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Ausgabe:

1910 Nr. 25

Spalte:

788-791

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bertrand, A.-N.

Titel/Untertitel:

Problèmes de la libre pensée 1910

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 25.

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durch die Herausgabe feiner Aktenfammlung zur Züricher
Reformationsgefchichte, durch feine Arbeiten über die
Täuferbewegung im Kanton Zürich und im Kanton St.
Gallen als einen ganz hervorragenden Forfcher und Kenner
auf dem Gebiete der Schweizerifchen, bezw. der Züricheri-
fchen Reformationsgefchichte und damit der von Zwingli
ausgehenden und geleiteten Neuordnung bewiefen. Insbe-
fondere aber hat er durch feine Mitwirkung bei der Herausgabe
von Johannes Keßlers Sabbata und deffen kleineren
Schriften und Briefen, wozu er in den Anmerkungen
eine überaus reichhaltige fachliche Erklärung geliefert hat,
glänzend feine Befähigung für die Aufgabe erwiefen, in
das fachliche Verftändnis der Schriften und Briefe Zwingiis
gründlich einzuführen. Denn wer Zwingli richtig verliehen
und richtig würdigen will nach feiner Perfon und feinem
Wert, der muß — und das ift leider von Luthers Zeit
an oft genug vernachläffigt worden — über feine perfön-
lichen Verhältniffe und die Zuftände in der Schweiz fehr
forgfältig unterrichtet fein. Nebenher gingen und kamen
der Neuausgabe zu gut — die in den Zwingliana und
in den Analecta Reformaloria (2 Hefte 1899 und 1901)
veröffentlichten kleineren und größeren Arbeiten Eglis.
Leider ift der wackere Gelehrte fchon am 31. Dezember
1908 im Alter von 60 Jahren geflorben, worüber Zwing-
liana 1909 Nr. 1 S. 257 ff. zu vergleichen find. Egli zur
Seite fleht Georg Finsler. Sein hervorragendes Ver-
dienft in der Vorbereitung der Neuausgabe befteht in
feiner ausgezeichneten Zwinglibibliographie (Zürich 1897),
in feinen zahlreichen vorbereitenden Beiträgen in den
Ztvingliana und dann befonders auch in der überaus
forgfältigen und verdienftvollen Ausgabe der Chronik
des Bernhard Wyß 1519—1530 (Bafel 1901). Die Arbeit
zwifchen den beiden Herausgebern der neuen Edition
wurde nun fo geteilt, daß die formellen Gefchäfte, die
Angabe der Ausgaben, die Beurteilung der Lesarten,
Sprachliches ufw. Finsler übernahm, Egli aber die fach-
lich-hiftorifche Erklärung in den Anmerkungen famt den
Einleitungen zufiel (f. hierüber Bd. I, S. II).

Über die Entftehung der Neuausgabe und dieGrund-
fätze der Edition haben fich die Herausgeber in einleitenden
Worten zum erften Bande genau und hinreichend
ausgefprochen. Die ganze Ausgabe wird in drei Abteilungen
zerfallen, da die exegetifchen Werke und der
Briefwechfel als zwei befondere Gruppen ausgefchieden
und an den Schluß verwiefen werden. Die Trennung
der lateinifchen und deutfchen Schriften Zwingiis, die
in der früheren Ausgabe durchgeführt war, ift aufgegeben
. Maßgebend ift allein die Zeit der Abfaffung. So
umfaffen die zwei erften Bände, in ununterbrochener
Folge numeriert, 29 Schriften, darunter auch die Akten
der erften und zweiten Züricher Disputation und den
Brief an Erasmus Fabricius (I, S. 142—154), da in diefem
Schriftftück, welches die Verhandlungen in Zürich vom
7.—9. April 1522 befpricht, die Briefform Nebenfache ift.
Befonders wertvoll ift, daß bei der Darftellung der erften
Züricher Disputation, die nach der Aufzeichnung Erhard
Hegenwalds gegeben wird, in den Anmerkungen auch der
Bericht in der Spottfchrift ,das Gyrenrupffen' und der des
Gegners, Johann Fabers von Konftanz, mitbenutzt worden
ift. Die fachlichen Anmerkungen, befonders, wo es fich
um mittelalterliche kirchenrechtliche oder fcholaftifch-
dogmatifche Auseinanderfetzungen und Verweifungen handelt
, find nach Umfang und Verftändlichkeit völlig ausreichend
.

