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Ausgabe:

1911 Nr. 16

Spalte:

496-497

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sparlinsky, G.

Titel/Untertitel:

Schopenhauers Verhältnis zur Geschichte 1911

Rezensent:

Scholz, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 16.

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Bild von Marburg behandelt M. v. K. Köhler gibt auch I
Ergänzungen zu Eglis Arbeit über die Flugfchrift ,Die
göttliche Mühle', welcher zwei Bilder beigegeben find.

Egli weift Dach, daß die Idee dazu von dem Maienfelder Landvogt
Martin Säger ftammt. Zwingli ließ fie durch Hans Füßli in Verfe fetzen,
gab dazu ihm paffende Bibelftellen an, befprach mit ihm den Entwurf
und erfand mit ihm das Bild. Köhler zeigt nun, wie die Mühle als Bild
des Wechfels in der kirchlichen Kunft für die fogenannte ,Hoftienmühle'
vielfach verwendet wurde und das Mühlenmotiv überhaupt häufig ift, wie
Murners Mühle von Schwyndelsheim und, fei hier beigefügt, in der
fchwäbifchen Pelzmühle zu Trippstrill. Eine Parallele bildet ,Chriftus in
der Kelter' Jef. 63, 3. Zu den S. 370 genannten Beifpielen ift noch
S. Ägidien in Kleinkomburg zu nennen.

Lebhaft wendet fich Köhler gegen W. Walthers Auf-
fatz ,Die Schweizer Taktik gegen Luther im Sakraments-
ftreit', S. 356ff. Gewiß hat Köhler recht zu fagen: Gefehlt
wurde in dem unglückfeligen Abend mahlsftreit hüben
wie drüben. Aber daß Zwingli eine diplomatifche Ader
hatte, die von Luthers derber Geradheit und Offenheit
abfticht, ift unleugbar. Egli gibt in dem Auffatz über
die .Göttliche Mühle' S. 365 einen Beleg, wie der Zürcher
Reformator verdeckte Wege liebte.

Er hielt Hans Füßli an, fich als Verlader ausgeben zu laffen und
feinen Anteil zu verfchweigen. Butzers Zufätze in Bugenhagens Pfalter
und Luthers KircheDpoftille laffen Luthers Anrede auf der Koburg ,Tu es
nequam' ganz berechtigt erfcheinen. Der Vergleich der fingierten Adreffe
von Matth. Alber und eines etwaigen Sendfehreibens an Arthur Drews,
mit der Motivierung ,die Perfon repräfentiert die Sache', ift doch wohl
zu modern. Aber niemand wird den Zürichern das Recht beftreiten,
Zwingli und die Schweizer in ihrem Vorgehen in das wahre Licht der
Gefchichte zu Hellen. — Zu Sterns Bemerkungen über ,Doktor Jefus'
d. h. den Dominikaner Johann Burkhard wäre auf N". Paulus deutfehe
Dominikaner S. 325 (Erläuterungen und Ergänzungen zu Janffens Gefchichte
des Deutfchen Volks Band 4) und die von Paulus überfehenen Nachrichten
ZGOR N. F. XIX, 605—609 zu verweifen.

Stuttgart. G. Boffert.

Kolberg, Prof. Dr. Jofeph: Beiträge zur Gefchichte des
Kardinals und Bifchofs von Ermland Andreas Bathory.

Braunsberg, H. Grimme 1910. (17111. VI S.) gr. 8° M. 2.80

Es ift ein erfreuliches Zeichen, daß die Ouellenftudien
der letzten Jahrzehnte fich mehr, als es früher gefchehen
ift, den Archiven des Oftens zuwenden, wo in den Archiven
der Fürften- und Bifchofsfitze noch manches ungehobene,
wertvolle Material ruht, das geeignet ift, im Zufammen-
hang namentlich auch mit dem vatikanifchen Archiv,
wohin diefe Quellen öfter weifen, ein befferes und klareres
Licht auf Perfonen und Verhältniffe zu werfen, die
wir bisher mehr im Schattenriß fahen. Diefen Weg ift
der Verfaffer obiger Schrift gegangen. Er hat aus dem
vatikanifchen Archiv fowie dem Frauenburgifchen Archive,
zum geringeren Teile auch aus einigen andern Archiven
ein reiches, wenn auch nicht allumfaffendes Material zu
Tage gefördert und es in überfichtlicher Weife in feiner
Studienarbeit verwertet. Befcheiden nennen fich diefe
Studien: Beiträge zur Gefchichte des Andreas Bathory.
Aber es ift dem Verfaffer Dank dafür zu fagen, daß er
durch diefe Beiträge ein intereffante und für die Lokal-
gefchichte des Oftens immerhin bedeutungsvolle Perfön-
lichkeit der wiffenfehaftlichen Welt näher gebracht hat.
Allerdings fehlt noch manche Quelle, die auf Fragen, die
bei der Lektüre des Buches in uns lebendig werden, eine
endgültige Antwort gibt. Namentlich hätte man noch
manche Quelle gewünfeht, die ein helleres Licht auf den
großen Rahmen wirft, in dem die Perfon Bathorys fleht.
Ich vermute, daß hierfür eine Durchforfchung der Archive
in Ungarn und Polen reiche Frucht bringen würde. Für
eine abfchließende Würdigung der Perfönlichkeit des
Genannten reicht das gefammelte Material leider noch
nicht aus.

