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Ausgabe:

1910 Nr. 1

Spalte:

552-554

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cumont, Franz

Titel/Untertitel:

Die orientalischen Religionen im römischen Heidentum 1910

Rezensent:

Wendland, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 18.

gion das Recht, das ihr der Proteftantismus zufchreibt?
Und umgekehrt: kann der heutige Proteftantismus, der
,orthodoxe' wie der .liberale', feine Ideale überhaupt in
den Anfängen des Chriftentums finden? Während die
letzte Frage in hiftorifchen Unterfuchungen zu löfen ift,
enthält die erfte Faffung des Problems den Appell, unfer
religiöfes Bewußtfein auf feinen Zufammenhang mit den
Anfängen des Chriftentums zu prüfen. Was verdanken
wir dem Chriftentum: Idee, gefchichtliche Wirklichkeit
oder beides? — fo haben fich alle zu fragen, die fich
mit der herkömmlichen Löfung des Problems durch die
traditionellen dogmatifchen Termini nicht begnügen
mögen und fich andrerfeits bewußt find, ihr Leben be-
ftimmende geiftige Werte vom Chriftentum empfangen
zu haben. (Zu diefen ,allen' gehört auch Drews, der die
Idee der Gottmenfchheit auf Korten der Gefchichte retten
-vvill — und diefe bona fidcs follte man ihm bei aller
Kritik feines Dilettantismus auf hiftorifchem Gebiet nicht
abfprechen.)

Von den genannten Autoren haben vor allem Weinel
und Dunkmann diefe Frage behandelt, Förfter hat ihr
den vierten der Frankfurter Vorträge (Jefus als Kraft),
Ferdinand Jakob Schmidt feine beiden religionsphilo-
fophifchen Abhandlungen gewidmet (,Der Chriftus des
Glaubens und der Jefus der Gefchichte' ,Volkskirche und
Bekenntniskirche'). Schmidt, der Gegner des Hiftons-
mus, wendet fich gegen die Begründung des Chriftentums
,auf den hiftorifchen Jefus als folchen'. Denn es handelt
fich im Chriftentum um die Perfönlichkeit des wahren
geiftigen Menfchen, die in der .Chriftianität jefu' der
Welt zum Bewußtfein gekommen ift. Diefe ,Chriftianität'
kommt aber nicht bloß dem gefchichtlichen Jefus zu,
fondern der ganzen Menfchheitsgattung; um diefe ,Chriftianität
' zu verwirklichen, hat Jefus feinen individuellen
Willen negiert, feine gefchichtliche Exiftenz geopfert.
Die praktifchen Konfequenzen diefer Anfchauung für
die Bekenntnisfrage zieht die zweite Abhandlung: die
dogmatifchen Formeln find nicht durch die Rekonftruk-
tion des .gefchichtlichen Jefus' zu erfetzen; vielmehr foll
fich der Inhalt der Bekenntniffe im religiöfen Selbftbe-
wußtfein jeder chriftlichen Perfönlichkeit immer wieder
verlebendigen. ,Man habe nur endlich einmal den Mut,
den chriftlichen Zweiflern zu fagen: was euch von Chriftus
im Katechismus gefagt ift, das gilt ebenfo von einem
jeden wahren Chriften überhaupt, nur daß die Geiftgeburt,
der Kreuzestod, die Höllenfahrt, Auferflehung und Himmelfahrt
mitten in euer Leben hineinverlegt ift als das
Abfterben des felbftfüchtigen Menfchen (des finnlichen
Adams) und das Auferftehen des geiftigen Menfchen,
des Chriftus' (S. 66). — Zu folcher übergefchichtlichen
Wertung des Lebens Jefu fleht Förfter s Verfuch, die
Kraftwirkung des hiftorifchen Jefus auf das Gefchlecht
unferer Tage nachzuweifen, in direktem Gegenfatz. Er
redet von einer zweifachen Art folcher Wirkung, der
fachlichen und der perfönlichen. Die erfte erkennt er
in der chriftlichen Unterftrömung moderner Welt- und
Lebensanfchauung, die andere befchreibt er als die Erfahrung
eines kleinen Kreifes von Menfchen, mit denen
die Erinnerung an Jefus durchs Leben geht: in den bäng-
ften Stunden ihres Lebens fchöpfen fie aus der Anfchauung
feiner Individualität eine Kraft, die ihnen der
Kultus einer Idee niemals verleihen würde — und der
Inhalt diefer Erinnerung, diefe vom einzelnen erlebte
Kraftwirkung ift eine Lebensäußerung der gefchichtlichen
Perfon Jefu.

