Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1910 Nr. 16

Spalte:

500-501

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cauderlier, Em.

Titel/Untertitel:

l‘Église Infaillible devant la Science et l‘Histoire 1910

Rezensent:

Lobstein, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

499

Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 16.

500

allerdings innerhalb der philofophifchen Fakultät — begründet
, in die theologifche Fakultät wurde die Kirchen-
gefchichte erft im 19. Jahrb.. eingegliedert. Mit Abfchnitt 6
(1751 —1831) beginnt ,die Ausbildung einer felbfländigen
biblifchen und hiftorifchen Theologie'. Crufius, Ernefti,
Burfcher (den Reformationshiftorikern durch feine spici-
legia bekannt), Tzfchirner, Ligen, Hahn treten heraus,
Crufius, von Kant befonders gefchätzt, ift wohl der be-
deutendfte, von Tzfchirner hebt Kirn feine politifchen
Schriften ,über den Krieg' 1815 und ,Proteftantismus und
Katholizismus aus dem Standpunkt der Politik betrachtet'
heraus, amüfant ift das ablehnende Fakultätsvotum über
Tholuck (S. 180). 1810 führte die Revifion der Univerfitäts-
ftatuten zurEinrichtung vonNominalprofeffuren (auffallend
ift dabei die ftarke Berückfichtigung der praktifchen Theologie
; das war in Gießen anders, vgl. P. Drews, derwiffen-
fchaftliche Betrieb der praktifchen Theologie an der Uni-
verfität Gießen 1907). Recht vorfüntflutlich muten die
Zenfurbefugniffe der Fakultät an, auch die K.G. läuft
noch ganz in den alten Lehren der historia ecclesiastica
novi et veteris testamenti, daneben begegnet dann die
auf klärerifche Vorlefung über nolitia omnium rcligionum.
Die Jubelpromotionen von 1817 und 1830 wurden zur Ge-
fchäftsfache gemacht, die Fakultät kündigt an, ,daß fie
geeignete Perfönlichkeiten aus Anlaß des Jubiläums zum
halben Preis, teilweife auch unter Ermäßigung der wiffen-
fchaftlichen Forderungen, zu promovieren bereit fei'. Der
letzte Abfchnitt bringt die ,Ereigniffe und Wandlungen
der letzten Jahrzehnte' und beginnt mit der Darftellung
der Aufhebung ökonomifcher Selbftverwaltung der Uni-
verfität und ihrer Unterftellung unter das Kultusminifterium.
In der theologifchen Fakultät fetzt die Umgeftaltung zur
(gemilderten) Orthodoxie ein. Hegelianifch ift fie zwar
nie gewefen, aber es werden doch gegen den Willen der
Fakultät, zu deren Mitgliedern Winer, Niedner, Tuch u. a.
gehörten, ihr durch die Regierung Harleß und Kahnis
aufoktroyiert, und mit Luthardt und Delitzfch verftärkte
fich das orthodoxe Element. Für die neuefteZeit, die Kirn
mit Recht nur fkizziert, find die Austaufchbeziehungen
mit Erlangen charakteriftifch, es ift durchaus richtig,
wenn K. zufammenfaffend S. 220 fagt: ,die Fakultät als
Ganzes hat, zumeift mehr auf die Wahrung der Tradition
als auf den Fortfehritt der Erkenntnis bedacht, neue zukunftsvolle
Richtungen häufiger bekämpft als gefördert'.
Hingegen halte ich die Zurückfuhrung des ,feit zwei
Jahrzehnten zu beobachtenden geringeren Zugangs zum
theologifchen Studium' auf ,ein Zurücktreten der religiöskirchlichen
Intereffen im Kulturleben derGegenwart' nicht
für richtig. Die religiös-kirchlichen Intereffen find ftärker
denn je, fie bewegen fich nur nicht in der Richtung der
offiziellen, behördlichen Kirchlichkeit, und weil
diefe mit Repreffalien — nicht zum wenigften auch in
Sachfen! — vorgeht, deshalb ift unferer akademifchen
Jugend das Theologieftudium verleidet. Sie dürfen nicht
fagen, was fie denken und glauben! Man gebe Geiftes-
freiheit und frifchen, ehrlichen Geifteskampf an Stelle der
Irrlehregefetze u. dgl. Juriftereien, und die Hörfäle werden
fich wieder füllen! —

