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Ausgabe:

1910 Nr. 18

Spalte:

566-568

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nieden, Heinrich W. zur

Titel/Untertitel:

Die religiösen Bewegungen im 18. Jahrhundert und die evangelische Kirche in Westfalen und am Niederrhein 1910

Rezensent:

Zillessen, Alfred

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 18.

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Notwendigkeit der Reformation auch Katholiken belehren
muffen. Die Charaktere einzelner Bifchöfe werden fcharf
beleuchtet, wie z. B. der Joh. Phil, von Gebfattel in Bambergs
. 147. Welche Ungeheuerlichkeit, einen dreijährigen I
bairifchen Prinzen Philipp zum Bifchof von Regensburg |
zu erwählen (S. 98) oder einem andern Prinzen desfelben
Haufes, Ernft, 5 Bistümer, Freifing, Hildesheim, Köln,
Lüttich und Münder zu übertragen! Der Preis, welchen
die katholifche Kirche den Häufern Habsburg und Wittelsbach
für ihre Anhängigkeit und ihren Redaurationseifer
bezahlt hat nicht nur mit der Erhebung ihrer Sprößlinge
auf Bifchofsdühle, fondern auch mit Duldung ihrer Eingriffe
in die kirchlichen Rechte, ift, wie Schmidlin zeigt, !
ein außerordentlich hoher. ,Der Bifchof von Paffau befaß
in Baiern keine Jurisdiktion und keine Einnahmen mehr*
(S. 16). Viele Kämpfe gab es mit dem öderreichifchen |
Kirchen- und Kloderrat (S. 9ff), die Schäden der Dom- j
kapitel treten grell hervor. Greulich find die Skandale
in den Stiftern und Klödern Regensburgs (S. 104fr.). Gerade
die Orden, befonders die exemten Klöder erfordern, j
aber erfchweren auch die Beffcrung der kirchlichen Zu- j
dände. Wir hören von unlautern, fittcnlofen, trunkfüch-
tigen, ausgeladenen, trägen, unwiffenden Pfarrern (S. II5).
Aber noch 1609 genügt dem Bifchof von Regensburg
für die Priederweihe der Nachweis klaffifchen und ein- f
jährigen Studiums der Kafuidik (116). Es id dies ja
mehr, als das Mittelalter gefordert hatte, mit ,bcne legere,
bene cantare et congrue latme loqui', aber doch für einen
Priefter ein federleichtes theologifches Gepäck. Der I
fchwerde Kampf gilt dem unausrottbaren Konkubinat.
Dabei wird kein Unterfchied gemacht zwifchen diefem
und rite gefchloffener Priederehe, wie de nach den Zu-
gedändniffen im Interim fehr häufig war, z. B. im Gebiet
von Mainz und Würzburg (vgl. des Ref. Interim in Württemberg
S. 174, 204). Wenn der Bifchof von Augsburg
über die katholifchen Patrone, Fürd, Adel und Städte
klagt (S. 32), fo muß man auch die Klagen diefer über
die Ausübung des Patronatsrechts durch den Bifchof
hören, wie z. B. der eifrig katholifchen Güß in Brenz
(Bl. f. w. K.G. 1895, 52—56). Sehr deutlich find die
Waffen, welche die Gegenreformation brauchte, zu erkennen
. Die Hilfe des weltlichen Arms wird ganz offen
zuo-edanden. ,Die Erhaltung und Rückeroberung des
bairifchen Kernlands',für die römifcheKirche id in höherem
Grad dem Redaurationseifer der Herzoge, als den Bifchöfen
zu verdanken', gedeht der Verlader (S. 22) ,Waidhofen
wurde mit Gewalt rekatholifiert' (S. 25 Anm. 2). Dies
nur ein Beifpiel für viele.

Der äußerliche Charakter der durch die Gegenrefor- j
mation, vor allem durch die Jefuiten gefchaffenen Frömmigkeit
zeigt fich in den rühmenden Berichten der Bi- |
fchöfe, die fich immer wieder trotz der angedrohten
Strafen von der Pfiicht zu berichten dispenlieren, fo
felbd nach dem einen Bericht von 1590 Julius von Würzburg
. Der Glanz der Prozeffionen zur Befchämung der
Ketzer und Anfeuerung des katholifchen Geides gilt als
hervorragende Frucht, aber auch das Tragen des Rofen-
kranzes. Der Bifchof von Eichdätt verwendet große
Summen für Ktrchenfchmuck, aber kargt gegenüber dem
Seminar (S. 82). Eine wichtige, in Rom zu erledigende
Frage id für den Bifchof von Augsburg der Genuß von
Eiern in der Fadenzeit (S. 41). Sehr intereffant find feine
Bedenken gegen die Promulgation der Indexkongregation,
befonders des Bibelverbots. Schmidlin fagt: ,die ins Feld
geführten Motive berühren eigentümlich modern' (S. 47
Anm. 1).

