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Ausgabe:

1912

Spalte:

249-252

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Matthes, Heinrich

Titel/Untertitel:

Ist eine Neubelebung unserer evangelischen Kirche möglich? - Warum ist gerade jetzt ‚Gemeindearbeit‘ notwendig? 1912

Rezensent:

Eger, Karl

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249 Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. S. 250

kann, wenn ihr von links und rechts, von Tr. und Grütz- I 26. April 1911 in Darmftadt (100 S.) gr. 8°. Leipzig,
macher zugerufen wird, fo etwas fei nicht möglich. j J. C. Hinrichs 1911. M. 1.60

Wenn Tr. fich nun nach einem .fozialpfychologifchen
Gefetz' feftftellt, daß die Perfon Jefu für ihn unentbehrlich
fei, fo überfieht er natürlich nicht, daß dann feine Pofition

Mahling, Konfift.-R. Prof. D. Frdr.: Die loziale Bedeutung
der chriftlichen Gemeinde u. die daraus fich ergebenden

ebenfalls durch die hiftorifche Kritik gefährdet wird. Er Folgerungen f. ihre Arbeit. Referat, geh. auf dem
fchließt daraus auch richtig: ,Somit müffen wir im Kampf : xc. kirchlich-fozialen Kongreß in Hannover. (Hefte der
der wiffenfchaftlichen Meinungen uns allerdings auch mit j freien kirchlich-foz.Konferenz 44. Heft.) (90 S.) 8°. Berlin,
den Mitteln der h.ftorifchen Wiffenfchaft der Tatfachhch j Vaterländifche Verlags- u. Kunftanftalt 191a M. - 75
keit und Erkennbarkeit Jefu verfichern, wenn es einen | fa y / j

Fortbeftand des Chriftentums geben foll' (40). Es fcheint j Zwei Grundgedanken find es, die die frifch und warm

gefchriebene Schrift von Matthes beherrfchen: Die evan-
gelifche Kirche foll fich nicht zu viel mit Paktieren,
Parlamentieren, Theoretifieren, Syftematifieren aufhalten,
fondern das ihr anvertraute und in ihr lebendige Evangelium
durch Wort und Tat zur Geltung bringen, und
zwar in ihrer Eigenfchaft als religiöfe Gemeinfchaft,
durch den feelforgerlichen Dienft aller an allen, d. h. der
religiös-fittlich Aktiven an denen, die der Einwirkung, des
Gezogenwerdens, bedürfen. Bruderliebe, Zucht, Andachts-
gemeinfchaft: das ift das Dreigeftirn, das der Landeskirche
bei Organifation und Ausrichtung ihrer Arbeit leuchten
muß, wenn fie lebenskräftig und des Lebens wert fein oder
vielmehr immermehr werden foll. Der letzte Grund ihrer
Kraft aber muß fein, daß fie Glauben an die ihr von
Gott verliehene Gabe und Aufgabe hat. — Im Rahmen
diefes Appells zur Tat im Dienft des Evangeliums werden
die verfchiedenen Fragen unferes gegenwärtigen kirchlichen
Lebens, Unterricht, Predigt, Konfirmationspraxis,
befonders auch die Frage der presbyterial-fynodalen
Kirchenverfaffung befprochen, immer unter dem beherr-
fchenden Gefichtspunkt, wiefern die betr. Ordnungen und
Einrichtungen für die Arbeit der chriftlichen Lebens-
gemeinfchaft nutzbar und fruchtbar gemacht werden
können. Uber das, was die Landeskirche zur Zeit ift und
treibt, finden fich z. T. fehr fcharfe kritifche Bemerkungen;
eine eigentliche Prüfung der Art unferer Landeskirchen
als folcher und deffen was fie von diefer ihrer Art aus

mir nur, als traute Tr. der Arbeit der Hiftoriker mehr
zu, als fie leiften kann. In Betreff der Haupttatfachen fei
bereits eine Sicherheit erreicht (S. 38), die doch in Wahrheit
unerreichbar ift. Aber gerade wenn wir uns diefer
Unmöglichkeit bewußt werden, können wir uns an dem
Wahrfcheinlichen dankbar freuen. Der wirklich religiöfe
Glaube lebt immer nur von dem, was einem Menfchen
gegenwärtig tatfächlich gegeben ift. Die abfolute fachliche
Sicherung ift ein Traumbild, das den Glauben nur entkräften
kann. Daß die Wiffenfchaft vom Wirklichen diefen
Wahn zerftört, ift für den Glauben eine Hilfe. Dem Gott,
den er in dem Gegenwärtigen gefunden hat, foll er vertrauen
, daß er durch ihn auch für alle Zukunft haben
wird, was er bedarf. Daraus entfteht uns das Jefus Chriftus
in Ewigkeit', wenn uns wirklich in feiner Erfcheinung, der
Gott, der uns rettet, berührt hat. Aber wenn uns nun
die Gefchichtsforfchung damit bedroht, es könne einmal
die ganze Überlieferung von Jefus Chriftus als ein Werk
der Phantafie erwiefen werden, fo wollen wir diefe aus
der Methode der Wiffenfchaft erwachfende Vorftellung
nicht etwa in falfcher Sicherheit zertreten. Wir nehmen
vielmehr auch diefe Möglichkeit als etwas von Gott gegebenes
hin und entnehmen daraus die Forderung, daß
wir allezeit in dem mächtigften Gehalt der von uns felbft
erlebten Wirklichkeit ihn fuchen follen. Ift uns gegenwärtig
fo wie nirgends fonft in der Perfon Jefu das Eine
anfchaulich, das wir uns allein als die Macht in allem

