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Ausgabe:

1912 Nr. 8

Spalte:

243-245

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mirbt, Carl

Titel/Untertitel:

Mission und Kolonialpolitik in den deutschen Schutzgebieten 1912

Rezensent:

Lueken, ...

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 8.

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gelagt ift; aber diefe Unebenheiten verfchwinden hinter der im Übrigen
lichtvollen Dispofition. Als für den Theologen befonders wertvoll hebe
ich noch heraus: a) die hohe Einfchätzung der Jefuiten, die um fo beachtenswerter
ift, als F. hier Suezialforfcher ift. Sie .paßten fich fogar
bis auf einen gewiffen Grad der humaniftTchen hiftorifchen Methode
an, fie übten Kritik' etc., führten die religionspfychologifche Analyfe in
die Gefchichtsfchreibung ein, .auch wenn fie Gefchichte fchreiben, merkt
man den Jefuiten an, daß fie die exercitia spiritualia durchgemacht haben'.
Die Einficht der Jefuiten, .daß jeder Meiifch am meiden leide, wenn er
feiner Natur gemäß befchältigt wird und feine eigene Begabung vollkommen
ausbilden kann', führt auf hidorifchem Gebiete dazu, daß ihre
Werke .obwohl de im Auftrage und unter der Kontrolle der Obern ausgeführt
wurden, nicht die unangenehmen Zeichen unperfönlicher Mache
befitzen, die der offiziöfen Hidoriographie leicht anhängen'. Auch die
relative Ehrlichkeit )efuitifcher Gefchichtsfchreibung wird herausgehoben,
fo gewiß manches Gravierende unterdrückt wurde. Aber F. befolgt den
methodifch einzig richtigen Grundfatz, nicht an heutigen Maßdäben zu
meffen, fondern an dem der damaligen offiziöfen Hidoriographie, und da
fchneiden die Jefuiten gut ab. Übrigens find die Jefuiten auch der erde
Orden gewefen, der die Prinzipien der humaDidifchen Annalidik auf die
Ordensgefchichte übertrug. Die Anwendung des zeitgefchichtlichen Maß-
ftabes korrigiert auch das landläufige Urteil über b) Janffen. Seine
Schwärmerei für das Mittelalter wird mit Recht auf die durch Böhmer
überliefeite Romantik zurückgeführt, er, der fich dets mit Stolz als Kleinbürger
fühlte, führte erdmalig das Volk, die kleinen Leute, in die Refor-
mationsgefchichte ein, feine berüchtigte Tendenzfehreiberei aber mildert
fich, wenn man hört, ,daß die kulturwiffenfchaftliche Methode, die er
anwandte, von anerkannten Hidorikern — F. nennt befonders Taine —
kaum weniger unkritifch ausgeübt wurde', c) Bullinger. Man hat feiner
.Ehrlichkeit' viel zu viel getraut; feine einfeitige Verherrlichung Zwiuglis
wirkt z. B. noch bei Egli fehr dark nach. F. geht fcharf mit B. ins
Gericht, aber allem Anfchein nach berechtigt, d) die Förderung des Problems
: Renaiffance und Reformation. F.'s Ürteil über die Renaiffance
und den Humanismus id fehr forgfältig abgewogen und zurückhaltend, die
Maniriertheit der Stilhidoriker u. a. wird fcharf gegeißelt, aber es kann
keinem Zweifel unterliegen, daß die Reformation ihnen gegenüber einen
Rückfehritt bedeutete, und die Aufklärung nach dem reformatorifchen Intermezzo
die Ouvertüre weiterführte. Die Hidoriographie id hier aber nur
ein Teil — wenn auch ein fehr wichtiger, problemdellender — der allgemeinen
Kulturentwickluig.

Überhaupt veranfehaulicht die Gefchichte der Hiftorio-
graphie fehr klar die Geiftesentwicklung der Menfchheit,
und F. hat auf diefen Erweis der Abhängigkeit der Gefchichtsfchreibung
vom Intereffenftandpunkt der allgemeinen
Bildung befonderen Wert gelegt und dadurch
diefen Standpunkt felbft vielfach neu beleuchtet. Je mehr
die moderne Kirchengefchichtsfchreibung fäkularifiert
werden muß, defto mehr wird fie aus F.'s Buche Nutzen
ziehen. Es hat ihr fehr viel zu fagen.

Zürich. Walther Köhler.

Mirbt, Geh. Konfift.-R. Prof. D. Carl: Million u. Kolonialpolitik
in den deullchen Schutzgebieten. (XII, 287 S.)
gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1910. M. 6—;

