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Ausgabe:

1912 Nr. 7

Spalte:

199-201

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bayer, Edmund

Titel/Untertitel:

Das dritte Buch Esdras und sein Verhältnis zu den Büchern Esra-Nehemia 1912

Rezensent:

Bertholet, Alfred

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199

Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 7.

200

gemeinen älter find als die des Exodus, ein klares zeit-
gefchichtliches und religionsgefchichtliches Bild der,Väterzeit
' entwerfen. Wenn man dem Abraham allerdings
die Rolle zuerteilt, die Sk. ihm (S. XXVI f.) zuweift,
fcheint mir jede hiftorifche Erkenntnis unmöglich zu fein.
Die Überlieferung der Sagen in mündlicher Tradition
(S. XXVIII ff.) ift wieder im engften Anfchluß an Gunkel
dargeftellt, doch läßt Sk. unentfchieden, ob die Sagen
von Prieftern, Propheten oder einem Stande volkstümlicher
Erzähler vorgetragen wurden. Das Urteil über die
metrifchen Studien von Sievers (S. XXXI f.) ift feiner
Tendenz nach fanft ablehnend, aber nur fchwach begründet
. Den Hauptteil der Einleitung bildet die übliche
Quellenkritik, die in gebahnten Gleifen wandelt.

Ein großer Vorzug des eigentlichen Kommentares
ift feine Lesbarkeit; fie wird dadurch erreicht, daß alles
textliche, grammatifche und ftreng-philologifche Material
in einen befonderen Apparat gebracht und aus der Erklärung
ausgefchieden ift. So erhält die Erläuterung
einen einheitlichen, in fich gefchloffenen Charakter, von
allen Hörenden Elementen befreit und läuft ununterbrochen
von Vers zu Vers. Die einzelnen Erzählungen
find von allgemeinen Gefichtspunkten umrahmt; ausführlichere
Exkurfe handeln von der Ebenbildlichkeit des
Menfchen (S. 31), vom Sabbath (S. 38), von babylonifchen
und anderen Kosmogonien (S. 41—50), von der Lage
des Paradiefes (S. 62—66), vom ,Protevangelium' (S. 80),
von den Keruben (S. 89), von dem Urfprung und der
Eigenart der Paradiesfagen (S. 90—97), von dem Urfprung
der Kain-Sage (S. 111—Ii5), von der Kainiten-
Genealogie (S. 122—124), von der Flutfage (S. 174—181),
von Noahs Fluch und Segen (S. 185—187), von der
Babel-Sage (S. 228—231), von dem hiftorifchen Wert
Gen. c. 14 (S. 271—276), von der Befchneidung (S. 296),
von der Bundesidee im Priefterkodex (S. 297), von der
Silo-Prophezeiung (S. 521 —524), von der Zodiakal-Theorie
über,die zwölf Stämme (S. 534) u. a.

Überall bekundet Sk. ein befonnenes, vorfichtig abwägendes
Urteil. Er fetzt fich in leidenfchaftslofer Polemik
mit den abweichenden Anfchauungen auseinander und fucht
auch bei den Gegnern das Wahrheitsmoment zu finden.
Selbft den ,Panbabyloniften' kommt er gefällig entgegen.
Auch in literarifcher Hinficht hält er fich von allen übertriebenen
Pofitionen fern, von der maßlofen Überfchätzung
der LXX, die Harold M. Wiener zu unqualifizierbaren
Angriffen gegen Sk. veranlaßt hat, ebenfo wie von der
vertrauensfeligen Zuftimmung zum MT. Gerade weil
Sk. überall die goldene Mittelftraße geht, ift fein Kommentar
für Studenten befonders gut geeignet. Auch die
Wiffenfchaft wird, wenngleich Sk. keine neue Pofition im
allgemeinen vertritt, doch im einzelnen fich mit ihm auseinanderfetzen
müffen und Manches dankbar von ihm lernen.

Berlin-Weftend. Hugo Greßmann.

Bayer, P. Edmund, O. F. M.: Das dritte Buch Esdras und
Tein Verhältnis zu den Büchern Efra-Nehemia. Preisfchrift.
(Biblifche Studien XVI. Band. 1. Heft.) (XIII, 161 S.)
gr. 8°. Freiburg i. B., Herder 1911. M. 4.40

Das Problem, wie fich das dritte Buch Efra zu den
kanonifchen Büchern Efra-Nehemia verhalte, lockt immer
wieder zu erneuter Bearbeitung. Die von E. Bayer gegebene
dringt tief ein und ift durch ihre Gründlichkeit
wertvoll. Auch erweckt die Art, wie er in feinem text-
kritifchen Urteil Maß hält, Vertrauen. Ich glaube aber
nicht, daß feine Löfung die abfchließende fei, fie ift m. E.
nur wieder ein neuer fprechender Beleg dafür, wie verwickelt
das in Frage flehende Problem felber ift.

