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Ausgabe:

1912 Nr. 9

Spalte:

279-282

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlatter, Adolf

Titel/Untertitel:

Das christliche Dogma 1912

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 9.

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fo daß nicht von ihnen abftrahiert werden kann, folange
wir kategorial denken, oder find fie biologifche Gebilde,
von denen wir abftrahieren können, um die fiktionsfreie
Wirklichkeit darzuftellen? Im erften Fall find die Wider-
fprüche, die fie enthalten, kein Einwand gegen ihren fitt-
lich-religiöfen Wert. Denn diefe Widerfprüche find ja
abfolut unvermeidlich. Bewußtfein haben, handeln und in
diefen widerfpruchsvollen Ideen leben, ift ein und dasfelbe.
Der Einwand, den diefe Widerfprüche nahe legen, richtet
fich alfo nicht gegen jene Ideen felbft, fondern gegen die
Logik, die mit ihren Kategorien unfähig ift, diefe Ideen
zu faffen, die fich daher in Widerfprüche verwickelt, fo-
bald fie, ihre Grenzen überfchreitend, die letzte überlogifche
Realität erreichen will. Das Handeln aus diefen Ideen
heraus kann in diefem Fall keine Heteronomie fein, da
fie ja vom bewußten Handeln abfolut nicht loslösbar, alfo
ein notwendiger Beftandteil des autonomen Wollens felber
find. Im zweiten Fall haben die biologifchen Fiktionen, j
fobald ihre biologifche Entftehung durchfchaut ift, ihren !
biologifchen Wert verloren, eine Ermöglichung oder Er- j
leichterung des Handelns zu fein. Ift aber ihre biologifche j
Bedeutung noch nicht durchfchaut, üben fie alfo noch
einen beftimmenden und erleichternden Einfluß auf das j
Handeln aus, dann müffen fie gerade vom Standpunkt der j
reinen Religion und Moral aus als antireligiös und unfitt- |
lieh bekämpft werden. Denn als für wahr gehaltene j
Realitäten verwandeln fie ja das Als ob in ein Weil, j
korrumpieren alfo Moral und Religion. Im erften Fall 1
gehen wir hinter die Pofition Forbergs auf diejenige
Fichtes zurück, für welchen der Glaube an Gott und Freiheit
mit dem überlogifchen Ausgangspunkt alles Denkens
und Handelns zufammenfällt, erkennen alfo im fchärfften
Gegenfatz zur pragmatiftifch-biologifchen Hypothefe den
Inhalt jener dogmatifchen Ideen als die letzte Realität an,
an der die Denkverfuche unferer, nach Laas und Vaihinger
ja nur ephemeren (79) Logik erfolglos zerfchellen. Im
zweiten Fall gehen wir über Forberg hinaus zur Bekämpfung
aller dogmatifchen Ideen im Namen der Sittlichkeit
und Religion. Unmöglich ift es dagegen, den Mittelweg
zwifchen diefen beiden Möglichkeiten einzufchlagen, den
die .Philofophie des Als ob' als die Rettung aus den re-
ligiöfen Kämpfen der Gegenwart empfiehlt, die Glaubens-
fätze als biologifch-pragmatiftifche Fiktionen zu durch-
fchauen, und gleichzeitig alle dogmatifchen Gebilde, Gott,
Freiheit, Unfterblichkeit (216, 572),,die bewußten Fiktionen
Chrifti'(601), Himmel, Hölle, Teufel, Gottesfohnfchaft (657),
Offenbarung (690) ufw. unter dem Gefichtspunkt der biologifchen
Nützlichkeit konfervativ in Geltung zu laffen.

Halle a. S. Karl Heim.

Schlatter, Prof. D. A.: Das chriftliche Dogma. (683 S.)

gr. 8°. Calw u. Stuttgart, Vereinsbuchhandlung 1911.

M- 9 —! geb- M. 11 ■—
Der innere Zufammenhang, der zwifchen der Neu-
teftamentlichen Theologie Schlatters und feinem Buch
über das chriftliche Dogma befteht, kommt in den erften
Worten des hier anzuzeigenden Werks zum Ausdruck:
,Die wertvollfte Erkenntnis, die die Chriftenheit befitzt,
befteht in ihrem Verftändnis des Neuen Teftaments. Dadurch
ift ihr noch eine zweite erkennende Arbeit ermöglicht
und zur Pflicht gemacht: fie hat fich das Verhältnis
zu verdeutlichen, in dem das ihr übergebene Wort zu
den Gedanken fleht, die ihr durch ihre fie formende Lage
und Gefchichte gegeben find. Aus Jefu Botfchaft entfteht
das Wort der Chriftenheit, und aus der Theologie des
Neuen Teftaments wird ihre eigene Theologie' (5).

Diefe ,eigene Theologie', die Darfteilung der ,Weife,
wie der Dogmatiker felbft mit feiner Wahrnehmung und
Erfahrung am Erlebnis der Chriftenheit beteiligt ift', bildet
den Gegenftand des ftattlichen Bandes, den wir in den
uns enge gezogenen Grenzen diefer Befprechung zu
charakterifierenhaben, ohnein nähere Auseinanderfetzungen

1 mit dem Herrn Verfaffer treten zu können, deffen theolo-
I gifcher Standpunkt hinlänglich bekannt ift.

