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Ausgabe:

1910

Spalte:

806-809

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bauer, Hans

Titel/Untertitel:

Die Tempora im Semitischen, ihre Entstehung und ihre Ausgestaltung in den Einzelsprachen 1910

Rezensent:

König, Eduard

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teilung, denn man ift nie ficher, daß nicht ein Bild im 1
Traume erfcheint und die Hand auflegt, aber faktifch
erweift fie fich als im Großen und Ganzen brauchbar,
und wir können nur wünfchen, daß W. auch die übrigen
Gebiete der Wunderheilung mit gleicher Sorgfalt behandeln
möge, wie diefe drei. Denn gründlich geht W. vor:
er berührt im Laufe feiner Unterfuchung eine ganze
Reihe von Problemen, die fich neben dem Hauptthema |
aufdrängen und findet dabei manche glückliche Löfung.

Zunächft freut es mich, auf S. VII energifch aus-
gefprochen zu fehen, daß ,der antike Wunderbegriff vom
modernen ftreng zu fcheiden' ift. ,Die Alten konnten
jedes göttliche Handeln als Wunder bezeichnen, auch
wenn es in natürlichen Bahnen verlief. Alles was ge-
fchah, konnte als Wunder aufgefaßt werden ... die
Entfcheidung darüber liegt im Menfchen'. Der Grund
dafür liegt auf der Hand: dem antiken Menfchen fehlt
der Begriff des Naturgefetzes, der mit dem modernen
Wunderbegriff auch das Wunderproblem gefchaffen hat.
Im erften Kapitel 6E0V XEIP folgt nun eine Überficht
der Heilungswunder, welche durch Handausftrecken und
Handauflegen von feiten der Götter oder wundertätiger
Menfchen verrichtet find. Die wunderbare Zeugung des
Kpaphas von der Jo durch Berührung der göttlichen
Hand (S. 19) ift von befonderem Intereffe. Hieron. ep.
22,25 gehört aber nicht in diefen Zufammenhang: die
Antwort Chrifti zeigt der Braut, daß es fich um die
Keufchheitsprobe handelt; das ift echt Hieronymus. Die
Beobachtung S. 33, daß es ,in vielen Fällen die Rechte
war, von der die Heilung ausging' ift nicht weiter merkwürdig
: erft S. 41 ff. (38fr.) wird das Problem richtig angefaßt
. Wie lebendig die Vorftellung von der ,heilenden
Hand' auch fpäter noch war, lele ich eben in der vita
Danielis Stylitae saec. V (jol. 10ra des Cod. Ups. 187)
tag ytltta xov 'iijOov Q-avpaxovQyovoav ixextthti xä> xaoypvxi
x/jv exiOxoh'jv (sc. des heiligen Daniel). Zu den heilkräftigen
Küffen (S. 74) liefert das Leben des Symeon
Salos c.48 (Migne gr. 93, 1728 f.) die poflierlichfte Parallele.
Das zweite Kapitel handelt über Traumheilungen, zuerft
über die älteren .Handlungen im Traum', vornehmlich
nach den Flpidaurifchen Tafeln: der Teil S. 92—109 mit
den ausgedehnten und lehrreichen Erörterungen über
Heilfchlangen, über rote Farbe 97 fprengt aber fo ziemlich
den Rahmen der Dispofition. Die Kaiferzeit bringt
dann mehr ,Traumweifungen' der erfcheinenden Götter.
Diefe unterfucht der nächfte Abfchnitt, der in eine gut
durchgefühlte quellenkritifcheStudiezu Aelian ausmündet.
Kapitel III bringt die im Vergleich zur byzantinifchen
Kultur verhältnismäßig befcheidenen Zeugniffe über
wundertätige Statuen und Bilder: und auch diefe flammen,
was Hervorhebung verdient hätte, überwiegend aus der
Kaiferzeit. Ja, bei den zur Sühne errichteten Statuen
(S. 149. 150. I52ff.) kann man ernllhaft fchwanken, ob fie
in diele Kategorie überhaupt gehören. Draftifcher find
fchon die Telesmata. W. hat auf Chriftlicb.es nur gelegentlich
Bezug genommen, zuweilen auch recht reichlich, wie
ihm das Material grade zur Hand war. Das ift zu
billigen, weil der Stoff ungeheuer ift, aber auffällig ift
das Fehlen neuteftamentlicher Parallelen doch: S. 66
durfte auf Marc. 6,56 und 5,27 und Kloftermanns Notiz
dazu verwiefen werden, S. 174 vermißt man unter den
Belegen für das Heimtragen des Bettes durch den Geheilten
ungern Marc. 2,12. In dem fehr verdienftlichen
Anhang über Topik der Wundererzählung S. 195 ff. begegnet
das Neue Teftament mehrfach, aber zu IV ,der
Wunder find mehr als man erzählen kann' fehlt Job. 21,25.
Das Buch ift ein Fragment, und würde es auch bleiben,
wenn es alle .heidnifchen' Wunderheilungen umfaßte:
aber es ift eine wertvolle Arbeit, der wir gleich tüchtige
Ergänzung durch Bearbeitung des übrigen heidnifchen
Materials wünfchen. Dann kann allmählich der Riefen-
ftoff der älteren chriftlichen Legenden in Angriff genommen
werden, und fo wird fich fchließlich das Material

ergänzen und gegenfeitig beleuchten. Es ift eine große
Aufgabe auch der rein hiftorifchen Forfchung, den
antiken Wunderglauben zu erfaffen: es hängt methodifch
fo viel daran.

