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Ausgabe:

1911 Nr. 21

Spalte:

662-664

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Niebergall, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die paulinische Erlösungslehre im Konfirmandenunterricht und in der Predigt. 2., verb. u. verm. Aufl 1911

Rezensent:

Drews, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 21.

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fchaftlich-praktifch begründete Weltanficht auszubilden,
hat als Wiffenfchaftslehre die Vorausfetzungen aller Wiffen-
fchaften zu unterfuchen, und endlich — was freilich S. 348,
und wohl mit Recht, vom bleibenden Kern der Philofophie
wieder abgetrennt wird — neue einzelwiffenfchaftliche
Erkenntniffe vorzubereiten. Eine einheitliche Definition
der Philofophie hält er für unmöglich (340). Dem ent-
fpricht feine Erklärung, daß auch ein Syftem der Philofophie
im Allgemeinen ausgefchloffen fei, und nur die Metaphyfik
und die Wiffenfchaftslehre jede für fich ein gewiffe Syfte-
matifierung zulaffe. —

Von dem großen Reichtume des Werkes, der Klarheit
und Überfichtlichkeit feiner Durchführung kann diefe
Inhaltsangabe nur eine fchwache Vorftellung erwecken.
Aber gerade der Reichtum bedingt auch gewiffe Unzulänglichkeiten
vor allem in den hiftorifchen Teilen. Es
ift z. B. Ariftoteles nicht ein Anhänger der Lehre von
der Subjektivität der Sinnesqualitäten (152), hat Plato
nicht das finnenfällige Einzeldafein als das Nichtfeiende
bezeichnet (195; 237), ift Kants Bekämpfung der Metaphyfik
nicht nur gegen die Methode gerichtet gewefen (23;
145), hat Hegel nicht Wirklichkeit (= Erfahrenes) und Vernunft
als gleichwertige Gefichtspunkte innerhalb einer
Weltanfchauung betrachtet (30) u. a. m. Aber auch fachlich
hätte ich neben entfchiedener Zuftimmung wie zu
den Ausführungen über die mathematifche Behandlung
der Logik (S. 49), der Kritik des Monismus (204ff.) u. a.
manche Bedenken zu äußern. Doch will ich mich auf
eines befchränken. Külpes Auffaffung der Metaphyfik
ift mir, ganz abgefehen davon, daß ich die ftarke Abhängigkeit
, in die er fie faktifch und trotz feiner Beftimmung
auf S. 26f. u. 144 von den Einzelwiffenfchaften fetzt, für
viel zu weitgehend halte (vgl. S. 183; 194; 215; 251; 281),
direkt unverständlich. Zwar verstehe ich, daß fie eine induktive
Wiffenfchaft fein foll (25; 346), und bin völlig
feiner Anficht, daß fie bei diefer Auffaffung niemals das
An-fich erfaffen kann (28); wenn er aber nun behauptet,
daß Kant Unrecht habe, die Metaphyfik als die Lehre
vom Tranfzendenten von der Wiffenfchaft als der Lehre
vom Immanenten fchroff abzufondern, und erklärt: dagegen
finden wir, daß die Verbindungsfäden herüber und
hinüber zahlreich und mannigfaltig find' (28), fo begreife
ich das nicht mehr. Ich würde es begreifen können,
wenn er etwa, fo erstaunlich das auch fein würde, wie
Meffer eine unmittelbare Kenntnis der Realität annähme,
aber er betont ausdrücklich, daß weder das Phyfifche
noch das Pfychifche in unmittelbarer Erfahrung fo erfaßt
werde, wie es an fich ift (215). Auch wäre jene Erklärung,
wie mir fcheint, für ihn garnicht nötig gewefen. Denn
faktifch gewinnt Külpe feine metaphyfifchen Thefen garnicht
auf induktivem Wege, fondern auf dem Wege der
Analogie (vgl. 217; 272 u. a.), der xa&' ofioiov fierdßaoig
Epikurs. Er fetzt alfo genau fo wie alle Metaphyfiker
voraus, daß das, was. im Gebiete des Erfahrbaren gilt,
unter entfprechender Änderung auch im Gebiete der Dinge
an fich Geltung befitzt. Und auch die Exiftenz diefer
Dinge findet er nicht induktiv, fondern beweift fie rational.
Denn die Kaufalität, deren er fich zur Begründung der
Annahme von Realitäten bedient (l$offi), ift nach feinen
eigenen ErklärungeneinKategorieodereinGrundbegrifs(32).

Königsberg i. Pr. Goedeckemeyer.

