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Ausgabe:

1910 Nr. 18

Spalte:

568-569

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eucken, Rudolf

Titel/Untertitel:

Geistige Strömungen der Gegenwart. Der Grundbegriffe der Gegenwart vierte umgearbeitete Auflage 1910

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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567 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 18. 568

I. die lutherifche Kirche der Graffchaft Mark. Auf eine
Skizze der pietiftifchen Bewegung (J. J. Fabricius und
J. Karthaus-Schwelm, J. Merker-Effen, J. G. Joch-Dortmund
) und der herrnhutifchen (J. G. W. Forftmann-So-
lingen, Dümpelmann-Hemmerden, J.D. Angelkorte-Hemer)
folgt eine folche des Gottesdienftes und der Predigt, der
Sittlichkeit, der Kirchenzucht und -Ordnung, dann eine
Befprechung der Wirkungen der Aufklärung und des
Religionsedikts. Für das Gebiet der luth. Kirche in
Jülich-Cleve-Berg (II.) wird das Bild des Pfarrers J. Ch.
Henke-Duisburg, für Minden-Ravensberg der Pfr. M.
Dreckmann - Bielefeld und F. A. Weihe-Gohfeld ange-
fchloffen. An diefe Bilder reiht fich die Schilderung der
allgemeinen Züge. III. (Die ref. Kirche) findet die dauernde
Neigung zum Separatismus begründet in der nicht
hinreichend fcharfen Abgrenzung gegen die täuferifchen
Gedanken und glaubt fie durch die Entwicklung zur
Landeskirche (feit 1609) fegensreich paralyfiert. Die
täuferifche Bewegung, die antikatholifchen und rigorifti-
fchen Züge der ref. K. werden kurz berührt und die
Skizze des kirchlichen Lebens auf Terfteegen, die des
(vom Pietismus Speners und Franckes verdrängten) Separatismus
auf eine Schilderung der Ronsdorfer Gemeinde
hinausgeführt, dann die Stellung der ref. Synode zu diefen
Bewegungen, der Hafenkampfche Streit, Lavaters, Ter-
fteegens, Collenbufchs theologifche Anflehten geftreift und
mit einem Überblick über Gottesdienft ufw. gefchloffen.
IV. gibt einen Rückblick auf die Wandelung der Meinungen
, hebt die relativ geringe Stärke des Rationalismus,
die Entwicklung zum Unionsgedanken hervor und bietet
zum Schluffe die Schilderung der Jubelfeier der märki-
fchen luth. Synode 1812 mit ihren bezeichnenden Gelöb-
niffen und liturgifchen Formeln.

An primären Quellen verwendet der Verf. die von
ihm in der Sakriftei der Johanniskirche zu Hagen aufgefundenen
Protokolle der märkifchen lutherifchen Synoden
von 1700 [Vorrede: 1720]—1793, ferner die 1898 bei einem
Kölner Antiquar entdeckten Protokolle der märk. ref.
Synoden von 1765—82, fowie Akten der Generalfynoden.
An fekundären hat er neben einer größeren Anzahl Spe-
zialfchriften auch Heppes Werk benutzt. Seine Flaupt-
gewährsmänner find Max Goebel und — für Hafenkamp
ufw.-Ritfchl. Das Vorwort fagt: Die benutzten Quellen find
unter dem Text angegeben. Aber zumal Goebel wird in
weiteftem Umfang einfach aus-bezw. abgefchrieben ebenfo
Ritfehl an den betr. Stellen (auch nicht genau: S. 120 wird
ein Satz über Lavaters Kirchenbegriff ohne Ritfchls langes
,aber' gebracht, Ritfehl, G. d.Piet. I. 509!). Der Verf. fagt:
,verfucht habe ich, auch ein Bild des religiöfen Lebens
der übrigen weftfälifchen und niederrheinifchen Gebiete
zu geben, foweit es mir bei den fpärlichen Quellen möglich
war'. Wollte er nun nichts weiter, als in einer populären
Schrift das Mancherlei, was in G.s und R.s großen
Werken und den Synodalakten der kirchlichen Leferwelt
nicht zugänglich und in Spezialfchriften zerftreut ift,
handlich zufammenfaffen, fo war das gut. Aber er fchreibt
ganz deutlich als Kirchenhiftoriker, und dann ift fein Verfahren
unbegreiflich. Kennt er Jacobfon u. a. nicht?
Über die Jülich-Cleve-Bergifche reformierte und lutherifche
Kirche bietet das Rheinifche Provinzial-Kirchen-
archiv zu Coblenz (das fehr liberal verleiht) gerade für
das 18. Jhdt. eine Fülle von Stoff. Nach Ausweis des
Katalogs find da auch die märkifchen reformierten Synodalprotokolle
von 1670—1793 längft vorhanden ge-
wefen (lutherifche nur von 1800—1810). Es find neuere
Monographien erfchienen — ich nenne nur die von Auge
über Collenbufch —, die Monatshefte für Rhein. K. G.
bieten für diefe Zeit ebenfalls mancherlei. Warum hat
der Vf. fich nicht auf feinen Spezialfund befchränkt und
mit fehr unzureichenden Mitteln ein im Grunde doch
Anfprüche erhebendes Werk gefchrieben?

