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Ausgabe:

1912

Spalte:

195-197

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bricout, J.

Titel/Untertitel:

Ou en est l’Histoire des Religions? Tome I: Les Religions non chrétiennes 1912

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 7.

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die Vorftellung allgemein angenommen, daß der Chor
mit dem Hochaltar im Often, der Eingang im Weiten
liegen muffe, ferner, daß die Axe den Äquinoktialpunkten
entfprechend laufen muffe.' Mit diefer Auffaffung fteht
nun aber die Wirklichkeit durchaus nicht völlig im Einklang
. Vielmehr ,fchauen die älteften Kirchen Roms
fowohl nach Nord als nach Süd, Well und Oft aus'. Jedoch
fcheint ,im Gefamtbereich der Chriftenheit anfangs
Often vorzuwiegen', das heißt, die Kirchen waren meift
fo geftellt, daß die Front nach Often gekehrt war, eine
Orientierung, die irgendwie mit dem Sonnenkult zufammen-
hing. Erft fpäter führten verfchiedene Umftände, ins-
befondere die Rolle, die der Altar zu fpielen begonnen
hatte, und das ßeftreben der Priefter ,die Naturkraft aus
der Verehrung zu verdrängen' zu einer Veränderung. Der
Altar wurde nach Often, der Eingang der Kirche nach
Weiten verlegt. Etappen in diefer Umwälzung waren die
Regierung Konftantins und das Tridentiner Konzil. Außerdem
haben aber noch einige andere Faktoren, wie die
drei wichtigften Feite der Chriftenheit, Oftern, Weihnachten
und das Feit Johannis des Täufers, die Heiligenverehrung
und die Marienverehrung ihren Einfluß auf die Orientation
ausgeübt.

Daß von den einzelnen Schlüffen, die der Autor nun
weiterhin aus dem ermittelten Tatbeltand zieht, und
von den Erklärungen, die er gibt, manche anfechtbar
find, verfteht fich von felbft; das war bei der ganzen
Sachlage von Anfang an gar nicht anders zu erwarten.
Namentlich aber ift zu bedauern, daß auch in dies Bändchen
fich hier und dort Übertreibungen eingefchlichen
haben, gleichviel, ob diefe auf einem bloßen Mißgriff in
der Form oder auf einer fachlichen Entftellung beruhen.
So etwa, wenn es kurzweg heißt: ,»Ich bin das Licht der
Welt«, auf diefem Worte Jefu baute fich die neue Religion
auf. Die geiftig Armen, die Mühfeligen und Beladenen,
denen der Glaube Vergebung der Sünden und ewige
Seligkeit zuficherte, erblickten das Sinnbild ihres Heilands
und Königs in der Leben fpendenden Sonne'. Oder gar:
,In die Reihe der orientalifchen Sonnenreligionen, die feit
Alexander und in verftärktem Maße feit Auguftus über
ihre Landesgrenzen weit hinaus griffen, gehört das Chri-
ftentum. Nicht von Haus aus, fondern infolge feiner
erfolgreichen Propaganda'.

Dennoch wird man dem Verf. ein doppeltes Verdienft
dankbar zuerkennen müffen: einmal, daß er durch feine
überaus gründlichen Studien, durch feine große Sorgfalt
in der Beobachtung von Tatfachen das Problem der Orientation
in mehr als einer Hinficht gefördert und zu deffen
weiterer Bearbeitung ftarke Anregung gegeben hat; und
dann, daß er mit folchem Nachdruck die Thefe von dem
Zufammenhang der Orientation mit religionsgefchichtlichen
Vorgängen geltend gemacht hat, eine Thefe, die durch
vereinzelte Exzeffe ihres Vertreters keineswegs entkräftet
wird.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Bricout, J.: Ou en est l'Histoire des Religions? Avec la
colloboration de Bros, Capart, Dhorme, Labourt, de la
Vallee Poussin, Cordier, Habert, And. Baudrillart, Carra
de Vaux, Touzard, Venard, P. Batiffol, Bousquet,
Vacandard, Hemmer. Tome I. Les Religions non
chretiennes. (457 S.) 8°. Paris, Letouzey&Ane 1911.

Vollftändig fr. 12 —

Unter diefem merkwürdigen Titel ( warum fagen die
Verfaffer nicht einfach Religionsgefchichte?), über den auch
jede weitere Bemerkung in einem etwaigen Vorwort fehlt,
ftellt fich uns eine Religionsgefchichte gut katholifcher
Gelehrter vor. In dem vorliegenden erften Band von
immerhin befcheidenem Umfang wird die gefamte außer-
chriftliche Religionsgefchichte (natürlich auch unter Ab-
fehung von der altteftamentlichen) behandelt.

