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Ausgabe:

1910 Nr. 16

Spalte:

483-486

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Montefiore, Claude G.

Titel/Untertitel:

The synoptic Gospels. Vol. I u. II 1910

Rezensent:

Bauer, Walter

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483 Theologifche Literaturzeitung 1910 Nr. 16. 484

wahre Idee des ,Erlöfermotivs', das antikorientalifche
,eschatologifche Schema' u. dgl. Vorficht und Gründlichkeit
id in folchen Dingen auch für den Theologen und
den Religionshiftoriker dringend notwendig, damit fie fich
nicht immer wieder von den Philologen auf ihre Quellen
befragen laffen müffen. In feinem Beftreben, nur Be-
wiefenes aufzunehmen, befchneidet K. freilich die Schwingen
des forfchenden Geifles allzu flark, aber mit Recht
kann er z. B. darauf aufmerkfam machen, daß in Greß-
manns Sammlung der altorientalifchen Texte fich kein
Abfchnitt über ,babylonifch-affyrifche Prophetentexte'
findet. Manche berechtigte Aufhellung der heutigen
Forfchung dagegen wird von K. nicht genügend anerkannt
; fo ift der Zufammenhang der großen Prophetie
mit den ekftatifchen, gemeinfam orientalifchen Erfchei-
nungen zu rafch erledigt und der Schnitt zwifchen echt-
religiöfem und gemeinmenfchlichem Prophetentum zu
fcharf gezogen; weiter muß das Bedürfnis und das Recht
der pfychologifchen Erforfchung der Propheten lebhafter
betont werden; endlich kann man der Profangefchichte
keinen Vorwurf daraus machen, wenn fie die Propheten
des kleinen Israel-Juda wenig oder nur infofern berück-
fichtigt, als fie indirekt durch ihren geiftigen Einfluß das
Volksleben beftimmten. Um fo mehr hat K. darin recht,
daß er die Propheten in voller Klarheit als Zeugen Gottes
befchreibt, und es kann kein Wort zu viel fein, das für
die religiöfe Größe und für die religiöfe Konzentration
der israelitifchen Propheten gefagt wird.

Tübingen. Volz.

Boatti, Sac. Abele, Lo stato presente della Critica testuale
del Nuovo Testamento. Estratto dalla Rivista Storico-
critica delle Scienze teologiche, Fase. III (anno VI).
Roma, Libreria Editrice F. Ferrari 1910. (15 S.) gr. 8°
Der Verfaffer ift gut unterrichtet und gibt in einer
fehr gefälligen Darftellung eine flüchtige Überficht über
die Gefchichte des gedruckten Texts des Neuen Tefla-
ments. Nur wenige, den Arbeiten von Soden's undNeftle's
gewidmete, Sätze beleuchten die letzten Jahre. Schließlich
fordert der Verfaffer eine neue Ausgabe, die nach philo-
logifcher Art eine einzelne Handlchrift mit den notwendigen
Änderungen abdruckt. Äußerft fympathifch
wie diefe wenigen Seiten anmuten, fo ift doch die vorge-
fchlagene Art, eine Ausgabe zu geflalten, kaum praktifch
für einen Text mit einem fo enormen kritifchen Apparat,
wie das griechifche Neue Teftament ihn aufweift.

Leipzig. Cafpar Rene Gregory.

Montefiore, C. G., The synoptic Gospels. Edited with
an introduetion and a commentary. Together with
a series of additional notes by J. Abrahams. In three
volumes. Vol. I and II. London, Macmillan and
Co. 1909. (CVIII, 391 p., and XII and p. 392 to
1118.) gr. 8° s. 18 —

Montefiore befchenkt uns mit einem umfangreichen
Werk über die Synoptiker, das vor allem um feines
Verfaffers willen unfer warmes Intereffe verdient. M.
ift moderner Jude. Mit den Augen eines folchen hat
er die Evangelien gelefen und teilt uns nun mit, was
ihm dabei aufgefallen ift. Bevor er fich der Einzelerklärung
zuwendet, gibt er einleitend im Zufammenhang
Rechenfchaft über die Entftehungsverhältniffe der Evangelien
, über die innere und äußere Lage der Juden zur
Zeit Jefu fowie über Hauptprobleme des Lebens Jefu.
Dann nimmt er die Synoptiker in der Reihenfolge: Markus
, Matthäus, Lukas vor, indem er jedesmal zunächft
das ganze Evangelium überfetzt, fodann die einzelnen
Perikopen nochmals überträgt und mit feinen Erläuterungen
verlieht. Bemerkenswert ift dabei, daß er die

Erzählung von der Ehebrecherin im Markusevangelium
zwifchen 12,17 und 18 einreiht (S. 282—284). Ver-
fländigerweife erfpart er bei der Behandlung der parallelen
Stücke dem Lefer unnötige Wiederholungen.

