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Ausgabe:

1910 Nr. 23

Spalte:

728-730

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kaftan, Theodor

Titel/Untertitel:

Zur Verständigung über moderne Theologie des alten Glaubens 1910

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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727 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 23. 728

der Wiedergeburtslehre im 19. Jahrh. unverkennbar ift.
Die Orthodoxie hat freilich am wenigften von ihm gelernt
. Weder die fubflantielle Wiedergeburtslehre (Frank
und andere), noch die theofophifche, deren jüngfter
Vertreter Lemme fich fogar leichtfertig über das N. T.
hinwegfetzt, entfpricht den Intentionen Luthers. Auch
Cremers angeblicher Paulinismus nicht. Doch auch die
Schleiermachers Spuren folgende liberale Theologie und
die Vermittlungstheologie konnten, da fie die Rechtfertigung
als analytifchen Akt auffaßten, nicht zum Ziel
gelangen. Ritfchls fynthetifche Rechtfertigungslehre
lenkte zum genuin lutherifchen Verltändnis zurück, verbaute
fich allerdings durch die Beziehung der Rechtfertigung
auf die religiöfe Gemeinde den Weg zum richtigen
Endergebnis, das die individuelle Erfahrung von
der individuellen Wiedergeburt nicht miflen kann. Nach
einer kritifchen Analyfe der Darbietungen Kaftans und
Herrmanns und kurzen Anerkennung Dorners verfucht
G. eine dogmatifche Beftimmung der Wiedergeburt, die
auf Grund der Korrelation von Wiedergeburt und rechtfertigendem
Glauben jede fubflantielle Wiedergeburt zurückweift
und eben darum auch die direkte Verbindung
der Wiedergeburt mit der Kindertaufe beftreitet. Das
foll nun freilich nicht die Kindertaufe als Sakrament
fchmalern. Die Kindertaufe ift die Vorausfetzung des
Zuftandekommens der Wiedergeburt, aber nicht die
Wiedergeburt felbft. Ebenfalls wird die pietiffifch-
methodiftifche Auffaffung abgelehnt. Die Rechtfertigung
muß der tragende Grund bleiben, aber fie ift einzuordnen
in den Wiedergebuttsgedanken.

Man wird den leitenden apologetilchen und fyfte-
matifchen Motiven der von G. auf den Grundlagen des
reformatorifchen Verftändniffes Luthers aufgebauten Lehre
von der chriftlichen Wiedergeburt weithin beipflichten
dürfen. G.s dogmatifche Faffung des Wiedergeburtsgedankens
möchte ich freilich beanftanden. In meinem
G. offenbar unbekannt gebliebenen Buch über die Taufe
habe ich mich ausführlich dazu geäußert. Auf diefe Ausführungen
darf ich auch verweifen, um zu begründen,
warum ich G.s Löfung des Problems der Kindertaufe
für verfehlt erachte. Es können aber hier die dogmatischen
Fragen um fo eher zurückgestellt werden, als G.s
Unterfuchung im wefentlichen hiftorifch ift. Daß G. den
mühfeligen Weg durch die Dogmengefchichte und Ge-
fchichte der Theologie zu Ende gegangen ift, ohne zu
ermatten, foll gern anerkannt werden. Natürlich mußte
G. die Kenntnis großer Partien diefes Zeitraums aus der
Sekundären Literatur erarbeiten. Aber der Lefer gewinnt
doch den Eindruck, daß diefe Literatur — in
deren Auswahl G. allerdings Takt und Sachkunde be-
wiefen hat — mehr als wünfchenswert das Material zum
Aufbau gegeben hat. Ich möchte zu den hiftorifchen
Urteilen G.s viele Fragezeichen machen. Auch nicht
wenige Ergänzungen, und gerade zu Hauptmomenten
der Entwicklung, wie zu Auguftin, zur mittelalterlichen
Scholaflik und Myftik, zu Luther, zur proteftantifchen
Orthodoxie, zur Gefchichte des 19. Jahih.s könnten
m. E. gemacht werden. Dazu fehlt es freilich hier am
Raum. Für einzelne Partien verweife ich auf die hiftorifchen
Abfchnitte meines Buches über die Taufe. Zu G.s
Behandlung der apofiolifchen und nachapoftolifchen Zeit
darf aber wohl ein kurzes Wort gefagt werden. Zwar
muß hier ein heiß umftrittenes Gebiet betreten werden.
Aber für die Auseinanderfetzung mit G. fällt das nicht
allzufehr ins Gewicht. Denn mag auch G. die moderne
religionshiflorifche Behandlung der ntl. Urkunden ablehnen
, fo zeigt doch feine eigene Darftellung, daß die
von ihm befonders gegen Titius behauptete Scheidung
der ntl. Urkunden und derjenigen des nachapoftolifchen
Zeitalters nicht haltbar ift. Nach G. befitzt der Jakobusbrief
keine tiefe Auffaffung von der Wiedergeburt,
während der Barnabasbrief gerade die Wiedergeburt befonders
fcharf hervorhebe. Wie kann aber dann behauptet

j werden, daß kanonifche und außerkanonifche Literatur
ftets fcharf gegen einander abgegrenzt fei? Freilich foll
| der Barnabasbrief die Höhe der paulinifchen Erkenntnis
1 nicht mehr befitzen. Aber befaß fie der Jakobusbrief?

