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Ausgabe:

1911 Nr. 26

Spalte:

820-825

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Achelis, E. Chr.

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der praktischen Theologie. 3., teilw. neubearb. Aufl 1911

Rezensent:

Simons, Eduard

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 26.

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beholfenheiten und Unüberfichtlichkeiten der Darfteilung
glücklich befeitigt. Sachlich bedeutet namentlich die Würdigung
der Aufklärung und des deutfchen Idealismus
einen wefentlichen Fortfehritt über Nitzfehs gefchichtliche
Darbietungen. Die theologifche und religionsphilofophifche
Arbeit der Gegenwart vollends ift in einer Fülle, Voll-
ftändigkeit und Objektivität vorgeführt, die ihresgleichen
fucht. Natürlich wird ein jeder noch eine Lifte von
Namen nennen können, die vielleicht mit gleichem oder
felbft mit größerem Rechte als mancher der vorgeführten
genannt werden könnten, indes hier zu mäkeln wäre
kleinlich. Nur ein Buch vermiffe ich, das vor vielen
andern hätte hervorgehoben werden müffen, Maiers ,Pfycho-
logie des emotionalen Denkens'. Im übrigen läßt fich
eher fragen, ob nicht des Guten doch zu viel getan ift.
Nitzfeh hatte bei aller Fülle der Darbietung doch ganz
überwiegend nur große und charakteriftifche Leiftungen
herausgehoben, von diefen aber eingehend gehandelt und
mit feinem Sinn oft fehr pointierte Äußerungen gebucht;
was er vorführte, das verwob er auch in feine fyftematifche
Darfteilung. In der jetzigen Geftalt des Werkes aber
ergiebt fich naturgemäß manches Rätfei, für welches
die fyftematifche Ausführung keine Löfung mehr darzubieten
verfucht. Es wäre doch erwünfeht, hier in Zukunft
eine Fortführung der dogmatifchen Diskuffion auch
durch den Bearbeiter und damit eine vorläufige Antwort
auf die bewegenden Fragen zu finden. Aber auch davon
abgefehen, ift mir zweifelhaft, ob nicht, eben unter dem
Zwange erdrückender Fülle, manches zu blaß und ab-
ftrakt gelaffen wird, als daß es von dem noch Unkundigen
wirklich erfaßt werden könnte.

Es ift eine enorme Arbeit, die Stephan an das Buch
gewendet hat; ift doch mehr als ein Drittel des Ganzen von
ihm neu gefchrieben, kaum eine Seite unverändert geblieben
. Die Arbeit ift nicht nur groß, fondern auch
entfagungsreich. Denn feine eigne Auffaffung von den
dogmatifchen Problemen konnte St. doch nur andeuten.
Immerhin ift fie in feinen gefchichtlichen Ausführungen
deutlich genug zu finden. Ohne anderen theologifchen
Schulen ihren Wert nehmen zu wollen, erblickt er doch
in der Ritfchlfchen Gruppe (nicht fo in ihrem .Gemein-
befitz dogmatifcher Lehren'als in ihrer,vertieften Problem-
ftellung' S. 56) und in der ,religionsgefchichtlichen' Theologie
die eigentliche Fortwirkung des Schleiermacherfchen
Geiftes (§ 6). Von Troeltfch hat er fich überzeugen
laffen, daß die Annahme einer abfoluten Verwirklichung
der religiöfen Kräfte der Menfchheit an einem beftimmten
Punkte der Gefchichte fich nicht als rational notwendig
aufweifen laffe (139 f.); aber mit Herrmann erwächft ihm
die Religion ,aus dem individuellen Erlebnis, in dem ein
Menfch durch die Offenbarung Gottes in einem Stück
Wirklichkeit innerlich ergriffen und zu einer Totalan-
fchauung des eignen Selbft wie der Welt emporgehoben
wird' (110). Damit ift denn auch der Supranaturalismus
als ein zentraler religiöfer Gedanke gefetzt (171 ff.). In
der Richtung einer Synthefe von Herrmann und Troeltfch !
dürfte fomit St. die Löfung der dogmatifchen Probleme
erblicken, und auf alle Fälle wären damit zwei lebensvolle
und wirkfame Typen religiöfen Denkens vereinigt,
und muß fich eine von folchen Tendenzen aus entworfene
Darftellung der dogmatifchen Probleme fruchtbar er-
weifen. So können wir denn auch in diefer Hinficht uns
zu einer fo vortrefflichen Verjüngung eines Studentenlehrbuchs
, wie es Nitzfehs Dogmatik par excellence war,
nur beglückwünfehen und fehen mit Vertrauen der Fort-
fetzung entgegen.

Göttingen. Titius.

(ib. S. 77 f.), die um fo weniger fehlen durfte, als fie die Grundlage für '
Ns. eigne Auffaffung bildet. Auch die Sätze von Frank S. 146 o. 150, j
die Vergleichung von Ritfchls und Kaftans Reichsgottesideen (S. 199 f.)
hätte ich gern erhalten gefehen. Ungenau geworden ift durch die Verkürzung
die Bemerkung über Schleiermachers Auffaffung vom Reiche
Gottes (S. 1972 = 231«).

AcheIis, Prof.D.E. Chr.: Lehrbuch der praktilchen Theologie.

3. teilw. neubearb. Aufl. In 3 Bänden, gr. 8°. Leipzig,
J. C. Hinrichs 1911. M. 27—;

geb. M. 33—; einzelne Bde. M. 12 — ; geb. M. 14 —

I. Bd. Einleitung. Die Lehre von der Kirche und ihren Ämtern
. Die Lehre vom Kultus (1. Buch: Liturgik). (XVI, 532 S.)
—■ 2. Bd. Die Lehre vom Kultus (2. Buch: Theorie des Gemeinde-
gottesdienftes). Homiletik. Katechetik. (VIII, 472 S.) — 3. Bd.
Poimenik. Koiuonik. (Innere Million, Guftav-Adolf-Verein, Auslands-
Diafpora, Ev. Allianz, Ev. Bund), Heiden- und Judenmiffion, Kybernetik
. (VIII, 516 S.)

Das Erfcheinen des bekannten und gefchätzten Werkes
in erneuerter Geftalt ift ein fehr erfreuliches Zeichen.
Hocherfreulich ift es, daß dem Herrn Verfaffer, trotz zunehmender
Laft der Jahre, die Frifche erhalten geblieben
ift, eine Arbeit zu leiften, wie fie in den nunmehr drei
Bänden vor uns liegt; eine große und z. T. entfagungs-
volle Arbeit. Denn der Weg durch die gefamte prak-
tifche Theologie, den uns hier einer der kundigften Führer
weift, führt zwar zu vielen Höhen mit weitem Ausblick,
zu vielen Stätten, die reich find an wertvollen Erinnerungen
und Errungenfchaften, aber auch durch dürre
Strecken, wie fie z. B. in den Abfchnitten von der Ab-
folution und der Ordination durchmeffen werden mußten.
Daß dies umfangreiche Ganze, in dem eine Fülle von
Gelehrfamkeit ausgebreitet liegt, eine dritte Auflage
erlebt, ift aber auch ein erfreuliches Zeichen für das
Intereffe, das der Pfarrerftand der Wiffenfchaft der
Praktifchen Theologie entgegenbringt, denn er muß ja
die große Mehrheit unter den Abnehmern wie der
erften, fo der zweiten Auflage geftellt haben. Der un-
ausgefetzten Weiterarbeit des Verfaffers und feiner Bereitwilligkeit
zur Auseinanderfetzung mit anderen drängte
neuer Stoff fich zu und erzwang fich Einlaß, und wenn
er auch einiges in der 2. Auflage verdrängte, z. B. den
Frederfchen Ordinationsftreit, fo überwiegt doch der Zuwachs
die Auslaffungen weit. War fchon die zweite
Auflage von 1084 auf 1410 Seiten angewachfen, fo hat
die dritte einen Umfang von 1520 Seiten erreicht. Daß
er uns ein Buch, aus dem fo viel zu lernen ift, aufs
Neue in Fühlung mit der Gegenwart zu bringen keine
Mühe gefcheut hat, dafür fei dem Verfaffer herzlichfter
Dank gefügt.

Druckfehler find mir in fehr geringer Zahl begegnet:
Bd. II, S. VIII Z. 4 1. anglikanifchen. Z. 7 v. u. ift ,111.
Die Lehrformen' nach links zu rücken, 337 Z. 9 v. o. 1.
Suggeftion, im Regifter III 502 ift nach Kirchenausfchuß
,Kirchenbau I, 192 ff.', 505 hinter Lukas .Lungftras II 238'
einzufügen, 507 bei Niebergall II 89 zu ftreichen, bei Ter-
fteegen vor 409 eine I zu fetzen. Zu den Literaturangaben
erlaube ich mir von Titeln neuerdings erfchienener wertvoller
Schriften hinzuzufügen :J. Meinhold, Sabbat und Sonntag
1909, H. Swoboda, Großftadtfeelforge 1911 (katholifch),
P. Grünberg, Die evangel. Kirche ufw. in der Großftadt
1910, A. l'Houet, Zur Pfychologie der Kultur, Briefe an
die Großftadt 1910, K. Heinersdorff, Er gab, ich nahm
(lehrreich für Seelforge im Gefängnis und im Zufluchtshaus).
Daß von der Homiletik an in der Regel, von der Katechetik
an durchweg der Name der Difziplin, die behandelt
wird, oben links gedruckt ift, bedeutet für die Benutzung
eine entfehiedene Erleichterung.

Unter der Neubearbeitung hat die Eigenart des
Buches nicht gelitten. Als deren Hauptzüge bezeichnet
A. im Vorwort diefe drei: Die gefchichtliche Grundlegung,
den kirchlichen Grundzug und die Hervorhebung des
religiös-ethifchen Faktors. Daß der zuletzt genannte Zug
einen wefentlichen Vorzug vor anderen Darftellungen bedeutet
, ift fchon den früheren Auflagen vielfach bezeugt
worden. Nicht in gleichem Maße wird das von dem erft-
genannten gelten. Denn auch wer der Meinung ift, daß
die dem Hiftorismus angefügte Fehde, wenn fiegreich,
einen Verluft an Belehrung nicht nur fondern auch an