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Ausgabe:

1912

Spalte:

214-215

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jodl, Friedrich

Titel/Untertitel:

Der Monismus und die Kulturprobleme der Gegenwart. Vortrag 1912

Rezensent:

Dorner, August

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 7.

214

werden, wenn man das Ergebnis auch weniger als erfreulich
betrachtet.

Göttingen. L. v. Bar.

Guttmann, Priv.-Doz. Dr. Julius: Kants Begriff der objektiven

Erkenntnis. (III, 276 S.) gr. 8°. Breslau, M. & H.Marcus,
1911. M. 8.60

Diefer Hufierls Ideen naheftehende Beitrag zur Kantinterpretation
gehört inhaltlich zu dem Berten, was über
Kant gefchrieben ift. Leider macht die zwar durchfichtige
aber reichlich gleichförmige Darstellung das wertvolle Buch
zu einer älthetifch nicht voll befriedigenden Lektüre und
wird wohl verhindern, daß es außer im engften Fachkreife
eingehender Studiert wird.

Es kann hier nicht meine Aufgabe fein, an Einzelheiten
des Inhalts Kritik zu üben, um fo weniger als ich
der Gefamtdarftellung in ihren Grundzügen durchaus zu-
Jtimme. Nur hätte ich eine ausreichend begründete
hiftorifche Einführung in das Problem gewünfcht. Die
hier vernichte Ableitung der Problemstellung der kantifchen
Erkenntniskritik ift von fyftematifchen Gefichtspunkten
aus fehr wohl zuläffig, aber hiftorifch kaum berechtigt.
Mit behenderer Genugtuung habe ich die ruhig-fachliche
Zurückweisung der pfychologifchen Interpretierungskünfte
verfolgt. Das Hauptverdienft liegt für mich darin, daß
der fcharffinnige Verfaffer hinter der objektiven Wiedergabe
der Gedankenbewegung die treibenden Motive philo-
fophifcher Art mit zur Darfteilung zu bringen verfucht.
Zwar berühren feine Untersuchungen über den Gegenfatz
der analytifchen und fynthetifchen Methode nicht überall
die letzten entscheidenden Tatfachen, aber Sie find gleichwohl
fehr geeignet, dieProblemftellungwefentlichzufördern.
Mit vollem Recht werden Schelers bekannte Einwände
gegen die Methode der kantifchen Erkenntnistheorie zurückgewiesen
. Kant will nicht blos die Aufweifung und
Feststellung der Erkenntnisprinzipien erreichen, fondern
vielmehr ihre Deduktion, und Somit hat der Verfaffer durchaus
Recht, die Erkenntniskritik als logifche Analyfe des
Objektbegriffes zu bestimmen. Befonders fcharffinnig ift
jede pfychologifche Mißdeutung von dem unferer Erkenntnis
zu Grunde liegenden Bewußtfein ferngehalten. Mit
vollem Recht weift der Verfaffer darauf hin, daß feine
Aufgabe den Objektbegriff zu analyfieren nur ein Teil des
Gefamtproblems ift, das zugleich die Prinzipien und das
Subjekt umfchließt. Nachdem er daher die transcenden-
tale Deduktion der Kategorien dankenswerter Weife Sowohl
in der erften Auflage als in der zweiten dargelegt,
berührt er in dem Kapitel über ,die Einheit des Bewußtseins
und die Einheit der Vorkenntnis' den Grundbegriff
des Subjekts und in dem .Verhältnis formaler und trans-
cendentaler Logik' die Prinzipien. Ein Kapitel über den
Geltungswert der Erfahrung zeigt deutlich die Verwand-
fchaft mit Hufferl. Man wird in der Lektüre diefes Werkes
ohne Zweifel mit Befremden ein Kapitel über die Formen
der Anfchauung vor der Deduktion der Kategorien vermißt
haben und überrafcht fein, es als Anhang gleichfam
zu den dargelegten Erörterungen vorzufinden. Ebenfo
find die Analogien der Erfahrung aus ihrer gewohnten
Stelle herausgenommen und Später angefügt. Diefe
Äußerlichkeit zeigt am einfachsten, daß die Erörterungen
von logifchen Gefichtspunkten aus angeftellt find. In der
Tat ift die Gefamtdarftellung gleichfam aus einer einheitlichen
Grundkonzeption wie mit einem Schlage entfaltet;
es ift Sehr lehrreich mit diefer Art der Darlegung die
Spekulative Deskription eines Lask und die .Methode' eines
Natorp zu vergleichen. Das treibende Moment ift allemal
außerhalb der Gedankenbewegung verlegt, und wir
bewundern mehr die Logik im Syftem als in der Ent-
wickelung der Probleme oder in der Entfaltung der Gedanken
.