Das hat G. weder nachgewiefen noch behauptet. Und
I aus dem Hebräerbrief kann er nur die Idee vom Hohen-
prieftertum geltend machen als Beweis dafür, daß die
Anfchauung von der Wiedergeburt noch nicht verflacht
fei. Warum foll denn nicht in der nachapoftolifchen
Literatur auch dort diefelbe tiefe Erkenntnis von der
Wiedergeburt vorhanden fein, wo nicht minder ftark wie
im Hebräerbrief das Bewußtfein vom Chriftentum als
der ,neuen' und ,abfoluten' Religion zum Ausdruck
kommt? G. kann alfo garnicht die von ihm behauptete
j Scheidung durchführen. Auch in der Ablehnung der
1 Thefe, daß ntl. Schriftfteller durch hellenifiifches Ge-
J dankengut fich hätten beeinfluffen laffen, ift G. fchroffer,
! als feine eigenen Darbietungen geftatten. In Pauli Auffaffung
vom Geilt muß fchließlich doch G. eine dem
naturhaften und phyfifchen Fleilsgedanken fich zuwendende
Vorftellung anerkennen, die in fremdartige und
bedenkliche Gedankengänge hineinführe. Ja eine einfeitige
Verfolgung diefes Gedankens müffe zur Naturreligion
hinführen; der Geilt erfcheine hier als Naturkraft und
wirke mit unvermeidlicher Notwendigkeit wie ein Naturprozeß
. Die fpätere kirchliche Entwicklung habe hier
; angeknüpft. Sollte wirklich, die Richtigkeit der Be-
, obachtung G.s vorausgefetzt, diefe Anknüpfung nur zufällig
und nicht fachlich begründet fein? Das wäre mehr
I als unwahrfcheinlich. Dann aber werden vollends die
Grenzen fließend. Das ,religionsgefchichtliche' Problem
liegt doch nicht fo einfach, wie G. meint. Auch die
Zusammenhänge von Wiedergeburt, Wort, Glaube und
Taufe bei Paulus find keineswegs fo felbltverftändlich
geiftig und ethifch, wie G. in einer von Syltematifierung
I wohl nicht freien Erörterung es darftellt. Das hat fo
unbedingt nicht einmal Rendtorff gegen Heitmüller zu
behaupten gewagt. Die relativ felbftändige Wertung der
Taufe durch Paulus bedeutet dann eine neue Eingangs-
< pforte für Vorftellungen, die G. erft dem nachapoftolifchen
i Zeitalter vindiziert fehen möchte. G., der doch unbefangen
i gefchichtlich unterfuchen und urteilen will, hat doch den
| mit der traditionellen Wertung des Kanonifchen ver-
: bundenen Stimmungen und Strömungen größeren Tribut
j gezollt als angefichts der von ihm felbft gewonnenen
j Ergebniffe berechtigt ift. Es werden auch fonft von G.
nicht immer die Linien fo fcharf herausgearbeitet, wie
die Quellen es verlangen. Daß dennoch feine Monographie
eine dankenswerte Erfcheinung ift, die einen lebhaften
Eindruck von der Bedeutung der Wiedergeburt in der
i religiöfen Gefchichte vermittelt und den Wandlungen in
der Auffaffung von diefem Begriff befonnen und doch
! auch fachkundig nachgeht, foll ausdrücklich gefagt fein.

Tübingen. Scheel.

Kaftan, Wirkl.Oberkonflft.-Rat, Gen.-Superint. D.Theodor,
Zur Verltändigung über moderne Theologie des alten
Glaubens. Schleswig, J. Bergas 1909. (III, 113 S.)
gr. 8° M. 2 —

Der Titel diefer Schrift kennzeichnet zutreffend ihren
Inhalt. Es handelt fich in der Tat um einen Beitrag zur
Verltändigung über die von Th. Kaftan vertretene
Theologie.

Einleitend charakterifiert Verf. zunächft die moderne
Theologie des alten Glaubens durch die Erklärung, daß
es ihr darum zu tun fei, ,das unveränderliche Evangelium
fo zu erfaffen, wie es der geiftigen Art unferer Zeit, nicht
wie es der vor taufend Jahren entfpricht'. Er grenzt fie
weiterhin ab gegen die Seebergfche ,moderne pofitive
Theologie' einerfeits, gegen die Ritfchlfche Theologie
anderfeits. Jene, fofern fie die grundfätzliche Ver-