Für Kardinal Otto Truchfeß id erdlich die große
Schuldenlad, in welcher er das Bistum hinterläßt (S. 35),
fodann die Verwendung der Beiträge des Klerus für das
Dillinger Seminar für andere Zwecke bezeichnend (S. 36),
ebenfo für Bifchof Heinrich die rühmende Erwähnung
der 787 Gäde, die er aus Anlaß der Einweihung der

Akademiekirche in Dillingen 3 Tage bei feiner Tafel hatte.
Statt Heichlingen 1. S. 43 Heuchlingen OA. Aalen, datt
Mendingen S. 70 Medingen, S. 96 Z. 2 Wolfgang Rudolf.

Stuttgart. G. Boffert.

Angelus Silesius in feinem Cherubinifchen Wandersmann.

Eine Auswahl aus des Dichters religiös-philofophifchen
Sprüchen. Zufammengedellt von Dr. Hermann Brunn -
hofer. Bern, F. Semminger 1910. (III, 79 S.) kl. 8°

M. 1.35

Selbd die fleißigeren Lefer der Gegenwart wollen
alle Speife fein zubereitet vorgefetzt haben, damit ihnen
das Tranchieren, das Loslöfen der ungenießbaren Knochen
und — mit Erlaubnis zu fagen — auch das Verdauen
nach Möglichkeit erfpart bleibe. Sond laden fie das
Huhn lieber dehen. Daher die Häufung der .Auswahl'-
Bändchen auf allen Gebieten der Literatur. Es fragt fich,
ob diefes Zehren von Leckerbiffen wirklich der geidigen
Gefundheit zuträglich id. Die vorliegende Auswahl aus
den Sprüchen des Cherubinifchen Wandersmanns legt
jene Frage doppelt nahe. Denn folche tieffinnige und
tiefinnige Mydik erfordert in ganz befonderem Maße
eine willige Verfenkung und ein liebendes Verweilen.
Als eine Einführung in den Reichtum des Originals
mag diefes Bändchen recht gute Diende leiden. Wir
finden hier 264 von den über 1600 Sprüchen, gruppiert
(,tranchiert'!) nach beflimmten Gefichtspunkten, beginnend
mit der Natur als Spiegel Gottes, dann hineinführend
in das Myderium der Gotteinheit, dann wieder hinaus
und durch das irdifche Leben hindurch in die Freiheit
der Ewigkeit, die doch wiederum in uns id. Diefe Einführung
' in das mydifche Geheimnis des edlen frommen
Dichters, der ja ohne Zweifel den Großen im Reiche
Gottes zuzuzählen id, verdient den Dank aller, die ihm
wirklich nahe kommen wollen. Da aber allzu gefliffentlich
im Vorwort betont wird, daß von fämtlichen Sprüchen
nur einige hundert ,den forfchenden Geid und den Ge-
fchmack des heutigen Lefers zu befriedigen vermögen'
fo entdeht doch eben der Eindruck, als könne das'
Büchlein die Gefamtausgabe erfetzen. Dies wäre ein
verhängnisvoller Irrtum. In folche Mydik muß man fich
erndlich hineinleben. Auch getrauen wir uns, ohne
weiteres noch an die 60 ,Perlen' anzureihen. Als Belege
dafür, daß das Original noch längd nicht ausgefchöpft
id, feien einige Sprüche gleich hier noch angeführt, teils
anfehauliche, teils dichterifch vollendete, wobei wir noch
ganz abfehen von einer Reihe der charakteridifchden,
die offenbar, aber mit Unrecht, als allzu bekannt weg-
gelaflen find.

Menfch, geh nur in dich felbd! Denn nach dem

Stein der Weifen
Darf man nicht allererd in fremde Lande reifen.

Kein Tod id herrlicher, als der ein Leben bringt,
Kein Leben edler, als das aus dem Tod entfpringt.

Der Seelen Morgenrot id Gott in diefer Zeit:
Ihr Mittag wird er fein im Stand der Herrlichkeit.

Der Alleredelde, den man erfinnen kann,
Id ein ganz lauterer und wahrer armer Mann.

Gott id dem Beizebub nah wie dem Seraphin:
Es kehrt nur Beizebub den Rücken gegen ihn.

Die Seele, die nichts fucht, als eins mit Gott zu fein,
Die lebt in deter Ruh' und hat doch dete Pein.

Plauen i. V. W alther Hoffmann.

Nieden, Heinrich W. zur, Die religiölen Bewegungen im
18. Jahrhundert und die evangelifche Kirche in Weltfaien
und am Niederrhein. Gütersloh, C. Bertelsmann 1910.
(XII, 156 S.) gr. 8« M. 2—; geb. M. 2.50

Der fchon mehrfach mit Beiträgen zur Gefchichte
der wedfälifchen Kirche hervorgetretene Verf. fchildert in