Die Unterfuchungen Guttmanns enden in die großartige
Konzeption der Hilfsvorftellung eines überindividuellen
Bewußtfeins, das zwar nicht als existierende
Wefenheit gefaßt werden darf, aber ,tn diefer metaphy-
fifchen P'affung für das Problem des Dafeins der Erfahrung
etwas zu leiften vermag.' Die Selbftändigkeit der
logifchen Prinzipien wird überzeugend und eindringend
begründet. Das Bewußtfein überhaupt darf man nicht
als exiftente Wefenheit denken, fondern nur zu bestimmten
methodifchen Zwecken fingieren. Man muß Sich hüten,
aus dem ,als ob' ein ,ift' zu machen. Natürlich ift ein
folches Bewußtfein von Kant felber nicht behauptet worden.
Aber ich wüßte in der Tat keinen befferen Erfatz für das
unglückliche Ding an Sich, als diefen methodifch überaus
fruchtbaren Hilfsbegriff. Guttmann will zwar diefen außer-
empirifchen Grund metaphyfifch fundiert wiffen. Er fieht
aber felbft, daß die logifchen Prinzipien vom Sein der
Dinge unabhängig find. Um diefes zu retten, muß er die
metaphyfifche Wirklichkeit nicht blos von den logifchen
Prinzipien abhängig machen (was doch dem Begriff beider
widerfpricht), fondern ihr auch eine Strenge Gefetzmäßigkeit
ihres Zusammenhanges zufchreiben.

Die Schrift ift überaus anregend und inhaltreich; wäre
es nur dem Verfaffer gelungen, die Lebendigkeit und Beweglichkeit
der Gedankenarbeit auch der Form mitzuteilen
.

Einbeck. Bruno Jordan.

JodI, Frdr.: Der Monismus u. die Kulturprobleme der Gegenwart
. Vortrag. (38 S.) gr. 8°. Leipzig, A. Kröner
1911. M. 1 —

Mit diefem auf dem Hamburger Moniftenkongreffe gehaltenen
Vortrage beabfichtigtjodl, dem Monismus feinen
ethifchen Charakter zu wahren. In diefem Sinne weift er
darauf hin, daß die Geifteswiffenfchaften zwar auf dem
Grunde der Natur ruhen, aber nicht in Naturwiffenfchaft
aufzulöfen feien, auch nicht nach gleicher Methode zu
behandeln feien. Er nimmt hier, wie in feiner klar ge-
fchriebenen Gefchichte der Ethik den Standpunkt ein,
daß die Ethik nicht als perfönliche, fondern als Kulturethik
aufzufaffen fei, die es zwar im Wefentlichen mit
der Sozialen Wohlfahrtspflege zu tun habe. Aber diefe
Wohlfahrtspflege fei mit dem Entwickelungsprinzip zu
verbinden; in diefem Sinne will er eine immanente Soziale,
humane, gefchichtlich erarbeitete Kultur, die in beständigem
Aufstieg begriffen ift, will er Wohlfahrtspflege als Bedingung
und Voraussetzung höchster Leistungsfähigkeit,
die Wohlhabenheit als Weg zu innerem Reichtum. So
redet er von dem feiner felbft immer gewiffer werdenden,
zu immer größerer Geiftesmacht und Geiftesklarheit emporsteigenden
Menfchentum, von einem Werk der Gefchichte,
das im objektiven Geilte fortbesteht nnd überliefert wird.
Alle Volkskreife müffen mit dem Bewußtfein von der
Größe und Erhabenheit der Kultur als dem gemeinfamen
Menfchenwerk in Vergangenheit und Zukunft erfüllt und
alle Menfchen müffen in möglichst hohem Grade zur
lebendigen Teilnahme an den Kulturgütern, zu denen
ganz befonders auch Kunft und Wiffenfchaft gehören,
herangebildet und herangezogen werden. Er fordert Ge-
meinfchaft des Menfchlichen in der Höherbildung des
Geiftes; und foweit der Einzelne hier mitfchaften kann,
ift auch die Glücksforderung des Individuums berechtigt.
So ift feine Devife: Naturwiflenfchaft und Ethik.

Nicht fo freundlich Stellt er Sich zu der Religion: Er will
zwar nicht .antireligiös' fein, fondern nur irreligiös und empfiehlt
an Stelle einer transzendenten Religion, die den
Kulturprozeß hindere.die Freiheit lähme und durch ihre Verquickung
mit dem Staat der Staatsmacht für ihre Herrfchaft
Sich bediene, eine Menfchheitsreligion. Das wahre Objekt der
Verehrung foll nicht ein Ubernatürliches, fondern ein Überindividuelles
fein, ,das geiftigeUniverfum', die Verehrung der
Kultur; die neue Religion foll Kulturreligion oder Menfchheitsreligion
fein, ,wenn wir diefen alten Namen, der