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Ausgabe:

1911 Nr. 13

Spalte:

405-407

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hunzinger, August Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die religiöse Krisis der Gegenwart 1911

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 13.

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erfchöpfende Kritik geben. Ich möchte aber durch die
Einzelbemerkungen nicht den Eindruck aufkommen laffen,
als ob Natorps Buch als Ganzes lediglich eine Wiederholung
bekannter Theoreme fei. Im Gegenteil hat fich
Natorp überrafchend tief in die originalen Problem-
ftellungen unferer Tage hineingearbeitet. Doch wird man
immerhin fagen müffen (wenigftens die Mathematiker
werden fo urteilen), daß Natorps Buch im Grunde mehr
für die außerordentliche Lebendigkeit des kantifchen
Kritizismus, für deffen Anpaffungsfähigkeit an die originalen
Problemftellungen der Gegenwart, die durch die
von den Marburgern vernachläffigte Verlebendigung der
Probleme der Urteilskraft noch erweitert würde, und für
die große Fruchtbarkeit der kantifchen Methode, als
für die Unabhängigkeit und Selbftändigkeit der gegenwärtigen
Probleme fpricht. Doch ift neben der Klarheit,
Durchfichtigkeit der Darftellung, der im allgemeinen
glücklichen Disponierung, vor allem der keineswegs ftarre,
fondern überrafchend lebendige Gang der Unterfuchung
zu rühmen, fo daß wir bei aller Abweichung im ganzen
und einzelnen dem fcharffinnigen Verfaffer zu überaus
lebhaftem Dank verpflichtet find.

Befonders freudig wird man das recht ausführliche
Literaturverzeichnis begrüßen. Das an fich anzuerkennende
Regifter ift leider (wie bei den Marburgern meift)
zu einfeitig fyftematifch und infolgedeffen zu dürftig.
Grade hier wäre (für die ficher erfolgende 2. Aufl.) ein
ausführliches Regifter nach Termini und Begriffen und
nach Sachen fehr erwünfcht.

Bremen. Bruno Jordan.

Die transzendentale Deduktion der Kategorien in Kants Kritik
der reinen Vernunft. Bonn, C. Georgi 1910. (111 S.) 8°

M. 1.20

Kant hat bekanntlich in der zweiten Auflage der
Kritik der reinen Vernunft den zweiten Abfchnitt der
.Deduktion der reinen Verftandesbegriffe' völlig umge-
ftaltet, fo daß diefer in doppelter Form vorhanden ift.
Die vorliegende Schrift kündigt nun einen .Verfuch' an,
,den Gedankengang der Deduktion in ihren beiden Bearbeitungen
im engften Anfchluß an den Wortlaut der
Kritik darzuftellen, gleichfam in der Art eines Kommentars
'. Bei genauerer Betrachtung zeigt es fich, daß es
fich im Grunde eher um eine bloße Umfchreibung der
Kantifchen Gedankenkomplexe handelt als um einen
.Kommentar', von dem wir feit Vaihingers Werk geneigt
find, etwas mehr zu erwarten, denn hier geboten wird.
In der voraufgefchickten kurzen Einleitung findet fich
unter dem Titel .Einige allgemeine Vorausfetzungen'
folgender Paflus: ,Kant geht davon aus, daß der Menfch
eine abhängige Exiftenz darftellt. Kant nimmt ein Ur-
wefen an. Aus diefer abhängigen Exiftenz erklärt fich
auch Kants Annahme von unabhängig von uns beftehen-
den Dingen, Dingen an fich. Was und wie fie fein
mögen, das können wir nicht beftimmen. Aber es gibt
zweifellos Etwas, was unabhängig von uns exiftiert. Daher
kann auch unfere Erkenntnis von Gegenftänden nicht
lediglich unfer Werk fein'. Diefe Sätze find ja in gewiffem
Sinne nicht unrichtig, wenigftens nicht ganz; aber fo ohne
weiteres als gültig hingeftellt unfraglich ein Ärgernis für
manchen Kantinterpreten; zugleich einigermaßen charak-
teriftifch für die Haltung der vorliegenden Schrift. Zum
Schluß noch eine terminologifche Frage: Warum .fynthe-
fifch' ftatt .fynthetifch'? Muß das fein?

