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Ausgabe:

1912 Nr. 7

Spalte:

198-199

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Skinner, John

Titel/Untertitel:

A critical and exegetical Commentary on Genesis 1912

Rezensent:

Gressmann, Hugo

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 7.

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die minäifchen und fabäifchen Infchriften keine Berück-
fichtigung gefunden haben. Die Gefchichte der perfifchen
Religion ift noch ganz und gar beherrfcht durch den
Einfluß des berühmten Iranologen Darmefteter und deffen
radikal-kritifche Grundfätze. Obwohl der Verfaffer (La-
bourt) felbft bereits manches Prekäre an der Auffaffung
Darmefteters richtig empfunden hat und hervorhebt, obwohl
er wenigftens getreulich regiftriert, daß deffen Thefen bei
deutfchen, nordifchen, englifchen Iranologen beinahe
einftimmige Ablehnung gefunden haben, schließt er fleh
dennoch namentlich auch unter dem Eindruck von La-
grange's Arbeit (La religion des Perses), der wieder
feinerfeits auf den Schultern Darmefteters fleht, in feinem
kurzen Abriß an letzteren an. Wenn Verf. übrigens den
Religionsforfchern gegenüber, welche die Darmefteterfchen
Thefen ablehnen, den Vorwurf wenigftens andeutet, daß
fle dies täten, um in der perfifchen Religion einen ebenbürtigen
Rivalen des klaffifchen israelitifchenMonotheismus
zu erhalten, fo darf man wohl die Gegenfrage erheben,
wie es eigentlich komme, daß gerade fo viele katholifche
Gelehrte, die von der Wiflenfchaft fchon halbaufgegebenen
radikal-kritifchen Sätze ihres berühmten Landsmannes mit
fo großem Eifer verteidigen. Wer im Glashaus fitzt, foll
nicht mit Steinen werfen.

Hinfichtlich der indifchen Religion will ich nur erwähnen
, daß die Darfteilung des Buddhismus erftaunlich
kurz und unzureichend ausgefallen ift, namentlich die des
urfprünglichen Buddhismus, von Buddhas Persönlichkeit
und Frömmigkeit bekommt man keinen irgendwie zureichenden
Eindruck. Andererfeits muß in dem Abfchnitt
über den Konfuzianismus beanftandet werden, daß nicht
eine zufammenhängende und ausführliche Schilderung der
intereffanten altchinefifchen Reichs-Religion gegeben ift.
Auf diefem Hintergrunde hätte dann die Perfon des Konfuzius
, der doch eigentlich weder Religionsftifter noch
religiöfer Reformator, fondern ein philofophifch gerichteter,
ethifcher Erneuerer ift, kurz charakterifiert werden müffen.
Der Shintoismus Japans ift auf ganzen 2 Seiten behandelt.

Bei der griechifchen Religion bewegt fich der Verf.
ganz und gar in dem gewöhnlichen und ausgefahrenen Ge-
leife. Nach einander werden der altgriechifcheNaturismus,
die Frömmigkeit Homers und Hesiods, die der großen
Lyriker, Tragiker und Philofophen, der fpätere griechifche
Volksglaube und die Myfterien-Religion behandelt. Das
Hauptwerk, das für eine lebendigere Erfaffung der griechifchen
Religion in Betracht kommt, nachdem Gruppe in
feinem groß angelegten Werk in Gelehrfamkeit und Detail
ftecken geblieben ift, Erwin Rohde's Pfyche, ift zwar
genannt, aber von feines Geiftes Einfluß ift kaum etwas
zu fpüren. Dagegen foll rühmend hervorgehoben werden,
daß wenigftens der letzte Abfchnitt über die römifche
Religion mit der Uberfchrift ,die orientalifchen Religionen
und der Synkretismus' unter dem Einfluß und der fleißigen
Benutzung der einfehlägigen Arbeiten von Cumont einer
der bellen Abfchnitte des Werkes geworden ift. Dagegen
können wir wiederum von der Darfteilung des Islam nur
mit tiefer Enttäufchung Abfchied nehmen; in einer unglaublichen
Kürze wird auf noch nicht 2 Seiten das Thema
Arabien vor Muhammed und des Propheten Miffion,
feine Hedfchra, feine Dogmen und Vorfchriften behandelt!
Dann folgt Gefchichte des Islam, und der Schluß-Ab-
fchnitt mit der charakteriftifchen Überfchrift,Reflexions sur
lTslam' kann uns für den abfoluten Mangel eines wirklich
hiftorifchen Einblicks nicht entfehädigen. Die überaus
große Kürze des Buches ift überhaupt fein Hauptmangel.
Hätte nicht etwas mehr Raum von dem zweiten Band,
der doch nur die Gefchichte der Offenbarungsgefchichte
enthalten foll, für den erften abfallen können?

Göttingen. Bouffet.

