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Ausgabe:

1910

Spalte:

132-137

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hausrath, Adolf

Titel/Untertitel:

Jesus und die neutestamentlichen Schriftsteller. 2 Bde 1910

Rezensent:

Wernle, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 5.

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berückfichtigen waren, find die v. Soden und Gregory. I
Aber neben ihnen geht eine große Zahl wichtiger Publikationen
, befonders auf dem Gebiete der alten Über-
fetzungen einher, und eine Fülle von Einzelunterfuchungen.
Daß Ntftle diefe zerflreute Literatur trotz feiner Stellung
in dem abgelegenen Maulbronn, in einer fo befriedigenden
Weife bewältigt hat, verdient die höchfte Anerkennung
und ift wohl nächft feinem Sammeleifer auch den zahlreichen
perfönlichen Verbindungen, in welchen er fleht,
zu danken. Ganz gleichmäßig und lückenlos ift freilich die
Literaturberückfichtigung nicht. So ift mir aufgefallen,
daß bei Euthalius (S. 209—212) zwar die Forfchungen
von v. Soden, aber nicht mehr die von Zahn berück-
fichtigt find, durch welche doch Soden's Refultate eine
wefentliche Korrektur erfahren haben (Zahn's Auffatz in
der Neuen kirchl. Zeitfchr. XV, 1904 ift zwar S. 209 regi-
ftriert, aber nicht berückfichtigt). Zahn hat darauf
hingewiefen, daß die Überfchrift, welche das Werk dem
Euthalius von Sulke zufchreibt, fich nur in jüngeren
Handfchriften findet. Damit verliert Soden's Nachweis,
daß diefer Euthalius von Sulke erft im 7. Jahrhundert
gelebt hat, feine Bedeutung für die Beftimmung des Alters
unferes Werkes. In der Literatur über Euthalius fehlen
die Arbeiten von Conybeare (Journal of Philology XXIII,
und Zeitfchr. für die N. Tl. Wiffenfch. 1904). In den Bemerkungen
über die doppelte Form des Ap ofteldekrets
(S. 252f.) ift nur Harnacks frühere Abhandlung (in den
Sitzungsberichten der Berliner Akademie 1899) berückfichtigt
, nicht aber feine fpätere Arbeit (Beiträge zur Einleitung
in das N. T. III: Die Apoftelgefchichte, 1908,
S. 188—198), in welcher er feine frühere Anficht zurückgenommen
und fich für die entgegengefetzte ausgefprochen
hat (Harnacks Arbeit ift Anfang 1908 erfchienen und von
mir in der Theol.-Litztg. vom 14. März 1908 befprochen,
hätte alfo von N. noch berückfichtigt werden können;
auch in den Nachträgen S. 285 ift dies nicht der Fall), j
Bei der allgemeinen Literatur über die Textkritik
S. 171—173 hätte auch der gut orientierende Artikel von
Murray in Haftings' Dictionary of the Bible, Extra Volume
1904, p. 208—236 Erwähnung verdient. Ich möchte
hier auch noch auf eine fehr nützliche Arbeit aufmerk-
fam machen, die leicht überfehen wird, weil fie fich an
einem Orte findet, wo man fie nicht fucht, nämlich das 1
Verzeichnis aller griechifchen Handfchriften des N. T.,
welche in den verfchiedenen Bibliotheken Roms vorhanden
find, in: Novae Patrum Bibliothecae ab A. Maio
collectae tom. X, ed. a J. Cozza-Luzi, Romae 1905, P.
III. p. 267—288.

Eine empfindliche Lücke in Neftle's Werk fcheint
mir das Fehlen eines Abfchnittes über die Gefchichte der
Kapitel-Einteilung. Was hierüber S. 10 und 64 gefagt
wird, kann diefen Mangel nicht erfetzen. Eine gute Orientierung
über das bis etwa 1895 bekannte Material gibt
Mangenot, Art. Chapitres de la Bible in: Vigouroux,
Dictionnaire de la Bible. Seitdem find aber nicht nur
von Soden's Forfchungen über die Gefchichte des griechifchen
Textes hinzugekommen, fondern auch manches
Material über die Gefchichte des lateinifchen Textes.

Eine Umarbeitung dürfte bei Neftle's drittem Haupt- j
abfchnitt (S. 168—273: Theorie und Praxis der neu-
teftamentlichen Textkritik) erwünfcht fein. Neftle's Haupt-
ftärke, intereflante Einzelheiten zu geben und auf Probleme
aufmerkfam zu machen, hat hier Hörend gewirkt. Die
Unterfuchung zerfällt zu fehr in Einzelheiten, fchreitet
nicht methodifch und zufammenhängend vorwärts |
und endigt darum auch häufiger als es nötig ift,
mit Fragezeichen. Über einen Hauptpunkt, das Verhält- J
nis des morgenländifchen zum abendländifchen Text (alfo
in der Hauptfache SB einerfeits und D andererfeits)
bleibt man ziemlich im Unklaren. N. ift auch jetzt noch
geneigt, D vorzuziehen (S. 71, 243—247; die Kolumnen-
Überfchrift S. 245 lautet: Wert von D, Unwert von SB).
Aber über ein Schwanken kommt er nicht hinaus. Es wäre

m. E. wohl möglich, hier zu beftimmteren Refultaten zu
kommen, fobald man nur die Frage nicht fo ftellt: ob der
eine oder der andere der beffere ift, fondern inwieweit
das beim einen und beim andern der Fall ift. Daß itB überwiegend
den befferen Text geben und D nur durch
einzelne gute Lesarten vor tfB fich auszeichnet, fcheint mir
kaum fraglich.

