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Ausgabe:

1912 Nr. 7

Spalte:

206-207

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Martini, Edgar

Titel/Untertitel:

Textgeschichte der Bibliotheke des Patriarchen Photios von Konstantinopel. 1. Teil 1912

Rezensent:

Meyer, Philipp

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 7.

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haben, daß Iso'däd hier unter dem Einfluffe von Adrians
doaymyrj el$ rag ß-siag ygatpag fleht und fich damit als
echter Jünger der antiochenifchen Schule erweift, cfr. auch
im Kommentar S. 14, Z. 38 fr. mit Adrian § 95 (ich zitiere
nach Gößlings Ausgabe); S. m, Z. if. mit Adrian § 70;
S. 220, Z. 38 fr. mit Adrian § 62; S. 222, Z. 12 ff. mit
Adrian § 67; S. 226, Z. 9ff. mit Adrian § 128; S. 247,
Z. 7 ff. mit Adrian § 77. Im Allgemeinen werden die
Kommentare oft fo kurz, daß fie ohne erklärende Fußnoten
von kundiger Hand kaum verftändlich find. Wenn
es z. B. zu Matth. 19,24 heißt: ,Mit Kamel meint Er hier
ein Kamel von Fleifch und nicht irgend etwas Anderes,
wie die Toren fchwätzen', fo muß man wiffen, daß l^c-^
bei den Syrern auch ,Dachbalken' (Bar Kepha) oder .Schiff-
tau' (Cyrill), oder ,fpitz ausmündende Pflugfchaar' (fo die
meiften Jüngeren) heißen kann. Vollends die fyrifchen
Autoritäten, die angeführt werden, bleiben wertlofe Namen,
wenn fie nicht aus Assemani's Bibliotheca orientalis oder
noch beffer aus A. Scher's Etüde supplementaire sur les
ecrivains Syriens orientaux in Revue de l'Orient chretien
1906, page 1—32, identifiziert werden. Wie bei einem
Neftorianer nicht anders zu erwarten ift, zitiert Iso'däd
fehr häufig die Schule von Nifibis (Narfai, Abraham und
Johanan de beth rabban). Um fo auffallender ift es, daß
er die maforetifchen Probleme, die nach dem Zeugnis der
Chronik des Barhadbesabba' und der fpäteren Mafora-
handfchriften in Nifibis erörtert wurden, vollftändig un-
berückfichtigt läßt. Ich denke an Fragen, wie die, ob
Matth. 11,28 zum urfprünglichen Matthäustexte gehören,
oder nicht, ob Luc. 21,35 j-^ *l das zwei

Mal auftretende *a mit Rukkakha (d. h. intranfitiv) oder
mit Qusaja (d. h. tranfitiv) gelefen werden muß und ähnliche
. Das muß mit der Stellung Iso'däd's zu Theodor
von Mopfueftia zufammenhängen. Die Nifibener waren
bekanntlich die wackerften Verfechter der exegetifchen
Grundfätze und Überlieferungen des ,Auslegers'. An ihrem
Widerftande fcheiterte der Verfuch des Hanänä Heda-
jabaja, neben der grammatifch-hiftorifchen auch die alle-
gorifche Methode der Schriftauslegung, neben den Erklärungen
des Theodor auch die des Chryfoftomus in
die neftorianifchen Kommentare einzuführen, cfr. die Be-
fchlüffe der Synoden der Patriarchen Iso'jahb I und
Sabriso' bei Braun, Buch der Synhados, S. 198 und 285
und Ibn at Tajjib bei Assemani, B. O. III, 1, pag. 84,
Anm. 3. Iso'däd wandelt vollkommen in den Fußtapfen
des Hanänä (cfr. S. 10, Z. Ii; S. 54, Z. 9; S. 58, Z. 39;
S. 71, Z. 16; S. 77, Z. 33 ufw.). Darum flicht er nicht
bloß im Intereffe gelehrter Vollftändigkeit, fondern auch
im Intereffe der Hanänä'fchen Hermeneutik in die von
Theodor entlehnte Hauptmaffe feiner Kommentare Zitate
aus Chryfoftomus (S. 7, Z. 13; S. 36, Z. 30; S. 167, Z. 16;
S. 195, Z. 17; S. 196, Z. 21; S. 233, Z. 25) und den Alle-
goriften (S. 173, Z. 3 und überhaupt die Auslegung der
Parabeln) hinein. Mit diefer freien Stellung Iso'däds zu
Theodor wird es zufammenhängen, wenn er die maforetifchen
Probleme der nifibenifchen Schule fo gut wie vollftändig
ignoriert

