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Ausgabe:

1911 Nr. 23

Spalte:

722-724

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jentsch, Carl

Titel/Untertitel:

Christentum und Kirche in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft 1911

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 23.

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Heft 1.) (VIII, 328 S. m. 1 Bildnis.) 8*. Breslau, Ev.
Buchh. 1911. M. 5 —

Ein Beitrag zur Gefchichte der Aufklärungszeit darf
in unfern Tagen, wo fich die kirchengefchichtliche For-
lehung mit Ernft an diefen Abfchnitt der Gefchichte des j
religiöfen Lebens begibt, auf dankbare Aufnahme rechnen,
zumal wenn er auf fo tüchtiger Vorarbeit ruht und mit
fo viel Unbefangenheit gefchrieben ift, wie dies Lebensbild
. Familienpapiere ftanden dem Verf. zu Gebote, und
neben den gedruckten Arbeiten von J. T. Hermes die
reichhaltigen Materialien, die in den Breslauer flädtifchen
und Kirchen-Akten zu finden waren. Geboren 1738 in
Petznick in Pommern, als Student nach Königsberg geführt
, dann noch etliche Jahre in Lehrtätigkeit in Danzig
und, nach kurzem Aufenthalt in Berlin, in Brandenburg,
kommt Hermes 1766 als Feldprediger nach Lüben und
bleibt fodann in Schienen: 1769 als Hofprediger in Pleß,
feit 1772 aber in Breslau, wo er zunächft Profeffor und j
Jnfpektor des Magdalenen-Gymnafiums und Leiter der
ihr angegliederten Jungfernfchule wurde, und wo zugleich !
die Stelle eines Morgenpredigers an St. Magdalena mit
dem Titel .Ekklefiaft' für ihn gefchaffen wurde. Dann
rückt er 1775 zum Paftor an St. Bernhardin auf, der zugleich
den Titel ,Propft (des Hofpitals) zum hlg. Geift'
führt. 1791 wird er Paftor an Maria Magdalena, bis er
endlich 1808 mit der Berufung zum Paftor an St. Elifa-
beth und ftädtifchen Kircheninfpektor, dann auch zum
Kreisfuperintendenten die höchfteStufe kirchlicherWürden,
die Breslau zu verleihen hatte, erreicht. 1821 ift er ge- |
Itorben, 55 Jahre feines Lebens gehören Schlehen an, faft I
50 Breslau. So ift es ein ganzes Stück Breslauer Kirchen-
gefchichte, das hier zur Darftellung kommt, und was feine
Schriften an Materialien zur Kenntnis des gottesdienftlichen
Lebens, der kirchlichen Sitte und der religiös-fittlichen
Zuftände bieten, das ift zunächft aus den Breslauer Ver-
hältniffen abgeleitet. So ift auch gerechtfertigt, daß der
Verein für Gefch. d. evang. Kirche Schiebens Hoffmanns
Arbeit unter feinen Schriften veröffentlicht. Von be-
fonderem Intereffe find hier Kap. XI Aus der geiftlichen 1
Praxis (1. Der Geiftliche. 2. Die Gemeindeglieder. 3. Der |
Gottesdienft) und Kap. XII Aus Glaubens- und Sittenlehre
. In letzterem lernen wir H. als Supranaturaliften mit
Aufklärungsftimmung, Eklektiker ohne feftgefügtes Syftem,
gelegentlich als Agnoftiker kennen, dem aber doch das
Chriftentum zunächft Lehre ift. An zwei fehr verfchiedenen
Stellen wird fein Name fortleben. In der Literaturgefchichte
als Verfaffer des englifchen Vorbildern folgenden Familienromans
.Sophiens Reife von Memel nach Sachfen' (1770
bis 72), der die Briefform benutzt, um über alle nur erdenklichen
Fragen des fittlichen und gefellfchaftlichen
Lebens und der Pädagogik felbftgefällige, didaktifch-
moralifierende Betrachtungen anzuftellen, der, damals von
Hoch und Niedrig Verfehlungen, heute nur vom Fachmann
pflichtmäßig durchgelefen wird. Hoffmann hat fich
der Mühe unterzogen und erledigt die einfchlagenden
literargefchichtlichen und bibliographifchen Fragen ge-
wiffenhaft. Ich bemerke dazu, daß mir von der zweiten
(öbändigen) Auflage ein Nachdruck, Worms, bey Heinrich
Bender und Compagnie, 1776, vorliegt, den er nicht zu
kennen fcheint. Von den andern Arbeiten ähnlicher
Tendenz wird kürzer die .Gefchichte der Miß Fanny Wilke'
und die Schrift ,Für Töchter edler Herkunft' behandelt.
Von Intereffe find die Kritik Schillers in feinen Xenien
an dem Schriftfteller Hermes und die Ignorierung, die j
Goethe bei feinem Aufenthalt in Breslau diefer Breslauer
Berühmtheit zu teil werden ließ. Tritt H. in der Literatur- [
gefchichte nur als eine ephemere, fchnell wieder ver- 1
gangene Erfcheinung auf, fo lebt er noch fort in der j
Hymnologie und in unfern Gemeindegefangbüchern, aber 1
merkwürdigerweife mit keinem der 112 Lieder, die er
1800 zufammen wie ein eignes Gefangbuch erfcheinen
ließ in dem Zeitpunkt, wo Breslau fich ein neues GB.