Für eine neue Auflage möchte ich auch den Wunfeh
ausfprechen, daß N. die von ihm eingeführte Bezeichnung
der Schriften des N. T. wieder aufgibt (M— Matthäus,
fi = Markus, 1 = Johannes, 1= Jakobus, £=Ephefer,
t = Hebräer ufw.). Die Aufmerkfamkeit, welche dabei
jedesmal anzuwenden ift, ift eine Erfchwerung für den
Lefer, welche nicht im richtigen Verhältnis fleht zu der
minimalen Raumerfparnis, die gewonnen wird. ZweiBuch-
ftaben ftatt eines (Mt Mc Jo Ja) find eine große Erleichterung
beim Lefen und bedeuten doch auch noch
keine Raumverfchwendung.

Mit den verhältnismäßig geringfügigen Ausftellungen,
welche ich zu machen hatte, möchte ich nur meinen Dank
bezeugen für die wertvolle Gabe des Verfaffers.

Göttingen. E. Schürer.

Hausrath, Adolf, Jelus und die neuteftamentlichen Schrift-
Heller. 2 Bände. Berlin, G. Grote 1908/09. (XII, 700
u. III, 516 S.) gr. 8» Je M. 6—, geb. M. 8—

Durch die Schuld des Unterzeichneten kommt diefe
Befprechung fo fpät, daß fie ftatt einer Auseinanderfetzung
mit dem Lebenden zu einer Rezenfion des inzwifchen
Verftorbenen wird. Hausrath faßt in diefem Buch den
Ertrag feiner Vorlefungen über das NT. während über
30 Jahren zufammen in populärer Form, ohne Rekurs
auf die Grundfprache und auch ohne Anmerkungen, denn
was als folche figuriert, find gelegentliche fpätere Nachträge
zum Text. Genauere Lektüre zeigt, daß zwar eine
einmalige Niederfchrift zu Grunde liegt, daß aber wohl
von Jahr zu Jahr Zufätze und Einfchiebungen hinzugekommen
find, die fich gelegentlich im Text verraten
durch Widerholungen und Undurchfichtigkeiten des
Gedankenfortfehritts. Aber geftört wird der Leier dadurch
eigentlich nirgends, das ganze Buch zeigt noch die
volle Frifche und die aus der älteren Literatur des Autors
zur Genüge bekannte glänzende Darftellungsgabe, die
ihn zu den erften Stühlen unter den Theologen und
Hiftorikern des 19. Jahrhunderts zu zählen berechtigt.
Man merkt diefem Werk überhaupt kein Alter an, es
verfolgt mit größten Intereffe die jüngfte Literatur, nimmt
mit Vergnügen Stellen aus Deißmann, J. Weiß, Wrede,
Bouffet in feine Darftellung auf, wo fie ihm eine ihm
fympathifche Formulierung bieten, fchreibt vom Synkretismus
in der paulinifchen Theologie und erwähnt die Analogien
vom Adonis- und Attiskult wie einer der neuften
Religionsgefchichtler, aber es macht fich auch gar nichts
daraus, an feinen alten, von der Mode verlaffenen Wegen
feilzuhalten, an der judenchrifUichen Adreffe des Römerbriefs
, am Urfprung der Apokalypfe aus dem Jahr 68
(von fpäteren Interpolationen abgefehen), an der Polemik
des Apokalyptikers gegen Paulus, an der Pauluskarrikatur
im Simon Magus der Acta, all das ohne jede Animofität
gegen die Neueren, welche diefe Pofitionen für überwunden
halten. So bietet das Werk eine Sammlung
von bereits fehr alten und zugleich ganz jungen Deu-
tungsverfuchen des NT.s, fie fügen fich harmonifch in
einander durch die abfolute Freiheit der ganzen For-
fchungsart, die keine alte Pofition deshalb, weil fie alt
ift, verachtet, aber auch keine neue, weil fie neu ift, per-
horresziert. Die völlige Abwefenheit jeder Verftimmung
gegen irgend eine zu anderen Ergebniffen gelangende
Forfchung läßt uns einen Blick tun in die harmonifche,
allem Kleinlichen und Allzumenfchlichen entwachfene
Gemütsart des Autors.