift von gleichfam abfoluter Korrektheit
. Als Druckfehler könnte ich höchftens das Pathach
unter dem 1 in cnsaa nennen, S. 29* Z. 9 (in Z. 10
und 12 fteht richtig Kamez unter dem -|). Zur Punktation
hätte ich einige wenige Bemerkungen. S. 16*, Z. 15 (III, 1)
punktiert Strack "bSSn (,babylonifclv). Aber die traditionelle
Ausfpruche fautet "fjaj; deren Richtigkeit wird
bezeugt durch K^M, Esra 4,9. — Die Ausfprache der
aus dem Hiphil geb'iideten männlichen Verbalnomina lautet
traditionell bPSn. Strack fetzt an die Stelle des Segol ein
Pathach unter das n, alfo tnpn (S. 16* Z. i, f. auch S.
21* Z. 14). — In VII, 8 (S. 24* Z. 4) lefen wir bei Strack:
QNpÜ?n (die Engherzigen). Aber das Wort lautet: ip^r
im Singular (vgl. j»^, Aboth II, 5)». — In IV, 8 (S. 19*)
fteht fünfmal !)fia;"es muß heißen IMÄ (vgl. nrn). Die
Maßbeftimmung "f^n (,wie eine Olive) fchreibt Strack
ftets rpT3 (f. II, 6; III, 8 und fonft) mit dem Artikel; die
traditionelle Ausfprache, die wohl auch die richtige ift,
lautet rPT3, ohne Artikel. Den Stat. constr. des Plurals
von iwi fchreibt Strack inntl (IV, I, S. 18* Z. 6); die
trad. Ausfprache lautet tltjfj,' ebenfo wie diefelbe Form
von Uran lautet "ifijan (vgl Pf. 31,21 tor}). — Die Überfetzung
verfteht es, mit verhältnismäßig feltener Anwen-

1) Strack zitiert zwar als Zeugen für die Punktation mit Chirek zwei
Handfchriften (Kaufmann und Roffi); aber für die Vokalifation find die
Handfchriften nicht maßgebend. Auch die S. 25* zu VIII, 4 aus den-
felben zwei Handfchriften übernommenen Vokalifationen fcheinen mir nicht
richtig zu fein.