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Ausgabe:

1911 Nr. 17

Spalte:

519-521

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schermann, Theodor

Titel/Untertitel:

Propheten- und Apostellegenden nebst Jüngerkatalogen des Dorotheus und verwandter Texte 1911

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 17.

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tation unfähig fein. Sucht ein anderer den Inhalt der 1
Darbietungen des Gloffolalen dem Publikum zu vermitteln
, fo benutzt er die den unverftändlichen Lauten
und Sätzen beigemifchten richtigen Worte, außerdem
Geften und Körperbewegungen als Fingerzeige.

Marburg/Heffen. Walter Bauer.

Schermann, Priv.-Doz.D. Theodor: Propheten- und Apostellegenden
nebft Jüngerkatalogen des Dorotheus und verwandter
Texte. (Texte u. Unterfuchungen zur Gefch.
d. altchriftl. Lit. 3. Reihe. 1. Band. 3. Heft.) Leipzig,
J. C. Hinrichs 1907. (VIII, 368 S.) gr. 8° M. 11.50

Prophetarum vitae fabulosae indices apostolorum discipulorum-
que demini Dorotheo Epiphanio Hippolyto aliisque vindi-
cata. Inter quae nonnulla primum edidit recensuit
schedis vir. cl. Henr. Geizer usus prolegomenis indi-
cibus testimoniis apparatu critico instruxit Theodorus
Schermann. Leipzig, B. G. Teubner MCMVII. (VIII,
255 p.) 8° M. 5.60; geb. M. 6 —

Die große Maffe der bisher in allen möglichen Publikationen
zerftreuten Liften und kurzen Lebensbefchrei-
bungen der Propheten, Apoftel und 70 Jünger, die unter
den Namen Dorotheus, Epiphanius, Hippolyt ufw. gehen,
fchrie längft nach kritifcher Sammlung und Bearbeitung.
H. Geizer hatte feit Anfang der 80er Jahre ihnen fein
Intereffe zugewandt; 1896 nahm er fie als fasc. V in den
Profpekt der von ihm herauszugebenden Scriptores sacri
et profani auf, auf Grund etlichen von mir beigefteuerten
Materials meinen Namen dem feinen verbindend. Mit
anderen Arbeiten überhäuft hat er dann kurz vor feinem
Tode das ganze Material Schermann abgetreten, und diefer
hat es in den 2 vorliegenden Publikationen verarbeitet.
Wir hätten von Geizer noch befferes (jedenfalls in bef-
ferem Latein und befferem Deutfch) erhalten. Aber das
ift kein Grund, den Dank für diefe mühfame und ent-
fagungsvolle Arbeit zu verkürzen.

Schermann trennt — der Überlieferung nach muß
man fagen: leider — die Prophetenviten ganz von den
Apoftel- und Jüngerliften. Von jenen bietet er außer
einer kurzen unter Epiphanius' Namen gehenden Lifte
der 72 Propheten und 10 Prophetinnen 5 Formen der
Viten: A Epiphanius rec. prior, B Dorotheus, C Epiphanius
rec. alt., D rec. anonyma, E die Scholienrezen-
fion der Catenen; anhangsweife den kurzen, fyrifchen Text
aus Sin. syr. 10. Von diefen gibt er wieder Ä Epiphanius,
B Pf. Dorotheus, C Pf. Hippolyt, D eine griechifch-fyrifche
Lifte (aus Vat. 2001 und 1506), E die Lifte aus der Chronik
des Pfeudo-Symeon Logotheta (Par. 1712), F die der
Menäen, G 2 Mifchformen, woran fich allerlei kürzere
Texte, das lat. Breviarium apostolorum u. f. f., endlich
die Lifte des Sin. syr. 10 anreihen. 4 Indices machen
den Schluß.

