Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1912 Nr. 8

Spalte:

230-233

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jahn, G.

Titel/Untertitel:

Die Bücher Esra (A u. B) und Nehemia textkritisch und historischkritisch untersucht 1912

Rezensent:

Bertholet, Alfred

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

229 Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 8. 230

doch nach alledem fo berechtigte Stellung Jefu und Pauli
gegen eine verdorbene Gefetzesfrömmigkeit zu begreifen,
verläßt den Verf. alle Befonnenheit des Urteils.

Die Polemik der Bergpredigt, die fich übrigens
gar nicht direkt gegen das mofaifche Gefetz richtet, wird
vom Verf. als unecht verworfen wegen des bekannten
Wortes Jefu von der Unvergänglichkeit des Gefetzes.
Wieder einmal wird die bekannte Mär vorgetragen von

abfolute Moral in eine Welt hinein gehören, die jenfeits
diefer von Raum und Zeit bedingten Sinnlichkeit liegt,
und daß er empfindet, wie ,optimiftifche Diesfeitigkeit'
der Tod für alle Religion ift.

Göttingen. Bouffet

Jahn, G.: Die Bücher Esra (A u. B) u. Nehemia text-kritifch
dem fortfchrittlichen Geift des pharifäifchen Judentums J ^onfch-kritifch unterfucht m. Erklärg. der einfchläg.
im Gegenfatz zum ftarren fadduzäifchen Buchftaben- | -^ophetenftellen u. e. Anh. üb. hebr. Eigennamen,
dienft und behauptet, daß der Pharifäismus von fich aus j (XCI, 289 S.) gr. 8°. Leiden, Buchh. u. Druckerei vorm.
jene höhere geiftige Auffaffung des Sittengefetzes fchon E. J. Brill 1909. M. 10 —

lange befeffen hatte. Und nun gar erft die Behandlung j naowAri;An»nj«n,..i mn. • • r 1, -j r t. j
des8Paulus! Paulus foll, nachdem ihm der echt heid- „..^vwiegendeBu^
nifche Gedanke eines Opfers, das die Gottheit fich felbft
darbringe, aufgegangen war, den ,kecken' Plan gefaßt
haben, mit einem wuchtigen Schlage das Mofes-Gefetz
aus den Angeln zu heben. Tatfächlich verhalten fich
die Dinge umgekehrt: das Primäre bei Paulus war die
aus dem unmittelbaren Innern herausgegangene univer-
faliftifche Grundüberzeugung des Apoftels, damit das
Recht und die Pflicht zur Heidenmiffion und damit die
Befeitigung des die Heidenmiffion Hörenden jüdifchen
Gefetzes. Die gefamte künftliche Rechtfertigungstheologie
des Paulus und feine allerdings mythifche Sühne- und
Opfertheorie find fekundäre theoretifche Stützen des
Univerfalismus und der Miffions-Praxis des Paulus. Und
was foll man endlich dazu fagen, daß der Verf. der Meinung
ift, daß Paulus an Stelle des mofaifchen Gefetzes einfach
das Sakrament und den Glauben im Sinne des äußeren Be-
kenntniffes geletzt habe: ,Sie (die Gemeinde) brauchte nur
nach Heidenart das Unglaubliche zu glauben, und das Tauf-
Symbol mit dem Abendmahl ficherte ihr das ewige Heil' (!)

Eindrücke aus. Ich will nicht davon reden, daß fein
Verfafier darin u. a. eine längere gegen feine Kritiker,
fpeziell gegen mich gerichtete Erklärung, die er aus Anlaß
meiner Befprechung feines Ezechielkommentares
(ThLZ 1907, 3 5 ff.) im Literarifchen Zentralblatt hatte
erfcheinen laffen, wieder zum Abdruck bringt oder im
neuen Kommentar felber an einer Fülle von Stellen,
gelegentlich auch aus eigenem Mißverftändnis heraus (vgl.
zu Neh. 5,8), gegen meinen Efra-Neh.-Kommentar pole-
mifiert1. Ich folge Jahn nicht auf diefen Boden des rein
Perfönlichen, fondern halte mich nur an das Sachliche:
da finde ich in feinem Buch in bunter Mifchung neben
richtigen und annehmbaren Beobachtungen rein willkürliche
oder einfeitig übertriebene Behauptungen, mit denen
er fich wieder um die Wirkung deffen bringt, was ihm
größtes Anliegen ift. Natürlich ift etwas Richtiges daran,
wenn er immer von Neuem rügt, ,daß auch die bedeu-
tendften Kritiker nur einen Blick in die LXX werfen,
wenn MT keinen Sinn gibt' (S. I). Aber was macht er

oymooi . u uein ^ucuui.uun .^x« ^ - u« cwxgca cu m. felber Lxx fö ; ~ Gebrauch! Wenn er MT auch
Lern foll zugeftanden werden, daß lakramentale Be- . • . ^ -i j xr t. " . . , ,

ftandteile und eine Auffaffung des Glaubens als äußeren
Bekenntniffes bereits in die Gedankenwelt des Paulus
ftark hineinragen, aber das ift denn doch wirklich nicht
alles, was man von Paulus fagen kann. Oder glaubt der
Verf. wirklich, daß Paulus mit feiner Aufhebung des
Gefetzes die Moral habe vernichten wollen, und weiß er
nicht, daß Paulus in dem, was er über das Pneuma fagt,
tatfächlich ein neues Prinzip der Sittlichkeit aufftellt:
gegenüber dem ftarren ,Du follft' des Gefetzes die enthu-
fiaftifche Hingabe an die im Menfchen das Gute fchaf-
fende Gotteskraft? Die Beurteilung des Paulus von Seiten
des Verf. fteht wirklich noch auf derfelben Höhe, wie
die der fanatifchen und fanatifierten Judaiften, die wir
aus dem Leben des Paulus kennen.