Jena. Hans Lietzmann.

Bauer, Hans, Die Tempora im Semitifchen, ihre Entftehung
und ihre Ausgeftaltung in den Einzelfprachen. (Beiträge
zur Affyriologie und femitifchen Sprachwiffen-
fchaft, hrsg. von F. Delitzfch und P. Haupt. Band
VIII, Heft 1.) Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung
1910. (53 S.) gr. 8° M. 3.50

Daß der Gebrauch der beiden Tempora, welche die
altfemitifchen Sprachen befitzen, manche Schwierigkeiten
aufweift, weiß jeder Lefer mindeftens vom Hebraifchen
her. Namenilich das mehrfache Hereinragen des Qatal-
gebrauchs in die Zeitfphäre des Präfens oder die futur-
ifche Bedeutung beim weqatal (,Pf. conf.') oder mehrfache
vergangenheitliche Bedeutung des Jaqtul (oder
Jiqtol) find Schwierigkeiten, mit denen die Syntax des
Verbums in der hebräifchen Grammatik zu kämpfen hat.
Zur befferen Bewältigung diefer Schwierigkeiten will nun
jetzt H. Bauer die von mehreren fchon vorher aufgeftellte
Thefe benützen, daß das fog. Impf, die Priorität vor dem
Pf. befitze und einftmals allein im Semitifchen exiftiert
habe. Im einzelnen fchließt feine Arbeit über ,die Tempora
im Semitifchen' folgende Haupterörterungen in fich.

Erftens Hellt er gegenüber einer neueren Anficht feft,
daß auch das Semitifche wirklich Tempora befitzt, daß
alfo die Semiten wirklich Zeitftufen unterfchieden haben
(S. 51). Das ift richtig, nur ift der Beweis fchon in
meiner Syntax § 166 und 170 durch eine Kritik der
Meinungen Fleifchers, ürivers, Bulmerincqs, Nixs u. a.
j geleiftet gewefen. Wie Bauer das überfehen hat, fo
I auch dies, daß fchon bei mir (nicht erft bei ihm S. Ii. 15)
die Ausdrücke Qatal und Jaqtul anfiatt der Bezeichnungen
Pf. und Impf, verwendet find (§ 114fr.), um bei der Unterfuchung
des Sinnes der beiden temporalen Gebilde des
Semitifchen nicht durch die Bezeichnungen Pf. und Impf,
immerwährend geftört zu werden. Übrigens muß hierzu
gleich noch gefügt werden, daß in einem S. 29f. gegebenen
Zitat aus meiner Syntax mir die beiden Fehler
,Verbform' (ftatt Verbalform) und rythmifch (ftatt rhyth-
mifch) zugefchrieben find.

In Bezug auf die für den femitifchen Sprachftamm
alfo wieder einmal geretteten beiden Tempora will B.
fodann die Anficht begründen, daß das Jaqtul vor dem
Qatal entftanden fei. Und weshalb? Für diefe Annahme
j find ihm ,hauptfächlich folgende beiden Gründe ent-
fcheidend'(S. 7). I. Der Imp. gehöre zum urfprünglichften
[ Beftande der Sprache und (!) pflege fich in feiner Form
1 am zäheften zu behaupten (man denke nur an das Fellini,
j einen Dialekt des Neufyrifchen), deshalb werde jene
Tempusform die ältere fein, die dem Imp. am nächften
flehe, und dies fei anerkanntermaßen das Impf. 2. Das
femitifche Impf, zeige gerade auf den älteften Sprach-
| ftufen eine ähnliche Mannigfaltigkeit der Vokalifation,
| wie wir fie nach Analogie anderer Sprachen von vorn
herein erwarten. Dagegen weife die fchematifche Einförmigkeit
des Perfekts (qatala, qatula) unverkennbar
darauf hin, daß diefe Formen nach einem vorliegenden
j Mufter gemodelt, alfo fekundäre Bildungen feien (S. 7).
Aber ich möchte doch nicht fagen, daß diefe Gründe
eine fichere Entfcheidung für die Priorität des Impf,
herbeizuführen vermögen. Denn mag der Imp., diefe
mit den Ausrufsfätzen fich berührende Befehlsform, auch
wirklich zuerft exiftiert haben, obgleich dies aus der
Zähigkeit ihrer Dauer nicht erfchloffen werden kann, fo
folgt daraus nichts für die Priorität des Impf. Ferner
ift die Mannigfaltigkeit der Formen beim Impf, gar nicht
i wefentlich größer, als beim Pf., denn dem jaqtulu, jaq-