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Ausgabe:

1910 Nr. 16

Spalte:

497-500

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kirn, Otto

Titel/Untertitel:

Die Leipziger theologische Fakultät in fünf Jahrhunderten. 1409-1909 1910

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 16.

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ift auf dem von ihm behandelten Gebiete eben nicht zu
erzielen. Es ift ja fchon nicht einmal leicht, überhaupt
nur die einfchlägigen Schriften felbft feftzuftellen und
aus der maffenhaften Literatur herauszufinden. In diefer
Hinficht hat fich mir bisher noch immer J. G. Walchs
Bibliothcca theologica selecta (4 Bände 1757—1765)» die
der Verf. aber nicht benutzt zu haben fcheint, als der
bette Führer durch die ältere protettantifche Literatur
bewährt. Im ganzen ift es alfo doch nur ein nicht allzu
fchwer anzufchlagender Mangel, daß der Verf. vieles
nicht gefunden und gefehen hat, was auch hätte herangezogen
werden können oder follen. Es bleibt daneben
doch noch genug und übergenug, wodurch er unfere
Kenntniffe fehr erheblich bereichert hat. Infofern verweile
ich befonders auf das, was in Kap. I über Joh.
Scheffler (AugelusSilefius) mitgeteilt ift, ferner auf Kap. 2,
worin eine Gefchichte des Begriffs .Köhlerglaube' gegeben
wird, fchließlich auf die Auszüge aus den mir bisher
unbekannten Schriften von Dominis (S. 95) Balth. Meisner
(S. 99), J. H. Hermann (S. 184), Henoch Zobel J. A.
Scherzer, S. 200), A. Gleich (S. 252) u. a.

Endlich kann ich die Gelegenheit nicht vorübergehen

Die zweite Periode ift die unter Herzog Georg 1500 bis
1539. Trotz großen Eifers des Landesfürften ift das Bild
ein recht trübes, Leipzig wird unmodern dank feines
krampfhaft feilgehaltenen Katholizismus gegenüber der
Reformation, die in Wittenberg eine gefährliche Konkurrentin
wurde, in der theologifchen Fakultät wirft
fich der als Luthergegner bekannte Hieronymus Dungersheim
von Ochfenfart geradezu als Tyrann auf, der
alte Herr hat zeitweilig allein die Fakultät repräfentiert.
Ariftoteles und Thomas v. Aquino find die geiftigen
Autoritäten, der Humanismus fand weniger am Herzog
als an. der Fakultät Widerfpruch. Es ift wohl ein wenig
boshaft, wenn ein Mediziner erklärte, in Leipzig habe
damals ein Theologe in 24 Jahren 8 Kapitel des Jeremia
ausgelegt, und wer Jefaja zu Ende hören wolle, müffe
Methufalems Jahre erlangen!, aber die Einrichtung der
fogen. lectiones circulares (S. 33) erklärt den Spott. (Zu den
Konflikten mit dem Luthertum an derTJniverfität wäre noch
zu vergleichen E. Kroker: Beiträge zur Gefchichte der Stadt
Leipzig im Reformationszeitalter 1908.) Die dritte, von
der Einführung der Reformation bis zum Ende der krypto-
calviniftifchen Wirren 1539—1592 reichende Periode fetzt

laffen, an die bei dem Verf. wiederholt vorkommende ! ein mit der Regeneration der Univerfität unter Herzog

Schreibweife Agrikola und Okkam eine allgemeine Be- Moritz, der vor allem durch Säkularifierung die nötigen

merkung zu knüpfen, die ich den Herrn Fachgenoffen J Mittel zum Unterhalt der Univerfität fchufi Unter den

überhaupt zu erwägen geben möchte. Die Eigennamen Dozenten diefer Periode find bekannt Cafpar Borner,

wenigftens find doch auch durch die neue offizielle deutfche Alexander Alefius, Joachim Camerarius (diefer in der

Orthographie nicht dem Zwange, jedes c durch ein k philofophifchen Fakultät), es herrfcht wefentlich Me-

oder z zu erfetzen, unterworfen worden. Und doch findet lanchthonifcher Geift, 1543 wurden neue Statuten ge-

man feit einigen Jahren in nicht wenigen gerade auch geben. Um die Einführung der Konkordienformel in

wiffenfchaftlichen Werken diefes durch nichts zu recht- j Sachfen machte fich namentlich Nikolaus Seinecker

fertigende Übergreifen der neuen orthographifchen Sitte ' verdient, der fich in befonderer Erklärung von dem

auf die Schreibung der lateiuifchen oder latinifierten 1 Vorwurf reinigen mußte, als fei er an den Mängeln der

Eigennamen. Aber fo wie man den franzöfifchen Philo- j lateinifchen Ausgabe des Konkordienbuches von 1580

fophen Comte nach immer mit einem C und den Eng- fchuld. 1580 gab Kurfürft Auguft eine neue Ordnung

länder Herbert Spencer noch immer nicht mit einem
z fchreibt, follte man auch bei der herkömmlichen Schreibweife
Occam, Roscellin, Agricola, Calvin ufw. bleiben und
bei derKorrektur der eignen Druckbogen etwas Acht darauf
geben, daß folche entftellende Druck- oder Sprachfehler
nicht unberichtigt bleiben.