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Hunzinger, Prof. Dr. A. W.: Die religiöfe Krifis der Gegenwart
. Zehn zeitgemäße und zwanglofe Artikel für gebildete
Chriften. Leipzig, A. Deichert, Nachf. 1910.
(VII, 190 S.) gr. 8° M. 3.60

Zehn Abhandlungen, die teils im .Alten Glauben',

teils in der ,Evang.-luth. Kirchenzeitung', teils in der
.Evangelifchen Wahrheit' veröffentlicht wurden: fie behandeln
fämtlich die gegenwärtige religiöfe Krifis, in der
wir ftecken, und verfuchen den Weg zu ihrer Überwindung
zu zeigen. Die verfchiedenen Seiten und Momente diefer
Krifis find nicht nach chronologifcher, fondern nach Ge-
fichtspunkten des fachlichen Gedankenfortfehritts geordnet,
fo daß fie einen Zufammenhang darftellen, in dem die
Gedanken vom weiteften Rahmen des Zweifels (1—36),
der Weltanfchauungs- (36—74) und der Perfönlichkeits-
krifis (74—114) bis zum engften der Dogmen- (114—156)
und der Kirchenkrifis (157—190) fich fortbewegen.

Der allgemeine Standpunkt, von welchem aus der
Vf. die hier in Angriff genommenen Fragen ftellt und
deren Löfung unternimmt, ift aus feinen früheren apolo-
getifchen Veröffentlichungen hinlänglich bekannt. Mit
der hergebrachten, etwa durch Luthardts Namen bezeichneten
Methode, hat er grundfätzlich gebrochen. Indem
er fich nicht um die Feftftellung eines zwingenden
Beweifes, fondern um den Nachweis eines zureichenden
Grundes für unfern Glauben bemüht, bewegt er fich in den
von Ritsehl, Herrmann, Häring, gewiefenen Bahnen. Die
Fundamente diefes Glaubens findet er in einer außer uns
liegenden, von uns unabhängigen Wirklichkeit, in der
Offenbarungstatfache, die die letzte, eigentlich den Glauben
bewirkende Urfache ift, nämlich in der Perfon und dem
Werke Jefu Chrifti. ,Wir können gar nicht anders als,
wenn ich fo fagen darf, fyftematifch, in unferm Falle
chriftozentrifch, denken' (30—31). Die Konfequenz, mit
welcher H. diefes Verfahren übt, gibt ihm das Recht, fich
als .Lutheraner von echtem Schrot und Korn' zu bekennen.
.Freilich fehe ich das Luthertum nicht bei denjenigen,
die aus den evangelifchen Erkenntniffen Luthers und der
Reformation ein Syftem von unveränderlichen PArmeln
machen. Wie die mittelalterliche Kirche an Auguftin
viel mehr als fein ureigenftes Lehrgut die feinem Wefen
fremden vulgärkatholifchen Fflemente gefchätzt und kon-
ferviert hat, fo gibt es auch heute noch Lutheraner, die
es mit dem ,Alten Adam' und nicht mit dem .Neuen
Menfchen' in Luther und der Reformation halten. Sie
werden mir die Palme des Luthertums verfügen und tun
es bereits' (VI).

Man wird dem Vf. bezeugen, daß er befliffen ift, die
kirchliche und religiöfe Lage, welcher feine Beurteilung
gilt, zunächft in ihrer Eigentümlichkeit zu verliehen, um
ihr auch in den Punkten gerecht zu werden, die er felbft
nicht zu billigen vermag. Zu diefem Zweck holt er nicht
feiten weiter aus, und fucht aus der Gefchichte die treibenden
Motive und Faktoren der befchriebenen Erscheinungen
herauszuarbeiten und in ihrer Genefis zu erklären
. Solche Rückblicke auf die Vergangenheit tut er
z. B. (S. 78 f.), um das moderne Perfönlichkeitsideal zu
zeichnen, — eine Charakteriftik, die zu den gelungenften
Teilen der Schrift gehören dürfte (S. 84 fg.). Vgl. auch
S. 166 f., 158 f. u. ö. — Mit Fug und Recht erklärt H.,
er fei ,fich bewußt, mit feinen eigenen Augen zu fehen,
und vielfach anders zu fehen und zu urteilen wie feine
theologifchen Freunde' (V). Diefe Erklärung trifft u. a.
für den Nachweis der fundamentalen Verwertung des
Dogmas zu, welche Luther — nicht der Scholaftiker,
fondern der Chrift und der evangelifche Reformator —
herbeigeführt hat. Die neue lutherifche Begründung der
Dogmen faßt H. in den Satz zufammen: .Dogmen find
keine Glaubensbefehle, fondern Glaubensberichte' (149).
Die nun folgenden Seiten führen diefen Gedanken fehr
treffend aus, und zeigen, wie das fo verftandene Dogma
ein Lebenszeugnis der Kirche ift (156). Freilich liegt der
Einwand nahe genug, ob der durch den Sprachgebrauch
und die Gefchichte fanktionierte, aus dem Autoritätsglauben
erwachfene Ausdruck .Dogma' noch feilzuhalten
ift. Ref., der früher die Pofition H.'s gleichfalls vertreten
und ein evangelifches Verftändnis des Dogmas befürwortet
hatte, ift je länger defto mehr zur Überzeugung