Trotzdem wird Harris Recht behalten, wenn er Iso'däd
in feiner Einleitung geradezu a mine of information
nennt und feine Bedeutung für uns mit folgenden Worten
zufammenfaßt: He supplies us with (1) acute criticisms
as to the causes of various readings, including Synoptic
variations, cfr. die Varianten zu Luc. 24,32 ovyj, r/ xagöia
rifimv xaiofievf] (D: xsxaXvfi/Jtv?]. c: excecatum, e: exter-
minatum, OldSyriac vielleicht: gravatum) als Uberfetzungen
eines aramäifchen ^. = .brennend' und ^ = ,fchwer';
und die Differenz von Matth. 10,10 (firjße gaßdov) und
Marc. 6,8 (st gißöov) als verfchiedene Vokalifation des-
felben aramäifchen 1^1 d. h. aXXa (aber) = Ls] (und
nicht) und 'ellä (wenn nicht). (2) he brings us evidence
for the existence of Syriac variants in the case of readings
whose attestation has been hitherto limited to Greek, or

to Greek and Latin. So erhält die Lesart des Codex
Bezae zu Luc. 13,8 (xorpivov xongicov) eine ftarke Stütze
durch die Bemerkung Iso'däds ojtvgißeg find große UVic;
und xöyivoi find kleine 1^=1- (3) he recovers for us a
number<| of actual quotations from the lost Syriac of
Tatians Diatessaron wich are reinforced by the secon-
dary evidence of a number of passages in which Ephrem
comments upon the Diatessaron, cfr. Matth. 1,20: Das,
was in ihr geboren ward; Matth. 3,5: Seine Speife war
Heufchrecken und Honig der (Berge?), ufw. 4) he supplies
us with a mass of readings from the Üld Syriac
Gospels which are anterior to the Diatessaron, or, if we
follow Dr. Burkitfs criticism, somewhat later then that
Harmony, cfr. die Lifte auf pag. XXXVII f.

Sowohl das Vorwort der Herausgeberin, als auch die
Einleitung von Harris hätten an verfchiedenen Stellen
Anlaß geboten, auf meine Studie in Beihefte zur Z. A.
T. W. (Iso'dadh's Stellung in der Auslegungsgefchichte
des A. T.'s ufw. Gießen 1902) einzugehen. Ich denke
befonders an die Lifte der fyrifchen und griechifchen
Autoren (cfr. Harris, pag. XVIf. mit Diettrich, S. XVIII f.),
an Iso'däds Bedeutung für Bar Salibi (cfr. Harris pag.
XXXf. mit Diettrich pag. XXXIV—XLII) und an Iso'däd's
Verhältnis zu Theodor (cfr. Harris, pag. XVI mit Diettrich
, pag. LVI—LXVI). Nach den perfönlichen Eindrücken
, die ich in Cambridge von der verehrten Herausgeberin
und ihrem gelehrten Mitarbeiter empfangen durfte,
kann hier lediglich ein Verfehen vorliegen, wenn meiner
Arbeit mit keinem Worte gedacht wurde.

Berlin. Diettrich.

Martini, Edg.: Textgefchichte der Bibliotheke des Patriarchen
Photios von Konltantinopel. I. Tl. Die Handfchriften,
Ausgaben u. Übertraggn. (Abhandlungen der königl.
fächf. Gefellfchaft der Wiff. Phil, hiftor. Kl. 28. Bd.
Nr. VI.) (134 S. m. 8. Lichtdr.-Taf.) Lex. 8°. Leipzig,
B. G. Teubner 1911. M. 7 —

Tarafius, des berühmten Patriarchen Photios Bruder,
hatte, als er fich zur Gefandfchaftsreife nach Affyrien
rüftete, von feinem Bruder Mitteilungen über diejenigen
Bücher erbeten, die während feiner Abwefenheit in dem
gelehrten Kreife des brüderlichen Haufes in der Reichs-
hauptftadt gelefen und diskutiert würden. Der Erfüllung
diefes Wunfehes verdanken wir die ausgezeichnete
.Bibliographie des griechifchen Mittelalters', die unter dem
Namen der Bibliothek des Photios bekannt ift. Wenn Krumbacher
Recht hat, daß Photios der einzige Byzantiner war,
der hinfichtlich der Schärfe und Selbftändigkeit des Urteils
mit Ariftoteles verglichen werden kann, fo fteigt der
Wert feines einzigartigen Wertes noch ganz erheblich.

Da hat der Verfaffer des vorliegenden Buches gewiß
Grund zu klagen, daß wir noch immer keine brauchbare
Ausgabe der Bibliothek befitzen, ja, daß noch nicht einmal
das handfehriftliche Material für eine folche befchafft
ift. Diefem Zweck dient die Arbeit des Verfaffers, der
mit Akribie und Gefchmack die Textgefchichte der Bibliothek
bearbeitet hat. Der erfte Teil, den er vorlegt, behandelt
die Periode von der älteften erhaltenen Hand-
fchrift bis zur jüngften Ausgabe. Der zweite, der in
nicht zu ferner Zeit erfcheinen foll, will die den Handfchriften
vorausliegende Phafe bis zum Urexemplar verfolgen
(S. 4).

Wir erhalten zunächft die genaue Befchreibung der
24 vollftändigen Handfchriften, die Verfaffer faft fämtlich
felbft geprüft hat. Auch von den 28 Teilhandfchriften
und Exzerpten hat er viele gefehen. Die fich daran
fchließende gründliche Prüfung des Verhältniffes, in dem
die Handfchriften zueinander flehen, ergibt, daß die beiden
älteften, der Cod. Marcianus graec. 450 saec. X und der
Cod. Marcianus 451 saec XII die Stammhandfchriften
aller übrigen find, die bis auf eine dem XV. und XVI.