,Das Dogma jeder chriftlichen Gemeinde befteht aus
Auslagen über Gott, die fein Verhalten gegen uns bezeugen
und unfer Verhalten gegen ihn ordnen' (11). Handelt es
fich darum zu zeigen, ,wie fich an Menfchen das göttliche
Wirken fichtbar macht' (18), fo erfcheint ,Schäders Mahnung
reichlich begründet, daß die Theologie nicht in der
Deutung menfchlicher Zuftände und in der Beförderung
menfehlicher Intereffen, fondern in der Wahrnehmung der
göttlichen Werke beftehe' (605). Doch mit diefer ,theo-
zentrifchen' Auffaffung und Methode verbindet fich notwendig
die .anthropozentrifche'; denn wenn auch die
dogmatifche Frage dahin formuliert werden muß, ,wie
und wo erleben wir Vorgänge, die uns zur Offenbarung
Gottes werden' (12), wenn ,fich im religiöfen Vorgang der
Menfch nicht nur mit fich felbft befchäftigt, fondern mit
feinem Erkennen und Wollen von fich weg zu Gott gewendet
ift' (13), fo können wir eine Lehre von Gott (und
die dogmatifche Frage ift die Frage nach Gott) nur dadurch
bekommen, daß wir die Vorgänge wahrnehmen,
durch die uns die Erkenntnis Gottes gegeben wird. Diefe
gefchehen an uns felbft . . . wir haben in unferm Erleben
die Vorgänge zu fuchen, durch die fich Gott uns beweift,
indem er uns mit fich in Gemeinfchaft fetzt' (14—15).
Demnach befteht der dogmatifche Beweis darin, ,daß die
Ereigniffe aufgezeigt werden, durch die unfer Gottes-
bewußtfein entfteht und feinen Inhalt (12) bekommt'.

Aus dem in diefen Sätzen beftimmten Gegenftand
der Dogmatik ergibt fich die Gliederung der Schlatter-
fchen Schrift. ,Wir fuchen die Vorgänge, durch die
fich uns Gott offenbart und das göttliche Wirken uns fo
berührt, daß es uns Gewißheit Gottes gibt' (15). Die Tatfache
, die uns dabei zuerft entgegentritt, ift die uns felbft
verliehene Lebendigkeit: diefe Tatfache kommt in der
religiöfen Anthropologie zum Ausdruck (21—303). Wir
kennen weiter Jefus, der mit der Verheißung vor die
Menfchheit trat, daß er der Chriftus, der Schöpfer und
Herr der zu Gott berufenen Gemeinde fei: die Chrifto-
logie bildet den zweiten Teil der Darfteilung (303—382).
Durch den Chriftus entftand die Chriftenheit mit den fie
kennzeichnenden Vorgängen, durch die fie das Wirken
des Chriftus und die in ihm uns vermittelte Gnade erlebt
und offenbart: davon handelt die Soteriologie (Gnadenmittel
, Gnadengabe, Gnadenwirkungen) im dritten Teil
des Syftems (383—573). Endlich gibt uns die Sendung
des Chriftus auch eine Verheißung, die uns ein Ziel vor-
j hält, das die ganze uns jetzt verliehene Lebensgeftalt und
| unfern jetzt Gott darzubringenden Dienft beftimmt: diefem
| Gegenftande gilt der letzte Teil, die Eschatologie
j (574—604). — Dem Texte find am Schluß Anmerkungen
beigegeben, die andeuten follen, wie des Vfs. ,Ausfagen
im empfangenden und abwehrenden Austaufen mit der
unermeßlich reichen Arbeit der Kirche flehen' (605—667).
Dagegen vertritt der Text die Überzeugung, daß die
Unterfcheidung der Dogmatik von der Dogmengefchichte
ein notwendiges Merkmal einer brauchbaren Dogmatik
fei. Denn die Begründung der chriftlichen Überzeugung
ift eine andere Arbeit als der Bericht über ihre Gefchichte.
j Vermöchte die Dogmengefchichte die Dogmatik in fich
zu abforbieren, fo ginge das der Kirche ans Leben; denn
fie ftirbt, wenn fie nur noch Erinnerungen an die einft
vorhandenen Überzeugungen hat, felber aber keine folche
mehr erreicht (6).

Daß eine Sonderlehre von Gott in Sehls Darftellung
nicht vorhanden ift, entfpricht durchaus der Aufgabe, die
er der Dogmatik Hellt. Dreht fich doch im dogmatifchen
Syftem alles um die wiffenfehaftliche Formulierung der
I Gotteserkenntnis. Jeder Tatbeftand wird unter dem
Gefichtspunkt erwogen, wie Gott uns durch ihn offenbar
fei' (n). Daß nichtsdeftoweniger alle zur fpeziellern
Theologie gehörigen Probleme behandelt werden, beweift
I die Darftellung felbft zur Genüge (Vgl. §§ 5—8. 13. 15.