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Ausgabe:

1910 Nr. 5

Spalte:

139-140

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heiler, Carolus Ludovicus

Titel/Untertitel:

De Tatiani apologetae dicendi genere 1910

Rezensent:

Dräseke, Johannes

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139

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 5.

140

aus I. Kor. 13, 1 und 14, 10 fchließt, daß Paulus das Zungenreden
z. T. als ein Reden in fremden Sprachen aufgefaßt
habe (254); das ift aber offenbar nicht erlaubt.

Auf der andern Seite urteilt er über den Verfuch
namentlich Hobarts, den Verfaffer der lukanifchen
Schriften aus der Sprache als einen Arzt zu erweifen,
der auch Zahn und Harnack fo imponiert hat, noch
nüchterner als fchon Naylor in dem Hibbert Journal 1909,
und unterfucht auch zum erften Mal wieder eingehend
die Abhängigkeit jener von Jofephus, die die meiften
heutzutage, ohne Gründe beizubringen, beftreiten. St.
tut das allerdings auch — und in den meiften Fällen
mit Recht; in dem einzigen, der wirklich beweifend ift
{act. 5, 36 k), weiß auch er fich nur fo zu helfen, daß er
tagt: There may . . . have been a similar passage in
some earlier zvork used by Josephus and known to the
author of the Acts in which Theudas and Judas and Iiis
sons were referred to in the same orderippi); aber eine
folche Quelle läßt fich trotz Hölfcher nicht nachweifen
.

Im letzten Kapitel, das vom Matthäusevangelium
handelt, möchte ich befonders auf die Erörterung über
die ihm eigentümlichen Gleichniffe hinweifen, die zur
Ergänzung der Aufhellungen von Wellhaufen und
Sharman darüber dienen kann. Dann begegnen wir
einer ähnlichen Theorie, wie im erften Bande: die fog.
Reflexionszitate follen aus einer urfprünglich aramäi-
fchen Catena of ftdfilments of prophecy flammen. Zum
Beweis für eine Quelle für die Kindheitsgefchichte verweift
St. felbft auf I, 257 fr.; aber diefe Argumentation
ift kaum zwingend. Was er über Sonderanfchauungen,
Verfaffer und Zeit des erften Evangeliums fagt, ift dagegen
, wie vieles andre, worauf hier nicht eingegangen
zu werden brauchte, wieder durchaus richtig.

Auch die fonftigen Vorzüge des Werkes find die-
felben, wie beim erften Band; die deutfche Literatur,
deren Berückfichtigung ich dort hie und da vermiffen
mußte, ift hier faft vollftändig herangezogen. So hellt fich
diefer Band würdig dem erften zur Seite und läßt uns
in gefpannter Erwartung nach dem dritten ausfchauen,
der dem Johannesevangelium gewidmet fein foll.

Bonn. Carl Clemen.

Heiler, Carolus Ludovicus, De Tatiani apologetae dicendi
genere. Dissertatio (Marburg). Marpurgi Cattorum
MCMIX. (106 p.) gr. 8»

DieTatian-Forfchung macht nur langfame Fortfehritte.
Erh gegen Ende des vorigen Jahrhunderts (1883) war es
A. Harnack, der durch feine grundlegende Unterfuchung
über ,DieÜberlieferung der Apologeten des 2. Jahrhunderts'
im I. Bande der /Texte und Unterfuchungen' und feine
fpäter erfchienene Überfetzung der Schrift Tatians unfre
Kenntnis erheblich förderte, was ich an diefer Stelle
nicht weiter auseinanderzufetzen brauche. Hatten die
älteren Forfcher über die Dunkelheit und Schwerfälligkeit
Tatians geklagt, fo gab Harnack diefen Tadel damals
mit der Bemerkung zurück: ,Der Vorwurf, daß Tatian
dunkel und unbeholfen fchreibe, dürfte fich leicht in
einen nicht fchmeichelhaften Vorwurf für feine modernen
Lefer wandeln'. Nicht unerheblich weiter führte das
Verfländnis der vermeintlich fo dunklen Schrift R. C.
Kukula (1900) mit feiner fchon durch die Faffung des
Titels auf einen anderen Weg weifenden Schrift .Tatians
fogenannte Apologie', in der er, den Bemühungen der
Früheren gegenüber, es unternahm, Tatian aus fich felbft
wiffenfehaftlich zu erklären, in planmäßigem Verfahren
den Zufammenhang feiner Gedanken aufzudecken. Bei
der von ihm vorgelegten forgfältigen Auslegung und Erläuterung
des überlieferten Wortlauts des Schriftftellers
nahm er wiederholt Gelegenheit und Veranlaffung, die
fchiefen Auffaffungen der älteren Forfcher zu berichtigen,
die Ergänzungen und z. T. kühnen Textesänderungen