fchuf, an dem mitzuarbeiten er eigenfinnig abgelehnt
hatte. Alle diefe find verfchollen, auch das von Au. J.
Rambach in feine Anthologie einzig aufgenommene ,Was
wir hier feh'n, das war nur Staub'. (Doch fei bemerkt,
daß das Bunzlauer GB. 1801 aus diefer Sammlung das
Lied ,Dir fterb ich einft, weil ich dir, Jefu, lebte' aufnahm,
allerdings nur die erften beiden Verfe, die drei folgenden
find wohl freie Dichtung des Herausgebers J. G. Franke.)
Aber das Lied, das H. in der 2. Aufl. von Sophiens
Reife, 1776,1, 11 f. mitteilt, ,Ich hab von ferne, Herr,
deinen Thron erblickt' ift Gemeingut geworden (z. B. auch
im Berner GB. 1868). Es ragt nach Inhalt und Sprache
fo hoch über feine anderen Lieder heraus, daß immer
wieder die Frage auftauchen wird: ift er wirklich der
Dichter? Hoffmann hat die Frage ernftlich erwogen, ob
es etwa Überfetzung eines englifchen Liedes gewefen;
aber das Ende mühfamer Forfchung ift, daß fich ein eng-
lifches Vorbild nicht ermitteln läßt. Für Hermes fällt
freilich auch ins Gewicht, daß er zur fchlefifchen Melodie
,Nun preifet alle' auch fonft wiederholt neue Texte gefchaffen
hat. Gleichwohl bleibt es mir ein pfychologifches
Rätfei, ihm fprachlich, nach Stimmung und Formgebung
diefes Lied zufchreiben zu müffen. Es ragt über den
ganzen Mann hoch hinaus, und der Nachweis Hoffmanns,
daß die einzelnen Gedanken, Bilder, Ausdrücke fchon
verftreut in älteren Liedern fich finden, erklärt doch nicht
dieEntftehung diefes Liedes als eines bloß anempfundenen.
Dazu ift es zu fehr aus einem Guß. Wie klein der Mann
als Charakter war, voll Ehrgeiz, Eitelkeit, Unverträglichkeit
, das hat fein Biograph deutlich erkennen laffen.

Schade, daß Hoffmann über die kleine Schrift ,An
Herrn Prof. Rammler, Gellerts Tod betreffend', Leipzig
1770, nichts zu berichten weiß, offenbar hat fie ihm nicht
vorgelegen. Der Katalog der Kgl. Bibl. zu Berlin regiftriert
fie zwar, aber fie ift dort auch nicht vorhanden.

Die verdienftliche Arbeit fei Hymnologen, Kirchen-
hiftorikern und wegen des Kap. X ,Hermes als Prediger'
auch den Homiletikern empfohlen.

Berlin. G. Kawerau.

Jentfch, Carl: Chriftentum u. Kirche in Vergangenheit,
Gegenwart u. Zukunft. (VII, 736 S.) gr. 8°. Leipzig,
E. Haberland 1909. M. 10—; geb. M. 11 —

,Der Verfaffer ift kein Gelehrter, fondern nur ein
Denker, der viel gelefen hat. Und er fchreibt nicht für
Gelehrte, fondern für denkende Gebildete, denen gleich
ihm die Zukunft unferes Volkes am Herzen liegt' — fo
charakterifiert er fich in feinem Vorwort felbft, und es
würde dem nur für die, welche es nicht wiffen, hinzuzufügen
fein, daß er jahrelang römifch-katholifcher Geift-
licher gewefen ift und fpäter der altkatholifchen Kirche
gedient hat. Fr. Nippold hat über ihn in der Frankfurter
Zeitung vom 25. Sept. 1909 eine intereffante Cha-
rakteriftik gefchrieben. Viele werden ihn auch aus feinen
andern Schriften und aus feinen Publikationen in den
,Grenzboten' und in der ,Zukunft' kennen. Der fehr umfallende
Titel des vorliegenden Buchs weift fchon darauf
hin, daß es fich hier nicht um eine fachwiffenfehaftliche
Leiftung handelt, fondern um eine auf einen beftimmten
praktifchen Zweck abzielende, zufammenfaffende Beurteilung
.

Der erfte hiftorifche Teil (S. 1—306) gibt nur den
Unterbau für die grundfätzlichen Urteile, auf die das
Buch hinaus will. Die Gefchichte foll Direktiven für
Gegenwart und Zukunft geben. Das Buch hat alfo einen
ftarken Willen. Es will das Chriftentum gefchichtlich
und grundfätzlich im modernen Leben der Gegenwart
behaupten und für die Zukunft bewahren. Es will feine
gefchichtlichen Erfcheinungsformen, insbefondere feine
foziale Exiftenzform, die Kirche, in ihren Lebensbedürf-
niffen verliehen und will aus der gefchichtlichen Erfahrung
heraus die Gefichtspunkte herausftellen, auf welche die