Wirklichen denken können, fo wäre es doch wunderlich, leiften können, wird nicht vorgenommen. Verf. fteht auf

wenn das, was wir darin empfangen haben, uns nicht
ruhig und getroft machen follte gegenüber abftrakten
Möglichkeiten, deren Vorftellung eine unerläßliche Bedingung
für die Bewegungsfreiheit der Wiffenfchaft bleibt.
Wie die Wiffenfchaft vom Wirklichen nie aufhören wird,
fich in der Vorftellung folcher Möglichkeiten die immer
nur relative Geltung ihrer Ergebniffe vorzuhalten, fo wird
auch der Glaube oder das Leben nicht darauf verzichten,
der in der erlebten Wirklichkeit verfpürten lebenfchaffen-
den Macht fich rein hinzugeben. Daß wir die eine Betrachtungsweife
nicht in die andere auflöfen können, mag
einen Religionsphilofophen betrüben. Dem Frommen
zeigt fich darin, daß wir nur in dem Heute wirklich leben,
Gott fuchen und handeln können. Die Art, wie Tr. fich
mit jener Möglichkeit abfindet, macht den Eindruck, als
ob er fich den Ernft der Lage noch nicht vergegenwärtigt
habe, in den uns nicht das Anwachfen gefährlicher Ergebniffe
, fondern die Methode der Wiffenfchaft verfetzt.
Sie ift ein ftarkes Mittel, uns die Augen für das wirkliche
Leben der Religion zu öffnen.
Marburg. w- Herrmann.

Matthes, Sem.-Ob.-Lehr.Prof.Lic.Heinrich: Auslichten und

Aufgaben der evangelilchen Landeskirchen in der Gegenwart
. (Studien zur praktifchen Theologie. Bd. III,

Hefti.) (96S.)gr.80. Gießen,A.Töpehnann 1909. M.2.60
— Ift eine Neubelebung unferer evangelifchen Kirche möglich?

— Warum ift gerade jetzt ,Gemeindearbeit' notwendig?

(35 S.) gr. 8°. Darmftadt, Wartburg-Buchhandlung

1911. M. — 50

Verhandlungen der 1. u. 2. Konferenz f. ev. Gemeindearbeit

am 5. u. 6. April 1910 in Braunfchweig, am 25. u. j Von denfelben leitenden Grundgedanken aus beant-

dem Boden der Volkskirche und zeichnet von da aus
das ihm vorfchwebende Ideal kirchlichen Gemeinfchafts-
lebens; der Landeskirche wird dann zugemutet, Mittel und
Wege zu finden, um dies Ideal in ihrem Rahmen zu verwirklichen
. Wenn ihr das nicht gelingt, dann ift ihre
Schickfalsftunde gekommen, und neue Formen des kirchlichen
Rechtslebens werden und müffen fich bilden. —
Es find alfo wefentlich Sulzefche Gedanken, die hier mit
Kraft und Wärme vorgetragen werden. Ref. ift überzeugt
, daß in der Richtung diefer Gedanken die Zukunft
unferes deutfch-evangelifchen Kirchenwefens gefucht werden
muß, wenn das Evangelium ein wirkungskräftiges
Stück unferer Volkskultur bleiben und immermehr werden
foll. Wir brauchen mehr ,real gelebtes (religiös-fittliches)
Leben' als Erörterung von religiöfen und Weltanfchau-
ungsproblemen, die die religiöfe Kraft und Urfprüng-
lichkeit namentlich bei unferen .Gebildeten' zu überwuchern
droht. Wieweit aber die deutfch-evangelifche
Art geneigt ift, in organifierter Gemeinfchaft auf das
religiöfe Leben anderer aggreffiv einzuwirken, das ift eine
Frage, die Verf. genauer hätte erörtern follen. Es liegt
in der unzweifelhaft bei uns im evangelifchen Deutfchland
vorhandenen Abneigung gegen folche Einwirkung nicht
nur Schwäche und Gleichgültigkeit, fondern auch ein Stück
beftes Erbe lutherifcher Frömmigkeit, der die keufche
Pflege frommer Innerlichkeit über alles geht. Wie die
Gefahr diefer deutfch-evangelifchen Art überwunden
werden kann, ohne daß ihr Segen verloren geht, wird das
praktifche Problem unferer künftigen kirchlichen Entwicklung
fein. Jedenfalls verdient die Stimme des Verf.
im Kampf gegen individualiftifches Sichgenügenlaffen an
dem, was man felber hat, ernftlich gehört zu werden: das
Buch kann eine heilfame Gewiffensfchärfung fein.