Die Gießener Univerfität hat 1907 darauf verzichtet,
eine Fakultätsgefchichte zu fchreiben, fie hat ftatt deffen
Einzelbilder aus ihr, diefe aber nach allen Seiten hin
erfchöpfend, geboten. Wenn ich die Kirnfche Feft-
fchrift mit der Gießener vergleiche, fällt der Vergleich
zugunften diefer aus. Wir erhalten bei Kirn doch im
Wefentlichen eine erweiterte Chronik, zu einer umfaffen-
den Fakultätsgefchichte reichte die literarifcheMuße nicht,
Kirn fußt im wefentlichen auf den Fakultätsakten, ohne
das Material des kgl. Hauptftaatsarchivs Dresden und der
dortigen Bibliothek oder die Akten des Kultusminifteriums
heranziehen zu können. Gerade dadurch aber ift manche
Lücke geblieben, es reiht fich zu viel äußerlich aneinander
; über die literarifche Tätigkeit z. B. der Dozenten,
den wiffenfehaftlichen Betrieb in den einzelnen Disziplinen

erfahren wir nur wenig; mir fcheint, Weniger wäre hier
Mehr gewefen, d. h. eine allfeitige umfaffende Bearbeitung
einzelner Abfchnitte und das Übrige in Chronikform, wie
das f. Z. Gießen ausgeführt hat. Ob dann nicht vielleicht
auch die Periodifierung fich verfchoben hätte? Ich habe
den Eindruck — mehr kann ich nicht fagen — als wenn
Abfchnitt 4—6 nicht glücklich eingeteilt wäre.

Doch es wäre undankbar, künftige Aufgaben ein-
feitig gegenüber dem Geleifteten zu betonen. Feft-
fchriften zu fchreiben, fo tagte ich eingangs, ift undankbar
, es ift Kirn für das Geleiftete aufrichtig zu
danken. Der Leipziger Fakultät aber für das neue
saeculum ein vivat, crescal, floreat!

Zürich. Walther Köhler.

Cauderlier, Em., l'Eglise Infaillible devant la Science et
l'Histoire. (Bibliotheque de Critique religieuse.) Paris,
E. Nourry 1910. (83 p.) 8° fr. 1.25

Diefe, dem Andenken Ferrers gewidmete Schrift
bildet das 39. Heft der in dem rührigen und opferwilligen
Verlag E. Nourrys erfcheinenden Bibliotheque
de critique religieuse. Im 1. Kapitel (3—43) fchildert
der Verf. den durch die Jahrhunderte fich hindurchziehenden
Konflikt zwifchen den Dogmen und der Wiffen-

! fchaft, der in der römifchen Kirche fich zu einem unver-

1 föhnlichen Kampfe geftaltet hat: ,die Kirchen, die fich
in den Bahnen der Reformation bewegen, find für die
Zufuhr der Wiffenfchaften empfänglicher und geben allmählich
das Unhaltbare der alten israelitifchen Legenden

| preis. Indem fie diefes tun, bleiben fie in Fühlung mit
dem Geilte der Gegenwart und find imftande, die reli-
giöfen Bedürfnifie derfelben noch zu befriedigen; ift
fich doch jede Religion fchuidig, eine Synthefe herzu-
ftellen zwifchen den Idealen und den wiffenfehaftlichen
Gedanken der Gefellfchaftsgruppe, an welche fie fich
anbequemt' (7—8). In rafchen Zügen, in frifcher lebendiger
Sprache entwirft C. die Gefchichte der Siege der
Aftronomie, Geologie, Anthropologie, fowie der aus den
Infchriften eruierten Gefchichte über das nach verzweifeltem
Widerftand feiner Ohnmacht überführte katholifche
Dogma. — ,Die Taktik der römifchen Kirche und ihrer
Verteidiger' erfährt in einem zweiten Kapitel (45—73) eine
eingehende lehrreicheBeleuchtung. An derHand gelchickt

! gewählter urkundlicher Belege weift der Verf. nach, daß
das Verfahren der Kirche, gegenüber der unermüdlichen
Arbeit der Wiffenfchaft, keineswegs ein einheitliches war
und ift. Bis zu den päpftlichen Erklärungen der letzten
Jahre war eine gewiffe Freiheit noch möglich; den individuellen
Beftrebungen und Meinungen der Theologen

I blieb ein nicht zu enger Spielraum offen, in welchem
felbftändige Bewegungen nicht unterfagt waren. Die
jüngften Kundgebungen, die unerbittliche Verurteilung

[ des Amerikanismus und des Modernismus, haben die
Kluft zwifchen der römifchen Kirche und dem modernen
Geifte zu einer unüberbrückbaren gemacht. — Das dem
,Ausgang des Kampfes' gewidmete Schlußkapitel (75—83)
vertritt den Satz, daß der Fortfehritt der Wiffenfchaften
nicht den Tod der Religionen bedeutet. Keine Wiffenfchaft
kann uns nötigen, den auf feine wahre Natur und
Eigenart zurückgeführten Glauben preiszugeben; denn
diefer gehört in eine Sphäre, an welche keine Wiffenfchaft
heranreicht. La foi en un ideal de perfection 1110-
rale survivant a la depaite des anciens dogmes, on verra
se renover dans les eaux pures de la doctrine du Christ les
religions issues du christianisme, en abandonnantpeu a peu
les croyances qui sont inconipatibles avec la mentalite des
temps nouveaux (83). So endet das temperamentvolle
intereffante Büchlein. Daß dasfelbe in feiner Begeifterung
für die Wiffenfchaft, deren Schranken ihm übrigens wohl
bewußt find (76 u. fg.), den im Katholizismus lebendigen

| religiöfen Mächten kein genügendes Verftändnis ent-