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Ausgabe:

1911 Nr. 2

Spalte:

46-49

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kolb, Karl

Titel/Untertitel:

Menschliche Freiheit und göttliches Vorherwissen nach Augustin 1911

Rezensent:

Scheel, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 2.

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ftändnis. Die Durchdringung des Stoffes wie feine gene-
tifche Erklärung find beiderseits vorzüglich gelungen. —
Und eins fehen wir an der Darfteilung ganz deutlich:
der Schlüffel der vergleichenden Religionsgefchichte —
und namentlich wenn ein Meifter wie Cumont ihn handhabt
— fchließt wirklich, auch bei den wunderlichften
Erfcheinungen des religiöfen Synkretismus des helle-
niftifchen Zeitalters. Wir find jetzt mit unferer Kenntnis
tatfächlich in der Lage, auch das, was bisher aller Erklärung
fpottete, zu verftehen, wenn auch nicht bis in
alle Einzelheiten hinein, fo doch in der Hauptfache. —
Und noch ein weiteres wird aus der Unterfuchung klar:
jedes einzelne diefer fynkretiftifchen Syfteme bleibt für
fich felbft genommen unverftändlich, ein Verftändnis ftellt
fich erft heraus, wenn wir in einem möglichft umfangreichen
vergleichenden Überblick das Einzelne in das
Ganze einordnen. Die Forderung, erft das Einzelne genau
zu verftehen und dann fich an die Vergleichung zu machen,
ift grundverkehrt auf einem Gebiet, auf dem ganze Maffen
volkstümlicher Phantafien, entlegenen naturhaften Glaubens
, uralter Vorftellungen, die aus barbarifchen Kultgebräuchen
Mammen, in fragmentarifcher und rudimentärer
Überlieferung von einem zum anderen Syftem fortgerollt
werden.

Was das Verftändnis des Manichäismus insbefondere
anbetrifft, fo (teilen fich feine Ideen als noch wilder und
komplizierter heraus, als man bisher angenommen hat.
Es ift dies fehr lehrreich. Vielfach hat man den Kirchenvätern
vorgeworfen, daß fie abfichtlich bei der Darfteilung
der von ihnen bekämpften Häretiker das Fremdartige
und Bizarre ungerechter Weife hervorgehoben haben.
Es wird fich herausftellen, daß die Kirchenväter in ihrer
Berichterftattung, wenn fie auch manchmal ftark kürzten,
eher noch gemildert und das Fremdartige dem Verftändnis
näher gebracht haben. (Vergl. mit der Darfteilung
der Barbelognoftiker bei Irenäus 1,29 den jetzt im Kop-
tifchen bekannt gewordenen Originalbericht!) Es ftellt
fich ferner nach den neuen Quellen noch deutlicher die
ftark orientalifche Grundlage des Manichäismus heraus,
finden wir doch in den Fragmenten von Turfan eine ganze
Reihe direkt perfifcher mythologifcher Namen. Es kann
kein Zweifel darüber mehr fein, daß der Mazdeimus die
Grundlage für diefe merkwürdige Religion abgegeben
hat. Dazu gefeilt fich babylonifch-mefopotamifches Gut,
hinzu kommen gnoftifcheEinflüffe und vielleicht auch folche
des Buddhismus (p. 54). Am allerwenigften Beitrag hat
die chriftliche Religion geliefert, vielmehr find einige ihrer
Hauptdogmata, vor allem auch die Erlöfergeftalten des
Jefus und des Chriftus, erft künftlich in das fertige Syftem
aus äußeren Gründen der Propaganda eingetragen.

Kritifch habe ich im einzelnen fehr wenig zu bemerken
, vielmehr faft nur zu meiner Freude eine große
Übereinftimmung zwifchen unteren Forfchungen auch im
einzelnen hervorzuheben. C. hat feine Unterfuchung ge-
fchrieben, ehe er meine Hauptprobleme der Gnofis kannte;
aus den Anmerkungen in feinem Werk mag man erfehen,
an wie außerordentlich vielen einzelenen Punkten wir, der-
felben Arbeitsmethode folgend, von beiden Seiten aus zu-
fammengetroffen find. Ich trage nur noch einiges nach: p. 8
ift zu dem Ausdruck jrarijQ rov fityt&ovi; etwa Reitzenftein,
Poimandres S. 217 zu vergleichen. Der feltfame Ausdruck
p. 12 quinque antra elementorum eiinnert an verwandte
Spekulationen,die unter demNamendesPherekydesumlau-
fen und deren orientalifcher Charakter mir im allgemeinen
feftfteht. Der feltfame Äon (p. 20 u. 37), der in dem Werk
Theodors als der große Ban bezeichnet wird, könnte
vielleicht mit fyrifchem S52 zufammenhängen (ein Bauherr
des Weltalls wird in den Fragmenten von Turfan genannt),
p. 23,4 akzeptiere ich die Berichtigung Cumonts hinficht-
lich der Gleichung zwifchen der Berichterftattung Theodors
und Auguftins über die 5 Söhne des lebendigen
Geiftes. p. 25 fcheint mir der Bericht Theodors trotz di r
angebrachten Korrektur Cumonts (3 von feinen 5 Söhnen)

