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Ausgabe:

1912 Nr. 9

Spalte:

269-270

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schubert, Hans von

Titel/Untertitel:

Die Anfänge des Christentums bei den Burgundern 1912

Rezensent:

Krüger, Gustav

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269 Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 9. 270

,Hoheslied von der Würde der Arbeit' (S. 20) hat Au-
guftin nicht angeftimmt, die ,frohe Botfchaft der Arbeit'
(S. 27) hat er nicht verkündet. Das find übertriebene
Ausdrücke, die durch die mitgeteilten Zitate aus Auguftins
Werken nicht gerechtfertigt werden. Bei dem als Haupt-
beweisftelle angeführten Paffus aus De quant. an. 72, in
welchem die Kulturarbeit etwas Großes und Menfchen-
würdiges genannt wird, hätte W. nicht überfehen follen,
daß nach Auguftin die Arbeit die niederfte Stufe menfch-
licher Betätigung bildet, über der fich 4 höhere erheben, und
daß erft auf der nächfthöheren Stufe bonitas und omnis

vera laudatio beginnt.

Iburg. W. Thimme.

Schubert, Hans v.: Die Anfänge des Chriftentums bei den

Burgundern. (Sitzungsberichte der Heidelb. Akad. d. Wiff.

Philof.-hiftor. Kl. Jahrg. 1911, 3. Abh.) (33 S.) gr. 8°.

Heidelberg, C. Winter 1911. M. 1.10

Nach weitverbreiteter, auch von Hauck in feiner
Darftellung der Anfänge des germanifchen Chriftentums
vertretener Annahme find die Burgunder erft, nachdem
ihnen Honorius (414) am linken Rheinufer Wohnfitze an-
gewiefen hatte, auf Grund eines Volksbefchluffes für das
Chriftentum, und zwar das katholifche, gewonnen worden
und erft nach der Mitte des 5. Jahrh. nach ihrer Ver-
fetzung in die Sapaudia (Savoyen) zum Arianismus übergetreten
. Diefe Annahme ruht auf den Angaben des
Orofius, adv. pag. 7, 32 und des Sokrates, hist. eccl. 7, 30.
Von Schubert zeigt, daß fie unglaubwürdig ift, und fetzt
ihr die andere entgegen, daß die Burgunder, wie übrigens
bereits Petigny in den r.tudes sur l'histoire, les lois et
les institutions de lepoque merovingienne 2, 1844, vermutet
hat, den Arianismus fchon von den Weftgoten
angenommen und, wie die Wandalen, an den Rhein mitgebracht
haben. Sein Nachweis gründet fich einmal
darauf, daß man Orofius eine felbftändige gute Kunde
über den katholifchen Glauben der Burgunder um fo
weniger zutrauen dürfe, als das in Betracht kommende
Kapitel feines Werkes im übrigen nur von unficherem
Wiffen und flüchtiger Quellenbenutzung zeugt; noch
weniger dürfe man eine fo wichtige hiftorifche Tatfache
auf Grund einer bei Sokrates außer jedem hiftorifchen
Zufammenhang flehenden, legendenhaft aufgeputzten Erzählung
hinnehmen. Sodann zeigt das Quellenverhör, daß
fich weder bei Profper noch bei Salvian noch bei anderen
Vertretern der hiftorifchen und poetifchen, kulturgefchicht-
lich fo bedeutfamen einheimifchen Literatur der Zeit irgend
welche Erinnerung an den anfänglichen Katholizismus
eines mächtig in die Gefchichte eingreifenden Volkes erhalten
hat. Endlich verrät keine Zeile bei Avitus von
Vienne, dem Vorkämpfer des Katholizismus unter arianifchen
Burgunderkönigen, daß die Burgunder eine nicht weit
zurückreichende katholifche Vergangenheit gehabt haben,
die Avitus felbft als Kind erlebt haben müßte.

Bei folcher Sachlage will v. Schubert die Notiz bei
Gregor von Tours (hist Franc. 2,28), daß der Burgunder
Gundowech ein Nachkomme des Weftgoten Athanarich
(t 381) gewefen fei, aufrechterhalten und erklärt für
möglich, daß der mächtige Theoderich I den Burgundern
nach Vernichtung ihres Königsgefchlechts 436/37 in der
Perfon Gundowechs den neuen Fürften gefetzt habe. Leife
läßt er am Schluß die Vermutung anklingen, daß fich
am Ende diefer Theoderich, alfo der Weftgote, hinter
\-m r?letrich von Bern der Nibelungenfage verberge.
Wer die gefchichtlichen Zufammenhänge durchdenkt, dem
fcheint diefe Vermutung nicht fo kühn, wie fie fich hier
ausnehmen wird. Und doch entfcheidet gegen fie, worauf
mich mein Herr Kollege Behaghel aufmerkfam macht,
das Bedenken, daß Dietrich von Bern nach Ausweis der
nordifchen Uberlieferung der burgundifchen Nibelungen-
lage urfprünglich fremd gewefen ift. Derfelbe Sachver-
ltandige belehrt mich auch, daß der .glänzende Nachweis'