B. gliedert feinen Stoff in 4 Abfchnitte. Der erfte
will durch eine eingehende Prüfung des textlichen Ver-
hältniffes der Bücher die folide Grundlage für den weitern
Aufbau fchaffen. Hier vor Allem bewährt fich des Ver-
faffers gründliches und maßvolles Verfahren. Gegenüber

allerhand Einfeitigkeiten und Übertreibungen lautet fein
Urteil über den Wert der abweichenden Lesarten des
apokryphen Buches, daß er ein ganz verfchiedener fei
und an jeder einzelnen Stelle für fich beurteilt werden
müffe (S. 17). Freilich fei, wo das Apokryphon eine
andere Lesart vor fich hatte als der MT. uns bietet, ,in
einem großem Teile, ja wohl in der Mehrzahl der Differenzen
III Esdr Recht zu geben' (S. 86). Die Fülle von
Beifpielen, auf Grund deren B. zu diefem Entfeheid gelangt
, macht ihn in der Tat zwingend. Sie führt den
Verf. außerdem zur Erkenntnis, daß der Überfetzer die
hebräifchen Stücke hebräifch, die aramäifchen aramäifch
vor fich gehabt habe, daß er aber des Aramäifchen nicht
in dem Grade mächtig gewefen fei wie des Hebräifchen,
weshalb wir in der Überfetzung der aramäifchen Partien
verhältnismäßig viel mehr Mißverftändniffe oder wenigftens
Fälle fchiefer oder ungenügender Erfaffung des Sinnes
im Urtext als im übrigen Buch zu konftatieren haben
follen. Dies Letzte ift allerdir gs Tatfache. Ich weiß aber
nicht, ob fie nicht doch anders zu erklären ift. Ich wäre
immer noch geneigt, fie damit in Zufammenhang zu bringen
, daß am III. Efrabuch mehr als ein Überfetzer beteiligt
gewefen fein dürfte (vgl. auch P. Volz in Cheyne's
Encyklop. Biblica). B. meint diefe Annahme von der Hand
weifen zu müffen; aber ich kann nicht finden, daß er
dafür den Beweis erbracht habe. Auch fteht fein Urteil,
die Überfetzung der einzelnen Abfchnitte fei eine durchaus
einheitliche (S. 85), in feltfamem Gegenfatz zu der von ihm
wiederholt ausgefprochenen Beobachtung, daß der letzte
Abfchnitt des apokryphen Buches weit größere Flüchtigkeit
und Ungenauigkeit zeige als das übrige Buch, und
daß der Verfaffer hier auffallend (von mir gefperrt)
dem Schluffe zueile (S. 15 f. 91).

Der zweite Abfchnitt dient der Unterfuchung des
inhaltlichen Verhältniffes der Bücher. Mit allem Nachdruck
betont B., daß es fich im III. Esdr um Tempel-
gefchichte handle. Das ift, foweit wir fehen können, im
Allgemeinen richtig. Aber die Sicherheit des Urteils
wird durch den fragmentarifchen Charakter des III. Efra-
buches eingefchränkt; denn B.s Beweis, daß es vollftändig
fei {ejciövvrjxd'rjOav nicht Überfetzung von 1BD!$5 Neh. 8,13
fondern von äftttl, in das der Überfetzer das 0i*31
desfelben Verfes verlefen habe! S. 91), wird nicht leicht
jemanden überzeugen. Um fo mehr gilt es in der Behauptung
, daß das Thema des apokryphen Buches die
Auswahl feines Stoffes bedingt habe (vgl. S. 93), vorfichtig
zu fein: Schon im Bericht über Efras Kampf gegen
die Mifchehen fpielt der Tempel eine kleine Rolle. Aber
was hat nun gar der Pagenftreit, deffen Verfaffer B. für
identifch mit dem des ganzen Buches hält, mit dem
Tempel zu fchaffen ? Ift diefe Gefchichte ein integrierender
Beftandteil des Buches, fo fehe ich nicht ein, woher man
das Recht nimmt, die Tatfache, daß es Neh. 1 ff. übergeht
, aus feinem Thema zu erklären. Vielmehr fucht,
wer fich einmal davon hat überzeugen laffen, daß der
unmittelbare Anfchluß von Neh. 7, 73 b an Efra 10 in
III. Efra die urfprüngliche Reihenfolge wiedergibt, bei B.
vergeblich nach einem einigermaßen ftichhaltigen Gegenbeweis
. Von diefem Standpunkt aus halte ich auch feine
Ausführungen über das zeitliche Verhältnis der Bücher
im dritten Abfchnitt (S. 139—146) für verfehlt. Mit dem
Gefagten will ich übrigens keineswegs behauptet haben,
daß B. im Rechte fei, wenn er den Pagenftreit vom Verfaffer
des ganzen Buches verfaßt fein läßt. Ich halte fogar
das Gegenteil für richtig, und B.s eigenes Eingeftändnis
ift für feine Annahme bedenklich genug: ,Der einzige Einwand
', fagt er, ,der fich gegen die Einheitlichkeit der
Kompofition des Eigengutes im III. Esdr erheben ließe,
ift der, daß die Sprache im erften Teile, im Pagenftreit,
von der des zweiten Teiles fich unterfcheidet' (S. 135).
Die Erklärung, die er glaubt dafür geben zu können, daß
fich im erften Teile der Verfaffer literarifch eng an die
Bücher Efter und Daniel anfchließe, im zweiten aber an