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Ausgabe:

1912 Nr. 6

Spalte:

175-177

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Altaner, Berthold

Titel/Untertitel:

Venturino von Bergamo O. Pr. 1304-1346. Eine Biographie. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte des Dominikanerordens im 14. Jahrh 1912

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Theologifche Literaturzeitung 1912 Nr. 6.

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hätte alfo ftatt jener zwei Stücke mit chriftlichen Zeichen j
fehr viele anführen können. Was follen fie für Carnuntum
beweifen? Haben denn aber Heiden anderes Geld bekommen
und genommen als ihre chriftlichen Zeitgenoffen?
Und fträubt fich etwa heute irgend eine nicht-chriftliche
Orthodoxie gegen den Verkehr mit Napoleonsd'or? Sowie
Münzen können auch Schmuckftücke der gleichen Zeit
felbftverftändlich nichts für die Ausbreitung des Chriften-
tums in einer früheren Periode beweifen und, wenn diefe
Funde ganz vereinzelt bleiben, auch nicht einmal für
Fortfehritte im Lande während diefer fpäten Zeit. Im
Gefolge des ftrenggläubigen Valentinian haben gewiß genug
Chriften den Donau-Limes auf Wochen oder Monate
berührt und auch in früheren Dezennien des IV. Jahrh.
mag ein oder das andere Mitglied des kaiferlichen Haufes
oder hohe Offiziere chriftlichen Glaubens Carnuntum
paffiert haben; alfo kann einem Manne ihres Gefolges
jener Zierbefchlag angehören, den Vf. in unzureichender
Art (25) befchreibt; der Befchlag ift mit medaillonartigen
Einftanzungen verziert, von denen eine das aus Münzen
Conftantins d. Gr. (falfch .Conftantius' nach ,Cohon' [sie]
104 [f] 237, 238) bekannte, aufwärtsblickende Bildnis des
Kaifers zeigt (von Kenner Num. Zfchr. XII, 1880, 79 ff.
ins Jahr 335 gefetzt) wiederholt, das andere die Worte in
deo vivas als Begleitfchrift trägt.

Vf. hat, wie Druckfehler und Lapfus und Verun-
ftaltungen von Eigennamen beweifen, fich nicht die nötige
Zeit gegönnt.

Drei Beifpiele mögen genügen: er erörtert (49 f) die carnuntinifche
Infehrift CIL, III, 4487; die Worte, mit denen er anhebt: ,fo unvoll-
ftändig und fehlerhaft die Kopie diefer Grabfchrift ift', find nicht, wie
ich anfänglich meinen mußte, eine Kritik Mommfens, fondern find mit
zwei ganzen Abfätzen ohne Anführungszeichen und dabei mit bedenklichen
Veränderungen aus Seidls Chronik V, 13 f. abgefchrieben, den er
zufammen mit Mommfen nennt, aber er hat in Wahrheit Mommfen, der j
die Schwierigkeiten des Textes fiegreich überwunden hat, nicht einge-
fehen; natürlich ebenfowenig Bücheler n. 1121. — S. 51 fchreibt Vf. die
ftadtrömifche Infehrift eines T. Aelius Aug. lib. Titianus, pro(ximus)
a lib(ris) sacerdotal (ibus), def(unctus) Carnunt(i), aus
Sacken ab und will fie mit als unverkennbares' Eeweisflück verwerten;
,der profane Sprachgebrauch, behauptet er, kennt den Ausdruck über
sacerd (fiehe Tesaurus [sie] linqu. [sie] lat.) nicht. Im kirchlichen
Sprachgebrauche hingegen bedeutet ufw.'; Vf. zitiert alfo Teile des
Thesaurus, auf deren Erfcheinen wir noch manches Jahr werden warten
muffen, hat die Infehrift im CIL (VI 8878) weder felbft gefucht noch fich
von jemandem nachweifen laden, merkt nicht, daß es fich um einen
Freigelaffenen des Pius handelt, der in der Suite des Kaifers Marcus an
die Donau gekommen ift und ignoriert unfer Material von den ver-
fchiedenen libri und commentarii der römifchen Priefter. — Mach Seidl
Chronik V 10 befpricht Vf. (53) den carnuntinifchen Stein eines T.
Valerius J. Cla(udia) Quartus Vir(uno); Seidl hatte eine mangelhafte
Kopie (QVA PIVS VIR) richtig verftanden und den Quartus als heimatberechtigt
in Virunum (Zollfeld bei Klagenfurt) und in die Tribus
Claudia eingefchrieben, interpretiert; das fchreibt denn auch Vf. aus Seidl
heraus, vergißt es aber fchon in der nächften Zeile oder erfaßt es gar
nicht; denn er fährt fort: ,der Ausdruck pius vir gehört auch der
chriftlichen Phrafeologie an'.

Wien. Wilhelm Kubitfchek.