Noch mag als bezeichnend für die Sorgfalt der Heraus- j
geber angeführt werden, daß im Briefwechfel Bd. VII
S. 402—417 eine Abhandlung von Paul Kalkoff über
.Erasmus und feine Schüler W. Nefen und Nicolaus von
Herzogenbufch im Kampfe mit den Löwener Theologen'
eingefügt ift, in welcher der bekannte vorzügliche Kenner
der erften Kämpfe gegen Luther und die reformatorifche
Bewegung über die Verhältniffe der Löwener Theologen
zur Reformation, worüber W. Nefen im Jahr 1519 an

Zwingli berichtet, aufs genauefte orientiert. So waltet
diefelbe Sorgfalt, wie über der Ausgabe von Zwingiis
Schriften, fo auch über der Herausgabe feines Brief-
wechfels, von dem die zwei erften Bände als Band VII
und VIII den zwei erften Bänden der Herausgabe der
j Schriften folgen. — An die Stelle Egli's als Herausgeber ift
fein Nachfolger in Zürich, D.Walter Köhler getreten, ein
Gelehrter, deffen bisherige Wirkfamkeit auf dem Gebiete
derReformationsgefchichte für dieFortführung des Werkes
im Geifte feines Vorgängers fichere Gewähr bietet. Möge
das Werk, das auch typographifch vorzüglich ausgeftattet
und fehr pünktlich gedruckt ift, glücklich und rafch fort-
fchreiten! Es verdient den herzlichen Dank aller Freunde
des großen Züricher Reformators in höchftem Maße.

Weinsberg. Auguft Baur.

Bartoli, Giorgio, Der Untergang Roms. Gefchichtliche
und pfychologifche Studie. Autorifierte Überfetzung
aus dem Italienifchen von Fr. Pfäfflin. Leipzig, A.
Strauch 1910. (XI, 303 S. mit 1 Bildnis) 8°

M. 5 —; geb. M. 6 —

Ein moderniftifcherRoman! Leiderkeinguter! Bartoli,
der lange Jahre dem Jefuitenorden angehörte, verdient
wegen der Mannhaftigkeit mit der er die Schiffe hinter
fich verbrannt und der moderniftifchen Bewegung fich
! angefchloffen hat, Sympathie und wärmfte Anerkennung.
| Aber deshalb braucht er noch kein guter Romancier zu
fein. Auch Bücher können Syfteme vernichten. Dies
Buch aber wird zum ,Untergange' des römifch-ultramon-
tanen Syftems fehr wenig beitragen.

Hätte Bartoli ftatt des Romans von 300 Seiten einen
Artikel von vielleicht zehn Seiten gefchrieben, in dem
klar gefagt worden wäre, was den .Untergang Roms',
leiner Anficht nach, herbeiführen wird, wir würden ihm
dankbar fein. Der mißglückte Verfuch, das gewaltige
Problem in einen literarifch unbedeutenden Roman zu
kleiden, langweilt. Die Kardinäle und Monfignori, die
adeligen Damen und Frauen aus dem Volke, auch der
moderniftifche Held des Romas, Don Oktavio, find nicht
Fleifch und Blut, fondern fie find als Menfchen ausflaffierte
Theorien, deren Taten, deren Lieben und Haffen intereffe-
los, deren Reden papierene Programme find. Schade,
denn gerade der Modernismus eignet fich zu romanhafter
Behandlung. Man denke an Fogazzaros wundervollen
Roman ,11 Santo'. Es kommt hinzu, daß die Verdeut-
fchung fehr mangelhaft ift. So lieft man fich durch
ohne Freude, ohne Genuß, ja felbft ohne Belehrung;
denn auch die Programme der blutlofen Schemen kommen
über längft bekannte Allgemeinheiten nicht hinaus.

Großlichterfelde. Graf Hoensbroech.

Bertrand, A.-N., Problemes de la libre pensee. Paris, Fischbacher
1910. (VIII, 295 p.) 12° fr. 3 —

Der Verf. diefer Schrift, z. Z. Pfarrer in Südfrankreich
(Caftres, Dep. du Tarn), hat fich vor fieben Jahren
als junger Geiftlicher unter feinen Landsleuten durch
eine Tat von feltenem Mut bekannt gemacht. Ein überzeugter
Anhänger der freieren Richtung innerhalb des
franzöfifchen Proteftantismus, hat er auf der 1903 zu-
fammengetretenen Verfammlung liberaler Pfarrer und
religiös intereffierter Laien einen Bericht über die
gegenwärtige religiöfe und theologifche Lage des evan-
gelifchen Liberalismus abgelegt, der durch gründliche
Kenntnis, freimütige Selbftkritik und fiegesfrohe Zuverficht
ein wohlberechtigtes, über die Grenzen der eigenen
Partei hinausgehendes Auffehen hervorrief (La pensee
religieuse an sein du protestantistne liberal; ses deficit's
actuels, sott orientation prochaine 1903). Vor allem hatte
das Bekenntnis der begangenen Fehler und die Forderung
religiöfer Vertiefung auf die Gefinnungsgenoffen einen