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Ausgabe:

1910 Nr. 1

Spalte:

539-541

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Der Kampf um die Seele 1910

Rezensent:

Heinzelmann, Gerhard

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539 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 17. _ 540

fich felbft hinaus und fordert zu ihrer Begründung und
Ergänzung die Ausfage, die, nach Frommel, das löfende
Wort der verite humaine enthält (246—322). Diefes Wort
ift in dem Moralisme enthalten, der fich in der Ausfage
je dois, donc je suis zufammenfaßt (323—490). Auf die
Darlegung der Tatfache der Verpflichtung, deren Unbe-
dingtheit er kritifch und thetifch nachweift, verwendet

Fr. alle Mittel feiner pfychologifchen und dialektifchen J fehr erbaut fein.

gezogen werden. Dabei hat man den Eindruck, als
trüge der Verf. feinen Stoff im intimften Kreife vor, wo
er aus der Fülle feines Wiffens zur Belehrung feiner
Hörer gar manches einflicht, was zur Sache in gar keinem
Verhältnis fleht, aber an fich ganz gut und nützlich zu
wiffen ift. Wer an ftraffe Gedankenführung gewöhnt ift,
wird von diefer wiffenfchaftlichen ,Wohltätigkeit' nicht

Virtuofität. Le caractere absolu de 1 Obligation, diefen
lebensnotwendigen Satz (teilt er als die formule de la
verite humaine hin, die er noch genauer dahin beftimmt,

Was die Verhandlung mit den genannten Forfchern
angeht, fo gewinnt man nirgends ein klares Bild der
bekämpften Anficht. Das hat feinen Grund darin, daß

daß diefe Verpflichtung einen wefenthch rehgiöfen Cha- J der Verf. ftatt einer Wiedergabe der Grundgedanken

rakter an fich trägt: le caractere essentiellement rehgieux moglichft viele Zitate aneinander reiht, die nur der zu

de rObligation absolue dans la conscience morale (479). einer lebendigen Anfchauung des gegnerifchen Stand-

Frommel fleht nicht an zu bekennen, daß er damit punktes zu verbinden weiß, der ihn fchon kennt. Dazu

eine überaus kühne, geradezu paradoxe Ausfage wagt,
bei welcher fleh fragen wird, ob fie die Gegenprobe der
Tatfachen und der Erfahrung befiehlt. Er ift der Überzeugung
, daß die ,Pfychologie des Chriftentums' fich in
jener Formel ausfpricht. Doch will er fich bei der bloßen
Behauptung eines folchen Satzes nicht beruhigen. Es
gilt vielmehr, diefe Obligation de conscience näher zu analy-
fieren. Und zwar ift diefe Analyfe in einer Weife zu
führen, die von allen bisher gewonnenen Ergebniffen
unabhängig fein muß; die Antwort auf die fo geftellte
Frage muß in fich felbft ihre Rechtfertigung tragen, und
darf nicht aus den im Vorhergehenden dargelegten Gekommt
, daß die Darftellung fofort mit Einwürfen, Fragen
und kritifchen Bemerkungen begleitet wird, noch dazu
oft in recht manierierter Form.

Da jeder der unter fich ftark verwandten Gegner
für fich kritifiert wird, muß der Verf. fich in feiner
Widerlegung vielfach wiederholen. Phyliologifches, Er-
kenntnistheoretifches, Pfychologifches fährt je nach Bedarf
durch einander. Es ilt immer der Gegner, der den
Weg vorfchreibt. Redet Mach von der Determination
des Willens, fo gibt es eine Auseinanderfetzung über
den freien Willen, redet James davon, fo heißt es nach
drei ominöfen Sternchen ,die Frage vom freien Willen

danken abgeleitet werden, freilich wird fich dann zeigen, j tritt auf den P]an<_ Es ift daner unmöglich, den Gedanken
ob der nunmehr einzufchlagende Weg zu demfelben Ziele gang des Buches zu fkizzieren. Man müßte es ausführt
, das der Verf. auf aem Wege feiner im vorliegen- fcnreiben. Nur über den eigenen Standpunkt, von dem
den Bande geführten analytifchen und kritifchen Unter- ; aus der Verf. feine Gegner kritifiert, fei einiges zufammen-
fuchung erreicht hat. Ift diefes der Fall, findet hier eine j geftent

Übereinftimmung ftatt, fo darf behauptet werden, daß i ^ u •__. . a n a v r r,-,

, j r> j- • j -er r u 0.1 ■ u m lu j Gegen Hume betont er, daß das Kaufahtatsprinzip

dann ,den Bedingungen jeder wnfenfehatthenen Methode r , ■ h . , , .. . 0- A/r • . " r