Dazu find die Gefichtspunkte nicht neu, fondern z.
gr. T. von Goebel (u. a. die Anficht vom feparatiftifchen

Urfprung der reformierten Kirche und feine Schätzung
der Tragweite des Labadismus) und Ritfehl (Beurteilung
des Pietismus) übernommen oder richtiger: ihnen entnommen
. Der eigene lutherifche Standpunkt d. Vf.
kommt in der Beurteilung der reformierten Kirche mehrfach
einfeitig, ja kleinlich zum Ausdruck (z. B. in der
Kritik des Kirchenlateins, die doch zunächft nur für den
betr. Skriba bezw. Abfchreiber gilt S. 112); er kennt
die reformierte Kirche am Niederrhein wefentlich aus
Goebel — fo erübrigt es fich, auf die einzelnen Urteile
einzugehen. Seit Goebel und Ritfehl haben fich die An-
fchauungen über Täufertum, Labadismus und ihre Wirkung
auf die ref. Kirche zumal im Rheinland, über die
Einflüffe des Spenerfchen Pietismus und des Herrnhuter-
tums doch in vielem gewandelt. Auch bieten die vom
Vf. aus den Akten beigebrachten Züge keine wefentliche
Veränderung oder Bereicherung des von Goebel gezeichneten
Bildes der rhein.-weftf. Kirche im 18. Jhdt.

So kann im Intereffe einer wirklich vorwärtsbringenden
Gefchichtsfchreibung von diefem Buche nur geurteilt
werden, daß es zwar in einigen wenigen Partieen Goebel
ergänzt und fortgefetzt hat, fonft aber der Aufgabe feines
Titels keineswegs gerecht geworden ift. — An Einzelheiten
notiere ich noch: S. 79 fleht Clander ftatt Ciauder
(auch Delitfch ftatt Delitzfch — beides bei Goebel
richtig!); S. 101 Guion für Guyon; S. 105 hat d. Vf.
das verkehrte Datum aus Goebel entnommen: nach III.
515 fand am 7.3. 1741 erft die Verwendung der preußi-
fchen Regierung für die Ronsdorfer in Düffeldorf ftatt,
die Anerkennung der Gemeinde erft am 23. 10; S. 117:
der Prediger heißt Noffe, nicht Nafle; S. 134 fleht Willendonk
ltatt Millendonk; S. 140 Gillrath ftatt Gierath.

Lobberich. Alfred Zilleffen.

Eucken, Rudolf, Geiftige Strömungen der Gegenwart. Der

Grundbegriffe der Gegenwart vierte umgearbeitete
Auflage. Leipzig, Veit & Comp. 1909. (XII, 410 S.)
gr. 8° M. 8 —; geb. M. 9 —

Das bekannte Buch Euckens über die ,Geiftigen
Strömungen der Gegenwart' erfcheint hier in vierter
Auflage. Mehrere Abfchnitte find völlig umgearbeitet;
einer (über den Wert des Lebens) ift neu hinzugefügt
worden. Im übrigen ilt der Autor beftrebt gewefen,
,das Ganze anfehaulicher und eindringlicher zu machen'.
Auch find in weit höherem Maße als bisher ,die Bewegungen
des Auslandes in die Betrachtung hineingezogen
' worden.

Die Philofophie des Jenenfer Denkers bedarf an
diefer Stelle keiner ausführlichen Charakteriftik mehr.
Sie ftellt fich in dem vorliegenden Werke infofern be-
fonders anziehend und reizvoll dar, als fie an der Hand
geiftvoller gefchichtlicher Betrachtungen, in fortwährender
Auseinanderfetzung mit einzelnen aktuellen Problemen
abgeleitet und vorgetragen wird. Was allein fchon ihr
die Aufmerkfamkeit der heutigen Theologie fichern kann,
ift nicht nur der entfehiedene Proteft, den fie erhebt,
gegen eine felbftgenügfame Beruhigung bei der modernen
Kultur als folcher, fondern der immer wiederkehrende
Hinweis auf die Notwendigkeit einer /Vertiefung des
Geifteslebens in fich felbft' und einer Verankerung des-
felben in einer weltüberlegenen Wirklichkeit. Auf mannigfach
verfchlungenen Wegen, in immer neuen Wendungen
kommt der Verf. auf diefe Zentralthefe zurück. Wie
faft alle Euckenfchen Schriften, fo ift auch die über die
geiftigen Strömungen der Gegenwart felbft ein Beweis
für die Wahrheit des Satzes, den fie ausfpricht, daß,
möge gleich in den großen Mafien heute noch die religiöfe
Indifferenz herrfchend fein, ,auf der Höhe des Geifteslebens
die Religion wieder weit mehr das Denken befchäftigt
und Leidenfchaften erregt; es ift einmal fo, daß in der-