Die Gruppierung des reichen Handfchriften-Apparates und der
Varianten-Apparat find überfichtlich: vielleicht hätte durch andere Art
von Siglen gekürzt werden können, z.B. iür BB'b durch B". Der
Apparat ift leider nicht ganz zuverläffig, z. B. 132 10 xal Aixtvtov auch
/.B', 132 Ii 00 l&vvav nach Tvqw B', 133 3 tv&a: i&vtüv B», 1339
xa < B' 10 xal < B», xtjv ina>vvu:iav B1; 1349,ytvöu.tvog < B'
11 avxov alt. < Bl 14 -f- zw B1 135 1 slg Siaxoviav nicht zugefetzt
(+) fondern umgeftellt u. f. f.'Weder aus dem Apparat, noch aus der
Praefatio, noch aus der Unterfuchung in TU 31 3 S. 144 erfährt man etwas
von der eigenartigen Anordnung in B1, wo die Lifte der 70 als Rand-
fcholion um die der 12 als Text gefchrieben ift, was der Schreiber fo
ausdrückt: xal npwxov ßev Xtyei neol xwv iß, ovg xal lam&sv iv-
ftelvai ovvetöofiev ineixa ziept xwv o', ovg xal tgw&cv naotv&tivai
ixpiva/xev, xäv xovxw xi/xwvxeg xovg iß xal xo npwxelov avxoTg
nooavtnovxtg. Überfehen fcheinen ein von Andreas Darmarios 1563
gefchriebener Hippolyttext in Matr. 2 f. 788 (Martin in Nouv. arch. des
missions II 1892, 59), ein anderer in Toledo, Capitelbibl. 9—20 fol. 154
(Migne SG 92, 1074); Berlin Gr. 9U. 39: Dorotheus; Turin C. V, I
(Gregory Textkritik 266); der von M. Bonnet in Suppl. cod. apocr. II
p. XI aus Par. gr. 1611 abgedruckte Text einer Apoftelteilung; das
Malerbuch vom Athos, wo die 12 und die 70 mit ihren Attributen aufgeführt
werden; das breviarium apostolorum in Berlin lat. theol. 105;

1 die Lifte der 72 in München 7827; die von Brower edierte, hier S. 214
nachgedruckte Notitia locorum fleht in Fulda cod. Bonif. II und
ftand auch in Sessor. 77. Auch Dorotheus ift im Abendland bekannt
geworden, wie ein Zitat in der Legenda aurea c. 81 (p. 349 Graeffe)
beweift. Die fyrifche Lifte Michaels hatte fchon L. Wirth Aus orient.
Chroniken 230!. abgedruckt. Ganz beifeite gelaffen ift die flawifche Überlieferung
, die Pf. Hippolyt und Pf. Epiphanius (aber wie es fcheint nicht
Pf. Dorotheus) kennt, vgl. Mafing, Arch. f. flav. Phil. VIII 1885, 359;
A. Berendts, Zacharias Apokr. 3 1 41 Bonwetfch bei Harnack LG I 896.
Über Kommemorationen der 70 im fyrifchen Synaxar f. Zotenbergs Katalog
der Parifer Hdfchrr. p. 90 ff. Bemerkt zu werden verdient auch, daß unter
den i. J. 1077 von Michael Attaleiates feinem Klofter geftifteten Büchern
fich 6 ayiog Jwpö&eog befand (Niffen 101). Zu S. 115, 5 wäre ein
Hinweis auf die Euthalius-Ausgaben: Zaccagni p. 535, Robinson TSt. III
3, 28ff., von Soden Neues Teft. I 369!!. angebracht gewefen, zu 117 16
auf die pfeudoathanafianifche Hypothesis Zaccagni p. 421; zu 109 7, 1117,
116 6, 117 5 vgl. v. Soden 307, wo diefe ,Epiphanius'texte als ,Dorotheus'
erfcheinen. Zu S. 129 5 ff. vgl. von Soden 311. Überhaupt war aus von
Soden 363 h zu lernen, wie reiches Material in NTlichen Handfchriften
zerftreut ift; daß z. B. von dem D-Text eine Handfchrift auf dem Sinai
liegt, eine 2. Handfchrift mit dem Namen Kosmas Indicopleuftes in
Konftantinopel. Die Interpunktion ift werkwürdig ungleich, z. B. bei den
Paralleltexten ganz verfchieden: 816 gehört das , nach ävxXtiv; 442
lies Xhywv 116 4 1. xoifxrjOSwg, 7 1. neptxwpw, 9 ift die Ergänzung
falfch, 1. vielleicht ßQoyov, 117 1 verb. oh; ift 114 2 ovvxazeoixfti'j&ri bezeugt
und 202 7 ovvxazapizfilTid-n} 145 22 ift xaXXivixov zu fchreiben;
219t. hätte bemerkt werden müffen, daß Schermann die Nummern 12—71
an Stelle der überlieferten Zählung 11—70 fetzt. In Einfiedl. 131 fand ich
eine merkwürdige Ikonographie der 12 Apoftel, die ich mit dem Malerbuch
des Elpius zu publizieren gedenke.