' befonders von Eduard Schwartz meift als überflüffig

I oder verfehlt zu erweifen und durch fcharffinnige Ermittelung
des Zufammenhanges überall die vielgefchmähte

| Dunkelheit des geiftesftarken und gelehrten Tatian zu
befeitigen. Was das Urteil über die Sprache diefes
ftrengen alten Chriften betrifft, fo flehen fich ungefähr
zwei Anflehten gegenüber. Die Früheren, von denen ich
nur Otto, Chrift, Preufchen, und als letzten Beurteiler
Geffcken nenne, gingen, wohl mit beeinflußt durch
Tatians Brenges Urteil über griechifches Wefen überhaupt
und attifche Sprache im befonderen, in ihrer Verurteilung
entfehieden zu weit. Milder und fachlich viel zutreffender
urteilte Harnack. Um zu einem philologifch wohlbegründeten
Urteil zu gelangen und dem vielangefeindeten
Bekämpfer des Heidentums auch auf fprachlichem Gebiete
Gerechtigkeit widerfahren zu laffen, unternahm C.
L. Heiler in feiner oben genauer bezeichneten Marburger
Differtation eine planmäßige Unterfuchung der Sprache
Tatians. Der Frage nach dem Attikismos foll man keine
entfeheidende Bedeutung beilegen, ihre einfeitige Betonung
würde dem Schriftfteller nur unrecht tun. Freilich hat
diefer durch feine eigenen Barken Hinweife felbB dazu
Anlaß gegeben. Wenn er XXVI (p. 28 Schwartz Z. 7—13)
Gegnern zuruft: ,Ihr wißt alle nichts: die Ausdrücke
verfleht ihr euch anzueignen, redet aber miteinander, wie
der Blinde mit dem Tauben! . . Was eignet ihr euch
Worte an und feid doch fern von Taten? Aufgeblafen
im Glück, im Unglück aber verzagt, braucht ihr wider
alle Vernunft eure fchönen Phrafen: öffentlich prunkt ihr
mit ihnen, in den Winkeln aber verfcharrt ihr eure
Lehren!' —: fo kann es nicht zweifelhaft fein, daß diefer
bittere Erguß gegen die Beflrebungen zeitgenöffifcher
Attikiflen nach der Weife des Phrynichos aus Bithynien
gerichtet ifl, die, ebenfo wie die fpäteren Byzantiner im

1 Zeitalter der Komnenen und Paläologen, den törichten
Verfuch unternahmen, rein attifch zu fchreiben (a.xxixlC,eiv)

I und auf diejenigen, welche Wörter und Formen der
lebendigen Umgangsfprache zu gebrauchen fich erlaubten,
verächtlich als auf Halbbarbaren herabfahen. Wie die
neuere Forfchung bewiefen hat, war dies fcharfe Urteil
Tatians über die fprachlichen Schönfärber feiner Zeit ein

j durchaus berechtigtes. Sachlich zutreffender betreffs der
Sprache Tatians ifl die Frageflellung, die Heiler feiner
Arbeit zugrunde gelegt hat. Er achtet auf alle die-

j jenigen Erfcheinungen, in denen Tatian die alten fprach-

| liehen Regeln und Gefetze wie ein Mann der guten alten
Zeit beobachtet, und fondert von diefen diejenigen, in

] denen er mit vollem Rechte dem Sprachgebrauch der

j jüngeren Gräzität gefolgt ifl. Von diefem allein eine
befriedigende Antwort auf die Frage nach Tatians Sprache

j verfprechenden Gefichtspunkte aus hat Heiler alle Ein-

I zelheiten der griechifchen Formenlehre und Syntax an
Tatian geprüft und gemeffen, fie eingehend verfolgt und

j begründet (S. 9—101) und in einem kurzen Überblick
die gewonnenen Ergebniffe (S. 102—104) am Schluffe
feiner fehr forgfältigen und die fprachlichen Erfcheinungen
umfichtig erwägenden Arbeit zufammengeftellt. Die genauere
Betrachtung diefer Ergebniffe ift für Tatian durchaus
ehrenvoll. Die Freiheit und Selbfländigkeit, mit der
ein fo flarker, zielbewußter Geift fich des Ausdrucksmittels
für feine Gedanken, der griechifchen Sprache
bediente, müffen wir rückhaltslos anerkennen. Er weiß
eben, wie fchon Harnack (in feiner Überfetzung S. 8)
urteilte, ,die Sprache mit einer nicht gewöhnlichen Freiheit
und Selbfländigkeit im Ausdruck zu handhaben',
ohne es fich zu vertagen, ,in berechneten Sonderlichkeiten
feinen Bruch mit dem Herkömmlichen und dem
Klaffifchen darzutun'.

Wandsbeck. Johannes Dräfeke.