In einer Einleitung ift ein Überblick über die Gefchichte
der Religionsgefchichte, ihr Objekt und ihre Methode, wie
über verfchiedene bekanntere Grundauffaffungen derfelben
gegeben; natürlich geht es ohne Apologetik für die
eigene Sache nicht ab, und in zwei Paragraphen wird
der kühne Satz verteidigt: Les catholiques peuvent ecrire
l'histoire scientifique et impartiale des religions. Ich hebe
aus diefer Verteidigung folgende charakteriftifchen Sätze
heraus: ,Die Wiffenfchaft und die Gefchichte können alles
erkennen, was fich beobachten läßt. Wenn alfo der Teufel
oder Gott fich offenbart und die Wirklichkeit ihrer Gegenwart
durch unleugbare Tatfachen bewiefen haben, fo
haben der Wiffenfchaftler und der Hiftoriker nichts anders
zu tun als die Tatfachen zu konftatieren und die Gegenwart
des übernatürlichen Faktors anzuerkennen, der fie
hervorgerufen hat', S. 37. ,In einer hiftorifchen Studie über
die Auferftehung Jefu wird er (der katholifche Hiftoriker)
fich mit den hiftorifchen Zeugniffen begnügen, die ihm
mit Hilfe der oder jener Hilfswiffenfchaft erlauben, deren
Wirklichkeit feftzuftellen. Der Rationalift würde fagen:
diefe Auferftehung ift unverträglich mit den Gefetzen
der Wiffenfchaft, alfo exiftiert fie nicht. Der Katholik
wird fagen: fehen wir zu, was uns die kritifchePrüfung der
Quellen und der Tatfachen lehrt. Wer von Beiden ift der
getreuere Anhänger der hiftorifchen Methode?'. Das ift
eine charakteriftifche und oft gehörte apologetifche Ausführung
, die aber trotzdem mit einer unglaublichen Naivität
und Leichtfertigkeit an den hier vorliegenden Problemen
vorübergeht. Die Wiffenfchaft hat freilich die Tatfachen
feftzuftellen; aber mit der Frage was das heißt ,Tatfachen
feftftellen' und wie das erfolgt, beginnen erft eigentlich
die Schwierigkeiten. Oder find wirklich etwa der Teufel
und Gott (man beachte die charakteriftifche Reihenfolge)
und die Auferftehung Jefu Feftftellungs-Objekte empirifch
hiftorifcher Wiffenfchaft? Doch begegnet man leider
derartigen fyftemlofen apologetifchen Verfuchen in gleicher
Weife auf evangelifchem wie katholifchem Boden, und fo
wollen wir uns nicht weiter bei der Einleitung aufhalten,
fondern nach dem Wert der hier vorgelegten hiftorifchen
Arbeit fragen.

Die Gefchichte beginnt mit einer guten Darlegung
über die Epochen des prähiftorifchen Zeitalters und die
Religion des prähiftorifchen Menfchen; die neue Hypothefe
von der Exiftenz des Menfchen fchon in der Tertiärzeit
wird kurz und faft verächtlich abgewiefen. Diefe Abweifung
fcheint mir freilich etwas verfrüht zu fein; follte hier nicht
der Wunfeh, das Alter des Menfchen nicht allzu hoch
über die biblifchen Zahlen hinauswachfen zu laffen, mit-
beftimmend eingewirkt haben? In der Darftellung der
ägyptifchen Religion vermiffe ich eine kurze Skizze der
Hauptepochen der Gefchichte Ägyptens, mit der die
Epochen der Religionsgefchichte doch fehr ftark zufammen-
hängen; alles erfcheint auf eine Fläche aufgetragen, und
hier fchon macht fich der Mangel des geringen Raumes,
der offenbar mit dem Plan des Ganzen zufammenhängt,
von Anfang an bemerkbar. Dasfelbe gilt von der Darfteilung
der babylonifchen Religion; auch in diefe ift eine
Einführung nur dann möglich, wenn die Darftellung
genauer, als das hier gefchehen ift, auf die einzelnen
Kulturzentren und deren Gefchichte eingeht. Von wie
fundamentaler Bedeutung das Emporkommen der Stadt
Babylon und zugleich ihrer Stadt-Gottheit Marduk für die
babylonifche Religionsgefchichte war, wird nicht deutlich.
Vor allem ift es merkwürdig, wie wenig die babylonifche
Bußpfalmen-Literatur, die uns doch wie nichts anderes
die Innenfeite der babylonifchen Religion nahe bringt,
berückfichtigt, gefchweige denn ausgefchöpft ift. Über
die Mythologie ift die Darftellung ausführlicher, apologetifche
Gefichtspunkte werden hier weniger hinein-
gemifcht, als es fonft üblich ift. Es verdient hervorgehoben
zu werden, daß in der folgenden Ausführung
über die Aramäer und Nabatäer die wilden apologetifchen
Phantllafien eines Hommel im Anfchluß an