Das Buch umfaßt die letzten 22 Jahre des Lebens
des Kardinals und bringt feine innere Entwicklung und
feine äußere Lebensgefchichte. Es bringt feine mehr oder
minder erfolgreiche Tätigkeit als Propft von Miechow, als
Delegierter des Königs Stefan von Polen in Rom, als
Bifchof von Ermland in durchaus objektiver Weife. Die

politifche Rolle, die der durch Papft Gregor fchon früh
zum Kardinal promovierte je länger je mehr in Polen, Ungarn
und Siebenbürgen fpielt, wird eingehend nachgewiefen.
Damit bietet das Buoh zugleich einen beachtenswerten,
freilich, wie gefagt, nicht erfchöpfenden Einblick in die po-
litifchen vielen noch fehr unbekannten Verhältniffe jener
Länder in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Dem Urteil, das über Bathory in den Beiträgen gefällt
wird, ift in der Hauptfache beizuftimmen. Freilich
in der Würdigung der amtlichen Tätigkeit Bathorys
weicht Rezenfent von der Anficht des Verfaffers ab. Re-
zenfent ift der Anficht, daß hier die Bedeutung Bathorys
unterfchätzt wird. Was S. 157ff. fummarifch von der Tätigkeit
B's nach diefer Beziehung berichtet wird, zeigt, daß
Bathorys Einfluß belebend dahinter flehen muß. Die
verhältnismäßig gut geordneten Zuftände des ermlän-
difchen Bistums dem Domkapitel in der Hauptfache zu-
zufchreiben, (S. 157 ff), geht nach des Rezenfenten Anficht
nicht an. Die Erfahrung lehrt, daß der Geift des Kollegiums
, auch wenn ihm bedeutende Männer angehörten,
in der Regel vom Geift des Leiters beftimmt wird.
Rezenfent fieht hier den Einfluß des Kardinals Karl Bor-
romäus, der bei Bathory entfehieden nachhaltiger und
fchwerwiegender gewefen ift, als dargeftellt worden. Es
ift zu bedauern, daß in den Beiträgen die Beziehungen
Bathorys zu dem Kardinal Borromäus nur verhältnismäßig
kurz erwähnt find und die Quellen nur fpärlich fließen.

Mit Objektivität des Urteils verbinden fich Einfachheit
und Klarheit der Darftellung und eine umfaffende Kenntnis
der Gefamtverhältniffe jener Zeit, fo daß die Lektüre des
Buches zu einer Bereicherung des Wiffens über jene Zeit
für den Lefer wird. Ein angefügtes Perfonen- und Ortsverzeichnis
erleichtert das Nachfchlagen. Zu bedauern
bleibt, daß eine Inhaltsüberficht nicht vorhanden ift.

Oftrowo (Pofen). Naunin.

Sparlinsky, Dr. G.: Schopenhauers Verhältnis zur Gefchichte.

(Berner Studien zur Philofophie u. ihrer Gefchichte.
Band 72.) Bern, Scheitlin & Co. 1910. (48 S.) gr. 8°

M. 1 —

Die fouveräne Verachtung der Gefchichte und des
Entwicklungsgedankens überhaupt ift eines der ftärkften
negativen Merkmale der Schopenhauerfchen Philofophie.
Sie läßt fich auf eine vierfache Wurzel zurückführen.
Der erfte, tieffte und wirkfamfte Grund ift die Bewertung
der Metaphyfik und die Anwendung ihres moniftifchen
Dogmas auf die Vielgeftaltigkeit der Gefchichte. Ift
die Erfchließung des Kernes der Dinge die höchfte Aufgabe
der Philofophie und enthüllt fich diefer Kern als
ein im ftrengften Sinne des Wortes ftets mit fich felbft
identifches Agens, fo ift die Gefchichte in der Tat das
berühmte Kaleidofkop, welches bei jeder neuen Wendung
eine neue Konfiguration zeigt, während wir eigentlich
immer dasfelbe vor Augen haben.

Ein zweiter Gefichtspunkt ift kritifcher Art und wendet
fich gegen die Gefchichte auf Grund des Kantifchen
Wiffenfchaftsbegriffs, nach welchem bekanntlich nur der
apriorifche Teil der Erkenntnis und die auf ihn gegründeten
Disziplinen den Namen ,Wiffenfchaft' verdienen.
Dann ift die Gefchichte in der Tat nur ein Wiffen, nicht
eine Wiffenfchaft, da fie nicht, wie die Naturwiffenfchaften,
auf den Erwerb von Gefetzesbegriffen, fondern, wie
Schopenhauer meint, lediglich auf die Regiftrierung von
Tatfachen ausgeht

Kritifch ift auch die dritte Erwägung. Sie geht von
der Form zur Materie über. Als Schlüffel zum Welt-
verftändnis gedacht, kann die Gefchichte fich nicht entfernt
mit den Wunderwerken der Kunft vergleichen. In
ihnen fpiegelt fich der Menfch, und zwar, je höher und
reifer die Kunft, um fo klarer als Ding an fich. Die
Gefchichte dagegen kennt nur Menfchen im Plural, Sub-