In feinen literargefchichtlichen Unterfuchungen führt
Schermann die Texte nach der Reihenfolge ihres Bekanntwerdens
in neuerer Zeit auf. Er geht aus von einer
Analyfe der Prophetenviten, in denen fich ein biogra-
phifches und ein meffianifches Element unterfcheiden
läßt: in jenem erkennt er eine jüdifche Grundlage, in diefem
chriftliche Zufätze. Jene findet er relativ am reinften
(wenigftens für die kleinen Propheten) in der Dorotheus-
Rezenfion erhalten, die er auf den von Eufebius KG VII 32 2
als Kenner des Hebräifchen gerühmten Dorotheus zurückführen
zu dürfen glaubt. Mir fcheint diefe ganze Kombination
auf fchwachen Füßen zu ftehen. Daß jüdifche
Haggada verarbeitet ift, dürfte freilich kaum zu leugnen
fein, die ganze literarifche Form aber hat mit dem talmu-
difchen nichts zu tun, fondern gehört der griechifchen
Literaturgefchichte an; fie muß aus der durch die Alexan-
drinifchen Editoren aufgebrachten Sitte, jedem Autor
feinen ßioc voranzuftellen, verftanden werden; daß dies
Einleitungsmaterial bald vereinigt, bald auf die Einzelbücher
verteilt vorkommt, hat feine Analogien u. a. an
dem fog. Euthalianifchen Apparat. Ob dies nun für das
3. Jahrhundert, oder mehr für das 4.(5. paßt, bleibt zu
fragen. Mercati hat einmal die Vermutung hingeworfen,
Dorotheus fei abfichtliche Entftellung für Theodorus
(Journ. of theol. stud. 1906, 404); wir hätten alfo an den
großen Antiochener zu denken; damit würden fich auch
die fyrifchen Beziehungen erklären. .Dorotheus' und .Epiphanius
' flehen jedenfalls nur verfchiedene Exzerpte aus
einer Urform dar: in dem fyrifchen Epiphaniustext
Michaels ftehen noch Dorotheusfätze; bei Elias ift offenbar
ein Enkomion in der Art Ephraems oder Pf.-Chryfo-
ftomos' benutzt.

Erwähnung verdienen hier die Prophetenlegenden im islamifchen
Barnabas-Evangelium c. 185 (S. 415 ff. Kagg).

Bei dem NTlichen Teil geht Schermann nach der
Uberficht über die Texte aus von den gefchichtlichen
Einlagen der Dorotheus-Rezenfion: er fucht es wahr-
fcheinlich zu machen, daß diefe Fälfchung im Intereffe
der Apoftolizität des Stuhles von Byzanz nicht fchon im
Jahre 525 anläßlich einer Anwefenheit des Papftes Johann I.
in Konftantinopel hervortrat, wie man bisher der ausdrücklichen
Angabe des Epilogs entnahm, fondern erft
beträchtlich fpäter, kurz vor den älteften Zeugniffen, die
wir dafür bei Theophanes, Patriarch Nikephoros und
Epiphanius monachos haben, alfo um 800. Man könnte
diefer fchon von Duchesne angebahnten Thefe zu Hilfe
kommen durch die Beobachtung, daß der byzantinifche
Anfpruch erft in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts die