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Ausgabe:

1911

Spalte:

769-771

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harnack, Adolf

Titel/Untertitel:

Aus Wissenschaft und Leben. 2 Bde 1911

Rezensent:

Titius, Arthur

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf Harnack
Fortgeführt von Professor D. Arthur Titius und Oberlehrer Hermann Schuster

Jährlich 26 Nm._Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig__Halbjährlich 9 Mark

v - n~ Manufknpte und gelehrte Mitteilungen find ausfchließhchan /-» -r-, i i/--t*

36. Jahrg. ir. <SO ProfenorD. Titius in Göttingen, Nikolausberger Weg 66, rufenden. 9. DeZeiXLOer 1911

° Rezenfionsexemplare ausfchließlich an den Verlag.

Harnack, Aus Wiffenfchaft und Leben (Titius).
Meyer, Gefchichte des Altertums (E. W. Mayer).
Caird, Die Entwicklung der Theologie in der

griechifchen Philofophie (Pohlenz).
Petrie, Egypt and Israel (Greßmann).
Thomfen, Paläftina und feine Kultur (Nowack).
Bibliotheca abessinica. Studies, concerning the

languages, literature and history of Abyssinia

(Duenfing).

Goguel, Juifs et Romains dans l'Histoire de

la Passion (Fiebig).
Deißmann, Paulus (Bouffet).
Rinn, Dogmengefchichtlich.es Lefebuch (W.

Köhler).

Heinrici, Griechifch-byzantinifche Gefprächs-

bücher und Verwandtes aus Sammelhand-

fchriften (Ph. Meyer).
Zeller, Bifchof Salomo III. von Konftanz, Abt

von St. Gallen (Heuffi).
Kalkoff, Die Romzugverhandlungen auf dem

Wormfer Reichstage 1521 (R. Holtzmann).
Mullinger, The University of Cambridge (Herk-

leß).

Oft er tag, Der philofophifche Gehalt des Wolff-
Manteuffelfchen Briefwechfels (H. Hoffmann).

Tolftoi, Briefe, herausg. v. P. A. Sergejenko
(Lobftein).

Frey, Eine Unterfuchung über die Bedeutung

der empirifchen Religionspfychologie für die

Glaubensfache (A. Baur).
Froft, Naturphilosophie (Beth),
Baumgarten, Die Abendmahlsnot (Drews),
Hefte, Die rechtliche Stellung unferer Brauu-

fchweigifchen Landeskirche (Schoen).
Zeitfchrift für Miffionswiffenfchaft, herausg. von

Dr. Schmidlin (Bornemann).
Referat: van Veen, HetstipendiumBernardinum.
Mitteilungen: (68) Die neue ^OSontOQia und

Alexanders Zug nach dem Paradies.
Wichtige Rezenfionen. — Neuefte Literatur.

Harnack, Adf.: Aus Wiffenfchaft u. Leben. 2 Bde. (Reden
u. Auffätze. Neue Folge. 1. u. 2. Bd.) (VIII, 356 u.
VI, 348 S.) gr. 8°. Gießen, A. Töpelmann 1911.

M. 10—; geb. M. 12 —

Harnacks ,Reden u. Auffätze' hat einft in diefem Blatte
Jul. Holtzmann befprochen und in feiner feinen und meifter-
haften Art die Pointe jedes einzelnen Stücks herausgeholt
(1904 Sp. 625 ff.). Auf diefem Wege kann ich ihm in der
Würdigung der vorliegenden neuen Sammlung fchon deshalb
nichtfolgen, weil die Mannigfaltigkeit des Dargebotenen
es unmöglich macht; find doch 17 Reden und 32 größere

behandeln weiß, daß aus der Gründlichkeit der Unterfuchung
ungekünftelt immer neue Lichter aufblitzen.

Einen bedeutenden Mann von reifem und abgeklärtem
Urteil über die brennenden Tagesfragen fich äußern zu
hören, hat ftets etwas ungemein Anregendes und wahrhaft
Befreiendes, auch wo man ihm nicht in allen Einzelheiten
zu folgen vermag. Die vorliegende Sammlung verdient
ihren Titel ,Aus Wiffenfchaft und Leben', denn überall find
es wichtige Intereffen der Gegenwart, die im Vordergrunde
flehen. Uber den Großbetrieb' der heutigen Wiffenfchaft,
nicht nur der hiftorifchen, zu reden, war wohl kaum jemand
berufener als der Mann, der uns die Gefchichte der Ber-

fowie 17 kleinere Auffätze hier vereinigt. Auch nur die , liner Akademie der Wiffenfchaften gefchenkt hat. Mufter-