Fragen wir nach dem Ertrag des Buches, fo ift zu
beachten, daß man ihm nicht gerecht werden kann,
ohne fich zu vergegenwärtigen, was der Verf. mit feiner
Arbeit hat leiden wollen. Wer eine vom Standpunkt
des Gefchichtsfchreibers aus durchgeführte, allfeitige
und felbdändige Behandlung der in den fynoptifchen
Evangelien enthaltenen Probleme zu finden erwartet,
wird fich getäufcht fehen und über Lücken klagen.
Aber er hat dazu kein Recht. Denn, was er verlangt
hat M. gar nicht zu geben beabfichtigt. Unfer Verf. id
in erder Linie nicht hidorifch intereffiert. Wohl bemüht
er fich um gefchichtliche Fragen. Aber das id ihm nur
Mittel zum Zweck, zu dem Zweck nämlich, ein Bild
Jefu — dem der Gefchichte und dem der Synoptiker —
zu erhalten, das er dann religiös beurteilen kann. Vieles,
was ihm von feinem Standpunkt aus religiös und fitt-
lich wertlos vorkommt, übergeht er einfach oder tut es
mit kurzen Worten ab.

Bei diefer Tendenz und Anlage des Buches ergibt
es fich von felbd, daß auch für die Teilnahme des Lefers
die exegetifchen und hidorifchen Ausführungen zurücktreten
. Wohl id man gefpannt, zu erfahren, wie fich der
Verfaffer zu diefem oder jenem Problem äußern werde;
und die Fälle, in denen ich ihm zudimmen kann, überwiegen
gewiß die, an denen ich von ihm abweichen muß.
Aber M. id fich felbd bewußt, daß das Neue, was er
bringt, feine religiöfen und fittlichen Urteile find. Als
Hidoriker befindet und weiß er fich in weitgehender
I Abhängigkeit von anderen Forfchern. Mit befonderem
Danke nennt er die Namen Loify, Wellhaufen, H. J.
Holtzmann, J. Weiß. Nicht, als ob er ihnen mit Kopf
und Kragen verfchrieben wäre. Er id fo felbdändig,
daß er fich fogar der Autorität des ,größten der lebenden
Theologen' zu entziehen vermag (S. 615 f.). Und
oftmals lehnt er die Entfcheidungen der von ihm reichlich
— zu reichlich — zitierten Forfcher ab. Jedoch
befchränkt er fich dann meidens darauf, Zweifel zu
äußern, feinen Unglauben zu bekennen, auf gelegentliche
Undimmigkeiten den Finger zu legen, ohne daß
er die Debatte weiter oder gar zu einem Ende führte.
Die Frage nach den Quellen der Synoptiker behandelt
er eigentlich immer nur referierend, und die Textkritik
hat er abfichtlich im wefentlichen von der Behandlung
ausgefchloffen (VIII). Nimmt man hinzu, daß feine Literaturkenntnis
—■ er verhehlt fich das felber keineswegs,
wie er überhaupt in höchd befcheidenen Wendungen von
feiner Leidung redet — nur eine befchränkte id, fo muß
man fich gedehen, daß für die Förderung unferes Ver-
dändniffes der drei erden Evangelien als hidorifcher Urkunden
hier nicht übermäßig viel abfallen wird.

Um fo begieriger find wir, z(J erfahren, was ein
moderner Jude über den fynoptifchen Jefus denkt. Als
Lefer feines .populären' Buches wünfeht fich M. vor
allem feine Glaubensgenoffen. Den Juden möchte er
die ihnen dringend nötige Kenntnis vom Leben und der
Lehre Jefu verfchaffen. Er findet ihre Unwiffenheit in
diefer Beziehung nicht nur tadelnswert, fondern direkt
fchädlich und verkündet der jüdifchen Religion, fie würde
zu völliger Bedeutungslofigkeit verurteilt bleiben, falls fie
fich mit den Evangelien nicht ins Einvernehmen zu fetzen
lernte (S. 906). M. fleht nicht an, zu erklären, daß die
Welt Jefus (und auch dem Apodel Paulus) Ungeheueres
fchuldet (592). Er kann fich nicht denken, daß einmal die
Zeit kommen follte, da man Jefus nicht mehr als Stern
erder Größe am Geideshimmel werten würde (594); vielmehr
lieht er den Augenblick herannahen, da auch die
Juden die Reihe der Propheten datt mit Maleachi mit
Jefus befchließen werden (1098).

Das find flarke Ausdrücke einer warmen Sympathie