• V ■ a' t 9. nc-n nlcnt aus der gewohnheitsmäßigen Affoziation er-

genugt 11t ^404,). j klaren laffej gegen Kant und die Neu-Kantianer (vor

Die hier in Ausficht geftellte Aufgabe foll im zweiten j anem Fr. Lange), daß es nicht auf die empirifch anBande
der Apologetik in Angriff genommen werden: 1 fchauliche Welt begrenzt werden dürfe. Gerade das
derfelbe wird dem exposc thetique de la verite humaine Kaufalitätsprinzip führt auf die tranfzendente Welt (S. 95).
gelten. Eine Beurteilung des Verfahrens Frommeis ift ! Ja? es führt auf das Dafein Gottes (S. 96). Der Kau-
vor dem Erfcheinen diefes Bandes nicht angängig. Vor- falitätsbegriff würde .inhaltslos' (!), wenn es nicht eine
läufig mag nur noch bemerkt werden, daß nach des Verf.s | causa prima gäbe! (S. 359). Danach ift die Scheidung
Meinung ,der Primat und die Autonomie des religiöfen | von praktifcher und theoretifcher Vernunft falfch und
Phänomens'bisher von keinem Theologen oder Religions- j fur beide Teile unheilvoll (S. 195 f.; 86 f.). Der Glaube
philofophen in derfelben Weife begründet werden ift , jft dadurch auf nichts geftellt. Und über den fubjektiven
(484—485). Allerdings habe Schleiermacher verfucht, ; Idealismus geht ,die Arbeit auf allen Gebieten des
die Selbftftändigkeit der Religion nachzuweifen; aber Lebens' zur Tagesordnung über (S. 76). Der Unter-
indem er in dem Gefühl fchlechthiniger Abhängigkeit fchied von Phyfifchem und Pfychifchem ift nicht auf-

die Wurzel des religiöfen Phänomens erblickt habe, habe
er zugleich die Freiheit aus demfelben ausgefchaltet. ,//
u'a atteint l'absolu religieux qiien supprimant la morale
en religion; et en ce faisant, il a non seulement supprimc
la possibilite de toute morale quelconque, mais il a porte
une atteinte irreparable a la religion elle-meme' (485).
Diefe fchwere Anklage, die Fr. bereits in feinen Etudes
de theologie moderne (S. 198—204) erhoben hatte, wird
Frommel durch die pofitive Ausführung in feinem nächften
Band zu rechtfertigen und zu begründen haben. Wir
fehen demfelben mit regem Intereffe und gefpannter
Erwartung entgegen.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Schmidt, Prof. D. Wilh., Der Kampf um die Seele. Gütersloh
, C. Bertelsmann 1909. (III, 406 S.) gr. 8° M. 6 — ;

geb. M. 7 —

Der Verf. hat nirgends gefagt, was er mit diefem
Buch will, wir müffen uns daher ltreng an das halten,
was es ifl: Es ift eine Sammlung von ,Dialogen' mit
E. Mach, R. Avenarius, W.James, M. Verworn, K. Heim,
Th. Ziehen und manchen anderen, die genannt oder ungenannt
als Anwälte oder Beklagte in die Zwiefprache

zuheben. ,Es gibt Körper, die noch bis heute nicht
Inhalt der Pfyche irgend eines Menfchen in aller Welt
find; die al(o exiftieren, ohne Empfindung zu fein.
Damit ift der Pfychomonismus unvereinbar. Damit ift
er — gefprengt' (S. 318). Das Verhältnis des Phyfifchen
zum Pfychifchen ift nach wie vor rätfelhaft (S. 355).
,Eine gegenfeitige Bedingtheit der Außenwelt und Innenwelt
befteht. Aber beide Gebiete bleiben je suigeneris,
heterogener Art. Denken und Sein find nicht identifch ...
Jedes von ihnen hat feine eigenen Gefetze' (S. 379).
Das Ich ift die unentbehrliche Bedingung jedes pfychifchen
Erfahrungsinhaltes (S. 180), Bedingung ferner
der Kontinuität des Seelenlebens, der Identität unferes
Selbftbewußtfeins, des Gedächtniffes, des ethifchen Handelns
. Der Wille ift eine zufammengefetzte pfychifche
Erfcheinung. Zur Willenshandlung gehören: 1) ein auf
ein Ziel gerichtetes Begehren, 2) abwägende Intelligenz,
3) der Entfchluß zu handeln. Der Wille ift ,ein pfychifches
Agens', nicht gefetzlos wirkend, aber fo, daß er ,in der
gegebenen Situation Stellung nimmt in freier Wahl'
(S. 232).

Man kann in diefen Grundgedanken manches Richtige
finden und doch der Meinung fein, daß es Schm. nicht
wirklich gelungen ift, feine Gegner zu widerlegen. Eine
wirkliche Widerlegung hätte viel fyftematifcher zuwege