Aber auch vom Standpunkt einer weiteren religions-
philofophifchen Betrachtung aus muß ich mich mit aller
Entfchiedenheit noch gegen zwei Sätze des Verf. wenden.
Er behauptet, daß Paulus für die Preisgebung des Gefetzes
einen hohen Preis bezahlen mußte, nämlich den
Glauben; der Glaube aber bedeute Preisgebung des
Gotteslichtes der Vernunft. Diefer Satz mag dem Empfinden
eines modernen Durchfchnitts - Philifters ent-

Srechen, macht aber deshalb gerade dem Verf. keine
hre, der nur bei feinem Glaubensgenoffen, dem Alexandriner
Philo, ein wenig in die Schule gehen dürfte, um
zu erfahren, was recht verftandener Glaube für die Religion
bedeute. Zum zweiten erklärt der Verf.. das
Traurigfte von allem fei es gewefen, daß im Chriftentum
das Gottesreich ins Jenfeits verlegt fei und empfiehlt
dem gegenüber die jüdifche ,optimiftifche Diesfeitigkeit'.
Dies Urteil muß einmal vom gefchichtlichen Standpunkt
wunder nehmen, da es doch feftfteht, daß dem Chriftentum
gerade durch feinen Zufammenhang mit dem apo-
kalyptifchen Judentum die unreinen Jenfeits-Schlacken
noch anhängen; und ferner darf man doch von einem
Religionsphilofophen, der im Zeitalter Kants lebt, erwarten
, daß er etwas ahnt von dem tranfzendenten
Charakter, den alle rechte Religion im Grunde mit jeder ab-
foluten Moral teilt, etwas davon weiß, daß die Religion und

nur einen kleinen Teil des Vertrauens entgegenbrächte,
das er in LXX fetzt, fo würden feine Bücher ein wefent-
lich anderes Geficht bekommen! Aber einen LXX-Text
auf eigene Fauft ins Hebräifche überfetzen, um darnach
den MT zu meiftern und eine neue hebräifche Faffung
herzuftellen, das trifft doch weit neben das Ziel einer
gefunden Textkritik. Dafür liefert faft jede Seite Beifpiele
Ich begnüge mich mit der Befprechung zweier Stellen:

Esr. 4,19 1"l)jai DS>a O^b Ija». überreizt I Esra 2,22 inhal-a
ovv intoxiipaoilai* Diefe 'Überfetzung nennt Jahn (S. 43) ,weit einfacher
und natürlicher als MT' und retrovertiert dem entfprechend als urfprüng-
lichen Text "Igai pijjil (vgl. entfprechend Esr. 6, 1 J I 6,22; Esr. 6, 8
1 I 6, 27), ohne auch nur die Möglichkeit einer freieren Überfetzungsart
des I Esra in Erwägung zu ziehen (vgl. dagegen z. B. Moulton, ZatW
1S99 S. 226), während er für ein freieres Überfetzen der Pefchittha allerdings
ein offenes Auge hat (vgl. zu Esr. 10, 12). Oder Esr. 9,4 findet
das charakteriftifche TjrT, das durch Jef. 66,2. 5 unzweifelhaft ficher-
geftellt wird, keine Gnade und muß wegen der Überfetzung inexivovvxo
(J E. 8,69) einem dan1! den Platz räumen (vgl. auch zu Esr. 10,3)!

Dabei bin ich felber der Letzte zu leugnen, daß I Esra
an einer ganzen Reihe von Stellen einen urfprünglicheren
Text vorausfetze (vgl. meinen Kommentar, S. XVII), und
ich freue mich im Übrigen, daß Jahns Verfuch zu durchgehender
Prüfung in diefer Hinficht anregt.

Wie fchon das erfte der genannten Beifpiele zeigt,
m Jahn der Meinung, der urfprüngliche Text der fogen.
Esra-Urkunden fei der hebräifche gewefen (vgl. Thefe 16
S. V und zu Esr. 5,12. 15 6,5 7,12), während ihr Ara-
mäifchj ein .künftlich gemachter Dialekt', auf Rechnung
eines Überfetzers komme, der diefe Schriftftücke als exo-
tifch erfcheinen laffen wolle (S. 38). Der aramäifche Stil
alfo eine plumpe Fälfchung (S. 50), aus fo fpäter Zeit
vielleicht (vgl. z. B. auch S. LXVI), daß DVJ (Esr. 5,13)
das lateinifche verum fein könnte (f. z. St.)', — mir ift
völlig unverftändlich, wie Jahn darüber zu befinden wagt,
ohne die aramäifchen Papyrusurkunden aus Elephantine

1) Iu welchem Ton feine Polemik gehalten ift, zeigen Ausdrücke
wie ,dilettantifche Oberflächlichkeit' und ,Gefchichtsfälfchung', die er
Eduard Meyer nachfagt [S. XVII, XII], oder ein Epitheton wie leichtfertig
', das er wiederholt auf Ed. Meyers und Stades Arbeitsweife münzt
[S. XII. XVI, IX f.] ufw.