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Ausgabe:

1911 Nr. 8

Spalte:

249-250

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Armstrong, Richard A.

Titel/Untertitel:

Gott und die Seele. Ein Versuch über die Grundlagen der Religion 1911

Rezensent:

Schuster, Hermann

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249

Theologifche Literaturzeitung 1911 Nr. 8.

250

Gott ift der ideale Menfch, die ideale Wirkung und Handlung eine einteilige
fubftantielle Komponente, die unter den andern aus deren Ge-
famtheit (im allgemeinen ift es nur eine Zweihe.t)i die; Wirklichkeit begriffen
wird, den erften Rang erhalt: Erkenntnis der Gottheit entfpncht
einer Lebenswertung" (S. 324).

Gnadenfeld. Th- Steinmann.

Armftrong, Richard A.: Gott und die Seele. Ein Verbuch
über die Grundlagen der Religion. Nach der vierten
englifchen Ausgabe überfetzt von Alma Titius, Lehrerin
a. D. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1909.
(IV, 159 S.) 8° Kart. M. 2 —

Wie es im Geleitwort von Arthur Titius heißt, ftützt
das Buch, bei aller Hochachtung vor der Perfon Jefu,
den Gottesgedanken nicht auf eine fertige Offenbarung,
fondern auf die intellektuelle, moralifche und religiöfe Erfahrung
der Menfchheit. Die Idee Gottes foll zwar nicht
bewiefen, aber aus den verfchiedenen Seiten unferes
Geifteslebens als letzte zugrunde liegende Wirklichkeit
aufgewiesen werden. Verftand, Wille, Gefühl — das
Wahre, Gute, Schöne — Urfache, Gerechtigkeit, Liebe:
diefe drei entfprechenden Kategorienreihen benutzt A.,
um fein Ziel zu erreichen. Der Wahrheit fuchende Verftand
erfaßt Gott als wirkende Urfache aller Dinge,
der dem Guten unterworfene Wille als Gerechtigkeit,
das durch die Schönheit entzückte Gefühl als Liebe.

Von diefen drei den Kern des Buches ausmachenden
Kapiteln ift das erfte jedenfalls das wertvollfte. Gegen
das zweite und dritte erheben fich bald Bedenken. A. will
das Gefühl für gut und böfe als urfprünglich und unableitbar
aufweifen, aber die Einwände der utilitariftifchen
Ethik find nicht wirklich widerlegt, weil auf die ent-
wicklungsgefchichtliche Betrachtung des Problems nicht
Rückficht genommen ift; und: wer Schönheit empfindet,
erlebt gewiß Liebe, aber dies ift doch weder die allgemein
verftand liehe, noch die tieffte und ftärkfte Er-
Icheinung der Liebe. Dagegen fteckt in dem Kapitel
über die Kaufalität ein Gedanke, der vielleicht nicht neu,
aber ernftefter Beachtung wert ift: ein vollftändiges Begreifen
realer Vorgänge (alfo abgefehen von den logifchen
und mathematifchen Form wiffenfchaften)gibt es fchlechter-
dings nur für das, was uns Menfchen analog ift; denn
begreifen heißt: mitfühlen, miterleben. Nicht mit dem
bloßen logifchen Verftand, mit dem unmittelbaren Lebensgefühl
muß begriffen werden, fonft bleiben wir in toten
Worten decken. Ift das richtig, dann vermitteln uns die
Naturgefetze kein wirkliches Begreifen, fondern nur ein
abgekürztes Befchreiben, ein überfichtliches Gruppieren
der finnlichen Vorgänge. Begriffen werden fie nur
nach menfchlicher Analogie als willensmäßige Kraftwirkungen
.

Der Aufweis der Gottesidee wird verteidigt durch
eine Unterfuchung über das Problem des Bolen. (Er-
fchwerend wirkt hier die mangelhafte Unterfcheidung
zwifchen den Begriffen ,böfe' und ,übel'. Das liegt wohl
am Original?) A. bringt hier viele pfychologifch feine
und für den praktifchen Seelforger! ethifch wertvolle
Gedanken. Aber wenn A. meint, das Problem des Böfen
zu ,löfen', fo muß ich feine Betrachtungsweife grund-
fätzlich ablehnen. Der Glaube kann, wenn ihm nur das
eine gewiß ift: daß Gott unfere Seele zur Ewigkeit reifen
läßt, die Rätfei des Übels und des Böfen wohl tragen,
aber niemals löfen.

Das Buch gräbt nicht tief genug, um uns Neues
zu bringen. Aber Verf. weiß alles fo anfchaulich prak-
tifch, klar und einfach auszudrücken, er fchreibt dabei
in einem fo durch und durch vornehmen Geift, mit der
Ruhe und zuweilen mit dem Humor fchöner Selbftficher-
heit, daß die Lektüre ein Genuß ift. So möchte das
Buch folchen, die in fyftematifcher Gedankenarbeit weniger
geübt find, befonders zu empfehlen fein.