noch nicht in Ordnung zu fein, es werden nämlich eigentlich
nur 2 Söhne im folgenden angeführt, von denen der
eine die Archonten tötet, der andere fie abhäutet (vielleicht
der Adamas Heros belliger und der rex gloriofus);
die übrigen drei werden nachher fämtlich aufgezählt, p. 28
ift zu den 10 Himmeln im Syftem des Mani zu bemerken,
daß auch im jüdifchen llavifchen Henochbuch in einer
Rezenfion aus den 7 Himmeln 10 gemacht find (neben
den 7 bekannten Himmeln: der Tierkreis, der Fixftern-
himmel und der höchfte Wohnfitz Gottes). Noch eine
fachliche Ergänzung möchte ich bei diefer Gelegenheit
vortragen. In dem Syftem Manis fchließt fich an die
Befreiung des Urmenfchen aus der Finfternis fofort die
Erzählung an, wie der lebendige Geift und feine Söhne
aus den Leibern der getöteten Archonten das Weltall
bilden. Bekanntlich fchildert ein alter arifcher Mythus
die Bildung der Welt aus dem Leibe des gefchlachteten
Urmenfchen. Es fcheint hier noch ein Hinweis darauf
vorzuliegen, daß die Idee der Bildung der Welt aus den
Leibern dämonifcher Wefen fich erft aus jenem Mythus
durch Umdeutung entwickelt hat. Eine eigentümliche
und fchwer zu deutende Geftalt ift bekanntlich die des
dritten Gefandten, die erft jetzt durch den Bericht Theodors
in helleres Licht getreten ift; jedenfalls kann man
foviel von ihr fagen, daß, wie dem lebendigen Geift die
Aufgabe der Weltfchöpfung zugefprochen wird, fo diefer
vor allem als charakteriftifch die Aufgabe der Erlöfung
zufällt (vergl. hier, wie im Valentinianismus neben den
weltfchöpferifchen Potenzen des Horos und des Chriftos
der Erlöfer öcozrjQ fteht). C. verfucht S. 54 ff. diefe Geftalt
mit dem perfifchen Gott Neryofang zufammenzu-
bringen. Hier haben mich feine Darlegungen, in denen
übrigens ein richtiges Moment enthalten fein könnte,
nicht ganz überzeugt. C. hat auch felbft am Schluß feiner
Unterfuchung darauf hingewiefen, daß ihm meine Ableitung
diefer Geftalt zunächft aus gnoftifchen Ideen und
diefer Idee wiederum aus vorderafiatifchen Religionsvor-
ftellungen, die fich auf die große Göttermutter beziehen,
wahrfcheinlicher erfcheint. Übrigens könnte immerhin
die perfifche Göttin Anahita den Prototyp für die in Betracht
kommenden widerlichen und obfzönen Mythen
abgegeben haben.

Cumonts Werk verdient als die befte bis jetzt gegebene
Darftellung der manichäifchen Kosmogonie weithingehende
Beachtung.

Göttingen. Bouffet.

Kolb, Priefter Dr. Karl: Menfchliche Freiheit und göttliches
Vorherwiifen nach Auguttin. Freiburg i. B., Herder
1908. (XII, 129 S.) gr. 8° M. 3 —

Nach einem kurzen, nicht einwandfreien und gelegentlich
dogmatifch gebundenen (z. B. in der gefchichtlichen
Beurteilung der alexandrinifchen Philofophie) Überblick
über den Stand der Frage in der heidnifchen Philofophie
und chriftlichen Theologie vor Auguftin wendet fich K.
dem eigentlichen Thema zu, das er in vier Kapiteln erörtert
: 1. der menfchliche Wille ift frei trotz des Vor-
herwiffens, 2. der Begriff des Vorherwiffens enthält kein
der Freiheit widerfprechendes Element, 3. der Begriff des
Vorherwiffens muß in allen Punkten richtig gefaßt werden
, 4. Verhältnis von Vorherwiifen und Vorherbcftimmen.
Einen Eindruck von der gefchichtlichen Entwicklung und
Stellung des Problems in der auguftinifchen Theologie
verrät diefe Dispofition nicht. Die Ausführung korrigiert
den Fehler zum Teil, aber nicht ausreichend. Nach K.
hat Auguftin gegen den Manichäismus die übrigens Zeit
feines Lebens von ihm feftgehaltene Willensfreiheit derartig
verfochten, daß er fie fogar über Gebühr, fchein-
bar aufKoften der göttlichen Gnade, betont. Die innere
Erfahrung, daß der Menfch zwar nicht aus fich allein
feiig werden kann, aber feiig werden will, beweift nach
de libero arbitrio die Willensfreiheit. Diefer Wille zur