(v. Schubert S. 30, Anm. 36) Roethes, daß für die zweite
Hälfte des Nibelungenliedes ein lateinifches Epos des
Meifters Konrad aus dem 10. Jahrh. die Grundlage gebildet
habe, inzwifchen von Friedrich Vogt (Volksepos und
Nibelungias, Feftfchrift zur Jahrhundertfeier der Univer-
fität zu Breslau, 1911, 484—516) widerlegt worden ift.
Doch dies nebenbei. Von Schuberts Nachweis, das aria-
nifche Chriftentum derBurgunder in der Frühzeit betreffend,
hält, glaube ich, der Nachprüfung ftand.

Gießen. G. Krüger.

Kern, Fritz: Die Anfänge der franzölifchen Ausdehnungspolitik

bis zum Jahr 1308. (XXXII, 375 S. m. 1 Karte.) Lex.-8°.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1910. M. 11—; geb. M. 13 —

Der politifche Klang des Titels, dem zum Trotz die
Redaktion uns ein kurzes Wort freundlichft geblattet, möge
keinen Theologen, der der allgemeinen Gefchichte des
mittelalterlichen Abendlandes Intereffe entgegenbringt,
von der Lektüre des Werkes abhalten. Mit forgfamer
Quellenforfchung, die mancherlei Urkunden zum erften
Mal verwertet und auch bekannten Stücken neue Zeug-
niffe abzugewinnen weiß, und mit glücklicher Darftellungs-
gabe find hier die erften großen Erfolge franzöfifcher
Ausdehnungspolitik behandelt, aus der energifch durchgeführten
Abiicht heraus, die Einheitlichkeit diefer Politik
zu erweifen und ihre nationale und univerfale Bedeutung
darzutun. Man lernt die auswärtige Politik Philipps des
Schönen, deren Ziel und Mittel diefelben find wie die der
deutfchen Politik Ludwigs XIV., als Ganzes, als Syftem
kennen: nach ihren politifchen und ideellen Vorausfetzungen,
in der Technik ihres Verfahrens, in ihren einzelnen Erfolgen
und ihrem gefamten Ergebnis. In dem Reichsgedanken
, in der Idee des altfränkifchen Königsrechtes,
das nach Lotharingien hinübergreift, war die theoretifche
Grundlage gegeben. Philipp der Schöne ift der rex
Francorum, der die Theorie in Praxis umfetzt, der deut-
fches Land als ehemaligen fränkifchen Reichsbefitz für
den franzöfifchen Staat beanfprucht. Unterftützt durch
fein glänzend gefchultes und fkrupellofes Beamtentum
hat der innerlich erneute Staat mit einer zugleich zähen
und gefchmeidigen Bündnispolitik, mit offener und verdeckter
Gewalt den franzöfifchen Befitz und die franzöfifche
Einflußfphäre nach Often vorgefchoben. In Burgund und
noch mehr in Lothringen hat diefe Ausdehnungspolitik
ihre großem Erfolge errungen. Mit der Tatfache, daß
Reichsbistümer an der deutfchen Weftgrenze Opfer der
franzöfifchen FZxpanfion geworden find, ift die befondere
kirchengefchichtliche Bedeutung von Kerns Buch gegeben
. Es bietet namentlich, ftofflich fowohl wie in der
Auffaffung, Neues über die franzöfifche Intervention in
Lyon, die dank einer gefchickten Ausnutzung der Streitigkeiten
zwifchen Erzbifchof und Bürgerfchaft zur Aufrichtung
der franzöfifchen Souveränität führte, Neues auch
über die verfchiedenen Formen von Oberhoheit oder
Schutzgewalt, die Philipp der Schöne den einzelnen loth-
nngifchen Bistümern aufgezwungen hat. Daß fich in
dem Werke auch einige Beiträge zur Gefchichte der
päpftlich-franzöfifchen Beziehungen, zur Beurteilung der
Politik Bonifazius VIII. und Klemens V. insbefondere,
finden, kann ich nur eben noch andeuten.

Freiburg i. Br. F. Vi gen er.

Quellen und Forfchungen zur Gelchichte des Dominikanerordens
in Deutichland. Hrsg. von Paulus v. Loe u. Bened.
Maria Reichert. 6. Heft. Registrum litterarum Ray-
mundi de Capua 1386—1399, Leonardi de Mansuetis
1474— 1480. Hrsg. v. Bened. Maria Reichert. (VII, 151S.)
gr. 8°. Leipzig, O. Harraffowitz 1911. M. 6—

Benediktus Maria Reichert bietet im vorliegenden
Bande die Regelten des brieflichen Verkehrs der Ordens-