Bonn. O. Ritfchl.

Kirn, Geh. Kirchenr. Prof. D. Otto, Die Leipziger theo-
logilche Fakultät in fünf Jahrhunderten 1409. 1909. (Feft-
fchrift zur Feier des 500jährigen Beftehens der Univerfität
Leipzig, herausgegeben von Rektor und Senat
. 1. Band.) Leipzig, S. Hirzel 1909. (VII, 232 S.)
gr. 40 M. 7.50

Es ift ein löblicher Brauch bei den großen Uni-
verfitätsjubiläen, fei es eine Gefamtgefchichte der Hoch-
fchule, fei es die Gefchichte der einzelnen Fakultäten
in hTftfchriften erfcheinen zu laffen. Zum 500jährigen
Jubiläum der Leipziger Hochfchule hat Otto Kirn die
Gefchichte feiner Fakultät gefchrieben, gewiß ein Opfer,
denn folche Arbeiten find undankbar, weil mit dem
Fefte fehr leicht auch die Feftfchriften vergehen, wenigftens
in der großen Menge, aber ein Opfer, für das die
Wiffenfchaft danken muß!

Kirn gliedert fein Objekt in heben Abfchnitte. Er
handelt zunächft von den .Anfängen' 1409—1500. In
diefer Periode ift noch alles im Fluß, das Verhältnis
zur Nation ift wichtiger als das zur Fakultät, und die
Grenzen zwifchen theologifcher und philofophifcher Fakultät
find fließend, die Univerfität als Ganzes trägt aus-
gefprochen kirchlichen Charakter. Die höchfte Infkrip-
tionsziffer wird in den Jahren 1499—1509 mit 852 erzielt.
Unter den Dozenten ragen heraus Nikolaus Weigel,
Konrad Wimpina, unter den von der Fakultät behandelten
Problemen das über das Verhältnis von Papft und
Konzil fowie über das Wunderblut von Wilsnack. —

für beide Univerfitäten, Leipzig und Wittenberg. Der
vierte Abfchnitt charakterifiert fich als Kampf gegen
Synkretismus und Pietismus (1592—1699), er ift von
Kirn mit befonderer Ausführlichkeit und fichtlicher
Liebe behandelt. Polycarp Leyfer, Rechenberg, Hülfemann
, die beiden Carpzov, Scherzer, der es fertig brachte
die ganze Dogmatik in einen feitenlangen Satz zu preffen'
ragen unter den Dozenten hervor, unangenehm macht
fich der Einfluß des Oberhofpredigers Hoc von Hoene«<r
bemerkbar. Dem Pietismus gegenüber zeigte fich als
entfchloffener Gegner nur Carpzov, als einziger wirklicher
Freund nur Olearius, die Fakultät als folche ftellte
fich in einem (mitgeteilten) Gutachten auf den Standpunkt
des Kompromiffes, den Carpzov freilich mit nicht immer
lauteren Machenfchaften zu durchkreuzen fuchte. Sehr
gerecht ift Kirns Gefamturteil (S. 109 f.) über die Stellung
der Orthodoxie gegenüber dem Pietismus, ich freue mich
der Ubereinftimmung mit ihm (vgl. mein Buch: die Anfänge
des Pietismus in Gießen 1907). An die Schwelle
der Aufklärung fuhrt die Wirkfamkeit von I homafius.
Eingehend befpricht Kirn die zahlreichen Gutachten in
kirchlichen und ethifchen Angelegenheiten; wunderliche
Äußerungen werden mitgeteilt, fo wenn der pastor Primarius
in Lauban Joh. Mufcovius eifert gegen die Inltru-
mentalmufik in der Kirche: da könne man auch ein paar
Feldftücke und Raketen in der Kirche loslaffen! oder der-
felbe Pfarrer den Namen Minervium für eine Schule als
.abgöttifch' brandmarkt. Ungeheuerlich geradezu muten
die Koften der theologifchen Doktorpromotionen an
(S. 128 ff.), die werten Herren müffen Leckermäuler ge-
wefen fein, wenn nur für kandierte Mandeltorten 75 Thaler
18 Grofchen aufgewendet wurden! Die Gefamtrechnuno-
für einen Doktorfchmaus betrug 633 Taler 5 Pfennig'1
Der fünfte Abfchnitt (1699—1751) zeigt ,das Eindringen
des neuen Geiftes in die Fakultät'. Rechenberg Itticr
Börner, Hebenftreit u. a. treten heraus, ausgefprochen
pietiftifch ift die Fakultät nie geworden. 1714 wurde
eine befondere professio antiquilatum ecclesiasticarum —