Altaner, Dr. Berthold: Venturino von Bergamo O. Pr. 1304
—1346. Eine Biographie. Zugleich ein Beitrag zur
Gefchichte des Dominikanerordens im 14. Jahrhundert.
(Kirchengefchichtliche Abhandlungen. 9. Bd. 2. Heft.)
(X, 168 S.) gr. 8«. Breslau, G.P. Aderholz 1911. M. 4 —

In neuerer Zeit find von italienifchen Gelehrten wertvolle
Arbeiten zur Gefchichte des Dominikaners Venturino
aus Bergamo veröffentlicht worden; G. Clementi gab
feiner Biographie Venturinos grundlegende Dokumente
bei (II B. Venturino da Bergamo, Storia e Documenti,
Rom 1904 und 1909); der Archivar von Bergamo A. Mazzi
verband feine Kritik diefes Werkes mit einfehneidenden
Unterfuchungen über den Charakter und Wert der von
Clementi veröffentlichten und ausgiebig benutzten Legenda
b. Venturini (II B. Venturino da Bergamo, Bergamo 1905).
Diefe Arbeiten, fo wertvolles neues Material zur Gefchichte
des 14. Jhs. fie bringen, fcheinen in Deutfchland nicht
fonderlich bekannt geworden zu fein. Schon darum ift

es als ein glücklicher Gedanke zu bezeichnen, wenn
Altaner diefen Stoff aufgriff und bearbeitete. Im erften
Teile befpricht er die bisher exiftierende Literatur (S. 49
— 54) und unterfucht die Quellen (S. 3—48). Das Haupt-
intereffe nimmt die Unterfuchung über die von Clementi
veröffentlichte Legenda in Anfpruch; er zeigt, fich an-
fchließend an Mazzi und deffen Thefen teils korrigierend
teils ergänzend, daß fie kein einheitliches Werk fei, fondern
von zwei Verfaffern (Dominikanern in Bologna) herrühre
; die legenda prima liegt in der Hauptfache in
Kap. 2—14 vor, fie ift früheftens 1352 verfaßt und zeigt
die panegyrifche Tendenz der traditionellen Heiligenlegenden
; fie ift 1374/75 ergänzt worden auf Grund authen-
tifcher Quellen, befonders der von Venturin herrührenden
,Negligentiae' (im Gegenfatz zu Mazzi hält A. diefe Selbft-
kritik Venturinos für echt) und der Antworten, die V. auf
die ihm von der päpftlichen Unterfuchungskommiffion in
Ävignon vorgelegten Fragen gab; vielleicht benutzte der
Bearbeiter auch eine jetzt verfchollene Schrift des Matthäus
von Imola, die fich mit dem Konflikte Venturins
mit der Kurie befchäftigte. So entftand die Legenda
Clementis, die, abgefehen von ihren Wunderberichten,
glaubwürdig ift; auch ihr Bericht über die Teilnahme Venturinos
am Kreuzzuge 1345/46 ift gegenüber Mazzis Zweifeln
als glaubwürdig hinzunehmen. Es verdient hervorgehoben
zu werden, daß A. die Angabe der Legenda über wunderbare
und übernatürliche Wirkungen Venturinos rundweg
ablehnt, wobei er freilich die feltfame Inkonfequenz
begeht, zu bekennen, daß er vom hl. Bernhard vollzogene
Wunder als wirkliche Wunder anfieht. Für einen Hifto-
riker sind folche Inkonfequenzen aber höchft bedenklich.
Da mir die Legenda Clementis nicht vorliegt, fo kann ich
mir ein Urteil nicht darüber bilden, ob Altaners Aus-
] führungen über ihre Entftehung und ihren Wert durchweg
zuverläffig find; der Nachweis, daß in ihr 2 Schichten
zu fcheiden find, fcheint mir überzeugend zu fein; dagegen
fcheint es mir noch nicht erwiefen, daß auch der Bericht
über Venturinos Teilnahme am Kreuzzuge glaubwürdig
fei. Hoffentlich fchaffen weitere Quellenfunde noch mehr
Klarheit; denn es ift doch wohl anzunehmen, daß die
intenfivere Befchäftigung mit der älteren Gefchichte des
Dominikanerordens noch manche, auch von A. vermißte
Schrift zutage fördern wird.

Der 2. Teil bietet die Biographie Venturinos. Der
Verfaffer hat befonderen Wert darauf gelegt, die politi-
fchen und religiöfen Situationen zu fchildern, aus denen
feine Gefchichte verftändlich wird; und gerade diefe Partien
fcheinen mir fehr gut gelungen zu fein; fie machen
jedenfalls diefes Lebensbild fehr intereffant. Seine Bedeutung
als zündender Volksprediger wird gut gewürdigt.
Einen großen Raum nimmt die Schilderunng der von ihm
angeregten Geißlerfahrt nach Rom und des dortigen Mißerfolgs
ein; ebenfo wird feine Verurteilung durch den
Papft in Avignon zum Exil fehr ausführlich erzählt und
auf ihre Gründe hin unterfucht. A. weift die An-
fchauung zurück, daß fein Konflikt mit dem Papfte im
Zufammenhang flehe mit dem zwifchen dem Papfte und
dem Dominikanerorden ausgebrochenen Streite (deffen
Charakter in dem Exkurs S. 157—168 dargelegt wird).
Als Volks- und Kreuzzugsprediger und als Führer der
Geißlerbewegung 1335 war Venturino bisher fchon bekannt
; weniger bekannt war er als Reformator und als
Myftiker. ,Er ift ein typifcher Repräfentant jener ftrengen
Ordensmänner des ausgehenden Mittelalters, die in raft-
lofer, ftiller(?) Arbeit gegen den allmählichen Verfall des
Ordenslebens anzukämpfen fuchten und baldige, umfaffende
Reformen in der Kirche erfehnten. Was uns Deutfchen
Venturino näher bringt, das find feine Beziehungen zur
deutfchen Myftik, als deren ebenbürtiger Vertreter welfcher
Nation er fich uns vorftellt'. Gerade auch hierauf ift A.
eingegangen und weiß ein anziehendes Bild von religiöfen
Strömungen des 14. Jahrhunderts zu geben. Wenn ich
recht fehe, fo liegt hier der Schlüffel zum Verftändnis des