geb. M. 7.50

Das Buch von Mirbt ift entftanden aus Vorträgen,
die der Verf. im Sommer 1909 im Hamburger Kolonial-
inftitut gehalten hat. Es wendet fich in erfter Linie an die
Kreife, die mehr für die Kolonialpolitik als für die Miffion
intereffiert find. Bei denen fucht es Verftändnis dafür
zu wecken, daß die beiden Beftrebungen nicht Gegen-
fätze find, fondern weitgehende gemeinfame Intereffen
haben und zufammenarbeiten müffen. Was M. will, das
ift ihm in hervorragendem Maße gelungen. Es ift hoch-
erfreulich, daß man hier ein Buch hat, das man gebildeten
MiffionsVerächtern in die Hand geben kann. Denen,
die für die religiöfe Seite der Miffion wenig Verftändnis
haben, wird hier mit einer überwältigenden Fülle von
Beweismaterial klar gemacht, was für gewaltige Kultur-
leiftungen die Miktionen in unferen deutfehen Kolonien
und Schutzgebieten fchon aufzuweifen haben. Wäre das,
was M. über das Miffionsfchulwefen (allein in unfern Kolonien
2289Miffionsfchulen mit mehr als 103646 eingebornen
Schülern I), über die Erziehung zur Arbeit, über die Wohlfahrtspflege
(ärztliche Miffion) ausführt, allgemein bekannt,
fo würden fo törichte Artikel über die Miffion wie der
von dem Regierungsbaumeifter Langen (.Über die Arbeitsweife
der Miffionen') in der .Chriftl.-Welt' 1911 Sp. 386 fr.
ungefchrieben bleiben. Aber freilich Miffion ift ein Gebiet
, das ftudiert, gründlich ftudiert fein will; mit dem
Lefen einiger kleiner Miffionstraktate oder auch kompendienartiger
Abriffe ift es nicht getan. Es ift ein befon-
deres Verdienft von Mirbt, daß er nun fchon feit Jahrzehnten
unter feinen Studenten das Intereffe für dies
ungebührlich vernachläffigte wichtige Stück Kirchenge-
fchichte zu wecken fucht. Wer nur etwas anfängt fich
hineinzuarbeiten, auch an der Hand diefes Buches, der
wird bald merken, welch eine Fülle von intereffanten,
fchweren Problemen hier vorliegt, Problemen, die alle
Disziplinen der Theologie berühren.

Daß das Buch mit vollkommener Beherrfchung
des weitfehichtigen Stoffes, unter Zugrundelegung der
neueften und bellen Quellen gefchrieben ift, verfteht fich
bei einem fo vorzüglichen Miffionskenner wie Mirbt von
felbft. Auf eine Kleinigkeit darf ich aber wohl aufmerk-
fam machen: S. 67 wäre in dem Beftand des Allg.ev.-prot.
Miffionsvereins in Kiautfchou außer den 3 Miffionaren
auch ein Miffionsarzt (vorübergehend fogar 2) zu nennen
gewefen. S. 132 ift die Schülerzahl desfelben Miffionsvereins
viel zu gering angegeben; das deutfeh-chinefifche
Seminar in Tfingrau hatte fchon damals nicht nur ca. 60,
fondern etwa 120 Schüler.

Zweckmäßig ift, daß fich der Verfaffer auf die deutfehen
Kolonien befchränkt. Diefe find uns nun einmal
befonders ans Herz gelegt. Hier läßt fich am erften einleuchtend
machen, wie nahe uns diefe Dinge angehen.
Auch zur Einführung in das Studium der Miffion ift dies
abgegrenzte Gebiet als Ausgangspunkt befonders geeignet.
' Immerhin wäre es zur Ergänzung der vorliegenden Ausführungen
fehr wertvoll, einmal darzulegen, was die außerhalb
unfrer deutfehen Kolonien wirkenden deutfehen
Miffionen dem Deutfchtum nützen. Der Verf. weift wohl
überzeugend nach, daß das von einfeitigen Kolonialfreunden
öfter ausgefprochene Verlangen, die deutfehen Miffio-
! nare auf die deutfehen Kolonien zu befchränken, undurchführbar
ift. Man hätte zur Ergänzung hinzufügen können,
daß folch eine Befchränkung gerade im Intereffe des
Deutfchtums nicht einmal wünfehenswert ift. Ift doch
jeder Miffionar, auch wenn er feinen Beruf rein religiös
auffaßt und nicht im entfernteften daran denkt, ein poli-
tifcher Agent zu fein, ganz von felbft ein Pionier feines
eigenen Volkstums. Aus nationalen und handelspolitifchen
Gründen haben wir ein Intereffe an einer ftarken deutfehen
Miffion z. B. in China. Das kann man den für
Kolonialpolitik und Weltpolitik intereffierten Kreifen gar
nicht oft und deutlich genug fagen. Es wäre fehr dankenswert
, wenn der Herr Verf. bei paffender Gelegenheit auch
diefe Zufammenhänge einmal auf Grund feiner reichen
Miffionskenntnis beleuchten wollte.

Die eigentlich religiöfe Seite der Miffion tritt in dem
vorliegenden Buche etwas zurück, — dem vorausgefetzten
Hörer- und Leferkreis gegenüber gewiß mit Recht. Aber
wo es irgend am Platze ift, fucht der Verf. auch für diefe
Seite Verftändnis zu wecken; fucht z. B. zu zeigen, wie
folche Erfcheinungen wie der Kannibalismus oder die
überall beklagte Lügenhaftigkeit der Eingebornen in ihrer
heidnifchen Religion wurzeln und nur durch religiöfe
Miffionsarbeit wirklich entwurzelt werden können; fucht
zu zeigen, daß Unabhängigkeit des Handelns in der Sphäre
der religiöfen und fittlichen Erziehung der Eingebornen
für die Miffion Lebensbedingung ift, und daß fie fich
unmöglich dazu degradieren laffen kann, ,nur einer der
Kraftfaktoren zu fein, welche wir auf das Negertum fpie-
len laffen'. So zeigt der Theologe den Kolonialpolitikern
auch, warum das beklagenswerte Rivalifieren von katho-
lifcher und evangelifcher Miffion als eine unvermeidliche
Tatfache hingenommen werden muß. Diefe konfeffionelle
Frage wird überall, wo fie auftaucht, mit vornehmer Objektivität
behandelt, aber doch deutlich genug, um dem
evangelichen Lefer zwifchen den Zeilen die große Gefahr
zum Bewußtfein zu bringen, die in dem zielbewußten
Vordringen der katholifchen Miffion z. B. in Südweft-Afrika