Die Überfetzung ift, foweit ich ohne Einblick in das
Original urteilen kann, vortrefflich gelungen.

Hannover. Schuft er.

Beneke, Landgerichtsrat a. D. C. A.: Die Verfanungsreform
der Kirche Augsburgircher Konfeffion in Elfsaß-Lothringen.

Tübingen, J.C.B.Mohr 1909. (III, 70 S.) gr.8° M. 140

Die Brofchüre will über die verfaffungsgefchicht-
lichen Voraussetzungen und die Tendenz der immer
noch fchwebenden Verfaffungsreform der lutherifchen
Kirche in Elfaß-Lothringen orientieren und verdient
durch die Art, wie fie ihre Aufgabe löft, allgemeineres
Intereffe. Die kirchenrechtlichen Grundgedanken der
z.Z. geltenden Verfaffung (bzw. Verwaltungspraxis; denn
manches institutionell Wichtige ist lediglich durch Ministerialerlaß
begründet) werden deutlich herausgearbeitet
und die Punkte aufgezeigt, an denen das Reformwerk
beffernd eingreifen will. Vor allem foll der Dualismus
der „Konfiftorien" und „Infpektionsverfammlungen" be-
feitigt und ein einheitlicher Aufbau: Gemeinde, Bezirks-
verfammlung, Landesverfammlung gefchaffen werden. Die
Ernennung des Vorfitzenden des Oberkonfiftoriums
(=Landesfynode) und desDirektoriums (=Landesfynodal-
ausfchuß, einfchl. des Vorfitzenden 2 von der Regierung
ernannte Mitglieder, 2 geiftliche, 2 weltliche Deputierte
des O.-K.) foll auch ferner dem Staat verbleiben, doch
foll (nach dem neuesten Kommiffionsentwurf) das Ober-
konfiftorium ein (einmaliges) Vorfchlagsrecht dazu haben,
das aber der Staat auch unberückfichtigt laffen kann.
Abberufbar foll der Präfident gegen feinen Willen nur
sein auf Antrag oder mit Zuftimmung des O.-K. — Zu
den Gemeindepresbyterien sollen auch die Frauen aktives
Wahlrecht haben. — Rechtlich grundsätzlich intereffieren
befonders die Ausführungen S. 40 über das Verhältnis
des die laufende Verwaltung führenden Direktoriums zum
O.-K.; das Direktorium ftellt lediglich den Ausfchuß des
die Fülle der Kirchengewalt in sich tragenden O.-K. dar,
nicht wie die landeskirchlichen Behörden Altdeutfchlands
eine der kirchlichen Vertretungskörperfchaft gegenüber-
ftehende Inftanz eignen Rechts. Es bleibt aber die Frage,
ob man die durch die vom Staat ernannten Mitglieder des
Direktoriums (darunter der allein auf Lebenszeit fungierende
Präfident) doch in befonderm Licht erfcheinende
„Selbftverwaltung" der Elfäffer lutherifchen Kirche fo
ftark in Gegenfatz ftellen foll zu der „landeskirchlichen"
Ordnung in dem Sinn, als ob erftere eine wefentlich ftärkere
Garantie für eine wirklich „kirchlich" orientierte Entwicklung
böte als letztere. Sehr lehrreich ift übrigens,
was B. S. 47 als „letzten Grund für die Aufrechterhaltung
der Ernennungsrechte des Staates" angibt: die Zer-
fpaltenheit der Kirche in getrennte theologifche u. kirchliche
Parteien, die eine Stelle wünfchenswert macht die

von Amts wegen berufen ist, Neutralität zu bewahren._

Die Schrift ist gut und klar gefchrieben und von einem
wohltuenden Optimismus hinfichtlich der Früchte des
Verfaffungsreformwerks durchzogen.

Friedberg i. H. K. Elger.

Veit, Pfr. Willy: Was foll der evangelifche Gemeindepfarrer
fein: Priester, Evangelilt oder Seelforger? (Vorträge der
theologifchen Konferenz zu Gießen 29. Folge.) Gießen,
A. Töpelmann 1910. (63 S.) 8° M. 1.50

Praktifche Forderungen werden intereffant, wenn fie
fich auf große gefchichtlich erworbene Grundfätze ftützen,
große gefchichtliche und allgemeine Gefichtspunkte werden
intereffant, wenn fie in praktifche Forderungen auslaufen.
Beides vereinigt die klare und fchöne Schrift von V. Er
entfcheidet fich dafür, daß der Pfarrer Seelforger fein foll.
Dazu fetzt er fich zuerft mit dem Ideal des Priefters auseinander
; er zeichnet mit leifer Karikierung den Priefter,