Den Vertretern der Idee (denen in gewiffer Weife
auch Dunkmann zu gefeilen ift f. O.) wie denen, die an
die Fortwirkung des hiftorifchen Jefus glauben — beiden
ift es darum zu tun, die Kräfte des Chriftentums der
Zukunft zu erhalten oder neu zu gewinnen. Und diefer
Gedanke an die Zukunft fcheint mir perfönlich das
ftärkfte Argument gegen den Standpunkt Schmidts zu
enthalten (um von allem anderen, z. B. der fehr fraglichen

Thefe über den Chriftusglauben der Johannesjünger
S. 2j{. ganz zu fchweigen): ich glaube nicht, daß die
Menfchen der Zukunft, daß gar die Menfchen unferes
Mafchinenzeitalters feinen Chnftianitätsgedanken zu gewinnen
find. Aber freilich werden wir uns immer wieder
warnen laffen müffen vor einer allzu engen Bindung unferes
Chriftentums an Einzelheiten in Leben und Lehre
Jefu. Eine folche Bindung befürchte ich von Weineis
Vorfchlag (S. 47), ,die Bedeutung des Ideals der Liebe
und Reinheit, diefe als gefchlechtliche Reinheit, Freiheit
von Neid und Wahrhaftigkeit genommen, auch in den
Wirtfchafts- und Staatskämpfen der Gegenwart irgendwie
klar und deutlich zu machen'. Liegt hier nicht die Nei-
! gung zu Grunde, aus dem Evangelium direkte Normen
I für unfer öffentliches Leben abzuleiten? Mir ift dem-
] gegenüber die Erkenntnis Naumanns, daß Jefus für eine
j Menge von brennenden Fragen unferes Lebens ttumm
bleibt —- Veit wie Förfter knüpfen an die bekannten
Sätze der ,Afia' an — eine immer neue Mahnung zur
| Selbftbelinnung, zugleich aber ein Antrieb, auch für die
i chriftliche Beurteilung der öffentlichen Dinge uns immer
mehr zu konzentrieren auf das große Problem, das einzige
, für das Jefus gelebt hat: Gott und die Seele.

Selbftbefinnung auf die Methoden unferer Wiffen-
fchaft und auf unfer Chriftentum — das fcheint mir der
wertvollfte Ertrag der Debatte zu fein, und um diefes
Ertrages willen dürfen wir manche Diffonanzen im Chorus
der Stimmen überhören.

Berlin. Martin Dibelius.

Cumont, Franz, Die orientaiilchen Religionen im römifchen
Heidentum. Vorlefungen am College de France gehalten.
Autorifierte deutfehe Ausgabe von Georg Gehrich.
Leipzig, B. G. Teubner 1910. (XXIV, 344 S.) 8°

M. 5—; geb. M. 6 —

Da Cumonts fchon nach zwei Jahren in 2. Auflage
1 erfchienenes Werk in diefer Zeitfchrift noch nicht angezeigt
ift, fo benutze ich die Anzeige der Überfetzung,
um vor allem über den Inhalt zu orientieren. K. I
behandelt das Verhältnis Roms zum Orient auf allen
Gebieten der Kultur und die Quellen, II die Gründe der
Ausbreitung der orientalifchen Religionen, III—VI dann
in der zeitlichen Folge, in der fie auf den Werten wirken,
die Propaganda der Kulte Kleinafiens, Ägyptens, Syriens,
Perfiens, VI die Aftrologie (die ja nicht nur Sterndeuterei,
| fondern auch Weltanfchauung und Religion war) mit
i ihrem die Seelen niederdrückenden Fatalismus und die
i Befreiung vom Schickfalszwange verheißende Magie. VII
gibt einen zufammenfaffenden Überblick und befpricht
das Verhältnis der unteren und oberen Schichten des
Glaubens, die Ausgleichung und fpekulativ philofophifche
Umdeutung der Religionen, die Auffaffung der Götter
! als kosmifcher Potenzen, Erlöfungs- und Jenfeitsglauben,
! das Zurücktreten des nationalen Kultes Roms. Der Zufammenhang
der religiöfen Entwickelung mit den fozialen
und politifchen Verhältniffen wird überall hervorgehoben.
Ein Werk über die Gefchichte des Synkretismus im
I römifchen Heidentum, das ein weiteres Gebiet als das
| bekannte Buch Revilles umfpannt und die vielen neu
hinzugekommenen Quellen, an deren Erfchließung
Cumont einen bedeutenden Anteil hat, aufs forgfältigfte
benutzt, verdient alle Beachtung der Theologen. Es
verbreitet Licht über viele Stellen chrifllicher Schriftfteller,
denen wir wertvolle Zeugniffe diefer religionsgefchicht-
lichen Entwickelung verdanken, wenn auch nicht fo viele,
wie wir wünfehten und erwarten müßten; denn leider
trifft die oft in alten ausgetretenen Geleifen wandelnde
chriftliche Apologetik mehr die toten als die lebenden
j Götter. Wir lernen das Milieu kennen, auf dem die
chriftliche Miffionstätigkeit fich entfaltet hat, den dumpfe
Rcfignation und hoffnungslofe Stimmung verbreitenden