Heinze, Max: Ethifche Werte bei Ariftoteles. Des XXVII.
Bandes der Abh. d. phil.-hift. Kl. d. Kgl. Sächf. Ge-
fellfch. d. Wiffenfch. No. 1. (31 S.) Lex. 8°. Leipzig,
B. G. Teubner 1909. M. 1.20

Alle Vorzüge der älteren Arbeiten Heinzes zur antiken
Philofophie wird man auch in diefer letzten Schrift
des verstorbenen Verfaffers wiederfinden; die vollkommenste
Beherrfchung der Quellen verbindet fich in einer heute
immer felteneren Weife mit der forgfamften Abwägung
aller Möglichkeiten in ihrer Beurteilung und die nüchterne

Ruhe der wiffenfchaftlichen Verarbeitung läßt doch den
inneren lebendigen Anteil des Verfaffers an den Werten,
die das griechifche Denken der Ethik gewonnen hat, deutlich
hervortreten. Der Inhalt des Begriffs der Eudämonie
bei Ariftoteles wird analysiert, das Verhältnis der Eudämonie
des Einzelnen zu der des Staates befprochen, die
Bedeutung der ethifchen und theoretifchen Tugenden
fowie der Luftgefühle für die Eudämonie abgewogen.
In der Frage, ob Ariftoteles Ethik mehr der egoiftifchen
oder mehr der altruiftifchen Richtung zuzuzählen fei,
kommt Heinze zu keiner völlig klaren Entfcheidung. Hier
könnte man am ehesten Einwendungen erheben, infofern
jenes Begriffspaar nicht ganz geeignet ift, den arifto-
telifchen Standpunkt zum Ausdruck zu bringen. Ariftoteles
Ethik ruht auf dem Gedanken der Entfaltung der
Perfönlichkeit, und ihr Verdienst liegt vor allem gerade
darin, daß fie in der Idee der Perfönlichkeit, die der
Andern und der Gemeinfchaft bedarf, um fich an ihnen
zu betätigen und damit ihr eigenes Wefen zu entwickeln,
den alten Gegenfatz von Egoismus und Altruismus, Individuum
und Gemeinfchaft überwindet.

Straßburg i. E. M. Wundt.

Niebergall, Prof. Lic. Frdr.: Die paulinifche Erlölungslehre
im Konfirmandenunterricht und in der Predigt. Ein Beitrag
zur ,prakt. Dogmatik'. 2., verb. u. verm. Aufl.
(IV, 156 S.) gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1910.

M. 2.80; geb. M. 3.80

Diefe zweite Auflage wiederholt die erfte in allem
Wefentlichen. ,Nur einige neuere Arbeiten über Paulus
und auch einige Leitfäden für den Unterricht find je an
ihrem Ort noch behandelt worden. Hinzugekommen ift
der jetzige dritte Teil, der die Erlöfung in der Predigt
behandelt.' Eingefchoben ift fodann ein Paragraph: Prak-
tifch-dogmatifche Lehre von der Erlöfung. Da die erfte
Auflage in diefer Zeitung nicht befprochen worden ift,
find wir zu einem näheren Eingehen auf die vorliegende
zweite Auflage verpflichtet.

Das Ganze gliedert fich in drei Hauptteile: I, Die
Erlöfung bei Paulus (S. 4— SS); II. Die Erlöfung im Konfirmandenunterricht
(S. 55—-Iii); III. Die Erlöfung in der
Predigt (S. 112—156). — Die Erlöfung bei Paulus behandelt
N. fo, daß er die Gefamtlehre des Apoftels in drei
,Gedankenzüge' zerlegt: die Erlöfung von der Schuld,
von der Macht der Sünde und von der Welt, wobei
er allerdings die ,ethifche Erlöfung', d. i. die Erlöfung
von der Sündenmacht voranstellt, weil er der Überzeugung
ift, ,daß das Intereffe an der sittlichen Befreiung
von der Sündenmacht bei Paulus das primäre und tieffte
ift'. In diefen Ausführungen fchließt fich N. hauptfächlich
an H. Holtzmann, Wernle, mitunter auch an B. Weiß
an, auch mit Wrede fetzt er fich auseinander. AufS. 29—40
folgt ein Überblick über die Dogmengefchichte, die bis
auf M. Herrmann und Julius Kaftan fortgeführt ift, zu
dem Zwecke, um ,allerlei Richtlinien und Maßftäbe' für
die praktische Aufgabe zu gewinnen. Diefe beftehen in
der Erkenntnis, daß das Notwendige und Wefentliche
nicht eine je nach den Zeiten wechfelnde Erlöfungstheorie
ift, fondern die Erlöfung felbft; die Theorie ift freizugeben
und fo zu gestalten, daß man fie wirklich versteht. Diefer
Gedanke wird in dem diefen Teil abfchließenden Paragraphen
: Praktifch-dogmatifche Lehre von der Erlöfung
(S. 40—55) weiter verfolgt. In Anknüpfung an Julius Kab
tan wird als der Kern der paulinifchen Erlöfungslehre
die Erlöfung von der Welt feftgeftellt: diefe Erlöfung ift
negativ die Löfung des Menfchen aus den Banden der
fittlich bindenden Mächte, positiv die Erhebung des Menfchen
in die heilige Welt Jesu Christi und feines Vaters.
Die erlöfende Kraft liegt nicht in der einmaligen Erlöfungs-
tat, dem Tode Jefu, fondern in der ganzen Perfon Jefu.
.Alles hängt an Jefus, was Erlöfungskraft heißt.' ,Der