Skinner, John: A critical and exegetical Commentary on
Genesis. (The International Critical Commentary.)
(551 S.) 8«. Edinburgh, T. & T. Clark 1910. s. 12.6

Das Erfcheinen feines Genefis-Kommentares begründet
Skinner im Vorwort damit, daß neben den Kommentaren
in englifcher Sprache noch Raum fei für eine mehr
gelehrte Erklärung, wie fie vom .International' gefordert
werde. Man kann diefe Erwägung verliehen und doch
auch vom englifchen Standpunkt aus zweifeln, ob das
Werk notwendig war. Denn niemals follte dem Forfcher
die heilige Ekftafe fehlen, daß er etwas Neues und
Grundftürzendes zu fagen habe. Überdies wird Sk. bei
uns nicht durchdringen, weil Gunkel ihm gerade in diefer
Hauptfache über ift; auch Dillmann zu erfetzen, dürfte
ihm fchwer werden. Aber Sk. erhebt nur den Anfpruch,
daß er eine ausführliche Behandlung der kritifchen, exe-
getifchen, literarifchen und religionsgefchichtlichen Fragen
vorlege in der Hoffnung, fie auf den .gegenwärtigen
Stand der Forfchung' gehoben zu haben. Sieht man,
wie billig, davon ab, daß Gunkels dritte Auflage damals
(1909) noch nicht erfchienen war, fo rechtfertigt die Ausführung
in der Tat den Anfpruch.

Die Einleitung handelt 1. von der Überlieferung
(S. III—XXXII) und 2. von der Kompofition des Buches
(S. XXXII—LVII). Sk. bekennt felbft dankbar, von
Gunkel beeinflußt zu fein, aber er wandelt doch der
Hauptfache nach noch in den Bahnen der literar-
kritifchen Schule. Er unterfcheidet (S. X) zwifchen der
herkömmlichen Auffaflung, wonach die in Israel eingedrungenen
Mythen aus direkter Benutzung babylonifcher
Dokumente abzuleiten feien, und zwifchen der Anfchauung
Gunkels, der an eine allmähliche Aneignung babylonifcher
Mythen im Lauf der mündlichen Überlieferung denkt.
Sk. ift ebenfalls der Meinung, daß die Schöpfungsund
Flutfagen eine lange Entwicklung in Israel durchgemacht
haben, aber da ihm diefer Grund nicht durch-
fchlagend erfcheint, verzichtet er auf eine klare Ent-
fcheidung. In der Klaffifikation der Sagen (S. XI ff.)
folgt Sk. ganz den Spuren Gunkels; nur fehlt ihm die
fcharfe Terminologie, die das erfte Erfordernis jeder
literar-hiftorifchen Unterfuchung ift. Er braucht .Mythen,'
.Sagen' und .Legenden' als fynonyme Begriffe! Ausführlicher
als von den Gattungen handelt Sk. von dem
hiftorifchen Wert der Tradition, den er mit Unrecht viel
zu gering einfehätzt. Sein Hauptargument ift, daß in
den Patriarchen-Erzählungen kein .hiftorifcher Hintergrund
' vorhanden fei (S. XVII); die Tatfache ift unbe-
ftritten, aber die daraus gezogenen Schlüffe find anfechtbar
. Denn es ift falfch, überhaupt einen hiftorifchen
Hintergrund zu verlangen, weil Halbnomaden, die ihre
Schafe und Ziegen am Rande des Kulturlandes in der
,Wüfte' (Steppe) weiden, weder heute Gefchichte erleben,
noch jemals eine folche erlebt haben. Auch das voll-
ftandige Schweigen über die ägyptifche Herrfchaft ift
nicht weiter verwunderlich und keineswegs aus fchlechter
Tradition zu erklären (S. XVIII), fondern beruht im
Gegenteil auf guter Überlieferung: So wenig wie heute
die Türken, haben damals die Ägypter über die ,Wüfte'
geherrfcht. Warum die Erwähnung der Philifter in der
Zeit Abrahams ,ein pofitiver Anachronismus' fein foll
(S. XVIII), ift ebenfalls nicht einzufehen. Diefe Erzählungen
müffen nach 1200 v. Chr. angefetzt werden,
wie die Zeitverhältniffe lehren. Sehr beachtenswert find
die Gründe (S. XIX ff.) gegen die ethnologifchen Theorien,
die die Erzväter-Erzählungen in Stammesgefchichte auf-
löfen wollen. Da man nicht alle Züge für die Stammesgefchichte
verwerten kann, fo wählt fich jeder Autor nach
Belieben aus, was in fein Syftem paßt, genau wie bei
einer Allegorie; aber das reiche, lebendige Detail der
Sagen wird damit vergewaltigt. Im Gegenfatz zu der
refignierten Skepfis des Verfaffers bin ich freilich der
Meinung, daß die Erzählungen der Genefis, die im all-

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