Titel (amtlich abzudrucken, muß ich mir verfagen. Die
Hauptabteilungen umfaffen 1) Wiffenfchaft, Schule und
Bibliothek (VII Stücke und 3 Anhänge); 2) Soziales und
Politifches (VII St.); 3) Katholifche Kirche (VII St.); 4) Zur
Religionswiffenfchaft und Kirchenpolitik (VIII St.); 5) Zur
Gefchichte des Urchriftentums (VII St.); 6) Feftbetrach-
tungen (VI St.); 7) In Memoriam (1. Die Kaiferin Friedrich,
2. Theodor Mommfen, 3. Friedrich Althoff, 4. Oskar von

leiftungen werden in den pädagogifchen Beiträgen, zumal
über den Gefchichts- und Religionsunterricht dargeboten
. Daß das Problem der konfeffionellen Gegen-
iatze in unferm Volke oder das Problem der ,verbefferten
katholifchen Kirche' (d. h. der evangelifchen Landeskirche)
fich dem Gefchichtsforfcher machtvoll auf die Seele legt
und geiftvoll behandelt wird, ift ja nur felbftverftändlich.
Wird uns hier vor allem auch der Menfch lieb, der in

Gebhardt, 5. Emil Schürer, 6. Friedrich Paulfen). ; feinem maßvollen und warmen Urteil zu Tage tritt, fo

Schwerlich wird ein Lefer bereits alle diefe Auffätze
oder auch nur den größern Teil kennen; fie haben z. T.
in entlegenen Zeitfchriften oder in Tagesblättern geftanden;
manche und wichtige find bisher nur in englifcher Sprache
veröffentlicht oder nur als Manufkript, einzelnes in diefer
Form noch garnicht gedruckt. Von dem Stile Harnacks
und von feiner Kunft der Kompofition erhält man ein eindrucksvolles
Bild; wir lernen ihn als meifterhaften Darfteller
großer gefchichtlicher Zufammenhänge (Was verdankt
unfere Kultur den Kirchenvätern? Entftehung des Papft-
tums, Das Konklave, ufw.), wie als eindringenden Schilderer
bedeutender Männer, die unfere Zeitgenoffen waren, kennen
(Glanzftücke: Bismarck, Mommfen, Schürer); er begegnet
uns als Polemiker wie in ruhiger P eftbetrachtung oder in
der Ausfprache über wichtige praktifche Fragen der Gegenwart
. Ganz eigenartig zeigt fich fein Talent, wenn er
ein Schlagwort, wie das von der fteigenden .Beunruhigung'
des chriftlichen Glaubens benutzt, um von ihm aus neue
Gefichtspunkte für die kirchengefchichtliche Forfchung
und zugleich durch die Vertiefung in die Gefchichte neue
Einficht in das Wefen der gegenwärtigen Lage zu gewinnen
. Aber nicht minder groß ift feine Kunft, wenn
er einen anfcheinend oder auch wirklich fpröden Stoff
(z. B. ,Über Anmerkungen in Büchern') fo geiftvoll zu

gilt das Gleiche von den fozialpolitifchen Darbietungen.
Das Entfetzen über den Krieg wird offen ausgefprochen
(II 40. 298), die Gültigkeit der chriftlichen Ethik auch für
die politifche Tätigkeit fehr energifch betont (1206 vgl. 232).
Mit Recht wird übrigens Tröltfch gegenüber daran feft-
gehalten, daß das foziologifche Prinzip des Chriftentums,
die werktätige Nächftenliebe, von Jefus nicht nur als
asketifche Förderung der Selbftüberwindung gemeint,
fondern eignen Rechtes ift (II 269fr.). Berechtigt ift auch
Hs. Formel, daß ,die Verkündigung Jefu im Tiefften in-
dividualiftifch und im Tiefften fozialiftifch fei' (267).

Ich widerftehe der Verfuchung, die Anfätze zu dog-
matifchen Unterfuchungen, wie fie etwa in den wertvollen
Andeutungen über die Einheit des Denkens (II 78), über
das Wefen der Religion (I 94. II 16. 56), über die Kon-
feffionen als eigentümliche Kulturfyfteme (I 289) oder in
dem Auffatz über .Chriftus als Erlöfer' (II 81 ff.) hervortreten
, näher zu beleuchten. Noch verlockender wäre
es, Harnacks gefchichtsphilofophifche Sätze zufammen-
zuftellen und zu beleuchten. Er fcheint zwar über den
Wert der Gefchichtsphilofophie ziemlich fkeptifch zu denken
(I 89), und doch bietet er felbft eine Fülle derartiger
Reflexionen: ,Unwirkfam ift, was nicht zur Tat kommt'
(I 103), ein oft wiederholtes Lofungswort, das für Hs.

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